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Martina Hefter: Sie, aus der Schale einer Walnuss geploppt

Gedichte










Foto: Ulrich Schäfer-Newiger

Martina Hefter



Sie, aus der Schale einer Walnuss geploppt, spaziert
aus dem Wald, so beginnt die Geschichte.

Sie in der frischen Luft, wächst auf unter Hirschen,
sie ziehen sie groß, eine etwas steinerne Bande.

Tölpelnd, majestätisch, fein trippelnd
hintereinander gehts frühmorgens los.

Wer als erstes in eine Lichtung gerät.
Darin faulenzen bis zum Abend.

Klein wie Haselmaus
inmitten der Wucht, aus Kübeln übers flüssige Grün

das ganze kopflos heraus posaunte Gejauchze sowie
Seilschaften aus Ereignis und Zweifel,

darf man hier so einfach sein,
einfach im geblümten Pyjama

im Wald, ein Liebchen
bei den Tierchen,

rauschende, schwingende Bäume werfen
ein Licht, das einen Schein erzeugt, der einen Schirm erzeugt,

der alles wirklich macht, man hinterfragt das Wirklich nicht.
Sie hält sich einen Extra-Hirsch, der springt

über Zäune bis zu den Gärten,
lässt sich füttern, beißt zu, verschwindet.

Sie versteckt sich nahe der Häuser, nah,
dass sie sichtbar wird, hebt Hand, winkt,

wird nicht gesehen, zu sehr verfremdet
in Gestalt eines Dachses, nein Drachens.

Hirsch sein, traben zum Bach, Stöckchen hinein,
Entfernung schätzen, waten, den Bach rauf, zurück,

Wald ist durchs Dickicht sprintende Geister in Menschenmaske,
hundert Taschenlampen, sie wohnt winzig und wichtelig vor sich hin

in einem hohlen Baum, lernt, wie man Mensch ist,
Zweifel hegt, als Tier nicht verwundbar,

aber Pfeile im Rücken, übersät mit Bissen,
immens umringt von Glühwürmchen.

Kein Winter irrlichtert mehr, kein Sommer, nur
schwere Nässe tropft von Blättern, ebnet Längen ein, wie lange

dauert das Hausen, sehr lange, Hirsch, Hirsch Mensch,
die wütenden sprintenden Geister hetzen die Tiefen des Waldes überall hin.

Und wenn alles Außen nur Sage ist, wie funktioniert
innen das Gebilde, von dem du weißt, nur eine Blüte, die Seele,

du isst schließlich auch sie.


(Aus dem Zyklus "Sagen", 1. Preis beim Lyrikpreis München 2018)
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