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Marina Zwetajewa: Das Treppengedicht

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Das Treppengedicht von Marina Zwetajewa


Es ist ein bekannter Topos der Literatur, dass sie unbelebte Dinge zuweilen agieren lässt:

Von Tagesanbruch bis in die späte Nacht, solang irgendein Mensch um den Weg ist, denkt das Objekt auf Unarten, auf Tücke ... So lauert alles Objekt, Bleistift, Feder, Tintenfass, Papier, Zigarre, Glas, Lampe - alles, alles auf den Augenblick, wo man nicht Acht gibt. (Friedrich Theodor Vischer)

Bei Zwetajewa hört sich das unter anderem so an:

Bis unters Dach – Krach!
Flickwerk, ach – Ungemach:
Predigt wie hei Marx,
Auf Stravinskys Art.

Das voliegende Buch, das um die Jahreswende herum im Verlag Moloko Print erschienen ist, fügt sich ein in eine Zwetajewa-Offensive, die derzeit ins Rollen kommt (hoffentlich): einerseits mit der neuen Zwetajewa-Ausgabe, deren Band 1, dem Prosaband, den wir bereits auf dieser Seite vorgestellt haben, und mit den ebenso hier besprochenen, von Ingold übersetzten und herausgegebenen Schreibheften. Flankierend zu den beiden bei Suhrkamp erschienenen Produktionen findet sich bei Moloko Print  dies: Das Treppengedicht.
    Das schmale Bändchen enthält den russischen Text als Reprint des Erstdrucks, der 1926 in Prag erschienen ist, im Original und zwei Übersetzungen des Textes durch Felix Philipp Ingold, zwischen denen ca. 16 Jahre liegen. Die letzte datiert der Übersetzer auf 2018.

Es dreht sich alles um eine Treppe in einem Haus, wahrscheinlich ein Einfamilienhaus, die gewissermaßen, sobald es Nacht wird, ihre Geheimnisse offenbart; allein sie erzählt nicht, sondern im Treppenraum erstehen Geschichten, kristallisiert sich Sprache; wer der Sprecher ist, bleibt dabei im Dunkeln.

Die Dinge haben es getan in Zorn und Überdruss!
Ein Stein fliegt nicht für nichts und wieder nichts
Vom Dach – was man sich merken muss:
Steinwurf ohne Kopf als Ziel macht koeinen Sinn!

Aus dem Halbdunkel heraus also ergießen sich Wahrnehmungen und Reflexionen, als wäre ein Wischeimer mit schmutzigem Wasser umgekippt und das Wasser tröpfelte nun, und zwar wortweise, durchs nächtliche Treppenhaus. (Man verzeihe mir hier die blumige Rede.) Im Nachwort schreibt Ingold:

„Die zahlreichen Stimmen, aus der die dichterische Rede sich speist, sind schwerlich auseinanderzuhalten, und die oftmals wechselnde Optik ergibt insgesamt so etwas wie ein Wimmelbild, dem zwar beliebig viele Details zu entnehmen sind, nicht aber ein kohärentes Gesamtbild des Treppenhauses, das sich letztlich wie ein multiperspektivisches kubistisches Kartenhaus ausnimmt.“

Zwetajewa zeigt sich als Autorin hier also einerseits auf der Höhe der Kunst ihrer Zeit, nicht nur hinsichtlich der Dichtung, sondern darüber hinaus auch anderer Gattungen; aber durch ihre individuelle Klasse schafft sie auch ein Werk, das jenseits seiner jeweiligen Aktualität gewissermaßen einen überzeitlichen Anspruch erfüllt.
    Die Engführung der Namen Marx und Strawinsky etwa, also von Politökonomischem mit der zeitgenössischen Musik, wie in der eingangszitierten Strophe, bekräftigt das eine wie auch das andere. Aus dem Momentanen erwachsen allgemeine Strukturen.

Dies Verhältnis verkehrt sich dann in der Übersetzung. Das Original, das dadurch unverändert bleibt, wird durch die Übersetzung gewissermaßen verzeitlicht, also in einen Text der Zielsprache gebracht, die der Aktualität und dem aktuellen Wissen des Übersetzers entspricht. Ingold schreibt:
„Die Übersetzung sollte sich mithin als eigenständige produktive Überschreibung empfehlen können.“ Und er bietet gleich zwei Varianten an.
    Dieses Buch also ist in doppelter Hinsicht ein Abenteuer.


Marina Zwetajewa: Das Treppengedicht. Russisch, deutsch. Übersetzt in zwei Versionen von Felix Philipp Ingold. Schönebeck (Moloko Print 053) 2018/19. 84 Seiten. 15,00 Euro.
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