Martin Piekar: . Monologe mit Büchner. Radikal mixed up . - Signaturen

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Martin Piekar: . Monologe mit Büchner. Radikal mixed up .

Gedichte
 


                                                              
. Monologe mit Büchner. Radikal mixed up .

Ist es leichter mutig zu sterben, als
zu leben – oder erst möglich
wenn man gelebt hat oder gelebt und versagt,
oder muss man versagen, muss man sogar?
Danton? Ist das dein gelungener Tod?
Nein. Der Weg zum Narrenhaus ist nicht
lang
, die haben viel Wichtiges
getan, sie mussten nie.
Das Muss. Dieses Muss, was ist das?
Eine Revolverdrohung der Gedanken? Wer befiehlt
Geisterzwang? Ist das Muss ein
Stier, ein wilder, rotes Tuch, rote Klinge – rote
Schlüsse klingen | Gedanken schießen
mir durch den Kopf
bis ich überwältigt; bis ich muss, bis ich Muss bin.

Revolution!

Das Privileg der Revolution, marschiert
als Verjüngungskur? Was marschiert?
Wir wo hin?, was durch? Wohinaus?
Scheiterhaufen – aus
allen gescheiterten Revolutionen
eine Stimme flechten | Flechte wie ein Schnitt
in eine Richtung, eine wichtige. Der Himmel
verhelf ihr zu einer behaglichen fixen Idee
, denkst du dir.
Denkst, die verfickten Ideen meist langweilig | strotzen
nur vor Hass und Wortklingen | nichts Neues.
Dieses Aschgeschmackte, verblieben.
Sind wir zu alt für die Revolten geworden,
sind zu jung um Missstände zu würdigen?
Zuweilen Moloch | gefräßig Brennender;
der Seperativ ein bloßer Augenschein, aus-
getrickst – macht die Masse den Moloch?
Du parodierst den Sokrates.
Nein, der stirbt nicht so schön – aber wer
the fuck bin ich, dir zu verwehren zu sterben?,
oder in die Ecke zu setzen
und Rüben zu kochen, aber
aber schwatz
uns keine Gladiatorenspiele auf.
Wenn einmal die Geschichte ihre Grüfte öffnet.
Was weiß ich, wir wissen wenig
voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir strecken
die Hände nacheinander aus aber es ist
vergebliche Mühe, wir reiben
nur das grobe Leder aneinander ab, –
wir sind sehr einsam.
So kennen wir uns
nur so kennen, ja was man so kennen heißt
weißt du, wie man in Schädel scheißt? – Woyzeck.
Er hat auf die Straß gepißt,
an die Wand gepißt wie
ein Hund. Und doch 2 Groschen täglich. Woyzeck
das ist schlecht.
Die Welt wird
schlecht, sehr schlecht. Wie oft
habe ich schon
an Wände gepisst. Und Bäume!
Ecken in Verzweiflung.
Ist das nich schon lange
her, Woyzeck, bei dir? Was muss
Welt heute schlecht sein.
Kein O, kein Ach        |         Pisse.
’s sollte alles gärig, alles
angelaufen und ausgeblichen.
Ich wusste nicht, dass
in die Toilette strullern
Welt verbessert, Woyzeck, Woyzeck.
Braucht Welt einen Arzt,
der sie gesundhungert?
Wir Reliquien, der Glaube
ans Schlechterwerden bleibt, bleibts
übelriechend für alles Nachzeitige.
Das sind Phrasen
für die Nachwelt.

Immer noch. Ich weiß nicht. Nicht wahr?
Danton? Uns gehen sie eigentlich nichts an!
Ich muss wieder pissen.
Schlecht, sehr schlecht. Was bleibt ist:

Revolution!

Wir müssen uns die Schädel-
decken aufbrechen und die Gedanken
einander aus den Hirnfasern zerren,

vielleicht küssen? Danton, deine Lippen haben Augen.
in den Menschen
verklärt sich die Individualität zur Freiheit.

Aber jedem wirklich? Doktortitel wissen was?
An sich ist an sich, versteht ihr?
Es bleibt nur Leben statt Titel | bisweilen
kein viehdummes Individuum wie
viele Personen
in ihrer resoluten Windhaltung.
Woher komm dieser Wind? Aus Süd-Nord.
HA! Süd-Nord – von überall her:

Revolution!

Beißt sich heißkalt – Artillerietornado,
den wir immer aus unseren Lungen werfen –
Bedeutungsbombardement, wir können
nichtmal atmen
ohne etwas zu vermitteln | wir tragen uns
nach außen ab – es fließt aus uns: Individualität –
wir verlieren uns an uns und wie können wir
uns aus der Welt ziehen; zurück; im besten Falle
geistig gelähmt werden
. Wir krücken uns nur
wir brauchen uns, um uns auf uns selbst abzustützen.
Wie lange sollen wir noch schmutzig
und blutig sein wie neugeborene Kinder?

Kinder aus Zeit. Unserer? Und auch in der Zeit,
in jedem Augenblick wieder ein Müh fetal. So vergeistert.

Revolution!

Wie Saturn: umringt
von Kindern interdisziplinärer Rezepte. Ist die Sehnsucht
nach Revolution heute ein luxuriöser Leidenszustand?
Ist die Sehnsucht nach Revolution Rock’n’Roll?
Und überhaupt, wie viele Arten Revolutions-
bedürfnis gibt es?, ich könnte
wieder mit dem Einfachsten anfangen,
ich könnte Käs essen, Bier trinken, Tabak rauchen.
Nicken wir Notstände ab und kümmert uns,
dass sich ein Andrer drum kümmert? –
sprechen wir lieber von Standnöten?
Sie stehen still und starr ruht
der Terz und fickt euch doch | Ich kann kein Mühlrad,
ihr Konservatoren, mehr sehn, oder ich wird
melancholisch.
Am liebsten
Technik ohne Moral, Menschen
Mechanik; Woyzeck.
Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft | Kumpane, wir
liefern nur geistlos und emsig aus – das ist Motto
geworden. Der Aff ist schon ein Soldat, ’s ist noch nicht viel | reißt
die Maske ab!,
da werden die Gesichter mitgehen
und Ungesicht schändet man am liebsten.
Ich begreife Ihre Resignation nicht.
Krankheitsbild: Anonymität: was man nicht kennt,
löscht man
wie ein Zimmer – aus – dem alten Kennen
werden wir nicht menschlicher.
Nein. Ja.
Ist das nein am ja oder das ja am nein schuld.
Sollten wir glauben oder: wir sollten glauben:
Ich liebe dich
wie das Grab
, Ruhe, die Lippen, wie
Totenglocken, die Stimme, wie Grab-
geläute, die dein-Brust, die mein-Grabhügel,
deinmein Herzsarg. Und Worte
sind zwischen uns willkürliche
Fillerepisoden, Ungeköpfte, – wer weiß
wie Hitler Guillotinenromantik zu schätzen?
What the Fuck? Ja, zack ab!
Enthauptete sind leichter zu verstehen,
meint man. Wir alle sind Narren,
es hat keiner das Recht
einem anderen eine eigentümliche
Narrheit aufzudringen.
Ob jemals
jemand merkte, dass in ihm kein Herz,
sondern ein Narr gegen die Innenbrust schlug?
So wäre man doch etwas. Ein Narr! Ein Narr!
Hast du manchmal Lust zu narren?
Lust – wir alle sind Epikureer – auch
wenn wir gar keine Lust dazu haben. Reißt du
deinem Narr die Maske ab? Demaskierung:
Illusion des Enttäuschens?

Revolution!

Vs Illusion – aber absehbare

Revolution

Ist Konservativ mit Schleifchenpapier.
Die Revolution ist eine die vogelscheucht.
Aber die Furcht wird sie vereinigen
Oder zerstäuben? Eine erbauliche Aussicht!
Von einem Misthaufen
auf den anderen!
Es stinkt uns herauf,
aus Wohlwollen ohne Praktik; da fault die

Revolution!

Wir lassen uns uns niederlassen und
beginnen zu faulenzen. Was die Leute
nicht alles aus Langeweile treiben.
Sie studieren aus Langeweile, sie
Beten aus Langeweile, sie verlieben,
verheiraten und vermehren sich aus Langeweile
und sterben endlich
aus Langeweile.
Wir sind
an diese Art des Faulens gewöhnt. Und
wir revoltieren aus Langeweile?
Daraus oder deswegen? Und stell dir vor:
was, wenn wir aufstehen,
uns bewegen. Was denken die anderen?
Entweder laufen sie mit, glauben nicht,
dass es was zu laufen gibt oder sträuben sich
Widerhaken. Am Ende bleibt das Nichts.
Selbst das Geld
geht in Verwesung über.

Am Ende bleicht das Nichts
ein Asyl. Vor allen Bestrebungen
muss ich mich ihrer Nichtigkeit
überzeugen – außer mir, muss es sich
in sich ergründen, ein Fundament in sich. Das ist

Revolution!

Wir leben auf Misthaufen
vergangener Revoluzzer. Sie starben und wir
leben auf ihnen. Ein Nährmedium für
Kontrakfaktuale. Wir meinen zu kennen,
was vor uns war. Wir haben keine Wörter
für dieses Kennen, wir meinen kennen und
haben kein Wort für die Idee. Was ist’s denn
wenn ich auf eine Leiche trete um
aus dem Grab zu klettern.
Wie kann ich
Jemandes Gedanken steigbügeln? Notwehr?
Wehrnot? Schändung? Einfach so?
Aber Woyzeck, er hat eine Aberratio.
Aber | kein | aber | philosophisch | oder wie
heißt das heute, Geseier wurde zu Geaber. Sehr human
und philobestialisch
Und es läuft ja
wie ein offenes Rasiermesser durch

die Welt, man schneidt sich
nicht in Haut | schneidet sich in sich
hinan – weiter und die Menscher dämpfen,
das geht.
Wir nehmen uns gegenseitig
von unseren Schreien. Wir zerhallen sie
aneinander. Das Ineinanderschreien und der
Zeter
| verfluchter
Mist als Libation | aber wem
opfern wir eigentlich? Opfer
unser? Opfer irgendeines? Sobald wir
geopfert haben, haben wir uns
alle am nämlichen
Tisch krank gegessen

Und von Innen, verdaun wir uns.
Wir ein Vulkan, wir schliefen
nur in unsern Träumen. Traum | Traum
vom Ausbruch, aber ohne
auszubrechen. Wir sind zäh und oftmals unterfüttert
Die Lava der

Relvolution

fließt, würds gerne schreien und die Lava
wurde vielleicht schon erstickt. In mir,
mit ein paar Zugeständnissen.
Revolutionen geben sich nicht zufrieden
sie können – frühzeitig –
zufrieden gegeben werden. Was
sollen wir uns zerren
| denkste, glaubste, meinste,
denn ich kann vor Nüchternheit
kaum sicher stehen
;
pisste – nein wir. Was wir, ich weiß nichts
mehr und wenn man kalt ist
friert man nicht mehr
. Aber zwischen Frost und Lava
was baumeln wir uns hin und her zur

Revolution.

Sexuelle Revolution | wir revoltieren nicht
wir verschieben ein par Tabus aber brechen
uns keine ab. Igeln uns, wenn nicht nach West, dann
weißt du schon, wohin.
Und ewig treiben wir es so.
Und ewig treiben wir. Es wird mir ganz angst
um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke.

Die treibende Frage
für mich: wirds nach uns weiter wälzen,
wie wir uns heute oder auf der Welt ist kein Bestand?
Mich trägt die Angst, mich
heilt der Versuch | der Schaden.
Mich micht mich.
Meinetwegen. Es ist alles eins.
Und irgendwann null oder
das war-eins. Eins nach dem anderen. Und
die Wände fallen auf mich. Am Schluss
bleibt uns
mit dem Kopf gegen die |
und dann sprichts aus der Wand, hörst du nix?
Hörst du nix?
Hörst du nix?

Martin Piekar: Bastard Echo. Gedichte. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2014

 
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