Marion Poschmann: Mondbetrachtung in mondloser Nacht - Signaturen

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Marion Poschmann: Mondbetrachtung in mondloser Nacht

Rezensionen
 



Jan Kuhlbrodt


Zu Marion Poschmann: Mondbetrachtung in mondloser Nacht



Es gibt Bücher, denen man schon beim ersten Lesen anmerkt, dass es eine abschließende Lektüre nicht geben wird, weil sie Themenfelder eröffnen, deren Behandlung nicht beendet werden kann.

Ich werde dieses Buch von Marion Poschmann, wenn ich es dann ins Regal stelle, neben Benjamins Einbahnstraße und Valérys Über Kunst platzieren. Also ganz in der Nähe zum Schreibtisch, immer griffbereit. Lessings Pflanzen und Tiere befinden sich ebenfalls dort, Novalis' Blütenstaubfragmente und noch einige andere Bücher, die so etwas wie ein Wurzelgeflecht ausmachen, ein Myzel, aus dem sich kontrolliert unkontrolliert mein Denken speist und einen Abschluss verweigert. Das ist die Dialektik der Aufklärung, einer Aufklärung, die sich ihrer irrationalen Momente bewusst ist und damit ihrer notwendigen Unabgeschlossenheit. Denn ihre Reflexion verzichtet auf Zwang.

 
 

Über Dichtung ist der Band unterschrieben und es ginge fehl, daraus zu schließen, dass er sich ausschließlich mit Gedichten befassen würde. Unter der Überschrift Erkenntnis finden sich u.a. diese Sätze: Wenn ich im folgenden von Dichtung spreche, meine ich damit nicht nur Gedichte, ich meine auch Prosa, oder lyrische Prosa, oder Dramatik, ich meine damit keine Gattung, sondern Literatur, die sich ihrer Möglichkeiten bewußt ist, und diese Möglichkeiten auch ausreizt.


Poschmann spricht mir hier aus der Seele, wie man so schön sagt, indem sie die Genregrenzen zwar nicht niederreißt, ihnen aber den Platz in der Ordnung zuweist, der ihnen gebührt. Als vergegenständlichte Maßgaben haben sie zwar eine technologische Bedeutung, sind aber in der Produktion zumindest vakant. Der Sinn ergibt sich dialektisch aus der Grenze in ihrer Verletzung, und dieser Sinn ist Erkenntnis.

 
 
 

Mit elaborierten poetischen Verfahren kann die Dichtung ins Unbekannte vorstoßen. Sie kann alle Energien in das Thema des Raumes legen, den Raum so lange bearbeiten, bis der Raum sich verwandelt. Dies ist ein poetischer Effekt. Ich nenne ihn Überschreitung.

 
 

Beide Zitate stammen aus einem Kapitel, das das letzte Drittel des Buches einleitet, und mit Die Kunst der Überschreitung überschrieben ist. Und es ist gut, dass diese abstrakt theoretischen Überlegungen an dieser Stelle im Buch platziert sind, da ihr apodiktischer Charakter, wenn sie eingangs erwähnt würden, die Lektüre wahrscheinlich über Gebühr ausrichten würde. Zu kurz greift aber auch die vom Verlag gewählte Beschreibung des Ganzen im Klappentext, die das Buch auf eine Schule des Sehens reduziert. Schon der Titel steht dem entgegen, denn die Mondbetrachtung findet in mondloser Nacht statt. Hier erweist sich der erzromantische Topos Mond als Projektion eines Gedankens. Aber indem der Gedanke eben auf eine Folie projiziert wird, wird er auch analysier- und verhandelbar.

Die Texte des Bandes machen also dreierlei, sie stellen Wahrnehmung dar, geben sie der Betrachtung preis, und zugleich unterziehen sie diese Betrachtung einer weiteren Betrachtung. Erkenntnis erweist sich als fließend. Aber auch ihr Gegenstand ist nicht festgezurrt. Beweglichkeit erfordert Beweglichkeit.


Über Dichtung spricht sowohl über ästhetische, aber auch über politische und philosophische Implikationen, über die Struktur von Gedichten, Roman, dem, was wir Natur zu nennen gewohnt sind, und die Gesellschaft. Und wenn ein Gegenstand reflektiert wird, verliert er seine Isolation im Moment der Reflexion.

Das getrübte Denken, heißt es unter dem Stichwort Denken, muss man sich als ein glückliches vorstellen. Es hat am Glück der Erscheinungen teil. Es rettet das schlecht unterhaltene Ich.


Dieses Zitat könnte man als gegen die Aufklärung gewandtes verstehen. Es macht aber deren Dialektik vor allem deutlich. Unter dem Stichwort Ordnung vermerkt Poschmann:

 
 
 

Ganz entgegen der landläufigen Unterstellung, daß der genaue Blick die Einzelheiten kenntlich macht, ist es vielmehr so, daß der immer genauere Blick die Dinge verschwimmen läßt, sie in Unendlichkeit der Einzelmerkmale auflöst. Sprache hilft, ausgewählte Merkmale hervorzuheben und andere in den Hintergrund zu drängen, Sprache hilft, das Bild von der Welt zu verschärfen.


 
 

Marion Poschmann: Mondbetrachtung in mondloser Nacht. Über Dichtung. Berlin (suhrkamp taschenbuch) 2016. 218 Seiten. 18,00 Euro.

 
 
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