Direkt zum Seiteninhalt

Martina Hefter: Die Halbtoten (Auszug)

Gedichte


Martina Hefter

Die Halbtoten (Auszug)



Anmerkung der Autorin:

Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus einer dramatischen Dichtung mit dem Arbeitstitel "Die Halbtoten".
Orte der Handlung sind zunächst ein städtisches Pflegeheim in Leipzig, dann ein Boot auf der Saale, am Ende die Alpen.



(Im Frühstücksraum)
Die Alten

Die Gefuilde grüna Gräsa, hahaha.

Die Gräser werden fett sprießen aus dir.

Dassd mein Tod vorweg nimmst, sehr keck.

Dein Tod steht schon in der Zeitung.

Und dein Tödchen: flüchtig und unbemerkt, wie ein Nießen.

Mein Urgroßvater ging zgrund wiera Mahnmal, heroisch und aufrecht.

Meine Mutter lagerte im Bett wie ein dampfender Brotlaib.

Mei Vatta warf wieder und wieder seine Bein ind Höh.

Mir macht Angst, dass man danach in den Raum der Stille gefahren wird.

Im Raum der Stille hockt eine Kröte aus Seidenpapier.

Glotzt eine Schneise in die Stille.

Im Raum der Stille blökt ein vieräugiges Tier.

Wollma den Sitztanz machn?

Ja, den Sitztanz.

Wer fängt an?

Na kommt. Jemand muss anfangen.

Aans.

Zwei.

Drei.

Mir macht Angst, dass jemand dis Fernsehprogramm steuert und Tabletten ins Essen streut.

Den Sitztanz!

Mir macht Angst, dass man in der Stimme eines dunklen Gotts mit mir redet.

Vier.

Fünf, sechs.

Im Raum der Stille wird dir xxx verkauft.

Ich atme Tabletten aus. Schwitz einen bösen Mäusetraum aus mir raus.

Mir macht Angst, dass du so redest.

Mir macht der Handarbeitsclub Angst.

Oiso da Sitztanz is gstoam?
  
Mit mir reden die Pfleger in der Gestik heroischer Mahnmale.

Mit mir reden die Pfleger fuchtelnd und schlitzzüngig.

Mit mir reden sie gar nichts.

Mich beruhigt die Katze.

Was fürne Katze?

Kennst ned? Mir ham a Heimkatzn, di -

Wuuuaaatttt? Ne Heimkatze? Ogottogott! Wisst ihr das nicht? Wenn Heimkatzen sich auf
deine Brust legen, heißt das, du musst bald gehen.

Wie mi da Esoterikschaaß überhaupt ned ängstigt.

Also bei mir war sie vorgestern. Jetzt schaut nicht so.

Saß sie auf deiner Brust?

Nein! Ja, verdammt.

Sitztanz jetzt!

Aans.
Zwei.
Drei. Vier.

Aber es war, als die Katze auf meiner Brust saß, alles mild.

Ois war muid, mei o mei.

Milde ist ein gewaltsam waltendes Gebilde.

Die Milde ist schwer wie ein Gebirge.

Hey Leutschen, jetzt fängt ma an zu essen. Nur du und du hier, ihr beide, esst und trinkt
lieber nich.

Ich ess und trink jetzt erst recht. In voller Absicht. Die Absicht ist ein Drache, gegen den ich
nichts ausrichten kann.

Du könntse gegen ihn kämpen. Was denkst du, was wär passiert, wenn ich hätt nich
gekämpt.

Du hast gecampt?

Hahaha, sehr witzik. Du weiße genau.
(leises Singen)
Ich träumte vom Mann, der uns führte
durch wüste Wiesen,
durch biestige Wüsten,
uns schiffte fort von der Küste.
Sprüch das Wort Küste, und sofort
graue Haare, zehn Million Jahre
trocknest langsamer als ein Unke,
dem man Teich wegnahm.
Dem alles Haut abhanden kam.
Was meinst du! Ich kämpierte
kämpfend, ich hat mega Krämpfe
in mein Waden, vom Gehn
hat schwarze Zehn, willst mal gucken?


Martina Hefter: unveröffentlicht, 2016.

Zurück zum Seiteninhalt