Lukian: Das zweite Totengespräch - Signaturen

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Lukian: Das zweite Totengespräch

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Lukian:


Zweites Totengespräch
(ca. 165 n. Chr.,
übersetzt von Christoph Martin Wieland)


Menippos, Krösus, Midas und Sardanapal, seine Ankläger, Pluto


Krösus: Pluto, wir dulden diesen hündischen Kerl, diesen Menippos, nicht länger neben uns; also,

entweder schaffe ihn fort, oder wir sind genötiget, uns um einen anderen Aufenthalt umzusehen.

Pluto: Was kann er euch denn Böses tun, da er ebenso tot ist als ihr?
Krösus: Wenn wir Könige beisammen sitzen und uns der Dinge da oben erinnern, Midas seines

Goldes, Sardanapal seiner Wollüste und ich meiner Schatzkammern, und es uns dann aufs Herz fällt und wir uns durch Jammern und Stöhnen zu erleichtern suchen, so kommt der Kerl und lacht uns zu allem unserem Elend noch aus und schimpft uns Sklaven und Taugenichtse; zuweilen stört er uns noch gar durch Singen in unserer Wehklage – mit einem Worte, er ist uns beschwerlich.

Pluto: Was muß ich da hören, Menippos?
Menippos: Die lautere Wahrheit, Pluto: Ich hasse sie als unedle, nichtswürdige Gesellen, die,

nicht zufrieden, übel gelebt zu haben, es sogar nach ihrem Tode noch so forttreiben möchten und deswegen immer an das, was sie da oben gewesen sind, denken. Ich habe also meine Freude dran, wenn ich ihnen Verdruß machen kann.

Pluto: Das solltest du aber nicht! Die armen Leute haben alle Ursache, traurig zu sein; was sie

zurücklassen mußten, sind keine Kleinigkeiten!

Menippos: Wie, Pluto? Faselst du auch, daß du ihr albernes Gewinsel noch gar billigst?
Pluto: Das tue ich nicht, aber ich will keinen Aufruhr unter euch haben! (Er geht ab.)
Menippos: Höret also, ihr Nichtswürdigsten unter allen Lydiern, Phrygiern und Assyrern, und

laßt es euch gesagt sein, daß ich nicht von euch ablassen werde. Geht wohin ihr wollt, ich werd' euch folgen, um euch zu quälen, euch um die Ohren zu singen und euch auszulachen.

Krösus: Ist das nicht ein unleidlicher Übermut?
Menippos: Nein! Aber das war unleidlicher Übermut, da ihr euch auf den Knien verehren ließet

und freigebornen Menschen schnöde begegnetet und an den Tod so wenig dachtet, als
ob es ewig so fortgehen müßte. Nun, da ihr alles dessen beraubt seid, heult ihr.

Krösus: O Götter, wie vieler und großer Besitzungen!
Midas: Welcher Berge von Gold!
Sardanapal: Welcher ausgesuchten Wollüste!
Menippos: Bravo! Nur zu geheult! An mir soll es nicht fehlen, euch das goldene Gnothi Seauton

fleißig und unermüdet entgegen zu singen; es tut eine treffliche Wirkung, wenn es von euren ewigen Achs und Ohs begleitet wird.


 
 
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