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Louis MacNeice: Unbelehrbar Mehrzahl

Rezensionen / Verlage


Timo Brandt

“O leave me easy, leave me alone”


„Und Englands Landkarte war ein Spielzeugbasar
Und selbst Oberleitungen waren Musik“    

Wer waren die wichtigsten/besten britischen Dichter (natürlich gab es auch wichtige und gute Dichterinnen, bspw. Edith Sitwell, Denise Levertov und die völlig zu Unrecht vergessene Mina Loy) der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts? Man wird sicher sehr unterschiedliche Listen finden, je nachdem, ob Tagore, Yeats und Eliot dazugezählt werden oder nicht (selten werden sich auch Philip Larkin und Thomas Hardy auf die Liste schleichen, John Betjeman wird allzu oft vergessen werden, Kipling leider allzu oft auftauchen). Aber in nahezu allen Fällen werden wohl (neben dem Außenseiter Dylan Thomas) die Namen W. H. Auden und Stephen Spender darauf stehen – und vermutlich auch dann und wann der Name Louis MacNeice.

MacNeice, geboren 1907 im britischen Nordteil von Irland, gehörte zwar wie Spender und Cecil Day-Lewis lose zu der so genannten „Auden Group“ und hat auch ansonsten einiges mit den linksorientierten Dichtern dieser Generation gemein, nimmt aber dennoch eine Sonderrolle ein. In seinem pfiffigen, aber manchmal auch etwas übereifrig-spitzfindigen Nachwort, in dem er unter anderem die Charaktere MacNeice und Auden vergleicht, versucht der Mitübersetzer Henry Holland aufzuzeigen, warum es von MacNeice (im Gegensatz zu Auden) bisher keine deutsche Übersetzungen gibt (und warum das zum Himmel stinkt) und auch ein bisschen, worin die Sonderrolle seiner Dichtung besteht.

„Clowns, Clowns und
Clowns
Treiben Betrieb mit
Nutzen für Niemand

Seppel von König
Gnaden und bewandert
in falschem Rechnen
und frohem Verfeuern“
    
Ich selbst bin vor Jahren, bei meiner Beschäftigung mit Auden, auf MacNeice gestoßen. Ich weiß noch, dass ich seine Lyrik als ungemein faszinierend, aber auch als sehr widerspenstig empfand – und unter widerspenstig stempelte ich sie dann erstmal ab. Diese erste größere deutschsprachige Übersetzung ausgewählter Gedichte durch Henry Holland & Jonis Hartmann gab mir nun die Chance, mein Urteil noch einmal ganz neu zu bilden.

Eines hat sich nach der Lektüre nicht verändert: ich würde weiterhin sagen, dass Louis MacNeice, bei aller neuentfachten Begeisterung, ein sehr eigenwillige Dichter war. Damit meine ich nicht, dass sein Stil über die Maßen exzentrisch ist oder ich ihn eines falsch deklarierten Kult-Status verdächtigen will. Mehr geht es darum, dass er sehr unterschiedliche und mannigfaltige Formen verwendet hat und ebenso viele Poetiken zu verfolgen schien.

Vom „nursery rhyme“ bis zum komplex-analytischen Langpoem, von einer neuen Umsetzung (oder Auslegung) der Eklogen-Dichtung bis zum impressionistischen Zustandsgedicht, MacNeices Dichtung tritt in diversen Gestalten auf und, wie ich meine, auch mit unterschiedlichsten Ambitionen. Das alles ist selbstverständlich kein Fehler dieser Dichtung, es ist definitiv ein Feature.

Mir ist aber wichtig, dass die Leser*innen vorbereitet sind: MacNeices Dichtung hält viel Wundersames und Spannendes bereit, ist aber auch mitunter kryptisch und durchzogen von illustren, zynisch-frivolen, morbiden und witzigen Motiven und Tonlagen, die nicht immer leicht herauszuhören sind. Ich hatte oft das Gefühl, dass einige Seitenhiebe angebracht werden und nicht selten eine subtile bis brachiale Gesellschaftskritik in den Texten schwelt, dann wieder scheint sich MacNeice geradezu in seiner eigenen Perspektive zu verkapseln, ganz auf sich zurückgeworfen zu schreiben.

Es wäre schön gewesen, hätte Holland, statt sich so lange über die bisher fehlenden Übersetzungen (+ Hintergründe und Vermutungen) zu mokieren, in seinem Nachwort noch etwas mehr zu den einzelnen Gedichten, die ausgewählt wurden, gesagt. Ein Anmerkungsverzeichnis mit Hintergründen zu den Texten wäre auch nicht schlecht gewesen. Meiner Meinung nach ist MacNeices Lyrik keine, auf die man – besonders als Nicht-Muttersprachler, selbst mit Übersetzungen – einfach so losgelassen werden sollte. Damit will ich die Leistung der beiden Übersetzer ganz gewiss nicht schmälern, aber ich habe mich doch ab und an etwas verloren gefühlt.

„Wenn Bücher sich aufgegeben haben wie Bücher auf Friedhöfen
Und Lesen und sogar Sprechen ersetzt sind durch
Andere, weniger schwierige, Medien, fragen wir uns, ob ihr
In Blumen und Früchten gleichen Geschmack und Farbe findet,
Wie sie für uns hielten, für uns, in Worte gerahmt,
Und wird euer Gras grün sein, euer Himmel blau,
Oder werden eure Vögel immer flügellose Vögel sein?“            

Kritik an Übersetzungen hat ja zumeist einen faden Beigeschmack. „Mach’s doch besser“, darf man als Übersetzer*in zurecht grummeln, wenn Kritiker*innen, die sich eben nicht jahrelang mit den Gedichten beschäftigt und die Möglichkeiten gewälzt haben, ihre Meinung zu den Übertragungen äußern; oft muss sich eine Übersetzung ja auch mit Mängeln an einigen Stellen abfinden, um dafür andere Qualitäten in der Übersetzung zu gewährleisten, und wer zählt dann die Mängel auf und übersieht die Qualitäten.

Ich möchte daher auch nur kurz auf die Übersetzungen eingehen und dazu die Anfangsstrophe aus dem (auch auf dem Rücken des Buches abgedruckten) Gedicht „Snow“ von MacNeice hier zweisprachig wiedergeben:

The room was suddenly rich and the great bay-window was
Spawning snow and pink roses against it
Soundlessly collateral and incompatible:
World is suddener than we fancy it.

Der Raum war plötzlich reich und das große Erkerfenster
Laichte Schnee und rosa Rosen dagegen
Lautlos gegenseitig und unvereinbar:
Welt ist plötzlicher als wir meinen.
Ich habe es schon oft erlebt, dass ich eine überraschende Übersetzung beinahe automatisch als positiv eingestuft habe – wohl auch deshalb, weil sie einfach neue poetische Funken generiert, anstatt die Flamme umständlich vom einen zum anderen Feuer herüberzuretten. „Laichte“ ist natürlich eine coole Übersetzung, aber ist sie auch adäquat? Vermutlich sind solche Fragen fast unsinnig und in diesem Fall ist „laichte“ eine so präzis-unkonventionelle Lösung, dass sie mir einleuchtet.

Was mir aber etwas aufstößt ist, dass dieses „spawning“ so innovativ übersetzt wurde, man aber bspw. bei „rich“ eine wörtliche Übersetzung vorlegt, die in meinen Augen nicht viel Sinn ergibt, vor allem aber im Deutschen sehr holprig klingt, geradezu gestelzt; vielleicht ist es im englischen Original genauso, das kann ich nicht beurteilen. Auch beim „suddener“ bin ich mir nicht sicher, ob nicht etwas in Richtung „unmittelbarer“ oder dergleichen besser gewesen wäre. Dieses Phänomen tritt in einigen Texten auf. Manchmal sind Passagen auf besonders einfühlsame oder innovative Weise übersetzt, dann gibt es Stellen, wo zu einer sehr wörtlichen Übersetzung gegriffen wird, die einfach unsinnig wirkt (auf mich). Ein kleines Beispiel:

„Back for his holiday from across the water”

wird übersetzt mit:

“In seinen Ferien zurück von übers Wasser”

Sehr begrüße ich dagegen, dass die beiden Übersetzer manche englischen Begriffe unübersetzt gelassen haben (wobei mir hier wiederum manchmal schmerzlich ein Anmerkungsverzeichnis mit Erläuterungen fehlt) und so nicht die Eleganz oder die Lässigkeit von manchen Begriffen zerstören, die man im Deutschen wohl schwerlich erreicht hätte. Auch gelingt es Hartmann und Holland oft, den Swing/Takt von MacNeices Gedichten gut wiederzugeben, auch wenn sie bei gewissen Texten auf Nachdichtungen verzichten.

Alles in allem ist das Abenteuer Louis MacNeice für deutschsprachige Leser*innen nun möglich, und das ist gut so! Es war sicher keine leichte Aufgabe, ihn überhaupt zu übersetzen und ich kann nur allen Dichtungsbegeisterten mit etwas anglophilen Neigungen raten, sich das Ergebnis einmal anzuschauen. Sowohl MacNeice als auch die beiden Übersetzer hätten es verdient.


Louis MacNeice: Unbelehrbar Mehrzahl. Englisch / Deutsch. Erstübersetzt von Henry Holland und Jonis Hartmann. Nettetal (Elif Verlag) 2019. 187 Seiten. 16,00 Euro.
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