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Ming Di: Vier Gedichte

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© Ming Di

 
 


Ming Di
Vier Gedichte


Aus dem Chinesischen von
Rupprecht Mayer


(Stand 24.4.2015)



 
 

Das Sternbild Wasserkrug (1)


Wenn Krähen auffliegen, befällt mich Trauer
ich hoffte sie nähmen
die Düsternis fort
doch nun umkreist mich ihr riesiger Schatten
gleich einem Schwarm neuer Krähen

Ich sehe mich selbst
als schwebenden Krug
zwischen Himmel und Erde
wie Wasser anbrandender Wind
trägt in sich der Krähen
schwarzen Geruch
ein Wort wirkt wie ein Schalter

der mich an Ort und Stelle
vakuumverpackt
wenn du mich findest nach Jahren
dann bin ich immer noch durchsichtig
bewahre die Leere im Raum, doch die Zeit entlässt
aus dem Mund des Kruges
fromme weiße Lügen


 
 
 

(---)



 
 

Das ist Vergänglichkeit, sagte Konfuzius, als er am Flusse stand.


Der Kahn


ist ein Blatt, gefallen im Herbst
ist ein Schuh, den ein Außerirdischer trug
ist der Mond

ist die Linie zwischen Himmel und Meer
           wo Vögel rasten
ist eine Schwalbe
ist ein übers Wasser wandelnder Stern

ist der verlorene Flügel eines Regenbogens
der das andere Ufer nicht erreichte
ist das Lesezeichen, das mich trennt
           von meinem anderen Ich

ist das aus dem Boot gefallene Schwert
dessen Position die Sonne
mit einer Kerbe im Holz markierte
in der Nacht, siebentausend Meilen entfernt

ist die im Bach vor meinem Haus
am frühen Morgen
vorbeischwimmende Bananenschale


 
 
 

(---)



 
 

Die Katze
(oder: Kathi und die Katzenkappe)



Kathi ging heute so scheint es
mit falscher Kappe aus der Tür

Kathi wünscht sich eine Katze als Kameradin
doch ich kann Kathi kaum ernähren
und schon gar keine Katze
so malte sich Kathi eine Ersatz-
Katze an ihre kahle Wand
die heute morgen laut miaute
als Kathi sich die Mieze
aufsetzte die sie für eine Mütze hielt
worauf Kathi glatt über die Treppe purzelte
und die Katze wieder miaute
und ich panikte und Kathi draußen suchte
worauf die Katze drinnen sagte
die Mieze draußen sei eine verkappte Mütze
und ich verflixt! nach drinnen rannte um mir Kathi zu schnappen
und nur eine Katze fand an der Wand mit Kathis Kappe
und rief
Kathi wo bist du

Solche Albträume plagen mich oft
ich habe Angst
als Katze aufzuwachen
ohne Namen, ohne Sprache
ich lasse dann die Blicke schweifen
nach einer anderen Katze
doch die andere Katze ist immer nur mein anderes Ich
das zu meinem Kummer
ständig spurlos verschwindet
Tag für Tag muss ich mich selber finden
angle wie eine durchgedrehte Katze
in selbstgespannten Netzen
nach illusionsgefüllten Mützen
oder besser
ich spiele Maus und Katz

 
 
 

(---)



 
 

Mein Stammbaum


Es war einmal ein Wald,
mein Stammbaum mittendrin.
Zehn Sonnen brannten
jede Nacht über den Wipfeln.
Großmama konnte nicht schlafen,
jede Nacht nach zwölf
gebar sie ein Kind,
bis sie das letzte Blatt
an sie verfüttert hatte,

zu Großpapas Ärger.
Er hob einen Ast auf, vertrieb die Sonnen,
neun auf einen Streich,
nur eine einzige hing noch am Himmel,
die uns täglich Märchen erzählte,
es war einmal ein Märchen.
Immer bei Einbruch der Nacht,
verbarg sich die Sonne in einem alten Baumstumpf,
morgens kam sie herausgekrochen,
um Blicke zu werfen
auf meine jugendliche Großmama,

eine Tochter des Gebirges Shennongjia.
Wie ein Berg lag sie da,
voll pulsierender Lebenskraft.
So viele Kinder hatte sie gehabt,
die Sonne kam nicht von ihr los,
konnte ihre heißen Blicke
nicht mehr von ihr wenden.
Großpapa raste und wollte

die letzte Sonne töten, da traf ihn wie ein Blitz
aus Versehen der Schlag,
er entschlief, und der Himmel riss auf.
Zehntausend Jahre regnete es
bei uns zuhause wie aus Kübeln,
alle Kinder gingen unter
und wurden Wasserhyazinthen. Schließlich erhob

sich Großmama, erhob und erhob sich, wurde so groß
dass der Duft aus allen ihren Poren
die Löcher im Himmel verstopfte.
Das Hochwasser verließ uns, es herrschte Ruhe,
die Sonne ging wieder auf und beschien
mit ihrem gelblichen Glanz
Großmutter Tag für Tag,
fünftausend Jahre lang.

Tag für Tag langweilte Großmama sich
und knetete Menschen aus Lehm und Split,
viele viele Menschen
mit der Haut der Sonne, den Augen der Nacht,
acht mal acht ist vierundsechzig, eine Handvoll,
mit vollen Händen verstreute sie sie,
mehret euch Tag und Nacht,
und einer davon war mein Vater.

Ein Mischling des Tang-Reiches und ein Chaot,
der trank und sang von phantasierten Monden und Maiden,
gramvoll beklagte er Stürme voll Sand und Staub,
es war einmal ein Baum namens Li Bai.
Der dachte, wenn über ihm kein Mond stand,

so angestrengt an ihn, dass er aufging.
Es war einmal ein Baum namens Du Fu, der sich
einen Fluss malte, wenn gerade keiner zur Hand war.
Durch die Ebene floss der Huanghe, und der Yangtse
strömte quer über den Himmel. Die Flüsse der alten Zeit,

ob oben oder unten, rannen, wie er sie dirigierte.
Allesamt nach Osten, ins östliche Meer,
selbst Wind und Schilf
neigten sich in ein und dieselbe Richtung
was ihn so langweilte,
dass er nach Hause ging und sich der Landwirtschaft widmete.
Himmel und Erde zerschnitt er in Rechtecke,
um Reis und Weizen anzubauen.

Eines Abends kam meine Mutter über die Terrassenfelder
vom Mond heruntergeklettert,
ganz Jasmin, und den Glanz des Sternbilds der Weberin verströmend.
Mein Vater ging ihr schüchtern entgegen,
wusste nicht, unter welchem Namen er ihr gegenübertreten sollte.
So zögerte er. Mutter kam weiter herabgestiegen,

in der Schleppe ihres Kleides
den Glanz von hundert Jahren Einsamkeit.
Sie streckte ihre Hand aus und berührte meinen Vater,
den ich noch nie gesehen hatte.
Ein Stupser meiner Mutter
hat ihn zu Stein gemacht, nun war er unvergänglich.
Es war einmal ein Stein,

die Menschen dort paarten sich nach Gutdünken,
es brauchte nur eine Berührung, ein Sich-Ansehen,
einen Blick, ein Blinzeln, etwas Sehkraft, eine Berührung
und schon gab es neues Leben und Tod und Liebe und
Trennung auf Leben und Tod.
Diese Frau im Mond, sie hat mich geboren,
wie man eine Margerite

anknipst. Ich riss die Augen auf und sah,
wie sie in ihrem eigenen Licht nach oben entschwebte,
zurück in ihren kalten Himmel, eine Pipa
mit gerissenen Saiten in den Armen.
Pipa, das ist mein Name. Ein Licht
aus zweierlei Quellen, die sich gegenseitig
blankreiben und zupfen,

die nie Verantwortung übernehnen,
nie Ruhe geben. Ich kam dann in ein neues Land,
überall riesige Steine und Stelen und steinerne Statuen, ein ganzes Frühjahr
herrschte der Odem des Todes. Ich schaute nach oben
und sah sogleich meine Mutter.

Tief hängt im April der Himmel, da hörte ich sie atmen,
der Klang ihres Instruments
fiel auf die Berghänge, die Berghänge eines fremden Landes.
Wenn ich „Sonne“ schrieb, dann ging die Sonne auf,
schrieb ich „Mond“, dann verschwand der Mond nicht mehr.

Meine Orakelknochen-Schriftzeichen, meine Piktogramme
sind Steine, die bei Berührung zu Blüten werden.
In dieser Jahreszeit stirbt der Tod nicht wieder.
In den Blüten aller Bäume öffnen sich Augen, sie sehen
meine Ahnen inmitten der Margeriten.
Die Farbe meiner Haut
macht sie unsterblich.

 
 
 

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Ming Di (Mindy Zhang)

ist eine chinesische Dichterin, Übersetzerin und Herausgeberin. In Wuhan, Zentralchina, geboren, emigrierte sie früh in die USA, studierte in Boston und zog dann nach Kalifornien. Ihre Arbeiten verknüpfen chinesische mit westlicher Mythologie und dekonstruieren chinesische Schriftzeichen zu bildhaften Eindrücken. Sie verbringt ihre Zeit zwischen Peking und Los Angeles, etliche ihrer Texte und Sammlungen chinesischer Literatur sind auf Englisch erschienen.


Die vier o.a. Gedichte gehören zu einer Anthologie chinesischer Gedichte, herausgegeben von Lea Schneider, die für 2016 im Verlagshaus Berlin geplant ist.

 
 
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