Direkt zum Seiteninhalt

Martina Hefter: Es könnte auch schön werden

Rezensionen / Verlage


Kristian Kühn

Warum es schön werden könnte


Gewidmet ist der neuen Band von Martina Hefter ihrer Schwiegermutter, auch Schwermutter genannt, und „allen alten Menschen, die in Pflegeheimen leben.“ Er ist, wie man sich bereits denken kann, sehr persönlich und besteht aus zwei Kapiteln: „Fluss“ und „Was der Fluss mit sich trägt“. Und er beinhaltet, teils dem Prinzip des inneren Monologs ähnlich, teils dem der Ansprache, Ströme aus Wörtern, unterschieden in Gedichte und „Sprechtexte“, die uns in ihren Wogen erfassen wollen.

Entfernt schimmert dabei ein poetisierter chiliastischer Dreisprung Hefters durch, den unser Bewusstsein beim Lesen mitmachen könnte: frühere (goldene) Zeiten, ratlose Gegen-wart und eine Zukunft, die vielleicht wieder schön wird.

Wobei das Adjektiv „schön“ im alltäglichen Sprachgebrauch benutzt wird und sich weniger, (vielleicht aber versteckt doch, wenn auch ein bisschen ironisch) auf die platonischen Attribute des Göttlichen (das Gute als schön und wahr und Gesetz) bezieht. Dann aber auf die Physis, den Kosmos, die Gesellschaft transponiert.

Es beginnt mit einem Gedicht, das „Legende“ heißt und von früheren Zeiten berichtet, in denen die alten Menschen als Ahornbäume lebten:

junge Leute picknickten in feierlichem Spaß,
schnüffelten den Duft des wogenden Laubs, die kahlen Äste im Winter
häufig in Skizzenblöcke gezeichnet, viel und gern besungen,

was für ein goldenes Zeitalter –
 
doch jemand erfand die Heizdecke, das Heizkissen, man lebte mehr und
  mehr drinnen.
Die alten Leute mussten sich selbst neu erfinden,
Ahornbäume nicht länger, blieben sie zu Hause im Dunkeln …
 
Doch eines Tages (später in der Zukunft) kommt die gute Zeit – aufgrund einer neuen trotzenden Jugend vielleicht – zurück:
 
und im Frühjahr da
 
säumten die ersten Ahornbäumchen dünnstämmig die Kneipenmeilen,
ihre Blätter zitterten und sie wurden bestaunt von Kindern,
die gern dort stehen blieben, Bälle in die Kronen schossen.
 
Es ist bloß eine poetisierte Legende, in einer Symbolsprache, die mit einem gewissen Abstand das aufgreift, was der romantische Idealismus mit uns vorhatte, die Natur des Menschen, seine beklemmende conditio humana aufzurichten und zu veredeln. Spirituell ausgedrückt: aus der bescheidenen Natur des Menschseins eine vollkommene zu knüpfen.

Nach dieser „Legende“ folgt bei Hefter das titelgebende „Lehrstück“ des Bandes (als von ihr sprech- und darstellbare „Performance“): „Es könnte auch schön werden“.
 
Während der Arbeit an dieser Performance sozusagen
in meiner Freizeit habe ich Bilder von Teufeln erfunden
Eines Tages beim Einkaufen musste ich plötzlich an einen Teufel denken
wie er aussehen könnte usw.
Ich dachte wow was für irre Bilder mir manchmal einfallen
Archaisch war der Teufel, und hightech zugleich
 
Das Lyrische ist zum nüchternen persönlichen Sprachduktus geworden, Sprache verbindet sich mit Hefters Bewegungen, man kann sich vorstellen beim Lesen, wie so eine Aufführung funktioniert und was mit diesen Symbolteufeln, die unterschiedlichste Formen annehmen, je nach Gedankengang bzw. pädagogisierter Ansprache, bezweckt wird:
 
Hochkomplizierte Mechanismen wirken in den Teufeln
deswegen können sie sprechen und gehen
die Hand heben, ein bisschen winken
Niemand baut so einen Teufel nach
außer einer von den anderen Teufeln, der baut jeden Tag zwanzig davon
  nach
 
Erstaunlicherweise scheinen es vor allem maskuline Einflüsse zu sein, die diese Zweifel an die Möglichkeit eines positiven Handelns verursachen, diese Anhaftungen als Teufel, die man nicht losbekommt, als Hindernisse, unsere conditio humana mit einem Katzenkopf des Oberteufels, der durch die Heime als possierliches Tierchen maunzt. Anhaftungen, die es – damit es keinen Stillstand gibt in den zwischenmenschlichen Bezügen und Bemühungen – zu überwinden gilt. Bloß wie?

Ich heiße Martina Hefter und jeden Morgen steh ich um 5.45 Uhr auf und  

Und dann mach ich das Frühstück für meine Töchter und sie gehen los
zur Schule und ich geh zum Tanzen oder in die Probe
später schreib ich ein bisschen
oder ich geh zu meiner Schwiegermutter ins Pflegeheim.
 
Dort macht sie mit ihrer Schwermutter diverse Spiele, um Distanz und Trostlosigkeit zu überbrücken, zum Beispiel Reimspiele, die einen Hauch von Freude oder auch von Streit, Missmut, Zwieklang bereiten können:
 
Drückt man die rote Taste füllt sich das Stockwerk mit Tränen
nein Unsinn, mit einem grausamen Piepsphänomen

Und später:

Aua
oder
Hilfe
oder
Geh weg
mein Bein
mein Bauch
mein Brei
mein Leben
mein Herz
mein Klumpen Fuß
mein –
 
Hefter sagt, man müsse die Einschränkungen dieser versuchten Art von Zuwendung aushalten:
 
es ist eine andere Art, miteinander zu reden
irgendwann findet man schon einen Modus
verlasst euch drauf
 
Denn es wird uns alle einmal treffen, früher oder später, entweder helfend oder selber erleidend, oder beides. Und doch gilt es, durchzuhalten im Bestreben, menschlich zu sein, denn wie auch immer wir sind, wir haben den freien Willen dazu:
 
ich schwöre
mein Leben will ich der Durchsetzung des freien Willens aller Menschen,
  Tiere und Pflanzen widmen
ich schwöre
 
Und dennoch immer auch bei ihr der Ansturm von Anhaftungen, von Zweifeln als Teufel:
 
Wie viel würdest du bezahlen damit du überlegt handeln könntest
….
So Martina Pflicht erfüllt
das sagt aber jetzt wieder ein Teufel nicht ich
….
ich habe ja schon gefragt
wer bezahlt mir das eigentlich alles
ich meine das ernst es ist nicht zynisch gemeint
ich tue hier Dienst an der Gesellschaft.
 
Doch gibt es im Heim auch ein paar syrische und afghanische Männer, neue Mitarbeiter, die gern da sind und froh, „die die Scheiße wegtragen und generell / die Arbeit machen die von Deutschen nicht gern gemacht wird“ ...

Wann könnte es auch für Besucher*innen schön werden? Wenn sie für diesen Dienst gut bzw. überhaupt bezahlt werden? Oder Dankbarkeit von der Gegenseite empfinden? Was also wäre – in einer chiliastischen Weltsicht ohne göttliche Verheißung – das erstrebte Ziel?
  
Wenn ich überhaupt Lust hatte, über die kalte klare Sache zu sprechen,
dann nur so
 
normal.
 
Das Normale, die Norm Einhaltende? Ist es eine neue, zukünftige Norm, die zunächst eine Art Selbstüberwindung erfordert?
 
Ich glaube nicht so richtig an die Kraft von Wörtern.
 
Und je zynischer sie diesen Satz fand, desto mehr Gedichte entstanden auf der Gegenseite, gesteht Hefter:
 
Die Gedichte sind die andere Seite des Sprechstücks
Nicht die Rückseite oder B-Seite.
 
Hefter will die Realität nicht romantisieren, schon gar nicht in dieser Situation mit Halbtoten, Sterbenden oder sonstwie Darbenden – und doch glaubt sie als Dichterin an das Gute – durch eine selbstüberwindende Aufrichtung zum Gutsein. Ich weiß nicht, woher sie die Kraft zu diesem Glauben nimmt, wahrscheinlich aus der Natur, einer idealisierten Natur, ihrem Rhythmus, Klang, einer Energie der Bewegung, und deshalb durch ihre eigene Disziplin.
 
Ich möchte ein guter Mensch sein, ich spreche deutlich ins Telefon.
Was ich sage, sei durchtränkt von guten Taten,
und was ich tue, durchtränkt von guter Sprache,
in diesem Sinn wollt ich seit jeher handeln.
 
Chapeau für den Mut, Martina Hefter, das so auszudrücken - ohne Furcht vor zynischen Repliken. Und auch für ihren Sinn für Humor, der versucht, Pathos wegzudrücken und ins Komische (s. die Kleinheit der conditio humana) zu ziehen:
 
Dass es mich immer gibt, als Stern Martina Hefter oder
jemand erkennt mich in dem enorm schönen Flugobjekt
am hohen, hohlen Firmament,
 
das würde mich nicht wundern.
 
Wenn man so will, ist das ganze Buch ein „Sterbevorbereitungskurs“, sei es als philosophisches Einüben (wie etwa bei Epiktet), oder ein Meditieren über die Vergänglichkeit, als Hinweis auf die Teufel, die uns in unserem Hagestolz abhalten, Mensch zu werden.

Und wenn sie ihr Nachwort eines „von mehreren möglichen“ nennt, so möchte auch ich meine Zeilen nur eine von mehreren möglichen Rezensionen nennen, und zugleich auf die in der ZEIT von Björn Hayer verweisen: „Die Kraft des Fernsehers" – oder auf die in fixpoetry von Monika Vasik: „ sprechen wirs aus“.


Martina Hefter: Es könnte auch schön werden. Gedichte, Sprechtexte. Berlin (kookbooks, Reihe Lyrik, Bd. 57) 2018. 96 Seiten. 19,90 Euro.
Zurück zum Seiteninhalt