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Martina Kieninger: desoxyriboli - Kapitel 1

Texte

Kapitel 1



Die Gattin des Zahnarztes spricht:

Bubennamen von Abel-A bis Zett wie Zettele stehen in dem Verzeichnis, das man ihr vorhält, nein, danke, sie braucht das Büchle nicht, hat sie zu ihm gesagt, sie schiebts dem Beamten über den Tisch hinweg, da musste sie gar nicht lang überlegen, sie hat sich schon einen Namen ausgedacht, Benny solle der Bub heissen, hat sie zu ihm, dem Standesbeamten, gesagt, der Bub soll Benny heissen, so hat sies dem Angestellten auf dem Rathaus wortwörtlich gesagt, sagt der Standesbeamte, der sich erinnert, das sei ihr Wunsch, weil doch der Hund gestorben sei, hat sie gesagt, also: um auf das Wesentliche zu kommen, der Hund ist tot. Aber der Standesbeamte habe den Zusammenhang nicht gesehen, sagt sie. Zweisilbig wie Bello. Hundename wie Rex und Roy, Rufname, kurz laut bellbar wie eine Waldikurzformel Waldemar. Benny, sitz. Benny, Platz. Pfui Benny. Andererseits hat Benny eine Bedeutung, Benny ist hebräisch und heisst der Sohn, ergibt einen schönen Sinn und macht keine Werbung für Weltanschauungen und Dinge wie magensaures Pepsi oder pappsüß wie Langnese, aber der Gesamtname Benny Wessely, gibt der Standesbeamte zu bedenken, das reimt sich wie sichs reibt da hinten unangenehm auf i i wie igitt in Brigitt und regt an, das Kind mit der Zwischensilbe einer bejahenden Jaformel Ja und Ben also Benja wie Benjamin im Stammbuch aufzuschreiben, Benjamin Wessely vokalvoll ein Klangwechsel wie ein domvoll Weihnachtsglocken so e a i desoxyriboli o-dui e i, ein schöner Name.

Es gehört zu seinen beruflichen Pflichten, dafür Sorge zu tragen, daß den Kleinen die förderlichen Namen zuteil werden, schöne Buchstabenfolgen zum aufschauenden Vorbild, angenehme Silben, damit sich keine schwer korrigierbaren Haltungsschäden einprägen, ein falscher Name sei schlimmer als eine krumme Nase, einfach schief wie eine Zahnstellung, die Kinder litten darunter, Sie glauben ja gar nicht, hat der Standesbeamte zu der Praktikantin des Stadtanzeigers gesagt, der Chefredakteur hat die vorbeigeschickt, es war wegen der Maiausgabe, Wonnemonat Mai wie ganz in Weiß, Sie wissen schon, nein, hat die Praktikantin gesagt und hat den Beamten verständnislos angeguckt, selbstverständlich, Roy Black, der liegt jetzt auch schon in Göggingen begraben, hat der Standesbeamte gescherzt, aber die Praktikantin hat keine Ahnung, wo Göggingen liegt und alles übers Heiraten, Hochzeitslisten mit den Haushaltsgegenständen von A wie Ascheneimer bis Zuckerzange. Aber er kommt vom Thema ab. Hochzeitslisten und Familiennamen, ja, und das neue Namensrecht, viel zu wenig werde auf die Tatsache geachtet, daß der Name nicht etwa eine beliebige Zufälligkeit im menschlichen Leben darstelle, hat die Praktikantin aufgeschrieben, sondern eine leibhaftige Erbinformation, hat der Standesbeamte der Praktikantin buchstäblich ins Laptop diktiert, ein Bauplan, nach dem sich der Mensch aus seiner Ursprungszelle heraus ins gelungene Gesamtleben hineinbaue. Sie glauben ja gar nicht, hat er den einmal begonnenen Satz vollendet, welche Auswirkungen der Eigenname auf die kindliche Entwicklung ausübt, der Vorname, der Zuname, die Entfaltung des Kindes zu einem gültigen Menschen behindert oder befördert, Fehlhaltungen begünstige, ja, der Name, das neue Namensrecht und die Abschaffung des Bindestrichs, die unmutierte Weitergabe des Familiennamens wie Klonierung einer männlichen Stammzelle, er bedauert das und plädiert für die alten Doppelnamen wie Desoxyribonukleine, Muttername Vatername gleichberechtigt nebeneinander, ins Leben treppauf treppab sich teilend verdoppelnd, von Zellhaufen wie Hirnhaufen und doch schon Mensch über Froschform nach Fischform durchdrungen von genetischen Rufnamen, der Standesbeamte hat sich mit der naturwissenschaftlichen Seite seines Berufes, mit der Namenskunde sehr beschäftigt, sein Hobby. Ja, sagt Frau Wessely, das sieht sie wohl ein, aber der Benny war so ein netter Hund, sie will doch lieber den unvergessenen Namen ihres verstorbenen Benny haben, ein wundervoller Rassehund mit dem goldenen Fell eines eben abzumähenden Kölsch, Wogen zischenden Biergoldes, das kann sich der Standesbeamte gar nicht vorstellen, die Tierschützer warnen in einschlägigen Fachpublikationen zwar immer wieder vor einer Vermenschlichung des Hundes als Zwischenwolf, Hund sei Hund, kein Mensch, habe einen Reflex und keine Vergangenheit, so hat sie vor langer Zeit in einem Buch zur Hundepsychologie sich kundig gemacht, aber jeder beliebig herausgegriffene Beobachter hätte meinen können, das Tier habe menschliche Gefühle ausdrücken wollen, wenn es einen so angeschaut hat, sie muss jetzt noch heulen, wenn sie drandenkt, was der Benny, also was das für ein lieber Hund war. Leider viel zu früh verstorben, das Rückgrat habe die Belastung nicht ausgehalten, hat der Tierarzt festgestellt. Dackelkrankheit, aber der Benny war gar kein Dackel, Vererbung, sagt der Standesbeamte, ASCII im Buch des Lebens, und das Wort ist Fleisch geworden, ja, die neuen Entwicklungen in der Wissenschaft haben ihm schon viel zu denken gegeben, er, der Standebeamte als Hobbygenetiker würde sich nicht wundern, wäre da eine bestimmte Namensreferenz nicht schon mit hineingeschrieben in die menschliche Ursubstanz, diese Wortfolge pyrimidin purin, die Basenpaarung, das ist ja alles Bestimmung, Briefträgergen, Beamtengen und ob einer ein Verbrecher wird oder ein braver Mensch, Zahnarzt soll der Benny werden, sagt Frau Wessely.  


Der postdarwinistische Institutsleiter (Einspielfilm)

Versuchstier Hündin, ein Leihmutterhund stelle sicherlich nicht die beste aller denkbaren Möglichkeiten dar, sei eher als genetisch modifizierte Verlegensheitslösung zu bezeichnen, ein zur damaligen Zeit mit der technischen Machbarkeit geschlossener Kompromiss, man hätte den Hund, das möchte er nicht verschweigen, im Endstadium aufschneiden müssen, gewiss eine unschöne Operation, die man eben riskiert hätte, um an den wertvollen Datenträger zu kommen, sensible Daten und ein langwieriges, ein schwieriges Experiment, Sie wissen nicht, Sie können gar nicht wissen, sagt der Institutsleiter der postdarwinistinistischen Literaturkritik, mit welchen Problemen wir bei der praktischen Durchführung konfrontiert wurden, nicht nur rein technischer Natur, führt der Institutsleiter aus, auch auf zahllose Schwierigkeiten aufgrund gesellschaftlicher Vorbehalte sei man gestossen, bereits damals musste ja auf dieses unsinnige Klontabu Rücksicht genommen werden, obwohl den meisten der damaligen Zeitgenossen ein geglücktes Experiment in diesem Sinne unvorstellbar gewesen sei, bedenken Sie, sagt der Institutsleiter, mit den Versuchen haben wir vor dreissig Jahren begonnen, zugegeben also, Versuchtier Hund, das sei auch damals schon eher Notlösung denn wirklich befriegender Stand der Technik gewesen, so der Leiter des postdarwinistischen Instituts, bedenken Sie ferner, schon der Geburtskanal sogar eines sehr grossen Hundes ist ja von Natur aus viel zu eng, auch die Lage des Kindes im Hundeleib alles andere als mit dem Label günstig zu versehen, diese Schwangerschaft, die hält kein Hund aus, zweifellos hätte man sägen müssen, um das Kind zu retten, unschön, wie gesagt, das gibt er zu und das griffe er auch nur so als ein Beispiel aus den zahlreichen Problemmöglichkeiten heraus, ferner sei er nicht gewillt, auf alle technischen Details von northern bis southern blotting einzugehen, auch zu den vom Menschen in das Tier eingebrachten Erbinformationen möchte er sich momentan nicht äussern, nein, dennoch möchte er das Experiment genau in diesem Punkt verteidigen, stelle doch die naheliegende Lösung, der Einsatz einer humanen Leihmutter im Gegensatz zur Option Hund einen unberechenbaren Risikofaktor dar, sowas entwickle im Laufe der Schwangerschaft Gefühle, entweiche, sei im Spätstadium zum Geburtstermin nicht auffindbar, Mutter und Kind, Kind und Mutter und stehe unter gesellschaftlich akzeptiertem Rechtsschutz, man habe sich damals also trotz aller Bedenken zum Wagnis Hund entschlossen.


Durch einen glücklichen, man könnte, nein, man muss schon sagen: einen sehr am Rande der Wahrscheinlichkeitsgebiete gelegenen Zufall ist man vor etwa dreissig Jahren in Besitz erbfähigen Materials gelangt, ein Jackenauszug, isoliert aus dem entscheidenden Jackenfleck eines aufgrund seiner, nennen wir es neutral, also, Zugehörigkeit nicht zur Behandlung des prominenten Patienten zugelassenen Arztes und durch Verkettung glücklicher Umstände in einem obskuren Auktionshaus, na, Sie wissen schon, Militaria, Mutterkreuze und so weiter, aufgefunden,  Blut, hat der Erbe das Kleidungsstück beschrieben, das Blut kriegt man praktisch nicht mehr raus, seine Mutter hat daran gewaschen und gewaschen,  zwecklos, folglich habe der Vater die Jacke mit dem Fleck noch jahrelang da in Amerika getragen, die Eltern hätten in den Anfangsjahren Amerika einfach kein Geld für neue überseeische Kleidung gehabt, so sei das gewesen, so war das, eine schwierige Zeit, aber aufwärtsstrebend, beinahe wäre die alte reichsdeutsche Jacke in Vergessenheit geraten, auf den Müll hätte man die längst gegeben oder für einen wohltätigen Zweck in den Altkleidersack hineingespendet, aber immer wieder war sie in letzter Sekunde doch noch zu schade, unverwüstlich, immer wieder noch einmal verwendet zu Dreckarbeiten, ein zeittypisches Stück mit Nadelstreifen von dokumentarischem Wert, vielleicht für den interessierten Kostümkundler wird die Jacke im Auktionskatalog beschrieben und dank einer anonymen Geldspende vom Institut der postdarwinistischen Literaturkritik erworben, fast wäre die Vereinigung für molekularbiologische Prädestination den Postdarwinisten zuvorgekommen, glücklicherweise sei dies im letzten Moment verhindert worden. Wieso glücklicherweise will ein interessierter Bürger auf dem Rundgang durch die postdarwinistischen Institutsgelände wissen, weil, so führt der Postdarwinist aus, diese Prädestinisten ein fundamentalistisches Institut seien, das sich seinem eigenen Verständnis nach mit biologistischer Rechtsprechung, dem Problem der postmortalen Entsühnung beschäftige. Entsühnung, fragt jener interessierte Bürger, was an Entsühnung denn so verwerflich sei? Der Begriff, urteilt der Postdarwinist, sei gezielt irreführend, täusche ein positives Anliegen vor, doch  die Prädestinisten züchteten Todeskandidaten aus Jackenauszügen einzig zum Zweck des Strafprozesses. Wo bleibt da der Erkenntnisgewinn?

Zugegeben, der Versuch sei fehlgeschlagen, sagt der Postdarwinist, daran gibt es nichts zu beschönigen, der Versuch schlug fehl. Allerdings, mit jenen anfanatisierten Tierschützern habe man nicht gerechnet, er müsse in diesem Punkt seine Vorgänger verteidigen, zwar habe es auch damals schon nachfragende Katzenhalter vor pharmakologischen Laboratorien gegeben, die ihren Liebling in Versuchstierhaltung wähnten, aber mit dem Fanatismus habe man eben nicht rechnen können, nicht mit dieser aufgebrachten Tierbefreiermeute, die sich vor dem Institut formierte und in Sprechchören die lächerlichsten Anschuldigungen formulierte, auf unbegründeten Vorurteilen basierend und mal wieder den Volkszorn auf den forschenden Forschergeist hetzend, denn noch nie in der Geschichte des Forschens, angefangen beim beinamputierenden Froscherforscher vergangener Medizingeschichte bis hin zum Züchter flügelloser Fruchtfliegen habe auch nur ein Forscher je mit zufällig aufgesammelten und folglich mit allerlei unter unkontrollierbaren Parametern entstandenen Promenadenmischungen und, der Institutsleiter zieht einen Folgepfeil, folglich behaftet mit den mehreren Krankheiten unbekannter Herkunft und folglich mit dem für die Forschung unbrauchbaren Schoßgetier der Bevölkerung gearbeitet, nein, ganz gegenteilig möchte er darauf hinweisen, daß die in Versuchsreihen zur Anwendung kommenden Exemplare der Gattungen den lückenlos über mehrere Generationen dokumentierten Versuchstieren rassenreiner Fehlerfortpflanzung entstammen.

Wie gesagt, mit den  von allen Seiten angreifenden Tierbefreiern konnte man ja wohl nicht ernsthaft rechnen, Tierbefreier, sogenannte, selbsternannte, Tierfreunde, man kenne das ja, diktiert der Institutsleiter der Praktikantin ins Notebook, in den Fussgängerzonen Auf und Abdemonstriende in die mannshoch tragbaren Doppelplakate geklemmt wie Hirnforschungsäffchen ins Gestell, Tierfreisetzungsaktionen, von der irrigen Voraussetzung ausgehend, jedes Tier sei gut, jedes Tier wolle frei sein und jene hochgezüchteten Tierexemplare wären überhaupt lebensfähig da draußen in der Wildnis außerhalb der Forschungslabors, denn da draußen jenseits der schützenden Glasscheiben weht der Wind und die Exemplare kriegen sofort einen Schnupfen, so erlklärt er das den Bürgern und Bürgerinnen beim Tag der Offenen Tür, wenn das Institut der postdarwinistischen Literatur alljährlich seine weitgeöffnete Besichtigungsmöglichkeit mit geführtem Rundgang durch das Institutsgelände anbietet, damit sich der Bürger selbst überzeugen könne, was da mit seinen Geldern geschehe, denn die Postdarwinisten sind im Gegensatz zu den Prädestinisten offen für die Fragen der kritischen Bürger, das möchte er bei dieser Gelegenheit nochmals betonen, ja und Durchfall, so sind sie schließlich gezüchtet, diese Spezialtiere, Schnupfen und Hustentiere, Hustinettenbär haha jaja, diesen Spaß macht er jedes Jahr auf dem Rundgang durch den Teil der öffentlich betretbaren Institutsgelände, Spaß muß sein, doch ohne auf Details eingehen zu wollen, kurz gesagt, die wissenschaftlich wertvolle Hündin war weg. Mit grosser Wahrscheinlichkeit wenig später im umgebenden Wald verendet, denn wie soll ein Hund die Geburt eines Menschen überleben können, der Geburtskanal wäre auch zu eng in der Endphase Kopfentwicklung, nein, weder Tier noch Kind werden jenen voraussichtlichen Geburtstermin vor 26 Jahren lebend überstanden haben. Es ist unmöglich, davon war der Versuchsleiter bisher jedenfalls überzeugt, doch überraschenderweise wurde das Skelett jener Versuchstierleihmutter vor zwei Jahren gefunden und zweifelsfrei identifiziert, man habe danach selbstverständlich auch nach dem Skelett des Embryos oder nach verbliebenen Knochen des Kindes intensiv gefahndet, jedoch ohne Erfolg, es müsse, so unwahrscheinlich das Eintreten jenes Geburtsereignisses rein theoretisch sei, dem genmanipulierten Tiere folglich gelungen sein, das Kind unter ungeklärten Umständen auf die Welt zu bringen, zu dieser Schlußfolgerung gelange man notwendig, denn Überreste habe man nicht gefunden, möglicherweise habe das Kind also jene Geburt überlebt und wenn das Kind überlebt haben sollte, sei möglicherweise ein Mann aus dem Kind herangewachsen, so die nachfolgenden Überlegungen auf den Befund hin, man habe unverzüglich diesbezügliche Nachforschungen eingeleitet und tatsächlich außerhalb jeden Erwartungswertes den Kreis der  Nachkommen unbekannter Elternschaft schließlich bis auf den Minimalradius Wessely eingrenzen können, doch ist und bleibt die Rückführung jenes nun etwa sechsundzwanzig Jahre alten Jackenflecks in den Institutsbesitz eine heikle Angelegenheit außerhalb jeder juristischen Möglichkeit. Die Rechte am fraglichen Genotyp werden in unserer Gesellschaft nämlich noch weniger geschützt als ein Geschmacksmuster Pepsi oder Langnese, leider.


Die Gattin spricht:

Alle Zahnarzt, Zahntechniker, Zahnlaboranten, Werktätige der Zahnheilkunde, schon in der siebten Generation nachweisbar, ja, man sagt, die Wesselys hätten schon im Mittelalter Zähne gezogen, der erste Wessely muß also ein Schmied gewesen sein, der sich emporgearbeitet hat zum Zahnreisser, Steinschneider, Goldschmied oder die Wesselys waren Bader vermutlich, Hebammen, alles die nützlichen Berufe, wertvolle Glieder der Gesellschaft, praktischen Sinnes und mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen, nüchterner Verstand zeichnet die Wesselys aus, aber es gibt auch einen kleinen, belletristischen Familienauswuchs des Wesselyschen Stammbaums, ein von ferne verwandter Wessely habe, so hat sie auf  dem Nachrichtenweg über eine ebenfalls nicht allzu verwandte Base erfahren, eine Doktorarbeit zur metaphorischen Bedeutung des literarischen Zahnwehs geschrieben, unter besonderer Berücksichtigung der Buddenbrookschen Karies im Niedergang des familiären Willens zum Biss, tausend Seiten solle die Doktorarbeit umfassen, doppelt so dick wie dem Thomas Mann sein Buch ist das Wesselysche geworden und behandelt den erblich geglückten Buddenbrook erster Generation, den schlechten Zähnen vermählt bis hin zur kindeskindlichen Zahnfäule, kurz: eine erschöpfende Darstellung der Zahnbehandlung in ästhetisch akzeptiertem Text zur Fehlerfortpflanzung als Lebensunlust befallener Münder, Codes, DNA, in der das Leben nicht mehr im Ganzen wohnt. Das Wort wird souverän und springt aus dem Datensatz hinaus, steht in der Zusammenfassung als ein Zitat, der schadhafte Satz greift über und verdunkelt den Sinn der Seite, die Seite gewinnt Leben auf Unkosten des Phänotyps - der Phänotyp ist kein Ganzes mehr. Das Ganze lebt überhaupt nicht mehr: es ist aus den schlechten Worten zusammengesetzt, gerechnet, künstlich, ansteckend und sehr interessant zu lesen, die Doktorarbeit, davon spricht sie doch die ganze Zeit, wirklich ziemlich hochintellektuell, sie hat allerdings nur die Einleitung gelesen und die Zusammenfassung, wenn sie mal Zeit hat, aber sie hat augenblicklich leider keine, so wird sie sich die Doktorarbeit genauer anschauen, die der Verwandte auf diesem literaturkritischen Institut eingereicht hat, Institut der postdarwinistinischen Literatur heißt das, empörend findet sie das, was, hat die sowohl ahnungslose wie anhangslose Verwandte gefragt, unverheiratet, keine Kinder, üble Nachrede, hat sie gesagt, sie glaube kein Wort, ganz genau so hat sie das zu der Verwandten gesagt, daß nämlich ein Wessely, wieso üble Nachrede, hat die Verwandte erstaunt gefragt und war überhaupt nicht aufgeklärt, die wusste gar nicht, daß dieses Institut und dann hat sie ihr wortwörtlich wiedergegeben, was sie gelesen hat, allerdings, der Name des Buches oder der Zeitung ist ihr jetzt entfallen, dem sie die Information über das postdarwinistische Institut entnommen hat, vielleicht war es die Stiftung Warentest, soso hat die Verwandte sich gewundert, werden die Universitäten neuerdings im Vergleich getestet, nein, das kann sich die Verwandte nicht vorstellen und sie muß der Verwandten recht geben, möglicherweise hat sie die Informationen über andere Medien erhalten, vielleicht hat sie im Frühstücksfernsehen eine diesbezügliche Ausstrahlung gesehen, es tut im Übrigen auch nichts zur Sache, aus glaubwürdiger Quelle jedenfalls hat sie erfahren, es handele sich im Fall dieses Instituts nicht etwa um die wissenschaftlich sauber arbeitende Abzweigung einer Hochschule, sondern um  eine gefährliche Sekte, die sich hinter positiv besetzten Begriffen wie Literatur und Postdarwinismus verstecke, so hat der Reporter gesagt, den man mit der Aufdeckung dieses Skandals beauftragt hat, nein, sie glaubt nicht, daß ein Wessely sich dazu hergibt, für eine verbotene Organiation oder doch eine Organiaton, die eigentlich verboten gehört oder die schon lange hätte verboten werden müssen, also daß ein Familienmitglied der Wesselys für so eine Vereinigung arbeitet. Die, so sagen die Kritiker der Postdarwinisten, also die Prädestinisten, Freilandversuche mit ziemlich gefährlichen Verstorbenen durchführen will, da muß man ja aufpassen, daß man keinen Dolch zwischen die Rippen bekommt von allerlei wiederbelebten Blutflecken, es ist empörend, erst entfernt man diese Elemente aus der Gesellschaft und dann werden sie mutwillig wieder freigesetzt, Ripper und Volksverhetzer und das alles im Namen der Literatur und Postdarwinismus, unter Literatur kann man sich ja noch was vorstellen, hat sie gestern erst zu einem Schmerzpatienten gesagt, der kam mit einer Backe in die Anmeldung, unglaublich, sie weiß jetzt nicht, wie sie auf Bücher zu sprechen gekommen sind, aber was soll man sich bloß unter Postdarwinisten vorstellen, Post schön und gut, Darwin, klar, von dem hat man bereits in der Schule gehört, Pflichtfach, daß der Stärkere den Schwächeren auffrisst, damit mehr Platz für die Stärkeren geschaffen wird, es kann ja nicht jedes kranke Tier im Wald rumliegen, zum Beispiel der Benny, das war ein so ein netter Hund, aber wenn der im Wald mit dem Rudel hätte jagen müssen, nur der Fitteste survivalt, sie will sich das gar nicht vorstellen, die Anwendung des Gesetzes von der Evolution, es fitten sich die anderen Alfawölfe am Frischfleisch vom Benny, zum Beispiel, er hat Rückenprobleme gehabt, sie haben ihn schließlich einschläfern lassen. Aber sie wollte was ganz anderes erzählen.  

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