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Markus Breidenich: Letzte Nacht

Gedichte > Gedichte der Woche



Letzte Nacht


Es war dieses Fingerspitzengefühl auf deiner Haut,
das sich einstellte, wenn man dir nahe kam. Über
dem Hals zum Beispiel, der unmerklich – aber
pars pro toto – für dich stand. Nur gelegentlich
konnte man, abends vor allen Dingen, spüren,
dass etwas dir über die Zunge kam. Die Lippen.
Dann wischte man mit angefeuchteten Tüchern
über deinen Mund. Während du fernsahst. Etwas,
das aussah wie ein Kreis oder Stern, der jetzt in
deinem Gesicht geschrieben stand. So konnte man
in einem der fallenden Abendblätter lesen, dass
der Mond über dem Schützen aufgehe und
allmählich in dein Zimmer scheine. Für ein
Licht auf die trüben Linsen. All die Krater und
Furchen erinnerten an Bestandsaufnahmen. An
Röntgen- und Spiegelbildliches im Dimmerlicht
einer kleinen, verrauchten Lunge. Nach der Sperr-
stunde. Der letzten Ölung einer Kneipentür, die dir
dort, im Augenblick deines Nach-Hause-Weges, zu-
oder einfach nur eingefallen war. So sehr lief jetzt
jeder Film über deinen Augen noch einmal an dir ab.
Die Mitwirkenden, die im Abspann ihre Erwähnung
fanden. Die Haupt- und Nebenrollen unter deinen
Stühlen. Die Gitter und Stäbe. Alles vor und
hinter deinem Rücken Gewesene. Hin und zurück
durch dein Haar Gefahrene. Jedes Streicheln, Streichen.
Alles Kuscheln und Kuschen. Zur Ruhe gesetzte,
all das Schlafen gelegte, sedierte, traumhafte Leben.


Markus Breidenich: Unveröffentlicht, 2011

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