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Mette Moestrup: Stirb, Lüge, stirb

Rezensionen


Elke Engelhardt

„Ein Sicherheitsnetz gegen Zynismus“

Mette Moestrup rückt der einengenden Gewalt der Lüge zugleich kämpferisch und spielerisch auf den Leib

Der Imperativ im Titel von Mette Moestrups erstem, von Alexander Sitzmann ins Deutsche übertragenen, Gedichtband, ist in zweierlei Hinsicht programmatisch für das Buch. Er ist kämpferisch, bestimmt, und er zielt auf die Beseitigung, oder vielmehr den Sieg über die Lüge ab. Den ganzen – in vier Kapitel unterteilten – Gedichtband lang arbeitet Mette Moestrup an der Überwindung der Lüge.
Wobei an dieser Stelle zunächst einmal „Lüge“ definiert werden sollte. Oder zumin-dest Fragen zu formulieren wären, ob das, was wir z.B. aus Scham verschweigen, auch schon als Lüge gilt. Es scheint, Moestrup vertritt die These, dass wir die Lüge mit der Muttermilch einsaugen, damit groß gezogen werden, und es die Aufgabe einer erwach-senen mündigen Frau ist, sich aus diesem Lügengespinst zu befreien.
Dass Mette Moestrup, 1969 geboren, über staatliche und ästhetische Grenzen hinweg arbeitet und nicht nur literarisch tätig ist, sondern außerdem als Performerin auftritt, all das schlägt sich auch in „Stirb, Lüge, Stirb“ nieder. Es bestimmt die Ausgestaltung, die Art der Gedichte, die zum Teil regelrechte Choreographien sind.

Dennoch scheint alles dem Imperativ der zum Sterben aufgeforderten Lüge untergeordnet zu sein. Dabei geht Moestrup systematisch vor.  Zunächst, in einem Kapitel, das den assoziationsreichen Titel „Weiße Milch aus der Bösen Brust“ trägt, geht es um die gesellschaftlichen Zwänge, um die Sozialisation, während der wir schnell lernen, uns zu schämen, um Geld und Macht, diese Punkte, auf die alles immerzu hinauszulaufen scheint.

Dabei gelingen Moestrup neben direkten, performativen Gedichten, auch Zeilen, die das Hereinbrechen der Gewalt in das alltägliche Leben ganz zart und umso berührender zu schildern verstehen. In einem Gedicht, das den Untertitel (Geschrieben im Garten meiner Kindheit) trägt, stehen die Zeilen:

„Mein Sohn, der so eine Spanische Wegschnecke durchschneidet
Mit einer Schere und einem sanften
Unschuldsverlust in der Mimik […]“

Kurz darauf fliegen alle Familienmitglieder auf unterschiedliche Weise. Es ist gerade dieses Nebeneinander von surrealen, überzogenen, performativen und sehr leisen, sanften Tönen, das die Tiefe und den unvergleichlichen Sog von Mette Moestrups Gedichten ausmacht.

Vieles scheint glasklar und offensichtlich, und doch ist es so, dass alles „unglaublich unbuchstäblich“ ist. Vielleicht darum taucht neben der Milch das Zebra im ersten Kapitel auf, das auch für die – wie immer gelungene, von Andreas Töpfer verantwortete – Umschlaggestaltung eine Rolle spielt. Das Zebra verkörpert mit seinen schwarzen und weißen Streifen das Nebeneinander von Lüge und Wahrheit, also den Spannungsbogen zwischen der weißen Milch und dem schwarzen Dreieck, auf das alles letztendlich hinauslaufen wird.

Aber vorher geht es noch einmal um die Milch, also die Natur, die Zwänge, oder besser Naturgewalten, die uns keine Wahl lassen:

„dass die Milch einschließt
wenn ein fremder Säugling weint

dass man keine Wahl hat
ergo keine „gute“ Wahl

macht es nicht falsch“

Im folgenden Kapitel „Ganz wenig über Cleis (Sapphos Tochter, oder was?)“, wird nur scheinbar ein neuer Themenbereich aufgemacht. Im Grunde geht es auch in diesem Kapitel um Widerstand. Gegen die Lüge. Gegen das, was uns eingeredet wird, was wir eingesaugt haben wie Muttermilch. Begrenzungen, von denen es sich zu befreien gilt.

Exemplarisch im ersten Gedicht mit dem Titel Wissen

„Was weiß ich über Cleis?
Sehr wenig.
Ich weiß, dass ich
sehr wenig über Cleis weiß.           
       
                                                                               Entmutigt mich das? Nein!
                                             Will ich eine Biografie schreiben, oder was? Ja!“

Großartig, wie Moestrup hier unterschiedliche Übersetzungen von Sapphos Versen und eigene Überlegungen so montiert, dass eine Mischung aus Zweifel und Trotz sichtbar wird. Ein: es ist nicht so einfach, aber ich nehme mir das Recht, zu zweifeln, zu widersprechen, mir ein eigenes Bild zu machen, vor allem aber, mich nicht entmutigen zu lassen. Und so ist die Biografie über Cleis, die Mette Moestrup dann tatsächlich schreibt, nicht zuletzt eine großartige Ermutigung zum Eigensinn.

Am Ende der „Biografie“ steht dieser Vers:

„feinsäuberlich geordnete, dicht bepackte Atome, Papierschnipsel“

Womit Moestrup auf den Punkt bringt, was jede Biografie im Kern ausmacht, die Essenz dessen, was wir tun, wenn wir schreiben. An der Lüge entlang, im Versuch, ihr immer weiter zu entkommen.*

Im dritten Kapitel „Ladies first“ überschrieben, geht es um Liebe, um Mutterliebe

„Sohn. Das Erste, was du tatst, war, mich auseinanderzureißen, dann
legtest du deine winzige neugeborene Hand auf meine linke Brust,
genau über dem Herzen.“

Aber auch um Selbstliebe, um den Prozess des Alterns, und um geschlechtliche Liebe, bei der nicht selten Kopf und Herz im Widerstreit liegen:

         ES IST HERZLOS, SEINEM KOPF ZU FOLGEN,
SEINEM HERZ ZU FOLGEN IST KOPFLOS
        
Ich schleifte meinen Kopf hinter mir her
an meinen langen, dunklen Haaren heut Nacht. Albtraum. Kopflos
wie das Gespenst eines Ritters, Schritt für Schritt.
Die Blüten der Kirschbäume
fielen herab in meinen durchtrennten Hals
und stillten mit ihrer Vielzahl leuchtendroter Watte
das Blut, das in einem schwarzroten Strahl emporgespritzt war.
Ich sah es mit meiner Nachtsicht, von unten, durch die Haare,
an denen ich mit dem Griff eines kleines Mädchens voll Trennungsangst festhielt.
Mein langes dunkles Haar. Dann wurde es weiß.
Dann wurde es weiß und die Gnade unfruchtbar
wie meine Gebärmutter in wenigen Jahren. Tagesrest. Denn gestern,
als wir Arm in Arm an den Kirschbäumen vorbeigingen,
die noch nicht ausgeschlagen hatten, sagtest du:
Gnade und Gebärmutter sind auf Arabisch dasselbe Wort.
Mag sein, aber ich sage: Schau der fahle Schatten
auf dem Mond gleicht einem Embryo.
Schau, das dunkle Muttermal auf meiner Wange gleicht einem Embryo.
Schau, der Fleck auf dem sogenannten nude
Recylingseidenunterkleid gleicht einem Embryo.
Die leuchtendroten Kirschblüten
rieseln wie Mehl herab, aus dem die Ungeborenen im Limbus Mehlbrei kochen werden.
Die leuchtendroten Kirschblüten
rieselten heut Nacht wie Augenlider auf meine Augenlider herab.
Guten Morgen, Elegie. Gleich einer Leiche,
die in einem heranwächst, bis sie frei wird.

In einem weiteren Abschnitt liegt Nofretetes Gesicht den Überlegungen zugrunde, auch hier ist vom Altern die Rede, aber auch von der wirklich befreienden Erkenntnis, dass Schönheit eine Glaubensfrage ist. Die Variationen, denen die Tatsache zugrunde liegt, dass der Blick nur die Oberfläche der Phänomene erfasst, gipfelt schließlich in einem Blick-Duell zwischen Orpheus und Medusa. Es ist eher ein Spiel mit den Geschlechtern, als ein „Kampf“, den Moestrup betreibt.

Den Abschluss bildet ein choreographisch angelegtes Gedicht, das mit der Figur des schwarzen Dreiecks spielt. Hier findet eine Entwicklung, die in jedem der vier Kapitel stattgefunden hat, ihren Abschluss im weltweiten Gelächter der Frauen.

Und spätestens wenn man die letzte Zeile gelesen hat, ist klar, dass Mette Moestrup nicht die Wahrheit als Gegensatz zur Lüge ansieht, es geht nicht darum, irgendeine allgemeingültige Wahrheit zu Tage zu fördern. Vielmehr rückt Moestrup mit ihren Gedichten immer wieder der Lüge auf den Leib, die der Gegensatz von Freiheit ist. Eine Lüge, die die Freiheit einschränkt und verhindert, und darum sterben muss.

* Kleis gilt als Name für Sapphos Mutter und Sapphos Tochter – Cleis ist die englische Schreibweise.


Mette Moestrup: Stirb, Lüge, stirb. Gedichte. Aus dem Dänischen von Alexander Sitzmann. Berlin (kookbooks) 2017. 196 Seiten. 19,90 Euro.
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