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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 10

Texte

Kapitel 10


Die Gattin redet

... und sowas soll nun schön sein, reime sich nicht vorn, noch hinten, aus Vermeidungsgründen, Endreimgründen habe der Standesbeamte damals Benjamin vorgeschlagen, Benjamin Wessely, das wiege sich im Psalmenrhythmus wie Herr und mein Hirte, nichts wird mir fehlen, der damit befasste Standesbeamte müsste aber schon im Ruhestand sein, dieser Endreimvermeider wie sonst ein moderner Poet. Neulich im Omnibus: an der Stelle vom dooden auto klebte ein weiteres Busexemplar wirrer Poetik und summte ihr hernach noch stundenlang wie ein schwirrendes Fliegenpapier, an dem sich das Bein im Leim beugt, das Stück werde auch von Doktor Ofenvogel in seinem Standardwerk "Von der experimentellen Lyrik der DNA" besprochen, so dieser Institutsleiter per Direktschalte, oder wie man das nennt, vom Institutsrasen hinein in die Fernsehdiskussion, veraltete Techniken wie Montage, Collage, ein Gedicht sei ausgewogen harmonisch, dies sei eine statistische Aussage, ein Gedicht habe so schön zu sein wie eine Glockenkurve, diese Feststellung aber ist nonsense, sagt der Institutsleiter und möchte noch folgendes hinzufügen:

Patternmatching eines Konkreten Gedichts gegen die massive Gedichtdatenbank, einen Knuth-Morris-Pratt-Algorithmus habe Ofenvogel zu diesem Zweck vorgekramt, ein untaugliches Instrument, das bescheinigte selbst die – wenn schon nicht wohlwollende, so doch streng sachliche – Kostenstelle seinem Sozialfall-Jungforscher, zwei Monate lang habe der Supercomputer am Zentrum für Datenfusion gerechnet, so der Institutsleiter per Fernsehübertragung, hunderttausend Euro habe Ajots Computer-experiment verschlungen, die Sequenzanalyse von "kleb kleb" als Mustererkennung wie von Hundefell, jetzt ist der Institutsleiter kurz mal still, und sie will bloß dazu sagen, ja, sie habe den Benny aus tausenden Hunden rausgekannt. Aber sie wolle eigentlich noch was zum Thema Kunst beitragen, im Zusammenhang mit Benny, dem Hund, jetzt falle es ihr wieder ein, so hat sie zu der Base gesagt, ob sie das auch schon gelesen habe, das mit dem Hommagenhund? Hommagenhund? Habe die Verwandte kritisch nachgefragt. Blau, hat sie der Verwandten daraufhin erklärt, der Hund stand neben dem Goldfisch im Küchenmixer, dort auf der Biennale, ein Tier mit Yves-Klein-Blau-Gen. Die Gentechnikgegner hätten sich mit den Tierschützern diesbezüglich zusammengetan vor dem Ausstellungsort und gegen den schillernden Hund protestiert. Hommage an Yves, habe der Künstler den Hund genannt und wolle demnächst weitere Hommagen kreieren, Gedichthunde zunächst, er habe sich mit einer Anfrage an das Institut für postdarwinistische Literaturkritik gewandt, dort werde er in Zusammenarbeit mit dem Labor zunächst Lyrikhunde exprimieren, bevor er sich an Prosahunde wage. Wie ein Endreim werde sich der Hund krümmen, falten wie unter dem Einfluss funktioneller Gruppen von Aminosäuren, sich biegen wie Proteine. Faltungen, überhaupt. Am Tierversuch Hund wolle er Faltungsmodelle für Lyrik erproben, dass er noch nach einem passenden Dichter variabler Strukturen und konservierter Abschnitte suche, den er in den Hund einbringen könne. Vielmehr: Nicht den Dichter selbst, sondern dessen Werk als junkDNA. Junkie, sagt die Zahnarztgattin, und allerhand Verderbliches, überhaupt sei ja auch der Ajot verschwunden vom Institutsgelände, danach oder mindestens verdächtig zeitgleich, Südamerika habe sie gehört, andeuten gehört, die Witwe habe Südamerika jedoch eher im Flüsterton mitgeteilt, als ob Südamerika nicht in die offizielle Version von der Ajotschen Erfolgsstory passe. Diplom Doktor, Postdoc - jetzt sei er vierzig und hängengeblieben bei den Drittmitteln.

Südamerika, haha, so die neidische Verwandtschaft, denn ihr Karlhans, also der Dr. Ofenvogel, bildet ja sozusagen die erste Generation von schöngeistigen Akademikern im Genpool der Familie Wessely. Zum Zahnreißer habe man es im Zweig der Wesselys gebracht, so die Witwe, und meint die Gattin damit, die sich zuviel auf den Doktor dent einbildet. Dabei sei noch nicht einmal sicher, ob der Benny überhaupt abgeschlossen habe mit irgendwas in Richtung Dentist, so die Witwe, denn der Banny schreibt wie ein  abgestürzter Künstler, und so eine wie die Gattin, die noch jeden Hund kaputtgekriegt hat, kritisiert den Forschungsaufenthalt ihres Karlhans, hat die Stirn, das Wort “Südamerika” auszusprechen in einem Ton, ja, in einem Ton, der ...
 
Was er dort wolle? Doch kein Nebeninstitut aufmachen oder so im rechtsfreien oder besser gesagt im fast rechtsfreien Raum zwischen geparkten Dollarvermögen auf irgendwelchen fast namenlosen Islands, die dann bankrottgehen wie inselsinken, ha! Luxusfahrten und Traumschiff auf Institutskosten, man schätze seine forscherischen Bemühungen, so die verblendete Witwe in völliger Verkennung aller Fakten, die glaubt immer noch, dass aus ihrem Ajot was Besseres wird als ein Drittmittelforscher auf A-halb-Basis beamtenrechtlicher Vergütungen. Und die Mutter eines so ausgewiesen versagenden Versagersohnes ausgerechnet will wissen, dass etwas nicht stimmt mit ihrem Benny, dass das Dichten ihres Bennys mehr sei, mehr sein solle als eine unschuldige Freizeitbeschäftigung, das, was sie jetzt per Zufall und Telefonleitung über den Nachrichtenweg der Zwischenverwandten erfahren muss, das höre sich ja fast schon so an, als wolle man dem Benny unterstellen, er betreibe gar keine Praxis, kein Labor, treibe sich in theaternaher Gesellschaft herum, als ob ers nötig habe, sich irgendeine bedrückende Kindheit vom Leibe zu schreiben. Wo aber soll den unbeschwert aufgewachsenen Knaben je ein Umstand gedrückt haben? In die erfreulichsten Zukunftsaussichten ist ihr Benny hineingewachsen, in einen Blumenorden, das hat sie übrigens auch der Witwe einst geraten, sie solle doch ihren Ajot in einem Club anmelden, die Witwe spreche seitdem nicht mehr mit ihr, hat die Zahnarztgattin ihr bei einem der vorigen Telefongespräche versichert, das war im letzten Jahr zum Jahrestag, zum Hundegeburtstag muss das gewesen sein, Gattin Wessely ruft mindestens zu diesen beiden feststehenden Daten an, Geburt und Hundetod – aber was heißt feststehend? Noch nicht einmal festgestellt ist das Geburtsdatum, die Wessely hat damals einen Aufstand gemacht, den Züchter solle man ausschließen, rausschmeißen aus dem Verband, es sei schwer gewesen, die Gattin wieder zu beruhigen, hat sie damals zur Witwe gesagt, die den ganzen Aufruhr um eine Handvoll Hundedaten ebenfalls nicht ganz nachvollziehen konnte. Ein adliger Hund und dann die fehlenden Daten, hat die Gattin ins Telefon geschnaubt, wer solle ihr denn den fehlerlosen Stammbaum glauben, wenn hinterm Geburtssternchen ein unbekannt statt des konkreten Datums prange? Die Geburtstage, Vaterdatum, Mutterdatum, und auch der Generationenkette lückenlos dokumentiert, und dann ein Fragezeichen hinterm Benny, das doch auffallen muss in der Urkunde, die dort im Sprechzimmer hängt, wie ein fehlender Zahn und nicht zu ersetzen ist durch ein Einzugsdatum. Aber dann bei dem Kind, dem Ziehsohn, beim Benny war sie ganz auf einmal viel weniger heikel, aus einem Kinderheim haben sie ihn geholt, den Benny, von zweiter Hand. Geburtsdatum, Herkommen, nichts sei darüber zu erfahren gewesen, so die Gattin erstaunlich cool, Hauptsache, das Haus sei nicht mehr so leer, so die Gattin, der Benny, also der Hund, wenn der Hund nicht einem definierten Zuchtziel entsprungen sei, sondern aus dem Tierheim geholt, ein Hund also ohne Familie, ohne Stammbaum. Als ob sie etwa einen Bennyersatz gesucht hätte, Tierheim, Kinderheim, eine Adlige hätte ihr Kind doch nicht in der Babyklappe abgegeben, minderjährig oder nicht, einen bürgerlichen Hund höchstens könne man im Heim erwarten, keinesfalls ein Stammbaumtier, so hätte sie doch im Tierheimfall nie darauf bestanden, ein Geburtsdatum für die Geburtsurkunde zu erhalten, sie meinte aber, es dem Stammbaum schuldig zu sein und alle Bennyvorfahren beidseitig dokumentiert bis in die Schlossgeneration hinein, denn der erste Benny ist mit seinem Herrn, einem Fürsten, jagen gewesen in Feldern und Auen.

Blumenorden, die Witwe spricht nicht mehr mit ihr, sie spricht ja nur noch hintenherum über die Wesselys, viel Schlechtes. Erbsensuppe habe sie dem Benny zu Essen gegeben, schwimmend darin die unbekömmlichen Speckwürfel, das muss die fernverwandte Witwe ihrem Sohn, dem Ajot vorgelogen haben, eine gehässige Lüge über die Wesselys, denn die Witwe war zum letzten Mal bei den Wesselys zum Mittagessen, da war der Benny noch gar nicht im Haus, die Witwe kennt die Ernährungsgewohnheiten der Wesselys doch gar nicht, kann nicht wissen, was bei ihnen auf den Tisch kommt, jedenfalls keine Speckwürfel! Die unbekömmliche Suppe und die Aussage, das Kind habe gekotzt  - in einer Rezension stehts, aus der ihr die Hundsverwandte vorgelesen hat am Bennytag, sie finde das erstaunlich, denn die lese ja normalerweise nicht, habe sie sich noch gestern mit ihrem Mann gewundert über das plötzlich erwachte feulletonistische Interesse der Züchterin, liest ja sonst nur Vereinsmitteilungen, sonst nichts, so rede die Wessely über sie, sie hats von der Witwe erfahren, die Wessely halte die Vorsitzende für etwas beschränkt, die solle sich mal zurückhalten, die Gattin, halbgebildet wie die ist, die Hundezüchterin könne da Sachen erzählen! Und außerdem bringt die doch keinen Nachwuchs auf, weder Hund noch Kind, weder Kind noch Hund gedeihen bei ihr. Dackelkrankheit, die Wessely hätte nie den Hund die Treppe rauf in den vierten Stock schleifen dürfen, nie draußen vor der Praxistür auf der Fußmatte, während der Sprechstundenzeiten, ablegen dürfen, sie habe das Gejaule der so gequälten Kreatur noch im Ohr, und so eine verteilt gute Ratschläge an andere Eltern, in den Blumenorden wolle sie ihn einführen, so die Gattin. In den Blumenorden? Die Hundezüchterin hat davon noch nie was gehört und insgeheim muss die Witwe ja sagen, dass die Gattin so unrecht nicht hat mit der Einschätzung bezüglich der Lesegewohnheiten der Züchterin, lese das Mitteilungsblättchen und sonst nichts, so die Gattin vor vielen Jahren zu ihr - im Vertrauen. In den Orden also, Peregrinischer Blumenorden, Peregrinen lesen Heiteres, so die Gattin, das müsse doch jemanden wie den Ajot schon rein beruflich interessieren, auch ließen sich in den Pausen, beim Kaffee, allerhand nützliche Gespräche führen, die zielführender seien als so manche Stunde Arbeitszeit, aber sie, die Witwe war dagegen. Ihr Ajot habe Wichtigeres zu tun, sei der Forschung verpflichtet und werde auch ohne die Protektion der Gattin steigen zum Institutsleiter.


Der Institutsleiter spricht

Dass sich sein köstlicher Mitarbeiter wohl tatsächlich ernsthafte Chancen ausgerechnet habe auf den Institutsspitzenplatz, das habe er erst jetzt erfahren, im Hintenhernach zu den Ereignissen, besser gesagt: Zwischen den Ereignissen, die sich überschlugen – das Gerechtsprechprojekt-Verhalten vor dem niedergetretenen Mahnmal bei verschlossener Tür und davor die verwunderten Bürger, die sich für postdarwinistische Literaturkritik interessierten, Postdarwinismus, unter Post könne man sich ja noch was vorstellen, unter Darwin, aber die Verbindung der Worte zu einer Forschungsrichtung sei den meisten Bürgern im Zweifelsfall doch nicht geläufig. Ein Erklärungsbedarf bestehe zweifellos, so die Stellungnahme im Kassenbericht zu den Kosten des Tages zur Offenen Tür. Nur wer informiert sei, könne kompetent mitreden, so der Trailer auf der vielbesuchten Webpage des Instituts. Mitreden: Kaum hatten sie diesen Trailer geschaltet, so zog es auch schon die Besucher in Scharen auf den Rasen zur Einführungsveranstaltung. Erklärung nicht Aufklärung, aber er wolle keineswegs den Eindruck erwecken, als weiche er, als Leiter eines doch umstrittenen Instituts, unangenehmen Fragen nach Entsühnung, Literatur, Ajot und den Prädestinisten aus. Genau das aber tue er, nichts anderes werde den Zuschauern hier vorgeführt, der Postdarwinist säusle doch wie ein Bildschirmschoner, so der Prädestinist in die Runde, die Talkshowgäste lachen. Er solle sich endlich den Vorwürfen stellen, so der Prädestinist. Erstens den Fragen zum Experiment, zweitens dem Vorwurf bezüglich Verschwendung von Geldern, drittens der Frage, wo eigentlich jener Jungwissenschaftler geblieben sei.

Dass der Jungwissenschaftler sich gegenwärtig in Südamerika aufhalte auf Spenderkosten, so der Vorwurf, wie gesagt, er werde sich dazu in angemessenem Rahmen und zu gegebener Zeit äußern, dass er das schon zu oft gesagt habe! Einwand übergangen. In seinem Untersuchungsbericht, den er demnächst vorlegen werde, jedoch nicht hier, sei seine Stellungnahme zu den Vorwürfen unmissverständlich verankert – Dr. Ofenvogel sei mit einer bemerkenswerten Aussage von seinen Stuttgarter Recherchen zurück-gekommen, nach dem Besuch der Stadtbücherei - Stuttgarter Schule - Heißenbüttel - zu Recht vergessen irgendwo da in Botnang, aber von literaturhistorischem Sekundärinteresse, immer nur zweite Garnitur, so habe sich einer seiner Doktoranden einst bei der Doktorarbeitsvergabe beschwert, nun, es könne nicht jeder einen Schiller oder Goethe auspacken, haha. Goethe, Schiller, so der unangenehme Bürger auf der Rasenfläche, der sich als Kollege, als Germanist, gar als Gymnasiallehrer, zu erkennen gibt, der gestrandet ist nach vergeblicher Verlagssuche für sein Werk. Keinen interessiere seine Untersuchung zu Zufall und Postneodadaismus am Beispiel einer Namensgleichheit, da gibt es eine Badewannenseite im Web, die heißt genauso wie dieser Heißenbüttel in Südamerika.

Sie sei aufgesprungen vom Fernsehen und vollkommen elektrisiert, so die Gattin in einem Telefongespräch vor der Glotze, Hundefilm und arte, Heißenbüttel in Südamerika, sie habe es ja immer nur für einen Witz gehalten, dass der Jungforscher diesen Forschungshinweis in einem Reiseführer gefunden habe. So, der Heißenbüttel war in Südamerika? Die Hundezüchterin klingt mäßig interessiert – da wolle sie ja auch schon lange mal hin – an eine Kreuzfahrt habe sie gedacht, wenn der Vorstand entlastet ist, dabei klingt die Hundezüchterin so, als ob sie nicht wisse, wer das eigentlich ist – Heißenbüttel Heißenbüttel, klingt es aus dem Gerät, er empfehle, sich kundig zu machen. So wiederholt sich der Institutsleiter auf dem Rundgang jahrein, jahraus. Modellversuchsmodelle warten auf die Besucher der Offenentür-Veranstaltung,  Randgebiete, Dr. Ofenvogel hat nach der Entdeckung des Reiseführers am Stuttgarter Stadtrand den ehemaligen Direktor des Vorgängerinstitus ausfindig gemacht und eingehend befragt, dass er darin keine Forschungsreise entdecken könne, so der Bürger auf dem Rasen, nichts, was die Kosten rechtfertige, an den Stadtrand komme man doch auch mit der Straßenbahn. Er verstehe die Gesamtheit des Skandals sowieso nicht mehr, was hat das Gerechtsprechprojekt plötzlich mit Südamerika zu tun? Hätte man nicht einen Auslieferungsantrag stellen können?

Auslieferungsantrag? Ja, für wen denn? Na, für den Computer, den man unvorsichtigerweise nach Uruguay verspendet habe.


Die Gattin spricht

Es ist ja nicht so, dass sie sich gar nicht für den Jungwissenschaftler interessiert habe, schließlich ist er ein Wessely mütterlicherseits, ein Belletristiker gar, habe sie immer gesagt – stets die gutbürgerlichen Berufe übten sie aus in der Familie – doch auch das Künstlertum stecke den Wesselys im Blut, ein doppelt so dickes Buch wie das Thomas Mannsche sei einem der Wesselys gelungen, die metaphorische Bedeutung des Zahnwehs habe der Verwandte dargetan auf tausend Seiten, doch der Benny, ihr Ziehsohn, solle erst einmal Zahnarzt werden, die Praxis haben, das sei schon vom Standesamt an beschlossen, hatte sie dem Beamten gesagt, der sich aufgeregt hatte über den Namen, Benny Wessely, wie ein unreiner Reim, Jambus, Daktylus, kein ebenmäßiges Versmaß, ein Gehüpfe der Lautfolge, aber sie habe sich schließlich durchsetzen können, und so stehe es an der Praxistür: Zahnteam Benny Wessely, ein schöner Name! Nie wäre es ihr eingefallen, einen Sohn so banal zu benennen wie es die Witwe getan hat – also Karlhans, und sie dürfe sich gar nicht vorstellen, wie das im Club angekommen wäre, in den sie den Fernverwandten gerne eingeführt hätte, aber die Witwe rufe ja nicht oft an, sie hätte sonst längst schon den Vorschlag gemacht, die Karriere ihres Karlhans zu fördern, im Blumenorden sitzen die einflussreichen Mitglieder, beispielsweise die Nummer 1687 im Mitgliedsbuch, Frau Prof. h.c. Dr., studierte Anglistik und Kunstgeschichte, die hätte bestimmt schon längst Einfluss nehmen können zugunsten des Belletristikers, Stadträtin, veröffentlichte mehrere Werke zu Gebäuden, Plätzen und Einrichtungen, kein Zahnweh, aber eine schriftstellerische Kollegin, aufgenommen am 1. Mai 1997; zum Prof. h.c. ernannt im Jahr 2000, das weniger förderliche Mitglied 1688, ein Brigadegeneral a. D., also ohne Einflussmöglichkeit, uralt, 1934 Abitur in Bielefeld, Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie in Köln und Würzburg. Ab 1936 Soldat, 1939 schwer verwundet, ab 1941 an der Ostfront, Kommandeur einer Panzeraufklärungsabteilung. Erneut mehrfach verwundet, steht da, als ob das irgendeinen interessiere heutzutage, ein alter Nazi wahrscheinlich, von dem halte man besser Abstand, eine Bekanntschaft werfe kein günstiges Licht. Nach Kriegsgefangenschaft weiteres Studium in Köln, steht da, wahrscheinlich hat er keinen Job gefunden. Lehrte Literaturgeschichte an der Buchhändlerschule. Seit 1976 außer Dienst; geistesgeschichtliche Veröffentlichungen, rege Vortragstätigkeit. Dem Orden nahegekommen durch seinen begeisternden Vortrag am 8. 4. 1997; aufgenommen 1. September 1997. Aus Altersgründen ausgetreten März 2001. Aber hier der Beweis: Nummer 1538 Zahnarzt; aufgenommen 1960; etwa um 1965 wieder ausgetreten, gefolgt vom Mitglied 1539, über das es nicht viel zu berichten gebe, dann das Mitglied 1540: Eine Frau Baronin, aufgenommen 1960; weder in Beitrags- noch in Benachrichtigungsliste geführt, und ab 11. 2. 1994 von der Post nicht mehr erreichbar. Dass er das schrecklich finde, diese Nummern, habe ihr Benny im Blumenorden bemerkt, sie ist bei dem Vorfall damals nicht dabei gewesen, musste die Krankenkassenabrechnung fertigmachen, aber es wurde ihr später erzählt, wie der Benny vorgeschlagen hat, die alten Blumennamen wiederzubeleben, Utricularis habe der Benny zum Ordensnamen gewählt, sie habe ja erst viel später verstanden, warum, so die Hundezüchterin, soso, Utricularis, aha, habe die Witwe gemeint und war dann doch gespannt, wie denn die Gattin heiße? Welchen Blumennamen die sich nur zugelegt haben mochte? Hundsveilchen. Die Witwe habe sehr gelacht darüber, ja und über den Blumenorden generell, so habe sie, Frau Wessely, über die Hundezüchterin erfahren, die Vorsitzende hat ihr erzählt, wie die Witwe gelacht hat, nun, ehrlich gesagt, wisse sie wirklich nicht, was daran so komisch sein soll, wenn man seine Kinder fördert und in die bessere Gesellschaft schieben möchte, heitere Reden für den Blumenorden habe der Benny geschrieben, das ist richtig, auch den einen oder anderen Sketch, das habe sie nie bestritten, komische Szenen für launige Gelegenheiten, Schwänke fürs Laientheater, ja, die auch. Die Aufführungen wurden sogar in der Lokalzeitung besprochen, dass er durchaus Talent habe, der junge Wessely, jung war er, das konnte man wohl behaupten, damals, knapp zwanzig, kurz vor seinem Studium. Es waren freundliche Besprechungen in kleinen Zeitungen.

Was aber die Zeitungen in den folgenden Jahren schrieben! Der Benny solle schreiben wie ein Junkie, Besucher stürzten, Hände vors Gesicht geschlagen, aus dem Theater, unerträglich, so die Zeitungen, die Kulturseiten überblättere sie, als Bennys Mutter, seitdem und zwar so schnell wie möglich, und es stimme ja auch nicht, inhaltlich nicht, sie finde jedenfalls ihren Ziehsohn nicht wieder in all diesen Zeilen, es muss sich um einen anderen Benny handeln, denke sie manchmal, um einen Namensvetter, einen unglücklichen Namenszufall, manches in den bennybezüglichen Feuilletonspassagen lese sich ja, als ob sie den Benny hinein getrieben hätte in ein Schicksal und nicht aus dem Kinderheim geholt, obwohl über die genetische Ausstattung nichts bekannt war, obwohl sie noch gewarnt wurden, dass den Jungs die Aggressivität im Blut liege, und sie habe den Benny dann auch in jede erdenkliche Richtung gefördert, Zahnarzt hat er studiert, die Praxis sollte er übernehmen, irgendwann, das Schild mit der Aufschrift Dr. Benny Wessely sei bereits unter das Schild ihres Schwiegervaters geschraubt, in einen jahrhundertealten Honoratiorenverein habe sie ihn eingeführt, wo man die Wesselys kenne und schätze, sobald der Benny nur den Mund aufmacht und sich als Wessely zu erkennen gibt, würden ihm Gelegenheiten geboten, Geschäfte beispielsweise, oder Stellen vielleicht. Die Witwe hätte gut daran getan, sich ein Beispiel zu nehmen, anstatt zu lachen. Hätte sich die Witwe lieber mal drum gekümmert, dass ihr Karlhans in einen anständigen Club geht, in einen Bund mit Kontaktmöglichkeiten, anstatt aufs Sozialamt. Es müsse ja auch nicht der Blumenorden sein, obwohl sie den Karlhans mehrfach auf die Sizungen geladen habe, doch der Blumenorden gehe manchmal auf Fahrt, zugegeben, auf unbesonnene Fahrt und gerate in Situationen, auch in der Vergangenheit habe es bereits Tumulte bei Lesungen gegeben, Skandale, man könne sich indes nicht vor allen Gefahren im Leben schützen, und es hätte genausogut woanders passieren können, so der Kriminalbeamte, der die Vermisstenanzeige aufgenommen habe.


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