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Michael Köhlmeier: Ein Vorbild für Tiere

Rezensionen



Timo Brandt

Zoo, Museum, Wildbahn, Konvention – wo findet das menschliche Leben statt?



„Nahe am Auge tröstet alles,
Und wenn einer nichts zu tun hat,
Biedern sich ihm die Symbole, Metaphern und Allegorien an.“


Das Gedicht ist ein weites Feld und jede Dichterin, jeder Dichter mag darunter etwas anderes verstehen, kann unterschiedliche Stufen der Aneignung und des Ausdrucks dem Titel der Lyrik verleihen. Die Ausprägung in den Texten von Michael Köhlmeier würde ich aber dennoch als eine besondere bezeichnen. Hier herrscht so etwas wie eine produktive, unkomplizierte Anarchie. Fast als würde er das Gedichteschreiben parodieren, reiht sich in seinen Texten Zeile an Zeile, oft ohne sinnstiftende Überleitung, und nennt in einem großen Zwischendurch-Akt seine Dinge beim Namen, formuliert unabhängig voneinander stehende Thesen und Ideen, würfelt Figuren und Entitäten durcheinander. Und doch gelingt es ihm, den Lesenden glauben zu machen, dass keine große Beliebigkeit am Werk ist, sondern eine umfassende Suggestion. Auch weil es meist noch einen dünnen roten Faden gibt, eine Richtung, in welche die Häufung bestimmter Anklänge im Gedicht ausschlägt.


„Das alte Wasser steht im Feld.
Wenn ich nicht spreche, wer spricht dann?“


Insgesamt wirken die Texte in dieser ihrer Natürlichkeit ungeheuer befreit. Sie neigen nicht zu irgendwelchen Form-spielen, tun sich aber in verschiedensten Formen um. Ihr Reiz liegt in der unvorbereiteten Position, die man selbst in ihrer Disposition einnimmt: Wo ist da Platz für einen Leser? Wohin kann man sich wenden? Aber auch die Gedichte selbst wirken manchmal unvorbereitet, linkisch, überrascht wie überraschend. So bahnen sich Leser und Text gleichermaßen eine Eindrucks-schneise – aufeinander zu, voneinander weg, nebeneinander, ineinander, das kommt auf das Gedicht an.


„Und lass dir nichts einreden: Du wirst deinen Tod als Mörder sehen.“


Diese Versuche, ein Gedicht zu schreiben, ohne genaue Ausrichtung, ohne übergreifende Logik, erschaffen mit der Zeit einen Raum, in dem Unzusammenhängendes als literarische Ausdrucksform salonfähig wird, und der Lesende kann sich den einzelnen Gedichten wie Versuchsanordnungen nähern – die auf Experimente hinauslaufen, bei denen er keine Ahnung hat, was sie beweisen oder zeigen sollen. Aber es gibt Reaktionen, Endprodukte, Ablagerungen. Da die Gedichte wenig Interesse an Versteckspielen zeigen – oft auch den Lesenden direkt ansprechen oder ihren Aufführungscharakter spiegeln – sind sie auch kein bisschen zwanghaft in Bezug auf ihre Poetizität, laufen manchmal auf eine lyrische Wendung hinaus oder streuen sie ein, geben sich dann wieder ganz profan, erzählerisch, antiklimaktisch.  

„Ich möchte einer sein, der die Leiter
In den Kirschbaum lehnt.
[…]
Verzichten heißt nicht weglassen, sondern
Nehmen, was du brauchst. Hilfst du mir dabei?“


Kann man dennoch Themen innerhalb des Bandes festmachen?
Ja, denn die Gedichte sind alles andere als ereignisarm. Hier werden menschliche Beziehungen aufgeworfen, -gerollt und verzerrt, Strukturen auf ihre Weitläufigkeit getestet, sinistere Gedanken gewälzt und gestochen. Das immer leicht turbiert und turbulenziert durch kryptische Reduktion, Aufmachung und viele Stimmungsverdichtungen, die eigentlich dem Sujet zuwiderlaufen.


„Nehmen wir uns ein Beispiel an den Tigern.
Sie jagen, lecken Wasser und fressen
ohne Mitleid, aber mit überlebensgroßem Ernst
Und schließen in der Sonne langsam die Augen.“


Im ersten Kapitel – Tiger und Löwen – geht es um eine Beschau des Tieres und eine Beschau des Menschen, unabhängig voneinander, und doch schieben sich die Facetten der Betrachtung während der Lektüre wechselwirkend übereinander. Die Beschau des Menschen, seiner Verhaltensweisen und Versessenheiten, wird über den ganzen Band fortgesetzt, das Tier jeglicher Art (dem wir natürlich nicht Vorbild sind – wir versagen geradezu meisterhaft und einzigartig in dieser Rolle, ein Versagen, von dem die Gedichte viele Nuancen aufdecken) kommt als Protagonist hauptsächlich in diesem Teil vor. Auch der Hilferuf, der versuchte Befreiungsschlag ist ein häufiges Motiv in diesem ersten Abschnitt.

„Wer jetzt noch will, ist ein Tyrann.

Ich sehe noch den Puls schlagen!
Wer nimmt mich auf in meiner späten Verzweiflung?
Wer nimmt mich auf in meiner späten Verzweiflung?“


Im zweiten Kapitel – Amseln – wenden sich Stimmengewirr und lyrisches Ich mehr den gescheiterten Existenzen zu. Es wird von einem Scheitern der Kommunikation und tristen Verhältnismäßigkeiten erzählt; es sind nicht einmal immer konkrete Umstände, welche die einzelnen Figuren in sich gefangen halten, sondern das Fehlen einer Höhe, das Vermissen einer Gewissheit, einer irgendwie gearteten Sicherheit oder Schönheit.

„Auf der Hinfahrt bin ich klüger als auf der Rückfahrt.
Das fällt mir immer auf.“


Im dritten Teil – Hähne – werden diese Verlassenheiten in noch größere Fernen gerückt, lösen sich in Landschaften auf, in entrückten und unsicheren Bezugspunkten. Gerade hier erreicht Köhlmeier aber öfter einen Grad an Virtuosität, durchdringt seine eigene Form von Gedicht noch einmal, hin zu einem Sprechen, bei dem nicht mehr wichtig ist, aus welcher Richtung es kommt, sondern wie vielschichtig man den Versuch eines Ausdruck darin wahrnehmen kann, inmitten der Bodenlosigkeit, die darunter liegt.

„Die Berge mit ihren Nebelfahnen –
Als würden sie von dort aus
Die Erde niederbrennen.“


Der vierte Teil weist die größte Diversität an Formen und Bezügen auf, hier wird es oftmals selbstverständlicher; dezente poetische Momente haben hier Hochkonjunktur. Die Spannung, die über einem großen Teil der vorangegangenen Kapitel lag, verfliegt hier etwas, lauert in kleinen, irrealen Auswüchsen. Dieser Teil ist mit Sicherheit der klassischste.

„Im Wind über der Rollbahn
Heben sich, kreisen, sinken nieder
Weite Zeitungsseiten
Wie noch nach dem Tod gequälte Kreaturen.“


Im letzten, fünften Kapitel, geht es dann noch einmal um das Zwischenmenschliche, das Tierische und vor allem um das Er und das Sie. Was Gott sei Dank nicht auf profane Aussagen über die Wesenheit von Mann oder Frau hinausläuft oder auf das geregelte Verteilen von Narben und Tätigkeiten (oder Tätlichkeiten). Er und Sie sind lediglich zwei Gesprächsteile, die als Widerparte taugen und zwischen denen dennoch die Anziehung bestimmend ist; zwei Teile also, die das Gemeinsame suchen, weil es irgendwo zwischen ihnen liegen muss, so denken sie. Auch in diesem Teil steht das Menschliche wieder im Mittelpunkt: dieses Tierische, das sich aus dem Tierischen geschlichen hat, hinein in eine Geisteswelt, die zu umfassend für eine Übersicht, zu aufgewühlt und instabil für einen Kompass ist.

„Wie kann einer leben,
Ohne wenigstens eine Ursache zu kennen? […]
Sie schritt am Trottoir entlang,
Als wäre sie unbemerkt,
Und doch schauten alle auf sie,
Tiger, Echsen, Ausgestorbene.“


Man könnte diesen Band ein Sammelsurium nennen, unausgegoren, poetologisch uninteressant, aber das alles könnte nicht von der Hand weisen, dass Köhlmeiers Gedichte einen erstaunlichen Mikrokosmos darstellen. Die darin auftauchenden und untergehenden Gestalten haben einen Zug von irritationsgeleiteter Lebendigkeit inne, der – egal ob in Lyrik oder Prosa – selten ist. Der Lesende wird vor so manches Rätsel gestellt, das er nicht lösen wird, in so manche Geschichte geschickt, die er nicht durchschauen kann. Aber ihm wird nicht langweilig werden. Immer wieder werden die richtigen Fragen gestellt.

„Wenn einer die richtigen Fragen stelle,
Führe das über kurz oder lang dazu, dass er:

Die Schuhe nicht mehr putze,
Die Vögel nicht mehr füttere,

Die Handschuhe nicht mehr benutze,
Die Rechnungen nicht mehr bezahle.“



Michael Köhlmeier: Ein Vorbild für Tiere. Gedichte. München (Carl Hanser Verlag) 2017. 144 Seiten. 18,00 Euro.

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