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Michael Braun: Schwarzer Romantiker

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Schwarzer Romantiker
Zum Tod des irischen Dichters Matthew Sweeney


Der Weg dieses Dichters führte oft in die Tiefe der Erde, in Erdlöcher, Tunnel oder auf den Grund eines wilden Meeres. Eine seiner Figuren lebt in einem „unterirdischen Loch“, auf der Flucht vor einer Schreckensherrschaft. Im gut getarnten Erdloch beginnt er ein neues Leben, in Kontakt nur noch mit Maulwürfen und einem Dachs. Der Lyriker Matthew Sweeney, 1952 im äußersten Nordwesten Irlands geboren, war ein schwarzer Romantiker, er entwarf in seinen Gedichten fantastische Verwandlungsgeschichten, in denen Tiere eine zentrale Rolle spielen. Als Dichter war der in England vielfach ausgezeichnete Sweeney ein Erzähler unerhörter Begebenheiten; sein „alternativer Realismus“ kombinierte düsteren Ernst mit grimmigem Humor. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte er 1981, in Deutschland erschien 2008 der Auswahlband „Rosa Milch“, übersetzt von Jan Wagner.
    Der Name Sweeney ist Bestandteil einer altirischen Sage, die davon berichtet, dass ein König als „Mad Sweeney“ sich versündigte, von einem Priester verflucht und dann zur Strafe in einen Vogel verwandelt wurde. Das wunderbare Gedicht „Sweeney“ beschreibt lakonisch diese Verwandlung eines Mannes in eine Krähe, die zunächst unbemerkt bleibt, bis dann aber die Ehefrau erkennen muss, dass dem geliebten Mann Federn durch die Poren wachsen: „Auch als Krähe fand ich sie immer noch spitze,/ vor allem, wenn sie diesen kurzen schwarzen Fummel trug,/den ich ihr in Berlin gekauft hatte.“ Sweeney hat einige Jahre in Freiburg im Breisgau studiert, dort beschäftigte er sich in den 1970er Jahren eingehend mit der deutschen Literatur, ein besonderes Faible hatte er für Kleist, Kafka und Büchner. Im vergangenen Jahr erschien mit „Hund und Mond“ ein weiterer von Jan Wagner übersetzter Sweeney-Auswahlband, der im Oktober 2017 zum „Buch des Monats“ gekürt wurde.
    Am vergangenen Sonntag ist Matthew Sweeney, der seit 2017 an einer Erkrankung des Nervensystems litt, im Alter von 65 Jahren gestorben.

Michael Braun
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