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Luise Boege: Drei Gedichte

Montags=Text


Luise Boege

3 Gedichte

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der Wahnsinn bricht über uns herein
wie eine Verkehrssituation
manche gehen dann einfach zurück
in den süßen Schlaf.

In dem Haus in dem unsere Telefone liegen
wohnt jemand. Jemand hat auch einen Schnabel
und klopft damit gegen meine Herzklappe
die der Familie gehört

ja gestern ist halt so gewesen: ein Ereignis jagt das andere.
Ich bin dagegen.

Manches Paket hat eine Nummer
mein Tod ist ein Datum
Musik bekommt eine Logik.
Andere stehen auf einem großen Platz

ich rufe den Anderen zu:
erhebet Eure Stimmen!
die Anderen rufen zurück:

Fick Dich!
Fick Dich! Fick Dich!
Fick Dich! Fick Dich! Fick Dich!
Fick Dich! Fick Dich! Fick Dich! Fick Dich!
Fick Dich! Fick Dich! (…

man muss sich vorstellen                     
alle Geräusche hat man verschluckt
bis auf die der Autos.)


(---)


LKW

Ich weiß bloß, wie man einen LKW fährt und mit großer Geschwindigkeit nirgendwo hinkommt dabei.
Heute fahre ich Sie zur Hölle, aber nur bis zur Einfahrt der Hölle, den Rest müssen Sie zu Fuß gehen, den Rest müssen
Sie schon selber finden, der Rest interessiert mich nicht.
Es sind die leuchtenden und schwarz glänzenden Armaturen, die mich interessieren,
und der ganze Effekt regelmäßigen Kraftaufwandes tritt bei mir auf einmal ein.

Ich bewundere Ihre Geschwindigkeit
,
behaupten Sie und denken an dicke Stapel Papier,
an versäumten Schlaf und an die Gesamtheit der Zeit,
die noch niemand für Sie strukturiert hat,
denn alles müssen Sie selbst …  

Ich habe auch schon einmal den Finger in die Maschine gesteckt, aber dabei kann man nur verlieren.
Ich interessiere mich dafür, viel zu fluchen. Es sind die vielen Wiederholungen, mit denen ich gut zurechtkomme.
Stellen Sie sich einfach einen Trinker vor, die Sehnsucht,
systematisch zu existieren und die unendliche Reihe aus Gläsern.
Es ist aber etwas ganz und gar Undurchsichtiges mit diesen Gläsern.
Nicht so, wie Gläser eigentlich sind. Eher wie: Krähen. Oder: Löcher, aber die opake Sorte. Oder eben wie: Krähen. Oder: Löcher, aber die opake …

(Aber Löcher, wenden Sie ein,
sind ganz gewiss nicht opak,
falls Sie überhaupt schon einmal nachgelesen haben,
was das ist, ein Loch!
)

Oder:
Denken Sie an jenen See, an dem Sie im Sommer manchmal waren. Eine Art von trüber Scheibe.
Aber so dann auch nicht, dass Sie da hineinspringen möchten.
Eher so wie fremder Leute Gesichter,
oder Zähne, oder Häuser. Aber eben nicht die revolutionäre Sorte von Häusern, von Glas,
wo man alles sehen kann, wo all die Deformationen, die von komplizierten Zusammenhängen an Ihrem Körper
produziert werden,
dem öffentlichen Blick freigegeben sind, und die Krähen stürzen und die Krähen taumeln (ich tauch nicht durch. Sonst
müsst ich ja auch nicht fluchen).
Ich habe auch Postkarten da: Da sind Steine drauf. Nein, Augen. Nein, Steine. Nein …

Ich bewundere die formgebende Kraft Ihrer Leere
,
behaupten Sie mechanisch, ich denke, dass Sie glücklich sind.
Und Sie denken jetzt daran, dass die Hölle voller Glücksspielautomaten ist,
das kann man überall lesen, Glücksspiel ist etwas, das Sie sich aufgehoben haben
für den Lebensabend, etwas, dessen Mechanismen Sie bereits im Museum hinter Glas
genau studiert haben, Sie müssen keinen Finger verlieren dafür.
Ein gutes Gedicht, sagen Sie dann,
darf niemals dialektisch sein.

Ich fahre LKW mit viel Geschwindigkeit. Mehr kommt nicht.


(---)


„hier können sie noch mit dm bezahlen“   


als das geld abgeschafft worden war
warfen die betroffenen spieler
ihre zähne in die glücksautomaten
tranken aus ihrer haut die zugleich
haus war bis man sie selbst hinauswarf

draußen war wie drinnen randvoll glas
die spieler interessierten diese strukturen kurz
dann brechteten sie zusammen

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