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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 6

Texte

Kapitel 6


Der Institutsleiter doziert aufm grünen Rasen

Über weite Strecken frei erfundene Texte im Genotyp und immer wieder dieselben hochkonservierten Sequenzabschnitte im Gesamtwerk - Wortgebrauch - Zitate - Collagen - ihn erinnere das stark an hochkonservierte Proteinmotive vom Proteom aufs Poetom direkt übertragbar, konkrete Proteomik, diese neue Forschungsrichtung habe nichts mit Assoziation und Metapher zu tun, sondern mit genauer Wissenschaft, schreibt Dr. Ofenvogel in seiner ungenauen, drittmittelgeförderten Publikation, am 30. des Vormonats spätabends, also kurz vor deadline noch schnell unter der Tür durchgeschoben und postwendend retourniert, sowas wolle man keinesfalls veröffentlichen: eine statistische Betrachtung der Texte, die leicht ein relativ geringes Vokabular - buch - lehm - schreim - und eine relativ hohe Frequenz ein und desselben Wortes in den Texten der Autoren entdecken kann, beziehe sich wie üblich auf das bloße Wort in der konkreten Poesie, so wie sich der gesamte Antrag hauptsächlich auf Bense und sehr nebensächlich auf die Ofenvogelschen Ergebnisse stütze, so die Kritik des Gutachters.

Literaturkritik werde nur dann ihre bekannte Ausgangsdefinition, danach ein Text eine gegliederte Elementenmenge darstelle, beibehalten können, wenn sie nicht einfach die Worte als Elemente auffasse und ihre Silbenzahlen als Merkmalswerte einführe, sondern von vornherein numerische Merkmale auch für den Stellungswert der Worte auf der Textfläche (etwa mit Hilfe eines Rasters, der den Ort eines Wortes fixiere) einführe, so das Stuttgarter Vollzitat, weg von der Belletristik hin zu den Leitwissenschaften: Gedankenexperimentelle Physik, Unschärferelation mit Quantensprung verrechnend. Quantensprung, wie komme der Quantensprung in die Linguistik, so der Bürger auf dem Rasen vor Ajots Glastür. Diskrete Zustände der Grammatik, er wolle auf die Einzelheiten nicht eingehen, das sei auch sein Fachgebiet nicht, Sprache lerne sich nicht durch Deduktion aus unendlichen Grammatikmöglichkeiten, Grammatik lerne sich in bits von ja/nein, soviel wisse man aus kindstypischen Sprechfehlern. Sprechfehlerforschung als Informationsquelle sei bekanntlich ergiebiger für das Studium des Grammatikerwerbs als die Auswertung korrekten Sprechens, man dürfe daraus den Schluss ziehen, dass Regelverstöße konkreter Dichter im Vergleich zu einer Stilanalyse Goethes ergiebiger seien als Goethe selbst - erst von Heißenbüttel aus betrachtet, werde man mit Goethe fertig.   

Grammatik lerne sich also in Grammatikquanten und nicht im grammatikalischen Kontinuum von falsch, 99,9 Prozent falsch, ein bisschen richtig, richtiger, 67 Prozent fast richtig bis 100 Prozent richtig wie Deine Rede sei jaja, diese Übereinstimmung habe ihm schon viel zu denken gegeben, ihm, als Hobbygenetiker, dieser Standesbeamte, ein Bibelfundamentalist müsse das sein, die Sekretärin ist sich fast hundertprozentig sicher, in kurzen Abständen schickt dieser Freizeitwissenschaftler seine mit immer abstruseren Formulierungen vollgestopfte Abhandlung mit Anhang, telefonbuchdick und ähnlich wissenschaftlich wertlos, Statistik nenne dieser Bibelfundamentalist seine Zahlenkolonnen, schicken Sie's ungeöffnet zurück, hat er die Sekretärin nach Rücksprache mit einem Experten in Sachen Copyright angewiesen, Forscher, selbsternannte, Tierforscher, Genforscher, Bibelforscher, die überziehen das Institut mit Klagen, nach jedem erfolgreich durchgeführten Experiment, von dem in der Zeitung berichtet werde, vermute so einer ein Plagiat am armen geistigen Eigentum, von publizierten neuen Ergebnissen erfolgreicher Forschung Parallelen ziehend, zum wirren Inhalt des unverlangt Eingesandten.     

Wenn es nun aber ein Grammatikquantum gebe, eine generative Quantengrammatik, so müsse sich auch eine Unschärferelation der Grammatik formulieren lassen, er, der Institutsleiter sehe schon die Doktorarbeit vor sich: Formulierung des Unschärfeprinzips am Beispiel generativer und degenerativer Grammatikquanten. Er müsse jetzt nur noch einen Doktoranden ausfindig machen, den er mit diesem Projekt quälen könne, so habe der Forschungsleiter zusammen mit ihm, dem Institutsleiter bei einem gemütlichen Beisammensein gescherzt, vielleicht einen fleißigen Jungforscher aus der Dritten Welt, Computerinder, oder einen genügsamen Forscherchinesen wie Fachchinesen, haha! Grammatikquanten - keine Ahnung, was man in diesen Begriff reinstopfen könne, eine Konstante analog zum h-quer der Planckschen Formel definierend. Oder im Paradigmenwechsel ein Bioquantum zu den Lebenswissenschaften hin einführend, Bio wie Biophysik und Bioliteratur, Literaturinformatik und Bioinformatik: Von Flipcharts floppt es Ajots Ausführungen hinterher - in grauenhaftem Computerenglisch, als ob ers mit Hilfe eines billigen Übersetzungsprogramms gelernt hätte, und eine Aussprache im ultraviolett Entfernten, ein lustiges Wissenschaftsenglisch mit deutschen Brocken vermischt wie Traceback flippts global versus local: Globales Alignment aligniere die Sequenzen in ihrer gesamten Länge. Lokales Alignment dagegen finde den Maximalbereich bester Übereinstimmung zwischen konkretem Poem und Goethegesamt der Lyrikdatenbank, und Dr. Ofenvogel floppte weiter seine Flipcharts in den Seminarraum, Mismatch in Schleim zu Schreim, eine linear gap penalty werde für den Schrei* eingeführt wie die Ergänzung des Schrei um Ben. Stattdessen ein M dahingesetzt, SchreiM für Ben schreiBend, in einen Grunzlaut wie pubertierend mutiert. Die Buchstaben, Bausteine der Worte aminosäureäquivalent zum Protein, seien nun nicht einfach gleich oder ungleich, vielmehr seien manche der Buchstaben einander ähnlicher als  andere, diese Anleihe habe er bei der Bioinformatik gemacht, Vergleich Buchstabe um Buchstabe: R für L, Schreim für Schleim, R-Ersatz durch L werde durch eine noch zu bestimmende Gewichtungsfunktion bewertet, Zielfunktion des konkreten Gedicht-Alignments sei die Summe des Schönen, verringert um eine noch zu definierende gap penalty. Schlussfolgerung: es bleibe Unsicherheit in Folge der Parameterabhängigkeit in der Gewichtungsfunktion, man wisse nicht, wie man den Ersatz von Ben durch M ästhetisch zu bewerten habe.

Zwei Sätze zu Text wie Belletristik und Biologie: Es ist nicht möglich, die Schönheit eines Textes so deutlich zu identifizieren wie seine Wahrheit, so Bense. Es ist nicht möglich, die Schönheit eines Lyrikvirus so deutlich zu identifizieren wie seine Unwirksamkeit, so Ofenvogel. Schönheit könne nicht durch eine Widerspruchsfreiheit bewiesen und nicht durch eine Übereinstimmung verifiziert werden; die offene Matrix der ästhetischen Werte, die sich in den vagen Begriffen Schönheit und Nichtschönheit verberge, und die Evolution des ästhetischen Prozesses verhindern dies.

Nur die singuläre Identifikation einer ästhetischen Information als das, was sie ist, sei möglich, so der Bense in Ajots Fußnoten wie auf schwachen Notenfüßen dahergesummt, und das, was sie ist, ist das, worin sie sich unterscheide, nicht mehr und nicht weniger, also pure Innovation, pure Originalität, statistische Novität. Fazit: Das menschliche Genom ist nicht schön. Der Beweis: 18 473 von 24 567 bislang vermerkten Menschengenen entsprächen Teilen des Pudelgenoms. Archäologen hätten in Israel zum Beispiel aus einem 12.000 Jahre alten Grab ein kleines Tier gesichert, wahrscheinlich eine Schoßhundbeigabe für eine verstorbene Unbekannte, denn das Grab sei leer gewesen, bis auf ein Tier, das typische Merkmale von Hunden aufweise: kürzere Kiefer und zu enge Zahnreihen. Dass sie den Benny zu einer schönen Gruppe habe zusammenstellen lassen wollen, fürs Wohnzimmer, wie schon gesagt, es sei nicht dazu gekommen. Die Hundsverwandte habe die Adresse des Tierpräparators einfach nicht rausgerückt.


Die Gattin über den Jungforscher

Ajot wolle nicht mehr Ajot Ofenvogel heissen, habe er auf dem Standesamt seinen Willen erklärt, unter Beifügung eines psychologischen Gutachtens übrigens, aus dem hervorging wie sehr er bereits unter seinem Namen gelitten habe, neununddreißig Jahre lang. Drei Jahre Psychotherapie, bis man endlich herausanalysiert habe, nämlich, dass der Ajot leide unter Jot. Punkt, wie Codewort für AUS. Er wolle lieber Karlheinz sein als Jotpunkt, Jot stehe für Göbbels wie Joseph, aber der zuständige Standesbeamte habe den Gedanken nicht nachvollziehen können. Ajot, dieser Name, der sei nicht ihre Idee gewesen, wie gesagt, so habe seine Mutter im Telefongespräch dazwischengeworfen. Ajot, am äußersten Rande der Nachkriegszeit geboren, ein Spätnachkriegszeitkind von 1979, gerade noch so von einem Veteranen gezeugt, sein Vater sei inzwischen auch schon jahrelang tot, zum Schluss habe ers dann doch mit dem Herzen gehabt, unter Durchblutungsstörungen, am  Stumpf rechts, habe er gelitten, soviel sie weiß, hat sie der Base weitergegeben. Sie, Witwe Ofenvogel, geborene Wessely, hätte Ajot ja lieber  Karlhans genannt. Sie habe Karlhans, also den Ajot, Karlhans gerufen, noch lange, nachdem das Kind lesen konnte. Wenn schon nicht Karlhans so hätte er wenigstens Karlheinz heißen wollen, sagt Ajot. Sein Vater habe ihn doch nur aus Begeisterung für jenen Propagandaminister Joseph genannt, doch darin kann der Standesbeamte keinen psychischen Standortnachteil erkennen. Joseph ist so Göbbels wie katholisch, so nationalsozialistisch wie hebräisch, und weigert sich, den Joseph zu löschen. Und was den Apunkt beträfe, der Standesbeamte holt das Register aus dem Schrank: Ein im Süddeutschen gebräuchlicher Name wie alle anderen Dolfs eben auch, Rudolf etwa. Der Vater habe schon so geheißen, der Großvater, die Ahnen nachweislich bis in die ältesten Kirchbücher. Niemand in seiner Familie habe je Karlhans geheißen, auch nicht Karlheinz, es gebe nichts zu beanstanden, es gelte das Gesetz der Vererbung, Konstanz der Arten wie Namen.

Aber das Beste, so die Gattin zur Vorsitzenden, Apunkt stehe gar nicht für ein süddeutsches Präfix plus Dolf, in diesem Punkt hätten sich sowohl der Standesbeamte als auch der Karlhans geirrt, A stehe für Axl. Axl wie aus. Axl wie Axl die Byx. Gewehraxl, Maschinenaxl, Finstername Ausaxl, wie hineingeboren in den Kalten Krieg. Axel, eigentlich Absalon, eigentlich Vater des Friedens, Davids Sohn, alttestamentlich also, das müsse aber einer wie ein Literarturkritiker wissen. Literaturkritiker, Postdarwinist, was er denn nun eigentlich sei?  Nicht und, nicht oder, sondern ein sowohl als auch.

Von zwanzig bis dreißig Studium, Doktor, Postdoc, von dreißig bis vierzig forschend im Forschungslabor, Nachwuchsforscher den Forschungsbedarf deckend, von vierzig bis fünfzig Abteilungsleiter, von fünfzig bis sechzig den Nachfolger einlernen und dann ab in Rente. So habe er sich seine Lebensplanung eigentlich gedacht, sagt der Jungforscher. Frühphase Studium bis Postdoc habe noch vollkommen gleichauf mit den Zeiten im Zeitplanungsbereich gelegen, ebenso die Ausweitung seiner Aktivitäten auf das Forschungsgebiet. Nun aber sei er zum finalen Projekt aufgebrochen, finales Projekt, das ihn herauskatapultieren werde aus den Warteschleifen befristeter Verträge von Halbjahr zu Halbjahr in die Führungsebene. Raus aus der trügerischen Gleitzeit.

Radikalste Gleitzeit, so bestätige er den Bürgern auf dem Rasen vor dem Gedenkstein, Tag der Offenen Tür, die Bürger sind empört: kommen wann man will? Gehen wanns beliebt? Er kennt diese Einwände schon - und hält dagegen: Kreative Köpfe arbeiten eben, wenn kreative Köpfe gerade ihre kreative Phase haben. Das kann zuhause in der Badewanne sein. Wer aber bezahle dem Forscher den Gedanken in der Badewanne? Sei das nun Freizeit, Gleitzeit, Heimarbeit? In den unmöglichsten Momenten durchzuckende Gedankenblitze, ja, er habe selbst mal, so gesteht der Institutsleiter einen millionenschweren Forschungsplan zusammen mit seinem fähigsten Mitarbeiter auf drei Bierdeckeln konzipiert. Dass man Kreativität, den Forschergeist nicht in ein neun bis fünf Uhr Schema zwingen könne. Es ist seine schönste Aufgabe, junge Wissenschaftsbegabungen zu fördern. Aber zugegeben.

Zugegeben aber. Jungforscher? Der Fastwessely mit seinem doppelt so dicken Buch sei doch auch schon um die vierzig. Neununddreissig, gradnoch, nächsten Dezember ists soweit, wird sie auf dem telefonischen Nachrichtenwege informiert. Gut, gut, weitere elf Jahre und der Ajot geht in Frührente. Aufs Sozialamt, informiert die von ferne Telefonverwandte. Obwohl – meint die Gattin. Der Doktortitel, das doppelt so dicke Buch sei ja auch was, unbestreitbar eine steile akademische Karriere, stetiger Aufstieg der Wesselys vom Schmied zum Zahnarzt, eine steile Bahn, eine schiefe Ebene hinauf in die anerkanntesten Hochberufe, Bader, Bürger, Belletristiker, von einer randständig zweifelhaften Baderbudenexistenz zum wohlangesehenen Belletristiker und gar Forscher an vorderster Forschungsfront sind die Wesselys in einem Zweig des Stammbaums bereits aus der bürgerlichen Zahnarztpraxis im vierten Stock hinauf unters Dach der Poesie ausgewandert, man leistet sich einen Eintrag im Unsterblichkeitsregister eines verschollenen Künstlerlexikons, dereinst einmal.

Wie die heiligen Pergamentgesichter hinterm Glas der Hochaltäre so werde auch das Wesselysche Buch dereinst unter Schmutzschutz ins Marbacher Archiv zu liegen kommen, man dürfe – Sozialamt hin oder her - verwandtschaftsweit ruhig stolz auf so einen sein und dass so einer wie der Fastwessely, also ein Wessely im Kern, auch wenn er Ofenvogel heiße, nicht an einem verbotenen Institut arbeite, nichts mit den postdarwinistischen Machenschaften zu tun habe, mit dem Klonprojekt, sie hoffe ja, sagt sie, der kriegt doch noch raus, was wirklich passiert ist, damals.   

Eingezogen, ausgezogen. Auf den Äckern wohne er jetzt, ob sie das schon wisse. Auf dem Acker? erkundigt sich die zweimal um die Ecke gebogene Verwandte, oh wie schrecklich, und wie eine obdachlose Vokabel,  und hat wieder mal nicht richtig zugehört. Neubausiedlung, auf den Äckern sei eine Neubausiedlung, aber was heißt Neubau? Die Äcker in denen der Jungforscher wohne, die Appartementhäuser seien ebenso vierzigjährig wie der Ajot selbst. Trotzdem teuer genug, denn nicht weit vom Ackergebiet entfernt liege das Institut, einsam wie abgetrieben zwischen den beiden Autobahnzubringern. Drumherum eine Zweigstelle der Kreissparkasse und ein superteurer Supermarkt. Sie habe manchmal fast Angst um ihn, den Sohn, weil er sich kein Auto leistet, habe ihr die Wesselymutter, also die Frau Ofenvogel gesagt. Statt im bürgerlichen Auto fahre ihr Sohn auf seinem Second-Hand-Rad ins Institut. Einmal sei er sogar auf diesem Rad zu ihr den weiten Weg in sein früheres Elternhaus geradelt, sie habe es sofort gesehen, obwohl er sein Rad irgendwo unter den umgebenden Bäumen versteckt habe, denn in den Ajotschen Jeansbeinen hätten sich noch die Wäscheklammern festgekrallt, er sei auch nicht lange geblieben, sondern sofort nach einem Nachmittagskaffee zurück an die Forschung. An was er denn zur Zeit forsche, habe sie sich erkundigt. Doch man kriege ja kein gescheites Wort aus ihm raus.


Der Institutsleiter über konkrete Poesie

75 % Mensch wie Pudel, Menschpudel wie ein cut up, Dreiviertelpudel stecke in der Nukleinsäure, im Kern wie ein Text konkreter Poesie, was daran originell sei, werde er auf dem Rundgang von interessierten Bürgern immer wieder gefragt, Goethe, ein Goethezitat vermute der Laie hinter dem wissenschaftlichen Befund und frage sich, was daran Genie sein soll, an dem Satz: VOM LEHM SCHREIM - er, der Bürger, könne mit moderner Kunst nichts anfangen, das gebe er zu, nichts mit moderner Lyrik, dazu seien sie ja da, hat er darauf geantwortet und dass man sich auf das Gedicht mental einlassen müsse, jedes Wort im Ensemble weise vokal wie nasal auf die Worte der Umgebung, nämlich Stuttgart, grammatisch deformatiert (relativ zum Auftreten im Wörterbuch) in degenerierter Sprechweise, gebe seinen  möglichen apophantischen Stellenwert an, werde also ausgesprochen indexikalisch verwendet, schwäbisch wie getüftelt (ich sehe was, was du nicht siehst),  die eigenweltliche materiale ästhetische Botschaft der Texte konkreter Poesie sei primär von indexikalischer Natur (ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist keine kunst). Das entspricht übrigens der Tatsache, dass die gleichzeitig verbale, vokale und visuelle Materialität der Worte ihre volle reale, nicht etwa ihre ideale, also irreale oder mögliche Gegebenheit ausmacht und dass erkenntnismäßig jede eigenweltliche Realität primär nur indexikalisch erreichbar ist. Nur in Bezug auf diese indexikalische Eigenwelt der Texte konkreter Poesie können im Verlauf der semiotischen Textentwicklung Symbole oder Ikonen entstehen (ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist keine. kleinkunst. keine kunst. kunstkunst.)

Konkret die Poesie der Gene aus der konkreten Poesie herausplotten. Sei das Gesamtverfahren durchgerechnet am Gedichtbeispiel vom "Buch des Lehms" unter ästhetischer Bewertung des konkreten Genotyps. Natürlich kompliziert sich durch die Berücksichtigung erzeugender Autoren-DNA die Berechnung statistischer "Stilcharakteristiken", doch gewinnen sie auch an Eindeutigkeit. So zum Beispiel sei das bekannteste Gedicht des erzeugenden Autoren-Genotyps auf eine Markov-Kette der Junk-Sequenz "a doodes auto is" rückführbar. Diese Sequenz habe der Autor in einen Markovschen Textreduktionsgenerator eingespeist und durchgerechnet, die dem Genotyp abgerungene Schönheit des Gedichts sei jedoch kein Merkmal der ausgewählten Sequenz, sondern entstehe allein im Zentralnervensystem des Lesers. Intuitiv wie ein Künstler sei der Satz "a doodes auto is" in die Maschine geraten, die mache ein Buch von a doodes auto is a doodes auto is a doodes auto is a doodes auto daraus, auf 280 Seiten Kunst, doch habe der verantwortliche Autor die tiefergelegten Fundamente seines Schreibens offenbar nicht erkannt.

Ein weiteres Beispiel von konkreter Biopoesie stelle die Polymerase-Kettenreaktion eines alten Fruchtbarkeitstanzes dar, den das Institut in einem künstlerischen Ansatz in eine Fruchtfliege eingebracht habe

pega pega la gotita

la gotita pega pega

pega pega la gotita

la gotita pega pega

lo que gotita pega pega

nunca nunca se despega.


Maschine (beleidigt): Ich kann kein Spanisch.

Mensch (übersetzend): Kleb kleb kleiner tropf kleb kleb.

Kleb kleb kleiner tropf kleb kleb

was nicht kleiner tropf kleb kleb

nie nie kleb kleb.


Man erkennt, dass die scheinbar verbale Eintönigkeit oder Gleichförmigkeit der Texte konkreter Poesie in Wirklichkeit höchst verwickelt ist. Man erkennt auch, dass die verbale Gleichförmigkeit in Texten von junkDNA in Wirklichkeit eine höchste verwickelte Poesie berge. Fazit: Die Lektüre des menschlichen Genoms an sich ist ja schon langweilig. Die Lektüre eines konkreten Genotyps ist aber noch langweiliger.

Worte werden nicht einfach als verbale Elemente benutzt, sondern als Elemente bestimmter Zeichenklassen (kleb kleb). In der klassischen Poesie  entwickele sich der ästhetische Prozeß als Sinngestaltung der Worte (Stichwort Fruchtbarkeit). In der konkreten Poesie bedeute der ästhetische Prozess tatsächlich einen materialen Zeichenprozess (pega pega la gotita), der im Prinzip alle Zeichenklassen durchlaufen könne, um schließlich eine einzige zu verwirklichen (nie nie kleb kleb). Seit von Ehrenfels seien zwei ästhetische Prozesse bekannt, der der "Gestaltung" (Superzeichenbildung) und der der "Reinheit" (Ordnungsgrad). In der konkreten Poesie liege nun der eigentümliche Fall einer "Gestaltung" vor, die mit dem zunehmenden Grad der "Komplexität" (Moles) auch an "Reinheit" gewinne. Ofenvogel allerdings nenne dergleichen Gestaltung "Findung" und verweise darauf, dass das zitierte und mit "Fruchtbarkeit" überschriebene Stück Poesie ganz konkret in der Werbepause des uruguayischen Fernsehprogramms zu sehen sei, einen superstarken Corega Fix & Fest meine - Haftcreme wie kukident kukident zum Städtele hinaus - oder werbe für ein Fliegenpapier zu Tode, schrecklicher als jede Punktmutation eines Fühlers zum Bein.

Der Zeichenprozess, der sich in der Gestaltung der Texte konkreter Poesie abspiele, erweise sich in der Statistischen Analyse als ein Vorgang, der den Text nicht als gegliederte Elementenmenge (Fucks) entwirft, sondern als gegliederte Zeichenmenge, als ein Vorgang, der den ästhetischen Zusammenhang der Zeichenklassen erkennbar werden lässt.  Konkrete junk-DNA-Dichtung, das pure Laut- und Wort-Material der Sprache benutzend, dieses in unmittelbare ästhetische Beziehung zur Sekundärstruktur der Proteine setze.

Diese, bei der Zeitschrift "Neodarwinismus und DNA-Linguistik" von Ofenvogel eingereichte Pubikation zur konkreten Poesie der Gene sei jedoch abgelehnt worden - er hat dem Personalrat zur Kenntnisnahme eine Kopie des verheerend ausfallenden Gutachtens zukommen lassen. Dass er eine Veröffentlichung nicht empfehlen könne, so der ungenannt bleibende Gutachter, nicht nur nicht in "Neodarwinismus und DNA-Linguistik", sondern in keiner der erscheinenden Fachzeitschriften.

t=-k log f (k=constant), schreibt jener unabhängige Gutachter von einem unbekannten Institut aus, diese Formel solle Ofenvogel zufolge nun genau das Maß der Shannonschen Information eines Wortes mit der Seltenheit "f" wiedergeben. Dies sei doppelt falsch, da Shannon nirgendwo einen Informationswert eines isolierten Wortes bestimme, sondern nur über die Summe der Worte aussage, vor allem aber wäre der entsprechende Term nicht t = -k log (f), sondern müsse in Anlehnung an Boltzmanns Formel -k f log(f) heißen. Dass dieser Unterschied fundamental sei, zeige einerseits eine Grenzwertbetrachtung für x -> 0, die für log(x) -unendlich und für xlog(x) 0 ergebe, andererseits sei y=log(x) eine streng monoton steigende Funktion, weise keineswegs das für Ofenvogels Argumentation notwendige Minimum bei e-1 auf (also ungefähr 0,37 oder 37%). Überdies definiere Shannon - Wiener folgend und anders als von Ofenvogel behauptet - Information als Entropie, also durchaus negativ, und Wiener habe allen Grund dazu gehabt. Entweder man betrachte, wieviel Information erzeugt werde, oder man betrachte die Zunahme der Unschärfe im Falle einer größeren Informationsmenge, woraus sich eine geringere Kenntnis der Situation und demnach weniger Information, also ein Minuszeichen vor dem Informationsbetrag, ergebe. Was schließlich die tiefergelegten Fundamente konkreter Poesie angehe, so könne sich eine summarische Kritik mit dem Verweis bescheiden, dass Ofenvogel zwar versuche, die Terminologie Shannons zu benutzen, die dahinter stehenden Konzepte jedoch gründlich verfehle. Er werde sich hier allerdings nicht mit den in der Literatur vorgeschlagenen, quantifizierenden Ästhetiken auseinandersetzen, ihr gründliches Scheitern erscheine methodisch notwendig, solange sie ästhetische Maße in niedrig dimensionierten Räumen und mit fragwürdigen Kategorien versuchten. In diesem Zusammenhang falle ein eklatantes Missverhältnis zwischen Euphorie hinsichtlich der informationstheoretisch zu begründenden Tieferlegung der Fundamente ästhetischer Theorien und dem Verständnis der Fundamente ebenjener Informationstheorie auf. So verwechsle Ofenvogel in bester Bensetradition Transport mit Emission. Sowenig wie Bense Shannon, sowenig habe Ofenvogel Benses Einführung in die informationstheoretische Ästhetik gelesen. Ein schönes Beispiel von numerisch angebbarer Wahrscheinlichkeit und Unkenntnis. Max Bense, Programmierung des Schönen.


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