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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 5

Texte

Kapitel 5


Die Gattin spricht über Ajot


Interdisziplinär, hat sie die Verwandte dann unterrichtet, der belletristische Wessely arbeite inzwischen interdisziplinär. Wessely, hat die Verwandte sie unterbrochen, sie wolle eigentlich was zum Thema Disziplin sagen, Wessely, ist sie von der Verwandten vom Gedankenpfad fort in den Datendschungel gelockt worden, ein Fastwessely. Wie hidden Markov stecke das Wesselyereignis im Drittmittelforscher, wie ein Doktortitel über das Zahnweh bei Thomas Mann. Ein Wessely, von dem nur noch seine Verwandten wissen, dass es sich um einen Wessely handele, vielleicht noch als Hinweis, Namenszusatz, geborene Wessely, zu Häupten  einiger Doppelgräber kurz vor der Einebnung auf dem zuständigen Waldfriedhof. Drittmittelforscher auf Halbjahresvertragsbasis, dahin habe er es gebracht, hat die Verwandte berichtet. Dort forsche er an seinem neuesten Projekt, habe seine Mutter der Verwandten am Telefon gesagt.

Doch sie, Frau Wessely will noch etwas zur Verwandtenentwicklung generell beitragen. Der Benny, der Ziehsohn, habe ja nach Anfangsschwierigkeiten in den Jahren doch noch alle Aufnahmevoraussetzungen erfolgreich durchlaufen, die Eignungsprüfung aufs Gymnasium etwa, die Hochschulzugangsberechtigung. Die Verwandte, die Hundezüchterin, könne gar nicht wissen, welch unbekannten Parametern man sich da aussetze, wenn man einfach so ein fremdes Kind ungeklärter Erbgutsherkunft in die familiären Rahmenbedingungen einpassen wolle. An die erste Schwierigkeit des Kindergartens erinnere sie sich noch genau, Hackordnung hat die Kindergärtnerin gesagt, die Buben solle man ruhig ein bisschen hauen lassen, das sei ja auch eine Art des Näherkommens, die Pädagogin stand vor dem Sandkasten auf der Grünfläche wie auf der Sortierrampe, selektierenden Blicks über die Kindergartenkinder, und fand das ganz normal, als Benny mit dem blauen Auge wies Veilchen auf der Wiese stand, schlag zurück, habe sie als Mutter dem Kind geraten, aber der Benny habe sich damit zunächst schwer getan, Schlagkraft, Durchsetzungsvermögen habe ihm gefehlt, sie habe das dann mit dem Kind unten im Zahnersatzkeller mühsam trainieren müssen, der Fitteste survivalt, hat sie ihn angefeuert, lass dir das nicht bieten, hau ihm in die Fresse, habe sie das Kind aufgefordert und ihm aus der Zahnersatzlade wie aus einer Darwinschen Sozialnische die mehreren Gebissmodelle zum Zähneausschlagen hingehalten. Zahnarzt sollte der Benny ursprünglich werden, doch habe er den Numerus Clausus nicht geschafft, nicht ganz, so erfährt es die fernere Verwandtschaft schließlich doch noch, nicht von der Wessely selbst, nicht von der in die Praxis Eingeheirateten, aber aus sicherer Quelle, um einen Zehntelpunkt habe er die Aufnahme verfehlt, der Sohn, nur zum Zahntechniker hats gereicht, dass er ein zusammenarbeitendes Zahnlabor unter der gutgehenden Praxis ihres Schwiegervaters betreibe.

Die Postdarwinisten, das Institut, an dem der Ajot arbeite, wie sie über den Kontakt zur Hundezüchterin erfahren habe, und die hats aus erster Hand von seiner Mutter, einer geborenen Wessely, aber sie glaubt es nicht, sie kann es nicht glauben, dass ein Wessely, auch wenn er nicht mehr Wessely heisst, dass Ajot Ofenvogel für die Postdarwinisten arbeite, wieso? hat die Hundezüchterin erstaunt gefragt, auch sie habe ja den Fernsehapparat eingeschaltet, Talkrunde mit Postdarwinisten, die verurteilen gerade zeitgleich zum geführten Telefongespräch das empörende Treiben der Prädestinisten schärfstens, man distanziere sich ausdrücklich von derartigen Praktiken. Verbrauchende Täterembryonenforschung werfen die Prädestinisten den Postdarwinisten im Gegenzug vor, Prädestinisten, Postdarwinisten, sie könne das schon gar nicht mehr auseinanderhalten, habe sich die Hundsverwandte beklagt, wo da die Unterschiede seien, wer da nun eigentlich rechtswidrig Embryonen verbrauche, noch ist jener Vertreter der Prädestinisten an der Redereihe und bestreitet gar nicht, daß die biologistischen Prädestinisten einen Verbrauch aufzuweisen haben. Aber die Prädestinisten forschten im Gegensatz zur postdarwinistischen Literaturkritik eben nicht herum  mit dem Gezüchteten. Vielmehr pflanze man den Embryo, abgeerntet im Zystenstadium auf Nährlösung, in den Leihmutterbauch, dort wachse er weiter im prädestinistischen Kindergarten vom frühkindlichen Tätergenotyp zum erwachsenen Täterphänotyp heran und werde im Reifestadium zur Verantwortung gezogen. Zur Verantwortung, wie gesagt, nicht zu zweifelhafter Forschung in freier Gesellschaft. Nicht zu Empfängern alles erklärender wie entschuldigender Gutachten beauftragter Psychologen. Auf die Umwelteffekte sich rausredend oder Elternhaus, Skinner, Pawlow, wie das Glöcklein nieder, so behavioristisch.

Ja, die Prädestinisten können den Postdarwinisten den Vorwurf nicht ersparen, behavioristischen Irrtümern anzuhängen und allerhand Reimverwandtschaften zwischen Züchter und Zuchtziel herbeibeweisen zu wollen, vergebliche Giraffenhalsanstrengung wie darwinsche Gemmules, Herr und Hund sähen sich am Ende eines gemeinsamen Leben eben auch immer ähnlicher, Zellabrieb wie Zellnachbarschaft, da komme schon einiges zusammen, Austausch der Teilchen, Fellmoleküle gegen Hautzellen wenn sie den Hund, also den Benny gelegentlich gestreichelt habe.


"buch des lehms" so heiße das Gedichtexempel, das Ajot statuiert, in sein Projekt kippt wie in eine Maschine, Projektmaschine. Freilich, das Gedicht kenne sie, hat sie zur Telefonverwandten gesagt, sie weiß nicht mehr, wie sie auf Poesie gekommen sind, aber was heisst hier auch schon Gedicht, sie wundere sich, daß das ein Gedicht sein solle, unter Gedicht stelle sie sich was andres vor, neulich in der Strassenbahn, park and drive, man kriegt ja in der Innenstadt keine Parkplätze mehr, sie musste zum Steuerberater, aber das nur nebenbei, Gedicht, ja, etwas mit durchgehendem Bass hum tata und einem Reim hinten,Text, Kurztext höchstens würde sie sowas nennen, Werbelyrik, aber im Gegensatz zu dem, was man heute so liest, eigentlich doch ganz nett, auch klebten die Texte früher noch unten an der Tür in vernünftiger Lesehöhe, nicht hoch oben über den Köpfen, an einige dieser lustigen Reime könne sie sich noch erinnern: Vergiss nicht deinen Hugendubel und gerne warten wir, Frauchen kauft ihr Pfanni hier, nichts Hochintellektuelles mit Anspruch, nein, das gewiss nicht, aber doch hochdeutsch mit erkennbarer Grammatik und kein Schwäbisch wie mitten aus Benz wie Bense,  Stuttgartgedicht und klebt da, dass man sich den Hals verrenkt, heisse "buch des lehms" sie muss schon sagen, sie hasse es, wenn da bloss ein paar Worte auf dem Blatt rumstehn wie verwelkte Ikebana und drunter:

axiom:

vom lehm ka ma net schreim

beweis:

vom schreim ka ma net lehm


und dann kam nix. Leerzeile. danach machte sich der Satz so wichtig wie breit:  nur a doodes auto is a goodes auto



Der Institutsleiter doziert übers doode auto

Wort um Wort der Textvergleich, ein globales Alignment werde von Dr. Ofenvogel auf die Beispielsequenz konkreter Poesie aus dem Gesamtwerk des zu untersuchenden Dichtergenotyps im Vergleich zur Menge aller Gedichte aller Dichter angewandt, junk Patterns auswerfend. Viel sei da nicht rausgefahren aus dem Computer, an dem Ajot seine Forschung betreibt. Allzu zahlreich sind die Belegstellen für Textsequenzen ja nicht, die  mit "Auto", "Beweis" und "Lehm" aufwarten können. Suchen Sie doch mal Auto zum Beispiel wie Schwager Chronos, hoch auf dem gelben Wagen, Sie werden nicht allzu fündig, Erich Kästner vielleicht, Eugen Roth, möglicherweise, Dichtung nach 1945, aber Auto heisst Auto und ist nicht Kutsche zu Pferde, ebensowenig finde sich Autostern wie Auto*, Auto-Wildcard als "Autor" in der Datenbank, da das Gemeinte damals bei Rilke noch Dichter hieß -  "Lehm" wie "Schleim" dagegen findet der Algorithmus und bezieht sich auf wenig appetitanregende Texte oder auf  Sequenzen wie Staub zu Staub. Während zu ka ma net das "alleweil lustig sein" gehittet wird, wobei die Schreibweise auch zu "mr" oder "mo" tendieren könne, unwichtige Details, da die Vokabelsorten: Hilfsverb - Pronomen - Qualifier ohnehin zu den weniger funktionellen Abschnitten des Textes gehörten.


Das von Dr. Ofenvogel eingereichte, doch letztlich unausgeführt gebliebene Forschungsprojekt habe nun vorgesehen, die Beispielsverfasser konkreter Poesiebeispiele zur Abgabe einer Speichelprobe aufzufordern. - Was gemacht werden soll, ist Literatur; was gemacht wird, ist Text - stehe an der Besucherschleuse zu den Hundezwingern, unschwer erkenne der Besucher das Zitat, Bense natürlich. Konkrete Kunsthunde züchte man in diesem Institut, in DNA übersetzte Zitate konkreter Poesie als Schnupfen in den Hund eingebracht, wie angesteckt, alle weiteren Hundenachkommen müssten fortan die geschmacklosen Verse im Genom spazierentragen bis sich eine Mutation erbarme - vom lehm ka ma net schleim -  aber die verwandte Vorsitzende des Hundezüchtervereins hat davon wieder mal nichts gewusst. Den Tierschutz müsse man benachrichtigen, das habe sie ihrer Verwandten gesagt, doch die Verwandte habe sich nicht zuständig gefühlt, sie sei nur für Rassehunde zuständig nicht für Kunst. Global alignment der konkreten junkDNA als junkDNA konkreter Dichter werde durchgeführt an diesem Institut, ein Vergleich der konkreten Speichelprobe gegen die junkDNA aller im Archiv gelagerten Speichelproben. Wieso Junk, werde er als verantwortlicher Institutsleiter an dieser Stelle des Rundgangs von den interessierten Bürgern normalerweise gefragt, Junk bedeute Abfall wie junkfood, im Wertlosen liegend wie in einem Abfalleimer, er wolle darauf spater zurückkommen, junk, missverständlich, irreführend, junk müsse genaugenommen mit nichtcodierend übersetzt werden, konkrete junkDNA hinterlasse charakteristische Pfade auf dem Raster des Speichelproben-abgleichs wie ein Gedicht ausgetrampelte Spuren im Stirnlappen des Künstlers, Gedichtjunk alignements und Speichelprobenjunkalignements also werden zur Mustererkennung ins neuronale Netz gespeist - Ähnlichkeiten in den Mustern, Webmusterähnlichkeiten feststellend wie naheliegend, so nervzellmakroskopisch wie zellkernmolekular: DNA übersetze sich zur kreativen Nervenbatterie des Kreativen, diese zünde im Neuronensemble des Hirns, feuere das konkrete Poem, Pulver und Dampf, husch! wie Asche fällts aufs Papier in seiner Einzigartigkeit und lasse Rückschlüsse zu aufs abgebrannte Hirnerregungsmuster, woraus sich auf das DNA-Material seines Dichters schließen lasse, denn wenn die Gene unser Handeln und Empfinden beeinflussen, Genie von Gen und Genom, genial wie genomisch, dann muss der entsprechende Bauplan, der Text: "Und jetzt werd ich ein konkreter Poet", so spaße er jedesmal, wenn er auf seinem Bürgerrundgang mit den Bürgern an Ofenvogels Tür vorbeikomme, dieser Satz, diese Informationseinheit, dieser Drang und Wunsch müsse irgendwo in der DNA zu finden sein, dort, wo so ein Satz, ein Dichtersatz die Grundausstattung zum Menschen nicht störe, im ferneren Bereich der unerheblichen Junksequenzen vielleicht, wie ein unbeachteter Berufswunsch weit weg von den notwendigen Ausbildungsberufen, nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft, Zahnarzt, Zahntechniker etwa, oder der beiläufige Satz vom Dichter sei ins Gebiet der Homeobox eingeschrieben, Homeobox wie Black Box, die es in dem ganzen phylogenetischen Stammbaum rauf und runter gebe, ein schönes Beispiel, das er gerne jahrjährlich am Tag der Offenen Tür vorführe, denn der Bürger solle ja auch konkret was zu sehen kriegen, abstrakte Lautmalerei, das klinge ja furchtbar, erinnere an Grunzlaute Pubertierender, habe eine Besucherin sich nach der Vorführung jener Lautmalerei beschwert, sie könne damit wahrhaftig nichts anfangen und keine Verbindung herstellen zu ihrer Kunstvorstellung, ein zinnobernes Geschnarre, hässlich, darauf käme er später noch zurück, auf die Pubertät nämlich und von der Pubertät dann zwanglos auf Darwin, soviel könne er an dieser Stelle schon verraten, er wolle aber zunächst etwas zur Homeobox bemerken, vielmehr: zu den die Homeobox regulierenden DNA-Abschnitten von Fruchtfliege zu Frosch und Mensch. Wie in einem für den Institutsrundgang extra designten Vorführeffekt regulieren diese Gene die Embryonenentwicklung. Dass eine einzige Mutation in diesen Genen ein Körperteil in ein anderes Körperteil überführen könne, Punktmutation wie Schleim aus dem ‘Schreim’ absondernd, verfehle kaum den yuck-Effekt auf seine Zuhörer. Eines dieser Mutationsexperimente am Beispiel Fruchtfliege exprimiere statt der Fühler Fliegenbeine, was die Fruchtfliegen selbst offenbar nicht sehr störe, umso mehr die Zuschauer, wenn sich da das Bein am Kopf der Fliege beuge im Gelenk wie ein falsch dekliniertes Wort.  Sowenig wie der frühere Dichter sich daran gestört habe Vierfüßler, Fünffüßler, Sechsfüßler im Kopf zu haben, Dichterbein statt Fühler wie weit weg mutierte Gattungen. Der heutige Autor aber ist kein Kopffüßler mit Hebungen und Senkungen wie Hundebein.



Die Gattin hat was zum Thema Ajot beizutragen

Homologie der Dichterworte wie das Erstellen phylogenetischer Stammbäume, was sich der Mensch vom Wurm abgeschrieben habe. Gedicht sei das, müsse es wohl sein, es müsse sich um ein Gedicht handeln, sonst würde es ja nicht in dieser kulturellen Zeitschrift stehen, sie möchte bloß wissen, was sich der Redakteur dabei gedacht hat, aus dem Biologiebuch abgeschrieben, paar Zeilen untereinander und sowas soll nun belletristisch sein? Sie habe diese Literaturzeitschrift nach dem Abdruck jenes Gedichts abbestellt, sowas helfe keinem Schmerzpatienten  saug/ wurm: mit einem after/ kleingeschriebene Worte wälzen sich wie auf einem Bauch über die Seite, kommen nicht recht vorwärts, wie zerstückelt die Sätze, dann tiefer in den Satzköper hinein versenkt / durchziehn quer verlegte / muskelfasern den leib. / dies verleiht den wyrmern / die beweglichkeit einer menschlichen zunge, das Gedicht beschäftige sich dann mit Verdauung und ende mit dem Ausscheidungsorgan, von dem es heiße -  besitzt nur eine öffnung, / den mund. Und sowas liege auf dem Couchtisch der Sitzgruppe dem Sprechzimmer gegenüber.

Da ist ja selbst der Kleine Tierfreund wartezimmergeeigneter, aber den gibts ja nur noch antiquarisch, und ihr Schwiegervater habe ihr in diesem Punkt Recht geben müssen, denn Wissenschaftler hätten inzwischen rausgefunden, dass es mehr Übereinstimmungen zwischen Mensch und Hund gebe als zwischen Mann und Maus. Im Tierfreund? Habe sich die Verwandte gewundert, natürlich nicht, habe sie der Verwandten erklärt, sondern in Science, ihr Schwiegervater schmökere darin, gelegentlich, eigentlich hatte der Opa das Blatt ja vor Jahren zu Erziehungszwecken abonniert, für den Bub, den Benny, zur naturwissenschaftlichen Förderung des Jungen, und der lerne ja auch so schön Englisch dabei, inzwischen aber lägen die letzten Hefte hauptsächlich nur so rum wie all die anderen Wartezimmerzeitschriften, die sie ganz vergessen habe abzubestellen, er als Patient läse sowas überhaupt nicht gerne, Überschriften wie "Karies-Genom entschlüsselt", habe sich einer der Schmerzpatienten beklagt, so eine Backe, sie seien dann von Wartezimmer über Literatur auf Wissenschaft gekommen, "Wenige Gene reichen zum Überleben" und "Leben im Mund", raus mit dem Zahn und fertig, das sei seine Meinung, "Lieber putzen als husten", zu dieser Erkenntnis brauche man nun wirklich keine Berichte aus Sonderforschungsbereichen, ein Blick in den Staubsaugerbeutel genüge, "Schweinezähne in Rattendärmen", der Schmerzpatient habe sich gekrümmt, und jetzt falle es ihr wieder ein, die Verbindung zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Dichtung und Zahnarzt, wie sie dann darauf gekommen sind. Streptococcus mutans, wenns ihn nicht gäbe, so müsse man ihn erfinden, scherze ihr Mann, wenn sie für ihn die Abrechnungen in der Praxis des Schwiegervaters mache, streptococcus mutans, ohne den hätten sie nichts zu knabbern und zu beißen, von A bis Z wie Zuckerle, rund 15 Prozent seiner genetischen Information investiere die Bakterie in die Steuerung der Nahrungsaufnahme, so der Essay auf Doppelseite und drunter. "Zähneputzen setzt Quecksilber frei" - sie finde solche Artikel kontraindiziert. Wenige Gene reichen zum Überleben, habe ihr Mann ihr vorgelesen, beim zweiten Frühstück war das, am Sonntagmorgen, ihr habe es danach nicht mehr so gut geschmeckt, das musst du hören, hat er gesagt, das sage er immer, und dann müsse sie sich allerlei langweilige Daten anhören, Zeitungsausschnitte, als ob sie nicht selber lesen könne, eine seiner schauderhaften Angewohnheiten, sie wisse nicht, was die Männer eigentlich zu solchen Frühstücksmanieren treibe, einmal habe er ihr aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung das menschliche Genom vorgelesen, sechs Feuilleton-Seiten lang, Festmahl der Fakten, habe sich einer dieser staatlich angestellten Dichter, Steuergelderdichter lobend zur Veröffentlichungsidee in der Kulturbeilage geäußert, sie habe noch einen zweiten Kaffee getrunken aus lauter Langeweile, wie der Dichter doch gleich heiße, habe die Verwandte sie ermahnt, sie solle beim Thema bleiben, bacillus subtilis, die  meisten Erbinformationen seien völlig unnötig oder nur für das Überleben bei schlechten Umweltbedingungen erforderlich, man habe den Bazillus oder nicht den Bazillus selbst, sondern seine Doppelhelix kleingeschnitten wie amputierte DNA, trotzdem wachse selbst der mutilierteste Mutant zur Bazille weiter, wenn er bei angenehmen Mundtemperaturen auf Nährsubstrat zwischen Zähnen gehalten werde, da richte selbst die raffinierteste Zahnpaste nichts mehr aus, sie habe schliesslich nicht mehr hingehört, nicht in die Tischrichtung ihres Mannes, "Knurren statt beißen", ein interessanter Artikel, statt zuzuhóren habe sie gelesen, den interessanten Artikel aus dem Mitteilungsblättchen des Hundezüchtervereins, das ihr die Verwandte neulich zugeschickt hat, es wäre ihr zwar zuwenig, nur das Mitteilungsblättchen und sonst nichts zu lesen, diesmal aber ist die Postille des Hundezüchtervereins ungewöhnlich informativ gewesen, "Haustiere besser fürs Gemüt als Ehepartner", ein gelungener Artikel, wie sie anlässlich von Bennys Geburtstag zur Verwandten gesagt hat, Herr und Hund, man sei sich verwandter als man denke, es lohne durchaus, sich ab und zu an diese Tatsache zu erinnern, wenn die Hand mal wieder gedankenlos hinabfahre unter den Frühstückstisch und am Hund verweile, im Fell, blond wie eine Frühstücksflocke, mehrere hundert Genfamilien unterschieden sich jedoch, habe der Wessely, ihr Mann, sie auf der anderen Seite des Tisches hingewiesen. So liefere das Pudelgenom mehr Baupläne für Geruchsrezeptoren als das menschliche Genom, jaja, habe sie gemurmelt, sie habe genug vom menschlichen Genom, sechs Druckseiten voll und das sei alles, was man wisse? Mehr als 360 genetische Erkrankungen mit Pendants beim Hund seien bekannt, außerdem spiele das menschliche Genom eine wichtige Rolle in der Grundlagenforschung zur Gentherapie, habe ihr Mann darauf erwidert. Wenn das so sei, man werde in Zukunft keinen Benny mehr einschläfern lassen müssen, habe die Verwandte am Telefon bemerkt, Menschengrundlagenforschung auf der Basis Hund, die Forscher nutzen für ihre Untersuchungen eine weiter entwickelte cut-up Methode, der gemeinsame Verwandte, vielmehr: der Verwandte von der Wessely-Seite, er heiße zwar nicht mehr Wessely, sondern Ofenvogel, Ajot betätige sich interdisziplinär auf diesem Gebiet zwischen Literatur und Genetik, cut-up, eine Methode, die sich ein schöngeistiger Genetiker aus den Werken der Avantgardeliteratur entliehen habe, schreibe Dr. Ofenvogel in einer abgelehnten Publikation.


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