Mara-Daria Cojocaru: Anstelle einer Unterwerfung - Signaturen

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Mara-Daria Cojocaru: Anstelle einer Unterwerfung

Rezensionen
 



Elke Engelhardt

Mara–Daria Cojocaru „Anstelle einer Unterwerfung“



Dem zweiten Gedichtband von Mara–Daria Cojocaru, deren Forschungsinteresse in München als Dozentin für praktische Philosophie sich auch mit der Mensch-Tier-Beziehung auseinandersetzt, liegt die Überzeugung zugrunde, dass Tiere nicht unterworfen werden sollten.
Etwas wie ein Ausgangspunkt, ein roter Faden, die Basis der poetischen Betrachtungsweise bildet dieser Vers...

„Es ist das
alte Halsband Angst, nicht
Mensch, nicht

Tier zu sein. [...]“


Cojocaru zeigt auf, was an die Stelle einer Unterwerfung treten könnte. Nämlich die staunende, vorsichtige Annäherung an fremde Lebewesen, mit denen wir enger verbunden sind, als die meisten von uns wahrhaben wollen.


 
 

Indem sie die Unterwerfung fortwährend in Frage stellt, sie immer wieder aufdeckt und sichtbar macht, erwächst eine Haltung, die diesen Gedichten eine weitere, unaufdringliche, aber immer spürbare, politische Bedeutung verleiht.

Cojocaru betrachtet noch das Allerkleinste auf Augenhöhe. Thematisch siedeln die Gedichte zwischen Leben und Tod, Macht und Ohnmacht, Beobachtung und Glauben. Das Politische wird wie nebenbei in die Natur- und Tierbetrachtung integriert.

Sehr plastisch, traurig und bildhaft wird diese Verschmelzung in


„Ich bin

das letzte Reh im Zoo von Gaza, ich
Steh zerschossen Fell und Sand
Am Rand: ikonische Verzweiflung. Ich

Seh meine Freunde an der Wand. Wer
Hat mich übersehen? Warum bleib ich
Bleiern, unerschossen; unentschlossen

Geh ich hin. Ich wittere, was surreal ist, die
Wand marschiert mir in die Nase, ich biete
Mich dem Truthahn an. Als Friedenszeichen

Schalomsalam, ich
Bin das letzte Reh, im Zoo von Gaza
Du mein Absalom- Perückenbock

Zerschossene Testikel, tapfer und wie schön
Du bist, ich weiß, und Gott erspeit die Lauen
Ich bin, Jesusmaria, voll der Gnade

Und was für ein brutales
Bild vom Krieg“


 
 
 

Cojocaru möchte den Dingen gerecht werden, Ziel und Motor ihres Schreibens scheint zu sein, die Leser zu sensibilisieren, Wege aufzuzeigen, die sich Gebiete jenseits des Anthropozentrischen erschließen können.  
Sie selbst sagt, sie wolle die Dichtung in einen Kausalzusammenhang stellen.
Mit ihren Gedichten setzt sie einer Unterwerfung unter einfachen Antworten die Vielfalt der Verantwortung entgegen.

Formal zeichnen sich ihre Gedichte durch Binnenreime aus, Cojocaru versteht es musikalisch und lautmalerisch einen spielerischen Rhythmus zu erschaffen, der mit dem inhaltlichen Spiel mit Fachsprache und Sprachwissen korrespondiert. Dabei ist sie eine Meisterin des Umbruchs, den sie für das Spiel mit der Negation ebenso nutzt, wie für das Spiel mit den Perspektiven, oder mit dem wissenschaftlichen Kontext, mit Sinn und Unsinn. Der Wechsel der Perspektiven, eben noch aus der Sicht des Menschen, unversehens in die Sicht der Tiere, sorgt für erhellende (horizonterweiternde) Verwirrung. Dabei bleibt Cojocaru stets ihrer Grundhaltung treu, darzustellen, wie es ist, ohne übergriffig zu sein.

Die Gedichte in „Anstelle einer Unterwerfung“ sind so formvollendet rhythmisch, dass es möglich ist, sich dem Klang hinzugeben, ohne den Inhalt zu verstehen, der selten weniger als anspruchsvoll ist.
Immer wieder nutzt Cojocaru Fachbegriffe für ihre Gedichte. So erfährt der Leser etwas über biologische Phänomene wie das Philtrum und Naturphänomene wie die Murmuration ganz nebenbei.

Trotzdem haben mich Cojocarus Gedichte nicht ergreifen können. Sie sind klug komponiert, sie haben eine Haltung (die ich vorbildlich finde), ihre Aussagen sind tief und komplex, aber um Christian Elze zu zitieren, ich spüre ihren Herzschlag nicht. Elze schreibt: „Für mich ist der Herzschlag eines Gedichtkörpers zunächst das Wichtigste, eine Art Schlüssel [...]. Ohne diesen Schlüssel kann ich einen Gedichtraum nicht wirklich betreten. Kann nur unberührt durchs Fenster gucken. Auch durchs Fenster kann ich natürlich Entdeckungen machen, aber ich stehe eben nicht im Raum und ich kann die Dinge dort nicht anfassen, bzw. die Dinge dort können mich nicht anfassen.“

Obwohl ihre Gedichte spielerische Elemente haben, sogar eine rhythmisch verspielte Form, werde ich den Verdacht nicht los, Mara-Daria Cojocaru habe viele ihrer Gedichte kaputt gedacht. Das ist schade, denn einige wenige Gedichte, berühren und überzeugen mich durchaus. Der Rest ist immerhin ein formvollendet intellektueller Spaß.



Mara-Daria Cojocaru: Anstelle einer Unterwerfung. Gedichte. Frankfurt am Main (Schöffling & Co) 2016. 176 Seiten. 20,00 Euro.

 
 
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