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Markus Breidenich: Anemonenbesuch

Rezensionen



Ivor Joseph Dvorecky

"Anemonenbesuch" von Markus Breidenich

Erschütterer −: Anemone,
du trägst den Glauben, das Licht,
den einst der Sommer als Krone
aus großen Blüten flicht.

Benn: Anemone


Markus Breidenichs Wanderungen in seinem vierten Gedichtband sind eine Bewegung entlang der Zeit, die als Perspektive immer spürbar bleibt. Hingegen bleibt die Raumvorstellung des beobachtenden Ichs nicht näher bestimmt als von Weite und Tiefe, oder einem Blick, der so nahe ist, dass Zusammenhänge nicht entstehen können und Erscheinungen solitär bleiben.
Die verheerten Landschaften zu Beginn sind ruderale Territorien des Stillstands, in denen der Einfluss des Menschen von der Natur zurückgedrängt worden ist. Der Untergang erfolgte zwangsläufig wie der Lauf der Jahreszeiten, doch wusste das dichterische Ich die Zeichen nicht zu deuten: Die Eingeweide meines Kanarienvogels / ließen nichts Gutes ahnen notiert es und betrachtet gleichmütig Vogelflüge und Grashalme, die Kalksteinplatten, die Sterbetage der Katzen, tägliche Verrichtungen, den eigenen Schatten und den entfremdeten Körper. Der übliche postmoderne Verlust von Gewissheiten äußert sich darin zum einen Teil, zum größeren ist es der Verlust der Magie von Kindheit und Jugendträumen, wie es bereits von den Surrealisten ins Blickfeld gerückt worden ist.  

                                         Jede Form der Selbstverwirklichung, die mit dem Aufwachen verbunden ist, endet tragisch. Die meisten kehren ins Leben zurück und gründen Familien. Viele von ihnen werden alt und vergesslich, was ihre Zeit über den Giebeln betrifft. (...)            

Das dichterische Ich sucht nach dem Widerständigen, wogegen es sich erfahren kann. Es durchwandert archaische Landschaften, kehrt wiederholt zu unteren Meeresschichten, mit ihrem Leben im Anfangsstadium. Früher Ammonitenlook, immer wieder Kalkwände, Kalkgehäuse – Kalk, ein Grundstoff zwischen Leben und mineralischer Natur. Und auch: In den Kalköfen des Mittelalters verschwanden Teile der Antike.

Das Ich betrachtet, stellt keine Fragen (der ganze Band ist eine Frage). Es spricht in kurzen, parataktischen, asyndetischen Sätzen, die einen Sinnzusammenhang in Frage stellen und die zugrundeliegende Leere umkreisen. Doch ist die assoziative Aufzählung von Altbauten, Ahornparkett, Sofa, Eisbärenleder, schallisoliertem Haus, Lammfellschuhen usw., im Unterschied zu Vorbildern wie Ashbery, ohne überraschende Sprünge und Drehungen in der Perspektive, so dass zuweilen der poetische Bezug verflacht:

Ich / verlasse mich auf meinen Stirnlappen,/ während ich Staub wische. […] Der Anachronismus der Tonträger ist schwarz. / Meine Generation, die unter Nadeln aufge/wachsen ist […] Auch viele / meiner Platten sind Singles geblieben.

Die Ankunft in der Echtzeit, von Gefühl und Traum weg, verändert die Stimmlage nur geringfügig. War es vordem die vegetative Indifferenz, die dem Ich keinen Widerstand bot, ist es nun die totale Verfügbarkeit des Informationszeitalters. Gleichgültig registriert die lyrische Stimme die digitalen Wolken, das Blau des Himmels als Hintergrundbild.

Ich falle nicht auf, wenn ich
mit dem Zeigefinger über den Bluescreen fahre,
der über mir hängt. Habe ich
den Wunsch ein wenig hineinzuzoomen,
schiebe ich die Luft beiseite
und vergrößere meine Ansicht auf
zweihundert Prozent. An Tagen,
an denen die Wolken über das Display ziehen,


Bluescreen – Touchscreen, Speicherplatz & Downloads besetzen die Textstellen der Naturerscheinungen. Ein drückbarer Stern, Tasten und Taster der Insekten: Analogie und Simulation des Sinnlichen. Die zunehmende Virtualität der Welt vermag weder den geheimnisvollen Zusammenhang von Kindheit oder Mythos zu ersetzen noch dem reifen Ich eine authentische Selbsterfahrung bieten. Die verdrängte Realität erscheint untergründig, in Gestalt von Vergangenheit, Weltangst oder radioaktiver Katastrophe.

Das wandelt sich mit der Einmündung in die private Gegenwart. Aus halbgeöffneten Augen sieht das dichterische Ich vollständiger. Verfließen, Zeit und das Dunkelwerden bilden den Rahmen des letzten Abschnitts des ansonsten visuellen Gedichtbandes. Diskotheken, Taxis, Haltestellen, Straßenkreuzungen und Großbaustellen treten in das Blickfeld. Der Ton wird urbaner, die Gedankenführung kohärenter und reflexiver, die Wahrnehmung sinnlicher. Ein Du tritt dem Ich entgegen, an dem es Widerstand und Halt findet. Es beschert uns, neben den Bluescreen‐Texten, beachtenswerte Gedichte.

Dann wischte man mit angefeuchteten Tüchern
über deinen Mund. Während du fernsahst. Etwas,
das aussah wie ein Kreis oder Stern, der jetzt in
deinem Gesicht stand. So konnte man
in einem der fallenden Abendblätter lesen, dass
der Mond über dem Schützen aufgehe
(…)

Das dichterische Ich nimmt das zyklische Verfließen der Zeit als Erscheinungsform der Vergänglichkeit an und der Gedichtband kann mit der Zukunft aufschließen: Sag zu den Endlosblättern Du. Du / wirst ein langes Leben haben. / Lange schreibe ich. Bis in den Wind.

In die instinkthafte Urwelt, unter der Meeresoberfläche, kehrt es nun ein, in atemloser Liebe, als ein Wir.


Markus Breidenich: Anemonenbesuch. Gedichte. München (Allitera Verlag / Lyrikedition 2000) 2015. 68 Seiten. 9,50 Euro.

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