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Literaturwochenende auf Burg Ranis

Veranstaltung / antimon














Burg und Stadt Ranis
© Ansgar Koreng / CC BY 3.0



Mario Osterland

Burgen zu Leuchttürmen!



Mit der Burg Ranis verhält es sich wohl in etwa so, wie mir oft vom Schwarzwalddorf Hausach berichtet wird. Man hat schon einiges davon gehört, weiß nicht so ganz genau, wo der Ort liegt, aber wenn man einmal dort war, will man immer wiederkommen. Und so, wie sich mit dem Hausacher Leselenz ein Literaturfest im ländlichen Raum etabliert hat, haben es auch die Thüringer Literatur- und Autorentage in Ranis getan, die vom 8. bis 11. Juni 2017 bereits zum 20. Mal stattfanden.
    Die Burg Ranis ist eine Höhenburg aus dem 11. Jhd. und liegt oberhalb des Ortes Ranis bei Pößneck im Thüringer Niemandsland. Man könnte es aber auch als Auenland bezeichnen. Zumindest geht mir das durch den Kopf, wenn ich auf der Terrasse an der Westseite der Burg stehe und mich umsehe. Idyllisch ist es hier, aber nicht verkitscht. Im Ort findet man Trockensträuße in den Schaufenstern verlassener Geschäfte. An die besseren Tage der Spielothek „Las Vegas“ erinnert nicht einmal mehr ein funktionierender Zigarettenautomat. Ranis hat Rost angesetzt, aber es lebt noch. Dazu tragen neben dem Gasthaus „Zur Schmiede“ mit seinem von André Schinkel bedichteten Wirt Hubert vor allem der Jenaer LeseZeichen e.V. und dessen Projektmanager Ralf Schönfelder bei.
    Das verlängerte Literaturwochenende in Ranis ist ein Höhepunkt im Thüringer Kulturjahr und mittlerweile über die Grenzen des Freistaates hinaus bekannt und geschätzt. Dafür steht natürlich auch die illustre Gästeliste vergangener Jahre, auf der Namen wie Katharina Thalbach, Sven Regener, Heinz-Rudolf Kunze und Thomas Thieme stehen. Denis Scheck, der in diesem Jahr zu Gast war, bescheinigte der Burg zudem einen Institutionscharakter.
    Von der „Institution Ranis“ würde ich hingegen nicht so gern sprechen. Das erscheint mir zu angestaubt, auch wenn man aufgrund der großen Namen, die ich hier abgerufen habe, einen gewissen hochkulturellen Fokus in Ranis vermuten könnte. Dem ist aber nicht so, denn wie alle guten Literaturfeste bekommen auch die Thüringer Literatur- und Autorentage ihren Reiz durch das durchdachte, vielfältige, hervorragend organisierte Programm. Natürlich soll für alle was dabei sein, aber Ranis ist kein kultureller Kramladen, in dem jeder fündig wird, um die Zeit auf der Burg herumzukriegen. Burg Ranis ist ein Ort, an dem die unterschiedlichsten literarischen Formen zusammenkommen, wo etablierte und noch wenig bekannte Autorinnen und Autoren auch gern mal mit dem einen oder anderen Leser beim Bier auf dem Burghof oder in Huberts „Schmiede“ versacken.
    Auch wenn das diesjährige Reformationsjubiläum nicht offiziell zum Themenschwerpunkt der Literatur- und Autorentage ernannt wurde, war Luther im abwechslungsreichen Programm doch immer öfter präsent. Allen voran natürlich in Feridun Zaimoglus Lesung aus seinem neuen Roman Evangelio, in dem er ein gewaltiges sprachliches Experiment wagt und weniger über die Reformation, als vielmehr aus ihr heraus erzählt. Beeindruckend waren auch Ralf Schönfelders und Martin Straubs Aufarbeitungen über die unheilvolle Macht der Worte am Beispiel des Hexenhammers – Malleus Maleficarum (1486) von Heinrich Kramer und dem Gesangbuch der „Deutschen Christen“ aus den 1930er Jahren.

















Publikum bei Andrea Sawatzki -
Foto: Ralf Schönfelder


Meine persönliche Pflichtveranstaltung auf der Burg war auch in diesem Jahr wieder Lyrik im Konzert, bei der Ulf Stolterfoht, Kinga Tóth und der Thüringer Robert Sorg aus ihren aktuellen Arbeiten vorlasen. Mit seinem Buch Neu-Jerusalem passte Stolterfoht nicht nur thematisch ins Tagesprogramm, er überzeugte das Publikum auch mit seinem gewohnt sympathischen Vortrag. Robert Sorg las aus seinem in diesem Jahr erschienenen Debut feldrandzeichen, dessen Texte zwischen Lyrik und Kurzprosa changieren. Kinga Tóth las und performte schließlich mit Loopstation aus ihren Texten Wir bauen eine Stadt und Mondgesichter. Inhaltlich, vor allem aber klanglich der perfekte Abschluss für das Lesekonzert, das vom Experimental-Schlagzeuger Demian Kappenstein gerahmt wurde. Und wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie es sich anhört und in den Ohren anfühlt, wenn Quietschentchen zu Drumsticks werden, ist es höchste Zeit für einen Besuch der Burg Ranis.

















Drummer Demian Kappenstein  -
Foto: Ralf Schönfelder


Angesichts der inhaltlichen und organisatorischen Qualität der Thüringer Literatur- und Autorentage ist die Burg Ranis keine verstaubte Institution, sondern ein Leuchtturm, der von den lebendigen Wärtern des LeseZeichen e.V. mit viel Herzblut betrieben wird. Dass diese Mühe sich lohnt, zeigt der Zuspruch aller Kulturschaffenden, die Gäste der Burg waren – und natürlich des Publikums. Denn wie eingangs erwähnt: wer einmal dabei war, kommt garantiert wieder.

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