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Mark Kanak: tractatus illogico-insanus

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Zu Mark Kanaks tractatus illogico-insanus.


Unlogisch, unsinnig, unmäßig, riesig, übertrieben (heftig), ungeheuer. Insanus hat so viele Bedeutungen, wie es Spielformen von dem gibt, was jenseits dessen liegt, was wir vielleicht noch normal nennen würden. Und in diesem Gewirr verschwindet auch die Rationalität selbst, löst sich und ihre Begrifflichkeit auf, oder zeigt sich als ihr Gegenteil.
    In der bürgerlichen Selbstbetrachtung, die immer auch eine Selbstüberschätzung war, wurde die Menschheitsgeschichte gern als die einer Rationalisierung erzählt. Der Begriff kommt zu sich selbst. Allerdings erzeugten die Kriege des 20. Jahrhunderts mehr Tote als alle Kriege der Menschheitsgeschichte vorher zusammengenommen. Wer wollte da noch von Rationalität sprechen.  Vernunft, so scheint es, ist reine Form und blind gegenüber den Inhalten. Als Form aber erscheint sie uns schön in ihrer Klarheit. Es ist allerdings auch so, dass etwas, das willentlich versucht, sich dem Verständnis zu entziehen, sich eben gerade dadurch dem Verstehen öffnet. Was mir beim Lesen aufging.
    Der 1965 in Illinois geborene und in Berlin lebende Autor und Übersetzer Mark Kanak versucht in seinem Tractatus dieser Rationalität zu folgen und endet folgerichtig in Natur-zerstörung und Überwachung.

Dass Wittgensteins Tractatus etwa zur gleichen Zeit entstand wie der Züricher Dadaismus, nämlich als der Erste Weltkrieg tobte, ist kein Wunder. Kanaks Buch nun ist eine Überschreibung dieses anderen Werkes und bedient sich seiner vorgegebenen Struktur. Fast in jedem Punkt hält es sich an die numerische Einteilung seines Vorbildes. Allerdings traut er dessen Selbstbewusstheit nicht. Wie auch?! Klarheit, gedachte Klarheit, heißt noch nicht, dass etwas jenseits des Denkens klar erscheint.
    Ludwig Wittgenstein schrieb seinen tractatus logico-philosophicus während des ersten Weltkrieges, als sei der Versuch, die Welt zu ordnen, eine Reaktion auf den um ihn tobenden Wahnsinn.

Wittgenstein, der den ganzen Krieg hindurch an verschiedenen Stellen seinen Kriegsdienst versah, den er als Pflicht auffasste. Aber im Text ist vom Kriegslärm nichts zu hören. Keine Schrapnell, kein Schuss. Und wird auch nicht genannt. Es handelt sich mehr um eine Meditation. Erschienen ist der Text mit groben Fehlern 1921 in einer von Wittgenstein nicht gegengelesenen Fassung. 1922 erschien eine erste zweisprachige (englisch-deutsche) Fassung in London. Diese kann man als die grundlegende bezeichnen, und wie diese ist auch Kanaks Tractatus zweisprachig.

Bei Kanak heißt es: „20232 Zu wenig Leute haben den Mut, vollkommenen Blödsinn zu sagen. Häufig wiederholter Blödsinn wird integrierendes Moment unseres Denkens. (Carl Einstein Bebequin)“

Eine Reaktion auf das Vorbild, das behauptet, dass man alles was man sagen könne, klar sagen könne?  Vielleicht ist es ja so, dass man große Teile der zeitgenössischen Philosophie als Produkte des ersten Weltkrieges betrachten muss, und überhaupt unsere Zivilisation als Produkt des Wahnsinns vorangegangener Kriege. Ich maße mir nicht an, den Tractatus verstanden zu haben, aber seine beeindruckende Kargheit verleitete mich immer wieder dazu, darin zu lesen. Und jene kristalline Struktur ist es wohl auch, die es mir sofort einleuchten ließ, ihn im Kontext von Mystik zu rezipieren. Denn:

„6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

Dieser Satz steht ziemlich am Ende des Tractatus Logico-Philosophicus. Wittgenstein geht zumindest das Wagnis ein, zu mutmaßen, dass es noch etwas jenseits der Welt gibt, „die endet, wo meine Sprache endet.“ Kanak zitiert unter der gleichen Nummer einen Songtext von Rio Reiser: Der Turm stürzt ein.

Kanak nimmt Wittgensteins Ball auf und wendet die Klarheit lustvoll gegen sich selbst. Im Vorwort schreibt er:

„Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit grundsätzlich auch darin, dass sie zeigt, wie wenig momentan getan wird, um diese Probleme zu lösen, um den ÜS (Überwachungsstaat) den Klimawandel und das Himbeerpflücken unter Kontrolle zu bringen.“


Mark Kanak: tractatus illogico-insanus. Englisch/deutsch. Klagenfurt (Ritter Verlag) 2019. 240 Seiten. 18,90 Euro.
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