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Libanesische Frauenanthologie - Die Welt in unseren Augen

Rezensionen


Gerrit Wustmann

Zwischen den Zeilen der Schlaflosigkeit
Zweisprachige Anthologie mit libanesischen Dichterinnen


Ich schreibe keine Poesie,
ich schneide den Kaktus der Zeit aus Versehen ein
und spiele mit den Schnipseln des Geschmacks über dem Wahn der Idee.
Ich schreibe keine Poesie,
ich peitsche eine Frau in meiner Haut, und
in meiner Halluzination
tritt ein Stamm von Frauen herein.

Diese Gedicht stammt von Jamila Abdul Rida, Psychologin und Dichterin aus Tyros im Südlibanon. Sie ist eine von insgesamt 37 libanesischen Dichterinnen, die in der unlängst erschienenen Anthologie „Die Welt in unseren Augen“ vertreten sind, übersetzt und ausgewählt von Cornelia Zierat und Sarjoun Karam. Die zweisprachige deutsch-arabische Sammlung entstand anlässlich des Weltfrauentages 2018 und wurde neben der Universität Bonn (wo die Herausgeber arbeiten) auch von Terre Des Femmes, dem libanesischen Center for Gender Equality (ABAAD) und dem libanesischen Kulturministerium und der Botschaft in Berlin unterstützt.

Es ist eine verdienstvolle Arbeit, die eindrucksvoll die Vielstimmigkeit eines dichterischen Schaffens dokumentiert, das in Deutschland allenfalls Insidern bekannt sein dürfte. Wichtig ist das Buch schon allein deshalb, weil es eine Lücke schließt und die Herausgeber diese Mühe auf sich genommen haben, obwohl der Band wirtschaftlich kaum etwas abwerfen und auch sonst kaum Leser finden dürfte – weil er in der Lyriknische eine noch winzigere Nische besetzt. Hoffen darf man dennoch, dass er zu seinen Lesern findet, die dann unter anderen auch Verse wie diesen von Marie Kossaifi lesen dürfen: „Die Nacht wird anbrechen, vergiss deinen Schatten nicht draußen.“
    Jeder der Dichterinnen sind vier Seiten im Buch reserviert. Zwei auf Arabisch, zwei auf Deutsch.

Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass von einigen nur ein längeres, von anderen zwei, von wieder anderen vier oder fünf kürzere Gedichte vorhanden sind. Nur drei von ihnen, Edwig Shayboub, Saba Zwein und  May Elayoubi, sind bereits verstorben. Bei den lebenden Dichterinnen wäre es neben Infos zu Arbeit und Publikationen durchaus interessant gewesen, das Geburtsjahr zu erfahren, um mögliche Generationenunterschiede festzustellen – doch darüber schweigen sich die Kurzbiografien aus.

Trotz sehr unterschiedlicher stilistischer Ansätze, die sich aus den arabischen Originalen erahnen lassen, ist die thematische Aufstellung der Gedichte erstaunlich homogen. Es geht überwiegend um die Rolle der Frau an sich, sowie im Kontext der recht konservativen libanesischen Gesellschaft. Ob das repräsentativ oder der thematischen Orientierung der Edition geschuldet ist, erfährt der interessierte Leser leider nicht, auch nicht in Karams knappem aber informativem Vorwort.

Sehnsüchtig erotische Gedichte wechseln sich ab mit wütenden oder traurigen Anklagen. Es geht um Liebe ebenso wie um die Unterdrückung der Frau und den Ausbruch oder Wunsch zum Ausbruch aus festgefahrenen patriarchalischen Traditionalismen. „Die Wahrheit ist eine Frau“ heißt ein Text von Inaam al-Fakih:
 
Die Wahrheit ist eine Frau, mein Herr,
die Politik eine Frau,
Beirut,
Damaskus,
Bagdad,
Jerusalem eine Frau.
Sag mir nicht, dass der Mann keine Frau ist.
             
Und bei Jamila Hussein:

Schluss damit, mich als deine verlorene Rippe
oder als eine deiner Haremsschar zu betrachten.
(…)
Ich werde nicht sieben Mal um dein Bett kreisen.       
 
Das komplette Buch lässt sich auch als ein libanesisches #metoo lesen, als einen Ausbruch aus dem männerdominierten Weltbild, in dem die Frau eine untergeordnete Rolle zu spielen hat, und es wird klar, wie kosmopolitisch diese Bewegung ist, die überall ungeschriebene Gesetze der mal offeneren, mal subtileren alltäglichen Unterdrückung aufbricht und nicht mehr bereit ist, sich mit all den roten Linien abzufinden. Und je mehr ein gewisser Teil der globalen Männerwelt mit Weinerlichkeit und schiefen Vergleichen (man denke an Jens Jessens unsägliches Gegreine in der „ZEIT“) auf diesen neuen Feminismus reagiert, umso mehr sieht er sich zu Recht bestätigt. Mit den Worten von Rita Barotta:

Jene Morgendämmerung, die zwischen den Zeilen der Schlaflosigkeit weilt, ist ein Gedicht.


(Cornelia Zierat, Sarjoun Karam:) Die Welt in unseren Augen. Libanesische Frauenanthologie. Herzogenrath (Shaker Media) 2018. 179 Seiten. 13,90 Euro.
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