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Marjorie Agosin: Engel der Erinnerung

Rezensionen



Timo Brandt

Die Engel der Erinnerung und die teuflische Vergangenheit



„Ist Ausschwitz eine Stadt der
Toten oder der Lebenden?,
fragte das kleine Mädchen verwundert.“


Marjorie Agosin wuchs in Chile auf, als Nachfahrin einer deutschen Jüdin, die 1939 aus Europa floh. Sie gewann sowohl Preise wegen ihres Engagements für Menschenrechte als auch für ihre Poesie. Eines ihrer wichtigsten Bücher „In the sand: the young women of Juárez“ greift die systematischen Morde in der nord-mexikanischen Stadt auf, der seit 1993 sehr oft junge Frauen und Mädchen zum Opfer gefallen sind – dieselbe Mordserie war vermutlich auch die Inspiration für den vierten Teil von Roberto Bolaños „2666“.
    In „Engel der Erinnerung“ liegt der Fokus jedoch auf der Geschichte der jüdischen Familie und allgemein auf der Geschichte der Shoa. Auf den Spuren der Großmutter Helena Broder, begibt sich Agosin an die Orte des Todes und die des Lebens: einmal drehen sich die Gedichte um Theresienstadt und Ausschwitz, dann um Wien und Prag, die Städte, in denen heute noch manche Überlieferung ihrer Großmutter, manche Geschichte, manche Erinnerung, schmale Funken schlägt. Funken im Nebel der Vergangenheit und im zu hellen Licht der Gegenwart.

„Wie aus Abgründen
tönen die Stimmen
der Rechtfertigung,
oder sind es die schläfrigen Rituale
der Reue?“


Obgleich die wesentliche Auslotung den Gefühle der Großmutter und der verschwundene Präsenz der Anverwandten gilt, ist der Band fast am eindrücklichsten, wenn er die Täter*innen zu Wort kommen lässt oder ins Blickfeld zieht, ihre Anwesenheit und Widersinnigkeit nicht ausspart; wenn nicht nur die Sprachlosigkeit benannt wird, die eine haltlose Stütze des Gedenkens ist, sondern die Sprache alle Brücken zur Verdichtung abbricht und von den Abgründen der Reue und Rechtfertigung oder der Alltäglichkeit des Grauens spricht:

„Der Lokführer
ist ein angesehener Beamter,
verdient einen Orden
für seine Pünktlichkeit.
Er kennt die Endstation jener Züge:
Die Blaugasbahnhöfe,
die Gefilde des Nebels,
die Grabesstille jenseits der Stille,
die Körper, die brennen, wie tote Blumen.“
[…]
An jenem Bahnhof wartete der Tod,
ausdruckslos, mit blank gewichsten Schuhen,
mit hechelnder Zunge,
und der Lokführer wusste es.“


Verlorenheit wird dargestellt, aber mehr durch ein kontinuierliches Erzählen, ein Nicht-locker-Lassen, eine bohrende Frage, die zur Geschichte wird, zur Schilderung. Poetisch sind nur wenige Nuancen des Bandes, geborgen in sich wiederholenden Motiven, die dafür umso deutlicher hervortreten.
    Aber auch so (oder: gerade so) kann man auf hohe Berge steigen, die sich in der Vergangenheit eines Überlebenden wohl auftürmen werden – zumindest ein Stück weit; Gebirge, in denen die Kusinen und Tanten verschollen sind, von denen noch alte Postkarten existieren, und natürlich Geschichten, in denen die alte Welt noch in Stand ist und wie polierte Hoffnung glänzt, derweil sie unwiederbringlich verschüttet und zerstört ist.
    Keine Nachricht des Todes! Man redet über die Verwandten als wären sie am Leben, bei den Feiern bleiben ihre Stühle unbesetzt, es gibt ja keine Gewissheit, vielleicht tauchen sie auf aus dem Nebel, der die Stätten des Mordes verhüllt. Die zum einen sehr innige, zum anderen sehr amtliche Bedeutung des Wortes „Vermisst“ geistert durch die Zeilen. Und langsam wird der Wahnsinn und der Verlust Überlieferung:


„Beim Erzählen dieser Geschichte
verschwimmt es vor meinen Augen
und ich mache daraus ein Gedicht,
weil ich sie niemandem erzählen kann.
Ich will mir nicht anhören, wie sie sagen:
Schon wieder die Juden mit ihren Erinnerungen.
Das ist doch schon so lange her.“


Wenig Metaphysik, dafür vieles, was näher liegt, wird man in diesem Band auffinden. Der Versuch, Orte wie Ausschwitz mit Worten zu erreichen, aufzudecken, erweist sich als chancenloses Unterfangen. Aber trotz dieser Chancenlosigkeit reißt er Stücke aus den Tatsachen, Fetzen.


„Es hieß, es sei ein Ort,
wo nachts
das Schweigen kroch
wo hinter Stacheldrahtsprache
das Vergessen herrschte,
wo Gott zurückgeblieben war
in den toten Fluren des Glaubens.“


Ein Buch der rückhaltlosen Erinnerung und des Gedenkens. Adorno revidierte seine eigene These von der Unmöglichkeit nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben zwar, aber ihr Echo hallt wieder in den Winkeln aller Gedichte, die die einzig mögliche, direkte Antwort auf diese These gaben: indem sie von der Shoa handelten.
    Die Nachwirkungen sind, dass manche deutsche Dichter*innen ihre Gedichte seit den Verbrechen des 20. Jahrhunderts mehr als Dokumente und weniger als Lieder und Gesänge begreifen oder zumindest diese beiden Ansätze verschmelzen.
    Das war und ist eine Art mit der Geschichte umzugehen, mit den Schatten, die auf den Worten liegen. Marjorie Agosins Buch steht, obgleich auf Spanisch verfasst, in der Tradition dieser Verschmelzung von Poesie und Dokument. Und man könnte wohl auch sagen, dass menschliche Erinnerung genau das ist: etwas, das sowohl die Vergangenheit umfasst, aber auch all die darauf angebauten und die davon abgeschliffenen Poetisierungen des Lebens, der Bedeutung und die Sehnsüchte und Härte der Trauer.


„ich weiß, wir leben in der Erinnerung,
oder in der Metapher der Erinnerung,
oder in der Erinnerung, die weder Vergessen
noch Versprechungen erlaubt,
oder in der Vorstellung einer Erinnerung,
die mit der Ferne spielt,
eine kleine Schelle, die schwermütig
über dem Totenreich erklingt.“



Marjorie Agosin: Engel der Erinnerung. Deutsch / Spanisch. Übersetzt von Simone Reinhard. Berlin (Verlag Hans Schiler) 2016. 100 Seiten. 16,00 Euro.

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