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Lord Byron: Gedichte 1816 + Don Juan, Canto 1

Rezensionen / Verlage

Jan Kuhlbrodt

Plessows Byron


In einem Text über ein Buch des jüdischen Schriftstellers Moische Kulbak, in dem er einige Byron- Referenzen aufwies, beklagte ich mich leise über die mangelnde Byron-Rezeption in Deutschland und die hierzulande vorliegenden höchst veralteten Übersetzungen. Daraufhin schickte mir Günter Plessow, der nimmermüde Übersetzer, zwei Bändchen mit von ihm angefertigten Byron-Übersetzungen, die im letzten Jahr in der Schweizer EDITION SIGNAThUR erschienen sind: zum einen ein Band mit einer Auswahl von Gedichten, die Byron 1816 angefertigt hatte, und zum andern einen mit der Plessowschen Übertragung des ersten Gesangs von Byrons ironischem Epos „Don Juan“.
    Zwei Bücher sind es also, die Byron in unterschiedlichen Phasen seines Lebens zeigen, aber auch als einen Dichter von höchst unterschiedlichen Temperament. Momentaufnahmen eines Werkes, das im neunzehnten Jahrhundert weit über den englischen Sprachraum hinaus eine Wirkung entfaltete. So fand Byron zum Beispiel in Heine und in Puschkin maximal unterschiedliche Rezipienten.

Meine Faszination für Byron begann früh, war aber zunächst eher durch das überlieferte Bild des Poeten motiviert. Ein englischer Adliger, Mitglied des Oberhauses, verlässt die Insel um einige Jahre später im griechischen Freiheitskrieg zu Tode zu kommen. Das fand ich außerordentlich, und das war es wohl auch. Leider fand ich damals kaum Übersetzungen in einer halbwegs brauchbaren Qualität, und mein Schulenglisch erlaubte es mir nicht, die Texte mit Genuss und Gewinn im Original zu lesen. Byron blieb mir über lange Zeit einerseits Anspruch als auch Leerstelle, was der Faszination, die von seinem Namen ausging allerdings keinen Abbruch tat.

Das Jahr 1816, schreibt Plessow in seiner Vorbemerkung, war nur Episode in Byrons romantisch-umtriebigen Lebenslauf, es lässt sich aber als Einschnitt, als Fermate interpretieren.... Nun wuchsen die Probleme: politisch der anhaltende Ärger mit den Tories, privat die Liaison mit der Halbschwester.... Das alles war offenbar Anlass genug, England zu verlassen, um nie zurückzukehren.

Byron treibt sich unter anderem in Italien und der Schweiz herum:

Hier die alpine Landschaft hat für mich
etwas Kontemplatives ; – Staunen wäre
zu trivial, zu flüchtig ; eigentlich
bewundre ich an dieser Atmosphäre,
allein, doch nicht verlorn zu sein, was ich
für das Ersehnenswerteste erkläre ;
und dann ein See, noch lieblicher als der
viel teurere für uns von alters her.
Biographie ist natürlich nur ein Hintergrundrauschen, dennoch scheint sie zumindest Anlass um sich den Texten zu nähern und sie wird immer bedeutender, je weniger Text vorliegt. Günter Plessow hat also eine Auswahl aus den Gedichten getroffen, die Byron im Jahre 1816 geschrieben hat, und ins Deutsche übertragen. Dabei hat er Versform und Reim weitgehend beibehalten.

Kernstück dieser Sammlung ist für mich das lange Gedicht Darkness. Eine Engführung letztlich von gesellschaftlichem Pessimismus und Naturgewalt. Ohnmacht in jeglicher Hinsicht. Die Aschewolke eines Vulkans verfinstert die Landschaft und verheißt damit das drohende Ende auch der Zivilisation. Dieses Gedicht korrespondiert dem folgenden, das eine Vision des Beginnens beinhaltet und eine Reaktion auf Goethes trotzig optimistischen Prometheus darstellt, der letztlich eine Selbstermächtigung des Menschen feiert.

Byrons desillusionierte Replik beginnt in Plessows Übersetzung so:

Titan, unsterblicher ! Dir ging
es auf : Was ist Realität?
Im Gestus ganz anders aber der erste Gesang des Don Juan. Es ist ein Fest, wie der Dichter sich in seinen Versen über ältere Kollegen lustig macht, die wie gealterte Dichter eben die metaphysische Nabelschau der handfesten Realitätsbetrachtung vorziehen. Leidenschaftlich ist er und ein wenig ungerecht.

Und Wordsworth ? gibt in seiner Exkursion
           (der Quartband hat bestimmt fünfhundert Seiten)
Exempel seiner neuesten Version,
           die Weisen zu verwirrn – Weitschweifigkeiten
Gedichte, sagt er, seien es ; was schon
           die Frage ist, der 'Hundsstern rast' ; wir gleiten
zurück zum Turm zu Babel: er erbaute
           ihn abermals und sagt uns, was er schaute.


George Gordon Lord Byron: Gedichte 1816. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Günter Plessow. Englisch / deutsch. Dozwil (Edition Signathur) 2017. 107 Seiten. 15,00 Euro.

George Gordon Lord Byron: Don Juan, Canto 1. Ins Deutsche übertragen und parodiert von Günter Plessow. Deutsch. Dozwil (Edition Signathur) 2017. 101 Seiten. 15,00 Euro.
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