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Mikael Vogel: Drei Gedichte über ausgestorbene Vögel (und eine Laus) auf Neuseeland

Montags=Text












Foto: Sandra Fischer

Mikael Vogel

Drei Gedichte über ausgestorbene Vögel
(und eine Laus) auf Neuseeland



An den Moa
 
Hattest längst keine
Flügel mehr.. das Leben auf den Inseln Neuseelands
So friedvoll dass du sie einfach nicht mehr brauchtest. Dann kamen
Die ersten Menschen. Den Kopf aus dreieinhalb Metern Höhe ihnen neugierig ent-
Gegenneigend, 270 Kilo zutraulicher Schmaus – von dem sie meist
Nur die Oberschenkel aßen, den Rest ihren Hunden gaben. Fertigge-
Backene Keulen, in niemals geöffneten Öfen gefunden, Knochen zehntausender Moa
In Massengräbern von hunderttausenden Quadratmetern, alle Moa-Arten
In weniger als 100 Jahren vertilgt. Deine Viereinhalb-Kilo-Eier
Hattest du nie zu verstecken brauchen, hauch-
Dünne Schalen, die fragilsten aller Vogeleier
 
 
 
Der Haastadler
 
Tigerkrallen, aus
Hohen Baumverstecken herabschmetternde
Drei Meter Breite um sich schlagender Flügelgewalt, fast zu schmal
Für ihren Raketeneinschlag, fast zu kampfstrotzend um noch fliegen zu können
Zwanzigmal schwererer Beute Beine, Nacken, Schädel zerschmetternd
Tagelang den Kadaver konsumierend..
Allergrößter Adler, einziges Raubtier Neuseelands bis
Homo sapiens den Moa-Fleischmarkt am Boden zusammenbrechen ließ.
1350 verschwunden, in Legenden der Māori lebte er als
Monstervögel Te Pouakai, Te Hokioi Menschen ergreifend, verschlingend weiter
Mit Moafedern geschmückte Umhänge vielleicht nicht die beste Idee
Die Legenden überliefern seinen Ruf als hokioi-hokioi
Nie Eier, Küken ge-
Funden worden. In South Canterbury als Felsmalerei der frühsten Besiedlung
Wird er nur bei Tau oder Nebel, nur auf feuchtgewordenem Felsen
Für die Dauer von Feuchtigkeit
Wieder sichtbar



An Rallicola extinctus
 
Plötzlich saßt du in der
Patsche, Parasit auf erledigtem Tier.. zarthändige Laus
Durch Treue zu deinem Wirt dem Untergang geweiht. Der Huia
War dein Zuhause, in seinem schwerfälligen Flug die Weite Neuseelands –
Seine prachtvoll in einem weißen Band endenden schwarzen Schwanzfedern
Waren den Māori Aufrüstung für
Schlachten, Kriegsauszeichnungen, tiefempfundene Ehrengaben
Freundschaftsbeweise, Respektbezeugungen
Luxus, harte
Zahlungsmittel für Nephrit-Jade, Bowenit
Ausdruck von Trauer in Begräbniszeremonien, Zierde für die Köpfe der Toten.
Dann kamen Europäer, wild auf
Seinen ausgestopften Körper für Sammlungen, Museen, den
Bei beiden Geschlechtern einer Art am unterschiedlichsten geformten Schnabel
Für Broschen:
Der männliche drängend, stämmig, fast gerade
Der weibliche delikat zum langen anmutsvollen Bogen geformt
Mit diesen jagten die Paare in Ergänzung: der Kavalier hämmernd, Borken öffnend
Seine Dame Larven, Käfer darunter hervorziehend.
Als 1901 dem Prinzen von Wales und späteren König George V.
Bei einem Empfang von einer Māori eine Huiafeder ins Hutband gesteckt wurde
Lösten die Photographien in London
Einen Huiafederrausch aus.
Welch ein Glück: Jeder Huia besaß davon gleich
Zwölf


Die Gedichte sind Anfang 2018 erschienen in
Mikael Vogel: Dodos auf der Flucht. Requiem für ein verlorenes Bestiarium. Berlin (Verlagshaus Berlin) 2018. 252 Seiten. 15,90 Euro.
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