Martina Hefter: Tanzen - Signaturen

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Martina Hefter: Tanzen

Rezensionen
 



Jayne-Ann Igel

Eine Poetologie der Bewegung


Anmerkungen zu Martina Hefter „Tanzen“ (Reihe poeticon)


Tanz und Schreiben – die Beobachtung voran, daß Sprache mit Bewegung in Verbindung steht, und dies nicht nur vermittels eines Dickichts von An- und Bedeutungen, sondern indem Bewegung auch einen Sprachfluß auszulösen vermag. Und der Poesie wiederum etwas Tänzerisches eignet, im Gefühl für die pointierte Drehung, Wendung, im Gespür fürs Vage, die Balance (nein, von Leichtigkeit sprechen möchte ich in diesem Zusammenhang nicht). Und beobachtbar ist, wie dies körperliche Erfahren durch die Zeilen schießt, in Metaphern mündend … Vielleicht, daß Tanz schon vor der Schrift, dem Schreiben, möglicherweise sogar vor dem Sagen da war, als Katalog von Bewegungsformen oder -formeln. Als Erstsprache, Entäußerung mit einem Gehalt von Bedeutungen.

 
 

Martina Hefter, die auch als Performerin arbeitet, betrachtet Schreiben und Tanzen als gleichgewichtig für sich, obwohl sie, wie sie in ihrem Essay bekennt, niemals einen Schreibtischberuf wollte. Kunstausübung, hier Schreiben und Tanzen, versteht sie als Annäherungsprozeß an Vorstellungen, etwa die einer Choreographie oder eines zu schreibenden Textes. Das macht es spannend, für mich. Ich denke in diesem Augenblick an Hermann Burgers Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die er unter den Titel „Die allmähliche Verfertigung der Idee beim Schreiben“ stellte. Das Ganze ist ein Prozeß, der von Weiterungen, Abweichungen bestimmt ist, das Angepeilte erfüllt sich nicht so, wie es die Person sich vorgestellt.

 
 

Auch mir als Leserin war nur eine Annäherung möglich, bezüglich meiner Erwartungen an den vorliegenden Text. Zunächst erwartete ich, daß mir etwas über die geheimen Verbindungen zwischen Schreiben und Tanz / Bewegung offenbart würde, die geheimnisvollen Verknüpfungen, da ja auch das Schreiben nicht zuletzt eine Art Bewegung darstellt, ein sich Versehen mit Wegen. Diese Erwartung wurde enttäuscht, doch beschenkt mit etwas anderem. Denn Hefters Erkundung geht der Frage nach, was sich im Prozeß des Schreibens, Tanzens ereignet, wie er sich vollzieht, was mit einem selbst passiert. Ihr geht es dabei weniger um Theorien als vielmehr das Tun selbst und die Reflexion dieses Prozesses.

Die Autorin beobachtet, im Zug sitzend (wo im übrigen etliche der Passagen des Bändchens entstanden sind), wie jedes passive sich bewegen lassen auch den Körper und das Körperinnere in Bewegungen versetzt, sie initiiert, etwa bei einer Neigung des Zuges in der Kurve. Und aus dieser oft ursächlich stillen Bewegung heraus entsteht auch Kunst. Was Martina Hefter uns zu schenken vermag, sind neue Denk- und Wahrnehmungsräume, wenn sie z.B. in Bezug auf die Sitzenden (wie sich selbst) formuliert: Viele haben eine schlechte Haltung im Sitzen. Man könnte sie zu sonderbaren Bewegungsmustern erweitern, in choreographische Anordnungen bringen. Ich sehe nur noch Menschen in Haltungen. Wirbelsäulen halbrund in den Sitz gepresst. Seitlich abgeknickte körperliche Denkweisen. (S. 22) Und es herrscht eine innerliche Anspannung, was passiert, wenn man sie anstupst. Die Beobachtung von Bewegungsabläufen mündet oft in wunderbare Zeilen: Nachdem ich gestürzt bin, bin ich erst richtig schön. Indem ich aufstehe, blühe ich. (S. 20).

Hefter ist es wichtig, sich beim Schreiben in die Rolle des Tänzers hineinzudenken, sich so durch und mit dem Text zu bewegen. Das Sensorium, das sie im Ballett-Tanz entwickelt hat, gilt ihr als Voraussetzung fürs Gedichtschreiben. Es geht ihr auch darum, Schreiben und die Figuren und Schritte des Ballett-Tanzes als theoretisches Konstrukt zu hinterfragen. Wie auch die Hierarchie des Geistes / Wortes über den Körper und dessen Möglichkeiten des Mitteilens, Sprechens, Zeigens. Es geht um eine Balance und einen Austausch zwischen verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten. Muss jegliche Theorie über das Tanzen, die Bühnenpraxis, Performances immer in Wörtern, in einer Sprache der Wörter verfertigt werden, fragt sie. Man könnte sie auch zeichnen oder als Performance darbringen … Mich erinnert diese Herangehensweise an die Begegnung mit dem Buch einer anderen Autorin, deren Schreiben ebenfalls eng mit dem Tanz verknüpft ist. 1989 lernte ich Judith Kuckart kennen, deren Band „Eine Tanzwut. Das TanzTheater Skoronel“ gerade bei s.fischer erschienen war. Darin wird das Konzept dieser freien Tanzcompany vorgestellt, das auf die Wiederherstellung der zerstückelten Einheit von Musik, Sprache und Bewegung, von Kunst und Leben zielt, so der Herausgeber im Nachwort. Es enthält auch Tanzstücke der Autorin, Texte, die einerseits aus sehr intensiven choreographischen Beschreibungen, zum andern aus Versen bestehen, die von den Tänzerinnen und Tänzern gesprochen werden. In den „Lecture Performances“ von Phillip Gehmacher, auf die sich Martina Hefter (neben Arbeiten William Forsythes) in ihrem Essay wiederholt bezieht, poetologischer Vorträge in Bewegung, berühren sich möglicherweise die künstlerischen Ansätze beider Autorinnen wie die der Tanzprojekte selbst.

Februar 2015

Martina Hefter: Tanzen. Verschriftlichung einer Installation mit dem Titel "Tanzen, eine Vorratskammer". Berlin (Verlagshaus J. Frank - Reihe poeticon 06) 2014. 48 Seiten. 7,90 Euro.

 
 
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