Martin Piekar: Bastard Echo - Signaturen

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Martin Piekar: Bastard Echo

Rezensionen
 



Mario Osterland


Aus dem Schatten heraus



Der Klappentext sagt es und hat ausnahmsweise Recht. Martin Piekar donnerte 2012 „aus heiterem Himmel“ in die deutschsprachige Lyrik und wurde zum Überraschungssieger des 20. Open Mike. Spätestens seitdem sind seine Gedichte dauerpräsent in einschlägigen Zeitschriften und Internetplattformen. Kaum ein Lyrikdebut ist in jüngerer Zeit mit ähnlicher Neugier erwartet worden wie der Band Bastard Echo. Das liegt unter anderem daran, dass der 1990 geborene Piekar selbst für das Etikett „junge deutsche Lyrik“ recht früh einiges an Aufmerksamkeit auf sich zog. Vor allem aber führten die formellen und inhaltlichen Unterschiede innerhalb der zuvor erschienenen Texte zu der Frage, ob und wie sich Piekars Gedichte wohl in einem eigenständigen Band zu einem „Werk“ zusammenfügen. So viel schon einmal vorweg: Sie tun es nicht, nicht immer und am Ende irgendwie doch.

Wie ist das zu verstehen? Bastard Echo ist eine Sammlung von elf Zyklen und einem Langgedicht. Jeder Zyklus bildet für sich genommen eine fast kausale Einheit, deren Geschlossenheit sich jedoch nicht über den ganzen Band erhält. Die erwähnten Unterschiede in Form und Inhalt lassen das Buch daher zunächst wie den persönlichen Kramladen eines werdenden Lyrikers erscheinen. So weisen die als Erlebnisdichtung zu verstehenden Kapitel M‘Era Luna 2012 und Brutalismus (über die Sprengung des Frankfurter AfE-Turms) nicht die gleiche Dringlichkeit auf, wie etwa der titelgebende Bastard-Zyklus.

 
 

Allerdings täte man Piekar Unrecht, wollte man Bastard Echo allein an seiner inneren Kohärenz messen. Denn das Moment des Fragmentarischen muss bei einen Debut, in dem die Suche nach der eigenen poetischen Sprache und die Verortung des Ichs so zentral sind, zwangsläufig zu seinem integralen Bestandteil werden. Ebenso wie die dichterischen Vorbilder, die vor allem aus der Romantik, Neoromantik und dem Expressionismus stammen. Piekar versucht erst gar nicht das zu verschleiern, was den Gedichten sehr gut steht. Denn wann ließ sich ein Dichter zuletzt so tief in die Karten seiner eigenen Ästhetik schauen, ohne dabei den Reiz seiner Texte zu zerstören?

 
 

Das beweisen Verse wie „… meine ab-/ Gebrannten Whiskeylippen./ Sie sind spröde, wie Ruinen/ Spröde. nächtelang entgangen./ Sie platzen auf, als wäre Fieber/Drunter…“ oder „Nachtdraht will ich säen/ um die Zaunpfähle einer Vorstellungskraft/ und ein Baukran schürft Wahnsinnsbrocken,/ alten Fundament// Alpdruck treibt die Schatten/ aus den Schatten…“ Der Piekar-Sound ist deshalb interessant, weil er überdeutlich an der Ästhetik der Gothic-Kultur geschult ist, die im Vergleich zu Beat, Punk oder Rap in der deutschsprachigen Lyrik extrem unterrepräsentiert ist. Allerdings schafft er es, die Gothic-Elemente vom peinlichen Außenstehenden-Prädikat „dunkelromantisch“ und damit vom Kitsch zu befreien. Ebenso repräsentiert er eine unbändige Sehnsucht nach Tiefe, die der Szene im Allgemeinen etwas abhanden gekommen ist.


Doch apropos Zaunpfähle. Piekars markantestes Markenzeichen ist der unverkennbare Hang zu einer überbordenden Fülle an Samples, Wortspielen und Metaphern. So bekommt man manchmal das Gefühl, man habe es eigentlich mit „Gedichtrohlingen“ zu tun, in denen noch von allem zu viel steckt und denen ein gewisser Schliff nicht schaden könnte. Wenn beispielsweise der Busfahrer zum Charon wird und die Discogänger mit dem Nachtfloß verteilt, kann man schon fragen, ob das nicht zu viel gewollt oder nur ein weiterer Beweis für Piekars Drang zur Dichtung ist. Dass er keine Berührungsängste vor klassisch-mythologischen Motiven hat, ist ihm jedenfalls anzurechnen.

Und so bekommt die junge deutsche Lyrik mit Piekar eine neue, unkonventionelle Stimme, die das Potential hat, den Laden in Zukunft kräftig aufzumischen. Denn eins wird bei der Lektüre von Bastard Echo klar: Piekar ist es ernst mit der Dichtung. Ironisch distanzierter Klamauk ist ihm glücklicherweise völlig fremd.



Martin Piekar: Bastard Echo. Gedichte. Mit Illustrationen von Michael Zander. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2014. 140 Seiten. 13,90€.

 
 
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