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Marcel Beyer: Sie nannten es Sprache

Rezensionen



Jan Kuhlbrodt

Die Sprachspur - Archäologische Essayistik.



Ein Gedicht ist eine Oberfläche, aber mit Gravur. Genauer besehen finden sich in den Texten Spuren ihrer Herstellung und ihres Gebrauchs. Und Verweise auf andere Texte, Absonderungen, Ablagerungen. Sprachspuren. Beyer erweist sich in seinen Essays als Archäologe, geht diesen Spuren nach und auf den Grund. Gleichzeitig setzt er eigene Verweise. Es ist also naheliegend, dass er seine Tätigkeit als Leser, die immer auch die eines Forschers ist, im Essay Friederike Mayröcker Logos und Lacrima an einer Sentenz festmacht, die Mayröcker dem Philosophen und Denker der Dekonstruktion Jacques Derrida entnimmt:

Eines Tages – es muss 2008 oder 2009 gewesen sein, und ich war nicht ganz anwesend in meinem Kopf – erhalte ich einen Brief von Friederike Mayröcker, der aus einem einzigen Satz, einer einzigen Frage besteht: „´wollen sie mit mir über Tränen sprechen?´ (Jaques Derrida)“.

Dieser knappen Notiz Mayröckers, die offen lässt, ob sie die Frage stellt oder zitiert, schließt sich eine Recherche an, die einen ganz eigenen Weg des Lesers Beyer durch das Werk der Autorin ergibt. Das Nachspüren des Satzes macht sowohl werkimmanente Entwicklungen deutlich, als auch Bezüge zu anderen Texten und Texten von anderen Autoren, nicht zuletzt zu einem Gedicht Ernst Jandls.

Um diesen Satz, diese Frage entbirgt sich ein schriftstellerischer Kosmos, eine Nebenwelt, die man sich in einem Ensemble von Nebenwelten denken muss, so dass sie die naive Vorstellung einer einzigen einfältigen Hauptwelt substituiert.

Ein wenig musste ich bei der Lektüre von Beyers Essays an Deleuzes Buch über Leibniz denken, in dem er den Barock als eine ins Endlose gehende Falte entwirft. Ähnlich funktionieren Beyers Essays, die eine Lektüre der Entfaltung entwerfen, ohne dass eine geglättete Oberfläche entstünde. Beyer bügelt nicht, Beyer legt um, so dass sich durch sein fast kriminalistisches Nachspüren je neue Konstellationen des Materials ergeben, aber auch das Material selbst bringt eine Geschichte der Widerständigkeit mit, es ließe sich gar nicht bügeln.

Gegenstand von Beyers Forschungen und Dekonstruktionen sind dabei Texte und Textentwürfe von eben Mayröcker, aber auch von Jürgen Becker, Oskar Pastior, Thomas Kling und Elke Erb.

Im Essay Elke Erb. Aber habe wohl nicht geweint entwirft Beyer ein Szenario der Auseinandersetzung Erbs mit der DDR-Hymne, vielmehr mit dem Text Bechers anhand eines Erbschen Gedichtes, das auf die Situation abzielt, in der die Schülerin den Text der Hymne lernen musste. Auch der schwierigen Vergeblichkeit solchen Tuns, zumal im Fortgang der Realgeschichte auf das Absingen verzichtet wurde:

„Einig“ und „unserm“ – das zentrale Moment, der neuralgische Punkt, weshalb in späteren Jahren konsequent auf das Absingen verzichtet wurde. Von der Bretterpritsche, auf der die Schülerin die nachmals stumme Nationalhymne der DDR auswendig lernt, heißt es, sie


stand an der Wand

und

die an der Wand stand

und

3 an der Wand


Die Szene, die im letzten Text des Bandes, der dem Ganzen auch den Titel gibt, als verschwindend anwesende vorgestellt wird, entstammt einer gestrichenen Passage aus Mark Twains Roman Huckleberry Finn. Etwas, das einmal da war, aber gestrichen wurde, bewahrt Anwesenheit nicht nur im Manuskript. Die Streichung ist konstitutiv für den Text. Aus der Anwesenheit des Gestrichenen folgt Geschichte.

Unsichtbar zieht das Ufer vorüber, bald singen die Männer auf dem Fluss schon wieder, niemand erinnert sich mehr der Luftsprünge und Worte – aber bei mir, dem Leser, bleibt etwas zurück.


Schreibt Beyer in Sie nannten es Sprache.


Marcel Beyer: Sie nannten es Sprache. Essays. Berlin (Brueterich Press) 2016. 185 Seiten. 20,00 Euro

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