Marcel Inhoff: Prosopopeia - Signaturen

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Marcel Inhoff: Prosopopeia

Rezensionen
 



Wolfgang Ratz

"Prosopopeia" von Marcel Inhoff



Der Titel stößt ob seiner Gelahrtheit den Leser vor den Kopf. Das mag gewollt sein, eine absichtliche (Ver)Störung des Rezipienten. Dies ergäbe insofern Sinn, als Verstörung (für mich) ein Kennzeichen der enthaltenen Lyrik ist, die so glasklar daherkommt, dass sie jedes Verständnis unterläuft. „Personendichtung“ wird die rhetorische Figur Prosopopöie auch genannt, wo der Autor nichtredebegabten Wesen, Dingen, Abstrakta eine Stimme gibt, und abwesenden Personen wohl auch. Tatsächlich sprechen mehr Stimmen aus diesen Gedichten, als wir von der Ich-verliebten Lyrik sonst gewohnt sind. Perspektiven und Tonfälle wechseln in den 101 Poemen des 1982 in Novosibirsk geborenen Inhoff, denen der Dichter die Überschrift „Kann/Muss“ voranstellt. Fasziniert und entmutigt zugleich würde man als Leser und Rezensent oft gerne nach einer germanistischen Krücke greifen ... und fährt ins Leere.

Was sagt uns z.B. das ausgerechnet den Band eröffnende quasi SF-Fragment, endend mit “… The poets come at six, the Crab had told him. It was almost six now. Kaito coughed“. Was lässt sich in Bezug auf Inhoffs Sprach- bzw. Literaturverständnis daraus schließen, dass „Kaito“ auf Japanisch “Meisterdieb“ bedeutet? Oder bedeuten soll, da ich meine Weisheit nur aus dem Netz beziehe. Wird damit gar auf einen Mangahelden angespielt? Oft scheint es mir, Holzwege und falsche Spuren schrieben ein eigenes Muster in dieses Buch.

 
 

Wer das von der Edition Mantel gediegen und puristisch gestaltete Buch zur Hand nimmt und aufs Geratewohl aufschlägt, stößt so oft auf Zahlenangaben, dass es fast unvermeidlich ist, auch diese Spur aufzunehmen. Zum einen sind es Märchenzahlen, (drei Könige bzw. könige, da Inhoff fast durchgehend die Kleinschreibung verwendet, drei tränen, sieben schwäne, ...), dann wieder scheinbar sinnlose Präzisierungen (zwei drei vier tonnen luft; fünfzehn gläser bier; früchte fallen aus dem blattwerk der fünfunddreißig bäume, ...) oder gar ein historisch belastetes Datum (Zehnter Thermidor // es wird nichts mehr gut nichts wird mehr gut sein / glück muss man ablegen wie ein benutztes kondom ...). Vielleicht wird dem Autor mit dem Herumreiten auf einem nummerologischen Nebenschauplatz unrecht getan und der Leser der Rezension damit in ein leeres Labyrinth gelockt, doch gar so nebensächlich sind die Zahlen nicht. Sie vertiefen den beschwörenden Ton, der vielen dieser Gedichte eigen ist, die ein meist unausgesprochenes Du zu seltsamen Handlungen auffordern.

 
 
 

Den Ton aufzufangen, den Inhoff gerade anschlägt, die Stimme, die in diesem Augenblick erklingt, erfordert viel Gespür und bewegliche Ohren. Legende und Alltag durchdringen einander, das Leiden am Ich und am Außersich, Kraftmeierei und Fragilität, und immer wieder Wort, Sprache und Gedicht als die wahren Akteure.

Inhoffs Bilderwelt öffnet sich dem Verständnis nur widerstrebend. Expressionistisches klingt an (Engel, Blut, Tod, etc.) - aber die Engel werden „aus der Decke gebrochen“, der Tod ist „verbraucht“ und das Blut (dein blut) wird zwar getrunken, doch nur „... wie in den alten geschichten“. Ins „brandneue Land“ tritt der Frühling (das geschundene tier / wie ein alter kaiser tritt er ein in die welt // jetzt wird die zeit für alle neu gezählt- ... die welt muss zerrissen werden, / umgestülpt werden muss sie und neu vernäht. ...).
    Unvergessliche Formulierungen wie „zieh dir die ohren aus dem hals“ oder „sprotten wachsen mir / an den füssen“ lassen den menschlichen Körper aussehen wie ein Puzzlespiel.

Auf der Suche nach sachdienlichen Hinweisen oder gar dem Ariadnefaden leuchten die Augen des Rezensenten auf, wenn von Dichterkollegen die Rede ist: Ein Gedicht spricht Whitman an (guten abend walt bist du schon lange da hörst / du mich atmen einmal in den boden / hinein und zurück ...). Eines (das dritte) führt John Kennedy Toole im Titel, den Autor des posthumen Südstaatenklassikers „A Confederacy of Dunces“, (... nie: getroffen / haben, heisst: die flügel sehen ...). Und „September 12, 1977“ handelt wohl von Robert Lowell und dessen Tod in einem Taxi in New York (... drei häuser in newark wurden gesprengt / und ein dichter fiel in sich zusammen / niemand wurde verletzt). Ironie und Schmerz in unvermeidlicher Nachbar- und Komplizenschaft. Doch keine Angst! Das Geheimnis bleibt ungelüftet, es gibt keinen Patentschlüssel zu Inhoffs Werk.

Diese Fremdheit bei gleichzeitiger fast physischer Nähe macht für mich viel von der Stärke dieser Dichtung aus.


Cali 2015


Marcel Inhoff: Prosopopeia. Wädenswil/Lausanne (Edition Mantel) 2014. 228 Seiten. 30,00 Euro.

 
 
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