Markus Hallinger: Lamento über die armen Dichter - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Markus Hallinger: Lamento über die armen Dichter

Essay / Memo > Essay
 




Lamento über die armen Dichter



wenn man sich überlegt, dass vielleicht 150 Leute im Land gute Gedichte schreiben und keiner davon leben kann, nicht einmal die Mayröcker von ihren Verkaufszahlen leben kann – ein Maler der gleichen Kategorie dagegen schon einigermaßen über die Runden kommt, bzw. wenn ein Maler den Rang einer Mayröcker hätte, steinreich wäre; die die Gedichte schreiben am Tropf von Subventionen hängen und sich rechtfertigen müssen, warum sie der Allgemeinheit auf der Tasche liegen, weil der Mehrwert nur in Geld gemessen wird, diese Gesellschaft und gesellschaftliche Anerkennung nur übers Geld funktionieren, im besten Fall der Dichter als Spinner akzeptiert wird, weil es diese Kunstform halt gibt, so wie es Maler gibt, Musiker, Filmemacher, wobei Dichtkunst als letztes in der Reihe steht, weil man sie nicht versteht und nicht versteht, warum sich das jemand antut, Gedichte zu schreiben, wo nichts damit zu verdienen ist, geschweige denn ein Gedicht an die Wand zu hängen ist in der Hoffnung auf Wertsteigerung, also selbst Snoops und Investoren vor Gedichten zurückschrecken, logischerweise, weil Gedichten das Einzigartige fehlt, weil sie abgeschrieben werden können und demokratisch sind, aber genau an diesem Punkt dem Käufer das Elitäre fehlt, um sie zu einem Geschäft zu machen, sozusagen kein Premiumcharakter vorhanden ist, mit dem man sich schmücken kann, geschweige denn, dass man sich einen Dichter hält bei Hof im Konzern, so demokratisch scheint man dann doch (man hält sich keine Menschen, ist ja auch kein Fürst), aber damit auch niemandem eins auswischen könnte, wenn man sich den Dichter halten würde, jemand anderem den wegschnappt, es keine Konkurrenz gibt auf diesem Gebiet (wie es sie vielleicht mal gegeben hat), es auch nicht von Nutzen wäre, läge ein Buch von Monika Rinck im Besprechungszimmer, oder ein Popp am Schreibtisch, so wie der Picasso im Chefbüro hängt, im Gegenteil würde es Kopfschütteln hervorrufen über das rausgeschmissene Geld, auch wenn es nur 12.90 sind für das Paperback.

Markus Hallinger


 
 
 
 
 

Markus Hallinger, 1961 in Tegernsee geboren, lebt in Oberbayern und veröffentlicht seit 2006 in Literatur-zeitschriften und Anthologien.

Sein Debutband:
Das Eigene. Gedichte. München (Lyrikedition 2000) 2012. 88 S., 9,50 Euro.

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü