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Meret Oppenheim: Endlich! Die Freiheit!

Münchner Anthologie

Meret Oppenheim


Endlich!
Die Freiheit!
Die Harpunen fliegen.

Der Regenbogen lagert in den Straßen,
Nur noch vom fernen Summen der Riesenbienen unterhöhlt.

Alle verlieren alles, das sie, ach wie oft,
Vergeblich überflogen hatte.

Aber:

Genoveva:


Steif
Auf dem Kopfe stehend
Zwei Meter über der Erde
Ohne Arme.

Ihr Sohn Schmerzereich:
In ihr Haar gewickelt.

Kleine Fontäne.

Ich wiederhole: Kleine Fontäne.
(Wind und Schreie von ferne.)

(1933)

Aus: Meret Oppenheim: „Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Gedichte, Zeichnungen.“ Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984.

Karin Fellner

„Endlich! Die Freiheit!“

Kennst du das, fragte mich neulich ein Freund, wenn dir beim Lesen von Gedichten plötzlich das Auge einschläft, so wie ein Fuß beim Draufsitzen? Aus Überforderung? fragte ich zurück. Nein, eher wenn sich das Ganze zu erwartbar entwickelt …
Zumindest weiß ich, wie kostbar eine echte Reizung bei der Lektüre ist. Es ist für mich wie ein ganz persönlicher Zuspruch, wenn ein Gedicht mit mir Unvorhersehbares macht. Wenn alles schon Vor-Verstandene links liegen gelassen wird. Meret Oppenheims Verse sind solche Reiz-Lektüren.

Wie mit der nachdrücklichen Stimme eines Zeitungsjungen, der seine Schlagzeilen ausruft, beginnt „Endlich! / Die Freiheit!“ mit einem doppelten Ausrufungszeichen. Ist das nun affirmativ oder ironisch? Wer spricht hier und von wo aus? Rebellen, Flüchtlinge, Ex-Sklaven? Ist das eine parodierte Geste, purer Enthusiasmus? Dass in der nächsten Zeile „Die Harpunen fliegen“, löst diese Fragen nicht auf, sondern lässt das Wort „Freiheit“ weiter munter wackeln zwischen Wunsch und Gewalt.
Auch Meret Oppenheims Rede zum Basler Kunstpreis von 1975 enthält dieses kippelnde Wort: „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen.“ Das hört sich offensiv an, tatkräftig, übergriffig? Hier zeigt sich gut, wie missverständlich aus dem Kontext gepickte Aussagen sein können. Nahezu alle anderen Sätze sprechen von geschlechterspezifischen Zuschreibungen und der Auflehnung gegen sie. Interessant, dass als Paradebeispiel für Oppenheims Rede am häufigsten der isolierte „Freiheit“-Satz gewählt wird, der nicht nur ‚geschlechterfrei‘ scheint, sondern sich wunderbar in den Diskurs der Leistungsgesellschaft einpasst: Nimm dir, setz dich durch. Wie wär‘s stattdessen mit einer der zahlreichen weniger bequemen Aussagen, etwa: „Die Männer sind eine ebenso seltsame Züchtung und, wie die Frauen, ein Zerrbild dessen, was sie sein könnten.“?

Meist werden wir in der Schule darauf trainiert, „Zugriff“ auf einen Text zu bekommen, alles Quicke, Fließende zu fixieren und einzusortieren, Kröpfchen oder Töpfchen, bloß nichts im Offenen lassen. Am Auftaktwort „Freiheit“ rutscht die dichotome Zugriffszange grandios ab. Und so geht es weiter in Oppenheims Versen: Vonwegen tertium non datur! „Wir sind gemischt, Hermaphroditen.“
¹ Hier wird die dichotome Tageslogik aufgemischt.

Natürlich arbeitet Meret Oppenheim dafür mit surrealistischen Verfahren der Querverschaltung. Der flüchtige, symbolträchtige „Regenbogen“ etwa „lagert“ hier wie eine Herde, wie ein Heer „in den Straßen“. Und wird sogar noch „unterhöhlt“ – wie das? Spätestens hier löst sich die Zugriffszange – plopp! – in nichts auf. Und so müssen auch die „fern“ summende „Riesenbienen“ keineswegs erneut als Symbol für Dichterinnen gelten. Stattdessen lieber die Passage des Grimm‘schen Wörterbuchs zur „Biene“ danebenlegen: man darf kaum zweifeln, dasz den schwankenden wechsel des grammatischen geschlechts eine unstäte, unvollkommne beobachtung des natürlichen verursachte, sie erkannte männliche, weibliche und geschlechtslose arbeitsbienen, und legte ihnen ähnliche namen zu, die sich leicht vermischten.
Wenn sich die Zuschreibungen so lösen, auflösen dürfen, schießen mir Bilder aus tieferen Schichten ein: Höhlen, Haare, Gewirbel, Flugkörper, Rrriot.

In den nächsten Versen sollen „alle alles verlieren“ und das gekoppelt mit dem Klageruf „ach“. Da will die Deutungszange flugs Vergänglichkeitstopoi packen. Aber wie ließe sich etwas „verlieren“, wenn dieses Etwas (was noch dazu „alles“ ist) nie im Besitz der Subjekte (nämlich „aller“) war, sondern diese bislang nur „Vergeblich überflogen hatte“? Das erwartete Subjekt-Objekt-Verhältnis wird noch einmal aufgemischt. Im Relativsatz „Alle verlieren alles, das sie …“ gehe ich – Automatismus – davon aus, dass das Subjekt gleich bleibt und eine Fortsetzung folgt im Stil von: „Alle verlieren alles, das sie besitzen.“ Doch denkste: Hier wird nämlich „das“ zum Subjekt, während „sie“ zum Akkusativobjekt mutiert: „das sie […] überflogen hatte“. So rasch können sich die Verhältnisse grammatisch drehen!

Das adversative „Aber“ wendet die Rede und ruft – doppelter Doppelpunkt – „Genoveva“ aufs Spielfeld. Besonders bekannt ist die sagenhafte Gestalt der „Genoveva“ von Brabant, die sich einem Freund ihres Mannes verweigerte und von diesem zum Tode verurteilt wurde. Der Henker verschonte sie und fortan lebte G. mit ihrem kleinen Sohn jahrelang in einer Höhle. Allerhand Genderkram lässt sich da anhängen: die Frau als Heroine, als Opfer, treu, widerspenstig, fromm, tugendhaft, zäh … Hier spannt Meret Oppenheim erneut ihre Reizstoffe auf, nichts wird geglättet: Die Tasse trägt Pelz.
²

Und weiter wendet sich fast jeder Vers versus Erwartbares. So erscheint Genoveva „Steif / Auf dem Kopfe stehend / Zwei Meter über der Erde / Ohne Arme.“ Verblüffende Levitation einer starren, verkehrten, noch dazu armlosen Frau. Ist sie Objekt einer Show oder weißer Geist oder wie erscheint sie dir, liebe/r Leser/in: selbstbewusst, verletzlich, unheimlich, stark, _________?
Genoveva bleibt nicht allein, „Ihr Sohn Schmerzereich“ ist „In ihr Haar gewickelt“, wie in einen Kokon, wie in Fesseln? Erneut verunmöglicht das Gedicht eine Abdichtung, auf dass ich beim Lesen aus der Logik von x = A heißt x ǂ B falle und erkenne: x = Hase.
³

Nur eine „kleine Fontäne“ ist so ein Gedicht, nicht viel, aber unglaublich vif. Eine solche Volte sprachlich zu kreieren, ist nicht einfach, wirkt aber spielerisch-befreiend wie Quatschreden im Alltag. „Ich wiederhole: Kleine Fontäne“. Auch hier versteht Oppenheim es, die Struktur der Ausrufung – Megafon, Militärwagen usw. –, diese appellativen Sprechakte anders zu füllen und ein befreiendes Lachen herauszukitzeln.

Neben dem Gedicht steht übrigens eine Oppenheim’sche Zeichnung, die dessen Raumwirkung skizziert: „Danach wird ein Echo in alle vier Ecken des Raums geschickt, um dann als ‚Kleine Fontäne‘ oder eben indirekte Rede zurückzusprechen. Es erfolgt Antwort […]“


Meret Oppenheims Gedicht ermöglicht dieses Beantworten, weil es den Raum für ein ganz persönliches „Echo“ der Lesenden nicht nur gibt, sondern regelrecht aufreißt. Weil es die Seme und Bilder in reizenden Aufruhr versetzt.

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¹ Vgl. Hilde Domin: „Das Gedicht als Augenblick von Freiheit. Frankfurter Poetik-Vorlesungen“, Piper Verlag, München 1988.
²
Déjeuner en fourrure (Frühstück im Pelz), 1936. Frühe, berühmte Installation Oppenheims: eine pelzbezogene Kaffeetasse mit Untertasse und Löffel.
³ Dieses Motiv findet sich in einem Schulheft Oppenheims und gilt als ihr erstes surrealistisches Werk: Neben dem mathematischen „x =“ befindet sich ein comicartiger Hase.
Vgl. http://www.meret-oppenheim.de/jugendzeit12.htm
Vgl. Christiane Meyer-Thoss: Nachwort zu „Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich.“






Meret Oppenheim: Porträt mit Tätowierung, 1980,
Kunstmuseum Bern


Karin Fellner

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