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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 11

Texte

Kapitel 11


Oh drecksapothekene Assoziationen der Dichtkunst, Signaturmittel der Literaturwissenschaft, Hechtskiefer der Belletristik wie gegen spitze Zahnschmerzen der Wortwahl!

Die Bürger werden alljährlich am offenen Tag ins Labor geführt und können live der Expression des Satzes vom toten Autor beiwohnen: AUT=O, der Dreibuchstabenstart AUT wird hinten am T-Ende, am Thymidin zum AuTo oxidiert wie an einem gentechnischen Vergaser und ergibt keinen Sinn. Der Code ist danach nicht mehr durch das Raster der DNA zu quetschen, fast unlesbar geworden, bezieht sich  A wie Alanin aus dem Dreibuchstaber GCG, U wie Valin - GUG, liest der Sequenzer, T wie Threonin und oxidiert - liest falsch ab, aus dem Sequenzer fährts raus, das falschexprimierte Wort "dood", das keinen Sinn ergebe, weder von vorn, noch von hinten, jedenfalls nicht im gentechnischen Sinne  - D O-O-D - Buchstabe D für Aspartat wie in light-Produkten, ein Holzalkoholabkömmling, Hirnschädling, -O-O- aber, die Peroxidgruppe so desoxyriboli o dui o - o - dood    dood dood dood - exprimiert die Maschine, Threonin aus GAU - das Aminosäurenband schlängelt sich, knüllt sich zu einem tödlichen Knäul. Ein Schriftsteller hat die Phrasen zu vernichten, so die Bachmann, ein konkreter Künstler dagegen vervielfacht eben diese Phrasen niedrig codierender Genteile wie in einer Polymerasenphrasenreaktion, is a doodes auto is a doodes auto is a doodes auto, man könne es nicht oft genug wiederholen. Ofenvogel aber habe die nieder codierende Biochemie der Worte in Poesie gesetzt und ein primitives Häufigkeitsverfahren drauf angewandt, Markov-Ketten gerechnet wie dummes Wörterzählen. Bioinformatik hat was mit Statistik zu tun, dann muss Wortzählen doch auch auf Poesie anwendbar sein, der falsch verstandene Bense aber ist mit Shannon bei Ofenvogel in eins gefallen, der Feuerreiter von Mörike wird mit einem Majakowski zu Dynamit und Dichtkunst und einem einzigen grammatischem Fehler, streng gerechnet und ohne Kunst - wie Ofenvogel betont. Und das soll neu sein?

OUTPUT:

Sehet ihr am Fensterlein Dort der Reim - Dynamit. Ein Gerippe samt der Reim - lauernde Lunte. Die Zeile zischt, die Luft und Schwüle

Luft und Wagen im Vers geht in Trümmer; Doch den kecken Reitersmann Sah man von fern gerochen, Mit des

heilgen Kreuzes Span Freventlich die Strophe explodiert damit, und unter. Schaut! da fällts in die Mühle borst in der Reim -

lauernde Lunte. Die Zeile zischt, die rote Mütze wieder? Nicht geheuer muss es fort und eine Stadt im Vers geht in die Luft und eine

Feuerleiter! Querfeldein!

Reitest du in Asche ab.

Ruhe -


OUTPUT:

besprochen - Dynamit. Ein Pulverfass. Die Zeile - Dynamit. Ein Gerippe samt der Reim

- lauernde Lunte. Die Zeile zischt, die Muehle borst

Strophe explodiert damit

Konkrete Poesie: Das Genom transportiert keine Gefühle, ruft keine hervor. Es gehört zum Wesen der konkreten Poesie, dass sie wie eine leichte Muse wirkt, Zarzuela, Operette, lustige Witwe und Fledermaus im Rattenversuch, unterhaltsam wie ein Hundetod im Labor, es ist ein labortechnisches Kreuzworträtsellösen der Proteinmatches. Eine Dame in modischer Kurzhaarfrisur und mit einem chinesischen Feng Shui Halsschmuck – einem bedeutsamen Schmuck, der eine Botschaft vermittelt, die sie selbst nicht versteht, hält sich das Taschentuch vor den Mund, braucht Luft auf dem Rasenstück vor dem Institut, wo sie sich am Gedenkstein festhalten kann. So eklig finde sie die Ausführungen und Vorführungen drinnen, im Institut, japst sie.



Es spricht der Institutsleiter


Was die Reise an den Stadtrand des Mehrstöckigen betrifft, dort wohnt, da verrate er auch gar kein wohlgehütetes Geheimnis, sein Amtsvorgänger, die Telefonummer stehe frei verfügbar in jedem Telefonbuch, Genom und Glaube so der Titel des zuletzt erschienenen Buches seines Vorgängers.  Zu einem der anerkannt großen Wissenschaftspreise habe es zwar nie ganz gereicht, nur zu allerlei namentragenden Kleinpreisen wie Langerhans-Preis, das klinge fast wie Speicheldrüse und Erbkrankheit vom Zuckerzweityp, man wisse nicht, soll nun der Erhaltende oder der Benennende des Preises geehrt werden, so der alte Herrn bei Empfang der Auszeichnung. Immerhin hat er, der Vorgänger, es bis zum großen Verdienstkreuz geschafft! Diesen also habe Doktor Ofenvogel aufgesucht und zu den Vorgängen um die allerersten Experimente herum befragt, Experimente, damals noch unter gemeinsamer Verantwortung von Prädestinisten und Postdarwinisten, darunter das berühmte Experiment, von dem so viel geschrieben wurde, Jackenauszug, aber er wolle hier keinesfalls die Zuhörer mit schon Bekanntem langweilen. Blut, habe der Katalog das prominente Kleidungstück beschrieben, das genetisch manipulierte Tier habe dann den Reichsdeutschen austragen sollen. Widerwärtig! Die Kameraführung der Wissenschaftssendung zoomt sich in ekelverzerrte Gesichter, deren Träger sich von den Geschehnissen damals von vor fast dreißig Jahren zu distanzieren wünschen, Betroffenheit anstelle exakter Gefühllosigkeit millionenfacher Molekülschicksale gegenüber, irgendwann wird ein Gesicht hinter den Zahlen sichtbar. Der austragende Hund entkommen – der Klon müsse inzwischen etwa dreißig Jahre alt sein, ein Unbekannter, den man dringend sicherstellen müsse, so die Forderung der Prädestinisten, aber er wolle jetzt nicht näher auf die sektenartige Vereinigung dieser Prädestinisten eingehen: es gehe um Kind und Hund und Experiment, darum, das Verwerfliche aufzuzeigen, die Irrwege der frühen Institutsmitarbeiter nachzuvollziehen, man sei dies auch den Überlebenden der darauf folgenden Experimentierphase, den Opfern der Großversuche, schuldig, derer am Gedenkstein gedacht wird. Eine ganze Kindergartengeneration sei damals herangezüchtet worden, deren psychische Verfassung nach Freisetzung in die Gesellschaft erst noch Gegenstand weiterer Untersuchungen werden müsse, so seine Forderung im Antrag auf Bewilligung der Mittel zur historischen Würdigung jenes ersten Experiments. Doch seien Nachforschungen, das Urexperiment betreffend, unerwartet auf Hindernisse gestoßen. Die Daten. Der PC, ein WANG, sei damals versehentlich ausgemustert und mit vollständigem Datenbestand an die Stadtbücherei Stuttgart gelangt, so das Forschungsergebnis. Den Rechner habe man für den Datenbestand Heißenbüttel angefordert, so die Sprecherin der Stadtbücherei, die historischen Experimentdaten müssen von konkreter Poesie überschrieben sein, vielleicht noch im Gelöschten der Ablagebereiche, das könne man nicht beurteilen, ohne einen Blick auf die Festplatteninhalte geworfen zu haben. Doktor Ofenvogel, der Beauftragte, habe sich also an die Stadtbücherei gewandt, sei aber auf eine Schenkungsurkunde verwiesen worden, er habe eine Kopie hier, die er gerne mal in die Kamera halten möchte, Blatt aus einem Quittungsblock, klar ist die Inventarsnummer ersichtlich.

Warum der PC ausgemustert worden sei? Weil dieser erste Datenträger, also dieser Uralt-PC, den neueren Arbeitsschutzbestimmungen nicht mehr genügt habe, Strahlung, Emissionen, Ergonomie: Der Wang, ein Stück PC-Geschichte inzwischen, ein Rechner von eher geringfügiger Speicherkapazität - 360 Kilobyte, wenn er sich recht erinnere – sei dann durch ein mächtigeres Nachfolgegerät ersetzt worden, der Wang selbst sei – so der Stand der Nachforschungen – an ein südamerikanisches Institut gegangen.  Genaueres wolle er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mitteilen. Nur soviel: Ein Mitarbeiter, Dr. Ofenvogel, recherchiere zur Zeit drüben in Südamerika.   

Und was das – im Zusammenhang mit den gelöschten Daten – zitierte Poem auf der Heißenbüttelschen Lochkarte angehe:

Stop end goto

eine Folgeanweisung “goto” ist natürlich unsinnig nach “end”, aus Schluss. Nichts, Loch, nur der Südamerikaführer. Wer nun aber das “end” wie “änd” spreche und “and” lese, der käme zu einer ganz anderen Schlussfolgerung.

“Stop and goto” Rhythmus. Rumba, Samba, Tschatscha, zu zufällig stecke die Lochkarte in Südamerika, um nicht den Verdacht zu erwecken: Heißenbüttel habe die da selber reingesteckt.

Das beantwortet allerdings nichts.  Was Heißenbüttel denn zu verstecken gehabt habe, das er nicht offen aussprechen, schreiben hätte können? Da der Postdarwinist aber keineswegs auf seine Frage eingegangen sei, stattdessen immer wildere Vermutungen zu Südamerikaführern und Stop & Goto hervorgestoßen hat, so habe er, der Kommentator, den man der Talkrunde zugeschaltet hat, den Verdacht nicht loswerden können, dass sich hinter der Stadtbücherei, hinter Heißenbüttel, Code, Bio und Informatik einfach nichts verberge, Zufall, wie die unsichtbare Kraft zwischen dreidimensional sich ballenden Molekülhaufen, grobe Kraft ohne Gesetzmäßigkeit oder Gedanken.

Was man aber überhaupt auf diesem ausgemusterten WANG, auf dieser Platte zu finden hoffe – Hundedaten, Kinderdaten des ersten Versuchs. Ob er denn überhaupt stattgefunden habe, dieser Versuch, so der Einwurf eines Kritikers, der vom Postdarwinisten jedoch übergangen wird. Man müsse es hinterfragen: Das Leihmuttertier – im Wald verendet und das Skelett nie gefunden, also wisse man zum Ausgang des Experiments genaugenommen nichts.

Man habe sich deshalb nähere Hinweise erhofft von der Festplatte – Dr. Ofenvogel habe daraufhin die bereits erwähnte Dienstreise beantragt und angetreten, auf die Gründe der Reisegenehmigung wolle er im Augenblick nicht eingehen, die Daten seien vielleicht noch speicherbar, so die Begründung im Antrag, schließlich sei der Wang bis vor zwei Wochen am Sequenzer des Montevideaner Empfängerinstitut im Einsatz gewesen. Man müsse die Improvationsgabe dieser Südländer wirklich bewundern, die stellen einen vollständigen Technologiepark hin aus dem Zeug, das in Europa nur noch Sondermüll heißt, so der Gutachter, der Ajot die Reise dann genehmigt habe.

Dass der Rechner beschlagnahmt sei, so die Auskunft vor Ort, direkt vom Sequenzer weg sei der abgestöpselt worden, er, aus dessen Maschine noch die Daten einiger südamerikanischer Gewebe tickerten, es ging um Erbfolgen, Verwandschaftsverhältnisse, dann stand der Sequenzer still. Beschlagnahmt?

Keinesfalls, so wurde Dr. Ofenvogel von südamerikanischer Seite unterrichtet, habe man irgendwelche alten PCs zu Beweiszwecken in Erbangelegenheiten beschlagnahmt, nein, aber seit dem Ersten des letzten Monats sind strenge Spendenregeln in Kraft, man sei nicht weltweit die Abladestelle für gefährlich abstrahlende Monitore, sich zersetzendes Kabelmaterial, man akzeptiere grundsätzlich nur noch PCs, die in den letzten fünf Jahren hergestellt worden seien und zwar nur komplett mit Umverpackung und Zertifikaten, so die zuständige Kontaktperson vor Ort, im übrigen bezweifele man, dass es je einen Stuttgarter Bücherei-WANG in diesem Labor gegeben habe.

Die Organisation werde langsam nervös, habe er Ajot per e-mail gemahnt. Dass seine Nachforschung keine Fortschritte mache, hat Ajot aus Montevideo zurückgeschrieben, der Institutsleiter bezweifelte das nie.



Es spricht die Gattin

Ja, ist er jetzt in Südamerika, sie könne nicht klug werden aus dem Geschwätz dieses Institutsleiters, so die Gattin zu ihr, der Hundsverwandten. Ach die! Die Gattin, so die Witwe, hat noch nie irgendwas begriffen. Den Wesselyschen Ziehsohn nicht vom Abdriften in die Schriftstellerei bewahrt, und vom Schreiben kann man ja nun nicht leben, das hat sie ihrem Karlhans immer wieder gesagt. Doktor Ajot Karlhans Ofenvogel, Jungforscher im Bereich  Datensicherung, und dass er ihn schließlich gefunden habe, den Erstgeborenen jener Experimente, den Gezüchteten aus dem Jackenauszug, den man vor Jahren im Umkreis der Institutsgelände verloren habe, die Talkshows waren in den letzten Wochen voll davon, Gedenksendungen, Dokus, seit Wochen war der vermisste Junge Gesprächsthema, aber was heißt da Junge, ein Erwachsener inzwischen, man habe den Verdacht, dass die Postdarwinisten schon damals mehr darüber gewusst hatten, als sie nach den jüngsten Ereignissen zugeben wollten, so der Prädestinist in jener Sendung, fahrlässig, skandalös, sie habe auch bloß eingeschaltet, weil der Karlhans vielleicht interviewt wird, eine Direktschaltung aus dem Ausland mit Karlhans, der dieses Projekt direkt unter sich hat, bioethische Geschichtsforschung, und dass er den fraglichen Klon also gefunden habe. Der Institutsleiter dementiert auf eine Weise, dass der Moderator dies für ein Eingeständnis wertet – man habe den Klon also gefunden – der Institutsleiter mag sich dazu im Augenblick nicht äußern, man suche, das sei wohl allgemein bekannt, nach dem Genotyp, man bemühe sich um Aufklärung der Geschehnisse im damaligen Vorgängerinstitut, das Auffinden jenes fraglichen Klons, wenn er noch lebe, sowie die Fortführung eben jener Experimente. Nein, es ging auch nie um Prädestinismus, es ging um Erkenntnisgewinn – man habe sich seit der Entlassung der Betroffenen, die noch unter der Obhut der Postdarwinisten verblieben seien, von den prädestinistischen Methoden losgesagt – und um auf den berühmten Fall zu sprechen zu kommen, Leihmutterhund und der von ihr Ausgetragene, im Wald als verendet Vermutete,  man baue auf die freiwillige Kooperation des Ausgetragenen, jenes reichsdeutschen Klons, er wolle gar nicht näher darauf eingehen, jeder könne jederzeit die Projektbeschreibung anfordern und durchlesen, so der Institutsleiter, gewisse postdarwinistische Tests auf freiwilliger Basis der Versuchsperson, erst müsse jedoch zweifelsfrei feststehen, dass es sich um den fraglichen Klon handle, dazu sei die Auswertung des alten Datenbestands, die originalen Versuchsdaten erforderlich, verschollen in Südamerika, so der Moderator, man warte auf Doktor Ofenvogel.

Die Gattin habe ja gemeint, sie hätte ihn schon längst gerne in den Verein eingeführt, in den Club, Peregrinischer Blumenorden, Zahnärzte, Landräte, da hätte sich auch für den Witwensohn aus dem Institut was machen lassen, dumm sei er ja nicht, der Ofenvogel und Verfasser eines Buches, sie habe bisher nur keine Zeit gehabt, das Buch gründlich zu lesen, sie würde gerne den jungen Belletristiker als Doktor Ofenvogel einführen, beispielsweise zu Anlass der Veranstaltung: “Peregrinen lesen Heiteres” auf einer Blumenfahrt, auch der Benny habe etwas vortragen wollen, habe sich bereits angemeldet gehabt, sie dachte, bei dieser Gelegenheit hätte sie auch den Ajot einführen können, doch sei sie zum Veranstaltungszeitpunkt verhindert gewesen, der Ziehsohn sei alleine gegangen, ohne sie, die Gattin, die hat doch das gar nicht mitgekriegt, wohin der gute Benny abgerutscht sei – hält ihn für einen Zahnarzt, der Benny aber schreibt Theaterstücke und was für Theaterstücke, grauenhaft, wohl in Selbsttherapie, Defektdeckung, und sie kann dem Benny das gar nicht übelnehmen, dass er schreibt, wie er schreibt, den Theaterfiguren Sätze ins Maul stopft, bis die Figuren explodieren, wütende Sprengkörper, Satzlandung, kein Wunder bei dieser Erziehung.


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