Direkt zum Seiteninhalt

Lütfiye Güzel: nix meer

Rezensionen


Gerrit Wustmann

Gedichte sind Eindringlinge
Der letzte Lyrikband von Lütfiye Güzel?


Das Meer. Ein Sehnsuchtsort. Noch nie sah es so trist, so einsam, so verzweifelt aus wie auf den verwaschenen Schwarz-Weiß-Fotos, die die ersten Seiten in Lütfiye Güzels neuem Buch „nix meer“ zieren. Dabei wirkt der gelbe Einband so sommerlich und optimistisch. Der Kontrast könnte härter kaum sein.

Es ist Lütfiye Güzels elfte eigene Publikation seit 2012, und wieder kommt der schmale Band in Eigenproduktion: go-güzel-publishing, auf ihrem Blog hat die Dichterin den Weg vom Meer zum Buch dokumentiert, den Gang zur Druckerei, auf Verlage hat sie noch immer keine Lust, und das obwohl gleich mehrere gerne mit ihr arbeiten würden. Güzel hat mehr Haltung im kleinen Zeh als die ganze junge deutsche Dichterhorde zusammen (und das soll keineswegs heißen, dass es da nicht trotzdem saugute Poeten drunter gibt, auf die man nicht verzichten möchte!).

Der Kontrast also, der direkt mitten hinein führt in die güzeltypische Tristesse, sie nennt es, in Anspielung auf den Titel ihres dritten Buches, „TristOléismus“. Ein Lyrisches Ich, das, das darf man in diesem Fall sagen, mit seiner Schöpferin verschmilzt, liegt im Bett und lässt Filme an sich vorbeiziehen. Traurige Filme über kaputte Typen, die bekloppt werden unter all den Normalen, die doch eigentlich die Irren, die Durchgeknallten sind:

Und wie sie da so sitzen, mir gegenüber,
neben mir, hinter mir, vor mir im Zug
und reden und lesen und schlafen und telefonieren
als gäbe es ein Morgen.

„Episode“ lautet der Untertitel des Langgedichts, das manchmal sehr prosaisch, manchmal sehr lyrisch ist, ein Gedankenstrom, der sich aus Verzweiflung speist, der fließt, beständig hin zum Meer, das weit mehr als nur Metapher ist. Ein innerlicher Text ist diese lyrische Episode, und bisweilen ein harter Rundumschlag, es ist genau diese „Literatur von unten“, von der alle angesichts der bürgerlichen Tristesse der Literaturszene immer wieder raunen, um die aber die meisten dennoch einen großen Bogen machen. Weil sie gefährlich ist. Weil sie bissig ist. Und weil sie Gedichte auch mal mit Eintagsfliegen gleichsetzt und konstatiert, dass das Schreiben eigentlich sinnlos ist. Nix mit Unsterblichkeit und all den Überhöhungen. Aber dann wieder dies:

mache weiter, hole Klebstoff und kopiere Gedichte,
schicke sie raus in kleine Wohnzimmer,
wo sie auf Frühstückstischen liegen und neben
dem Bett. Sie sind wie Eindringlinge in der Welt
von Menschen, denen ich noch nie begegnet bin.
         
Es geht in „nix meer“ tatsächlich um sehr viel, um alles und auch um „Diese Weltuntergangsstimmung / beim Zerteilen des Apfels“ und darum, dass ganz normale Menschen durch die S-Bahn streunen und Flaschen sammeln. Ganz normal! Wer nicht normal ist sind jene, die ihnen schiefe Blicke hinterherwerfen; nicht normal ist es, zu merken, wie man sich verschämt abwendet und weiter am überteuerten Coffee to go nippt, zumal auf den verdammten Bechern nichtmal Pfand ist. Oder? Was ist schon wahr?

Den Kreis zum Titel schließen allerdings erst die letzten Verse. Sie deuten an, dass dies das letzte Buch von Lütfiye Güzel sein könnte. Nicht mehr Schreiben, nur noch am Meer sitzen. Ist ihr das zuzutrauen? Vermutlich schon. Ist es vielleicht nur ein Spiel? Mit sich, mit dem Text, dem Leser? Kann sein. Aber so oder so: Das macht nachhaltig nervös!


Lütfiye Güzel: nix meer. episode. Duisburg (go-güzel-publishing) 2018. 70 Seiten. 12,00 Euro.
Zurück zum Seiteninhalt