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Mary Jo Bang: Elegie

Rezensionen


Michael Braun

EINE  KAPSEL MIT  ASCHE

Mary Jo Bang entfaltet in „Elegy“ eine Theorie der Trauer


Am Ursprung der Trauer steht das plötzliche Verstummen. Der Schock über den Verlust eines geliebten Menschen ist oft so überwältigend, dass die Sprache, auch die poetische Sprache, keine Mittel mehr besitzt, um dem factum brutum des Todes etwas entgegenzusetzen. Die Trauer verschlingt alles, nur der Schrei, das Geheul, die Expression des Schmerzes bleiben übrig. Erst in der Totenklage und der Elegie kommt die Poesie wieder zu Atem. Seit der Antike gilt vor allem die Elegie als probates Mittel, um sich aus dem Kraftfeld des Todes zu befreien. Die 1946 geborene Dichterin Mary Jo Bang, eine der bedeutendsten Stimmen der amerikanischen Poesie, hat diese Erfahrung der existenziellen Erschütterung 2004 erlebt, als ihr Sohn an einer Überdosis Tabletten starb.

In ihrem großen Gedicht „Elegy“, das im amerikanischen Original 2007 erschienen ist, hat sie diese furchtbare Erfahrung des Verlusts einzukreisen versucht. Über sechzig Mal nimmt Mary Jo Bang Anlauf, um angemessene Wörter und Bilder zu finden für das Auseinanderbrechen des Lebens, das dem Trauernden widerfährt. Und in diesen 64 Gedichten gibt es für das lyrische Subjekt nirgendwo einen Ankerpunkt, um eine poetisch beruhigte Ordnung, einen einheitlichen elegischen Ton für die Trauer herzustellen. Es sind im besten Sinne unberuhigte, nervöse, jeder formalen Ordnung wider-strebende und auch gegen den Skandal des Todes rebellierende Gedichte, die in Bangs „Elegy“ zu finden sind. Es scheint für das moderne poetische Bewusstsein keine Möglichkeit mehr zu geben, die Elegie in streng metrisch gebundene Verse zu fassen, wie in den Distichen eines Properz oder Ovid.

Mary Jo Bang erfindet für jedes Gedicht der „Elegy“ die poetische Form neu, setzt in jedem Teil ihres lyrischen Trauer-Epos Reflexionen, mythologische Anspielungen, Alltagsempfindungen, pathetische wie profane Töne neu zusammen. Dabei konzentriert sich ihre Elegie nicht so sehr auf das Porträt des verlorenen Sohnes, sondern verzeichnet vielmehr die Erschütterungen der lyrischen Subjektivität, die Aggregatzustände der Trauer, die in jedem Gedicht rasch wechseln können. „Wie konnte ich bei dir so versagen?/ fragt die Sprecherstimme/ das Objekt“, grübelt etwa das lyrische Ich im Gedicht „Landschaft mit Sturz des Ikarus“: „Das Objekt ist eine Kapsel/ mit Asche darin. Wie konnte ich dich nicht retten,/ Junge aus Bein und Blut. Junge/ aus Geist. Aus Jahren./ Eine Hand/ und Farbe auf Leinwand. Ein Marmorrelief. / Wie kann ich dich nicht erreichen, wo du bist,/ und zurückhalten. Wie kann ich sein/ und du nicht.“ Es ist sehr selten, dass Mary Jo Bang so unmittelbar und direkt die eigene Schuldphantasie artikuliert und auch das tote Du so unverwandt apostrophiert. Viel häufiger nimmt sie bei der Beschreibung der Trauerzustands Zuflucht zu poetischen Techniken der Distanzierung und Objektivierung, um überhaupt zur Sprache zu kommen und das Zerbrechen der eigenen Daseinsempfindung artikulieren zu können. Als eine Grundfigur dieser Elegie kann das Beschwören der „Aschekapsel“ („a box of ashes“) gelten, in der nun der tote Sohn eingeschlossen ist. Dabei entfaltet Bang immer wieder historische und mythologische Reflexionen, um sich vor dem überwältigenden Schmerz zu schützen. So auch, wenn sie über die Rolle der Elegie räsoniert: „Die Rolle der Elegie ist/ es, der Tragödie eine Totenmaske anzulegen,/den Spiegel zu verhängen./Sich zu verneigen vor der kulturellen/ Debatte über die Ästhetisierung der Trauer,/ des Verlusts, der unerträglichen Nachbilder des Stofflichen.“ Viele Gedichten der „Elegie“ führen die lyrische Rede entschlossen ins Theoretische, Diskursive: Empfindung und Reflexion werden stets miteinander verbunden, wobei die sinnliche Rede mitunter von abstraktem Räsonnement überlagert wird.
    Kleinere Teile der „Elegy“ wurden auf deutsch bereits 2011 im verdienstvollen Luxbooks Verlag publiziert, im Auswahlband „Eskapaden“, den Barbara Thimm übertragen hat. Auch die jetzt komplett übertragene „Elegie“, diesmal in der Übersetzung von Matthias Göritz und Uda Strätling, war bei Luxbooks angekündigt, nach dem vorläufigen Ende des Verlags ist sie nun im Wallstein Verlag erschienen. Göritz und Strätling sind zwei sehr erfahrene, ja herausragende Übersetzer, die gemeinsam bereits John Ashberys opulentes Langgedicht „Flowchart“ ins Deutsche gebracht haben. An einigen wenigen Stellen produzieren sie bei der Übertragung der „Elegy“ Irritationen. In der „Novemberelegie“ wird z.B. aus dem „Beckenschlag des Morgens“ („The cymbal of morning is secretary/To each idiomatic new day“)  ein „symbolischer Morgen“ („Der symbolische Klang des Morgens assistiert/jedem neuen idiomatischen Tag.“) Solchen Eigenwilligkeiten zum Trotz folgt man immer wieder gespannt diesen poetischen Zerreißproben der Trauer, und geht mit dem lyrischen Subjekt von Mary Jo Bang in die Ungewissheit – ein lyrisches Subjekt mithin, das disparateste Bewusstseinszustände im Prozess der Trauer erfährt, aber eines nie erlangen wird: Trost.


Mary Jo Bang: Elegy  | Elegie. Poems | Gedichte. Englisch | Deutsch. Übersetzt von Matthias Göritz und Uda Strätling. Göttingen (Wallstein Verlag) 2018. 172 Seiten, 20,00 Euro.
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