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Lew Tolstoi: Die Kreutzersonate

Texte
Lew Tolstoi
 
Die Kreutzersonate
 
übersetzt von August Scholz
 
 


I
 

Es war zu Beginn des Frühlings. Wir reisten bereits den zweiten Tag. Für kürzere oder längere Strecken stiegen Passagiere in den Zug ein und stiegen wieder aus, nur drei Reisende waren, ebenso wie ich, schon von der Abgangsstation aus unterwegs: eine Dame, weder hübsch noch jung, die Zigarette im Mund, mit abgespannten Gesichtszügen, in einem halb nach Herrenart zugeschnittenen Paletot und einer Kappe; ein Bekannter der Dame, ein gesprächiger Vierziger, sorgfältig und modern gekleidet; und noch ein Herr von kleinem Wuchse, der sich abseits hielt, jedoch durch seine heftigen Bewegungen auffiel; er war noch nicht alt, sein krauses Haar war augenscheinlich vorzeitig ergraut und seine auffallend glänzenden Augen flitzten rasch von einem Gegenstand zum andern. Er trug einen alten Paletot mit Lammfellkragen, den einstmals ein tüchtiger Schneider angefertigt haben mochte, und eine hohe Lammfellmütze. Wenn er den Paletot aufknöpfte, gewahrte man darunter ein ärmelloses Wams und ein gesticktes russisches Hemd. Eine Eigentümlichkeit dieses Herrn war, daß er von Zeit zu Zeit seltsame Laute ausstieß, die einem Räuspern oder einem eben begonnenen, jedoch plötzlich unterdrückten Lachen glichen.
 
Dieser Herr hatte während der ganzen Fahrt jede Unterhaltung und Bekanntschaft mit den übrigen Reisenden sorgfältig vermieden. Auf Anreden der Nachbarn gab er kurze, schroffe Antworten, sonst las er oder sah rauchend zum Fenster hinaus oder holte aus einer alten Reisetasche seinen Proviant hervor, trank Tee oder stärkte sich durch einen Imbiß.
 
Ich hatte den Eindruck, daß seine Vereinsamung ihm lästig sei, und wollte ihn mehrmals ansprechen, aber jedesmal wenn unsere Augen einander begegneten – was häufig geschah, da wir einander schräg gegenübersaßen – wandte er sich ab und nahm sein Buch vor oder blickte zum Fenster hinaus.
 
Als der Zug am späten Nachmittag des zweiten Tages auf einer großen Station hielt, stieg dieser nervöse Herr aus, um sich siedendes Wasser zu holen, und bereitete sich im Kupee Tee. Der sorgfältig und modern gekleidete Herr – wie ich später erfahren sollte, ein Advokat – war mit seiner Nachbarin, der rauchenden Dame in dem halb nach Herrenart zugeschnittenen Paletot, in den Wartesaal gegangen, um dort Tee zu trinken.
 
Während der Abwesenheit des Herrn und der Dame stiegen etliche neue Personen ein, darunter auch ein hochgewachsener, glattrasierter Alter mit runzeligem Gesicht, anscheinend ein Kaufmann, in einem Iltispelz und einer Tuchmütze mit mächtigem Schirm. Der Kaufmann nahm gegenüber dem Sitze des Advokaten und der Dame Platz und begann sogleich ein Gespräch mit einem jungen Menschen, dem Aussehen nach einem Handlungsgehilfen, der gleichfalls auf dieser Station eingestiegen war.
 
Ich saß den beiden gegenüber, und da der Zug stillstand, konnte ich in den kurzen Augenblicken, wenn gerade niemand vorüberging, Bruchstücke ihrer Unterhaltung hören. Der Kaufmann erzählte zunächst, er fahre nach seinem Gute, das nur eine Station weit abliege; dann kamen sie wie gewöhnlich auf die Marktpreise, die Moskauer Geschäftslage und die Nishnij-Nowgoroder Messe zu sprechen. Der Handlungsgehilfe begann von den Orgien zu schwärmen, die ein ihnen bekannter reicher Kaufmann auf der Messe gefeiert habe, der Alte ließ ihn jedoch nicht ausreden, sondern begann selbst von einstigen Zechgelagen in Kunawino, die er mitgemacht hätte, zu erzählen.
 
Er war offenbar stolz auf seine Teilnahme an jenen Gelagen und berichtete schmunzelnd, wie sie einmal mit eben jenem Bekannten zusammen in Kunawino einen ganz tollen Streich verübt hätten, von dem man nur im Flüstertone reden könne, worauf der Handlungsgehilfe in ein solches Gelächter ausbrach, daß es im ganzen Wagen widerhallte; auch der Alte stimmte in das Lachen ein und ließ seine beiden noch vorhandenen Zähne sichtbar werden.
 
Ich versprach mir nicht viel Interessantes von der weiteren Unterhaltung der beiden und stand auf, um mich bis zum Abgange des Zuges noch ein wenig auf dem Bahnsteig zu ergehen. In der Tür begegnete ich dem Advokaten mit der Dame, die sich über irgend etwas lebhaft unterhielten.
 
»Sie werden nicht mehr weit kommen,« sagte der gesprächige Advokat zu mir, »es wird gleich zum zweitenmal geläutet.«
 
In der Tat hatte ich kaum den letzten Wagen erreicht, als das Glockenzeichen erklang. Ich kehrte in mein Kupee zurück, wo die Dame und der Advokat immer noch ihre lebhafte Unterhaltung fortsetzten, während der alte Kaufmann ihnen schweigend gegenübersaß, streng vor sich hinschaute und von Zeit zu Zeit mißbilligend an den Lippen kaute.
 
». . . Sie erklärte also ihrem Gatten kurz und bündig,« sagte der Advokat lächelnd, als ich an ihm vorüberging, »daß sie mit ihm nicht zusammenleben könne und wolle, da . . .«
 
Und er begann irgend etwas zu erzählen, was ich nicht verstand. Hinter mir stiegen noch andere Passagiere ein, dann kam der Zugführer, ein Gepäckträger eilte vorüber und es gab noch eine ganze Weile Trubel und Geräusch, so daß man das Gespräch der beiden nicht hören konnte. Als es endlich still geworden war und ich wieder die Stimme des Advokaten vernahm, war die Unterhaltung zwischen ihm und der Dame anscheinend bereits von dem Sonderfall auf allgemeine Betrachtungen übergegangen.
 
Der Advokat meinte, daß die Ehescheidungsfrage augenblicklich die öffentliche Meinung in Europa lebhaft beschäftige und daß auch bei uns derartige Fälle immer häufiger vorkämen. Als er merkte, daß alles ringsum schwieg und nur seine Stimme zu vernehmen war, brach er die Unterhaltung mit der Dame ab und wandte sich zu dem Alten.
 
»In der alten Zeit kamen solche Dinge nicht vor, nicht wahr?« sagte er leutselig lächelnd.
 
Der Alte wollte etwas erwidern, in diesem Augenblick jedoch setzte sich der Zug in Bewegung und der Alte nahm seine Mütze ab, bekreuzigte sich und begann im Flüstertone zu beten. Der Advokat wandte seinen Blick zur Seite und wartete respektvoll. Als der Alte sein Gebet samt der dreimaligen Bekreuzigung beendet hatte, setzte er seine Mütze gerade und tief in die Stirn, machte es sich auf seinem Platze bequem und nahm dann das Wort:
 
»Sie kamen auch früher wohl vor, mein Herr,« sagte er, »wenn auch nicht so häufig. Heutzutage kann es ja schließlich nicht anders sein. Die Menschen sind schon gar zu gebildet geworden.«
 
Der Zug bewegte sich immer rascher und rascher und fuhr donnernd über die Schienenkreuzungen; ich konnte nicht recht hören, was die beiden sprachen, ihre Unterhaltung zog mich jedoch an und so rückte ich näher zu ihnen hin. Mein Gegenüber, der nervöse Herr mit den glänzenden Augen, interessierte sich anscheinend gleichfalls für den Gegenstand des Gespräches und hörte aufmerksam zu, ohne im übrigen seinen Platz zu verlassen.
 
»Was ist denn an der Bildung so Übles?« fragte die Dame mit kaum merklichem Lächeln. »Ist es vielleicht richtiger, sich so zu verheiraten, wie es in der alten Zeit geschah, als Bräutigam und Braut einander vorher überhaupt nicht zu Gesicht bekamen?« fuhr sie fort, indem sie nach Art vieler Damen nicht auf das eben Gesagte erwiderte, sondern darauf, was ihrer Meinung nach noch gesagt werden könnte.
 
»Sie wußten nicht, ob sie sich liebten, ob sie sich überhaupt jemals würden lieben können, und sie heirateten den ersten besten, um sich vielleicht ihr ganzes Leben lang zu quälen – ist das etwa nach Ihrer Meinung richtiger?« sagte sie, sich offenbar mehr an mich und an den Advokaten als an den Alten wendend, mit dem sie sich eigentlich unterhielt.
 
»Gar zu gebildet ist man heute geworden«, wiederholte der Kaufmann, sah die Dame verächtlich an und würdigte sie keiner Antwort.
 
»Ich wüßte gern, wie Sie den Zusammenhang zwischen der Bildung und der Unverträglichkeit in der Ehe erklären«, sagte kaum merklich lächelnd der Advokat.
 
Der Kaufmann wollte etwas sagen, doch die Dame fiel ihm ins Wort.
 
»Nein, die Zeiten sind vorbei«, begann sie und wollte weiterreden, doch der Advokat unterbrach sie.
 
»Lassen Sie doch, bitte, den Herrn seinen Gedanken klar aussprechen«, sagte er.
 
»Von der Bildung kommen alle Dummheiten«, sagte der Alte in entschiedenem Tone.
 
»Erst verheiratet man die jungen Leute miteinander, obwohl sie sich nicht lieben, und dann wundert man sich, daß sie sich nicht vertragen«, beeilte sich die Dame einzuwerfen und sah dabei mich und den Advokaten, ja sogar den Handlungsgehilfen an, der sich von seinem Platze erhoben hatte und, den Ellbogen auf die Rückenlehne gestützt, lächelnd das Gespräch mit anhörte.
 
»Nur Tiere lassen sich nach dem Willen des Besitzers paaren, während Menschen ihre Neigungen und Sympathien haben«, versetzte die Dame, die den Kaufmann offenbar herauszufordern suchte.
 
»Sie haben unrecht, wenn sie so reden, meine Gnädige«, erwiderte der Alte. »Ein Tier ist sozusagen ein Stück Vieh, dem Menschen aber ward das Gesetz gegeben.«
 
»Wie soll man denn aber mit einem Menschen zusammenleben, wenn keine Liebe da ist?« ereiferte sich die Dame, sichtbar bemüht, ihre Anschauungen, die sie anscheinend für sehr neu hielt, in Worte zu kleiden.
 
»Früher legte man darauf nicht so viel Gewicht«, sagte der Alte in eindringlichem Tone. »Erst in neuerer Zeit ist das Mode geworden. Sobald etwas vorfällt, sagt die Frau gleich: ›Ich verlasse dich.‹ Auch bei den Bauern ist das jetzt so üblich geworden. ›Da,‹ sagt die Frau, ›hier sind deine Hemden und Hosen, ich geh zum Wanjka, der hat schönere Locken als du.‹ Da hilft kein Reden. Ein Weib muß vor allem durch Furcht im Zaum gehalten werden.«
 
Der Handlungsgehilfe sah erst den Advokaten, darauf die Dame, dann mich an und bezwang sein Lächeln, um die Worte des Kaufmanns zu bespötteln oder gutzuheißen, je nachdem, wie wir sie aufnehmen würden,
 
»Was für eine Furcht meinen Sie?« fragte die Dame.
 
»Die Furcht, die die Frau vor ihrem Manne haben soll. Diese Furcht meine ich.«
 
»Nun Väterchen, diese Zeiten dürften doch ein für allemal vorüber sein«, entgegnete die Dame mit einem gewissen Ingrimm.
 
»Nein, meine Gnädige, diese Zeiten werden noch lange nicht vorüber sein. Wie Eva, das Weib, aus der Rippe des Mannes geschaffen wurde, so wird es auch bleiben bis ans Ende der Welt«, sagte der Alte und schüttelte dabei so streng und triumphierend sein Haupt, daß der Handlungsgehilfe ihm ohne weiteres den Sieg zuerkannte und laut auflachte.
 
»Ja, so urteilt ihr Männer«, sagte die Dame, die durchaus nicht nachgeben wollte und uns in der Runde anblickte. »Euch selbst nehmt ihr jede Freiheit, die Frau aber wollt ihr unter Schloß und Riegel halten. Ihr dürft euch natürlich alles erlauben.«
 
»Wer hat da zu erlauben, nicht darum handelt es sich; durch uns Männer kommt kein Zuwachs ins Haus, aber eine Ehefrau bleibt eine Frau, ein leckes Gefäß«, fuhr der Kaufmann in seiner eindringlichen Weise fort.
 
Die überzeugende Tonart des Alten brachte die Zuhörer offenkundig auf seine Seite und auch die Dame fühlte sich bereits besiegt, doch gab sie noch immer nicht nach.
 
»Mag sein, aber ich denke, Sie werden doch zugeben, daß auch die Frau ein Mensch ist und Gefühle hat wie der Mann. Was soll sie nun tun, wenn sie ihren Gatten nicht liebt?«
 
»Nicht liebt!« wiederholte der Kaufmann finster und zuckte mit den Brauen und Lippen. »Nur keine Angst. Sie wird ihn schon lieben.« Dieses unerwartete Argument gefiel dem Handlungsgehilfen ganz besonders und er stieß einen Laut des Beifalls aus.
 
»Nein, sie wird ihn nicht lieben,« versetzte die Dame, »und wo keine Liebe ist, da hilft auch kein Zwang.«
 
»Und wenn die Frau dem Manne untreu wird – was dann?« fragte der Advokat.
 
»Das darf es nicht geben,« sagte der Kaufmann, »da heißt es eben die Augen offen halten.«
 
»Und wenn es doch geschieht? Schließlich kommt es doch einmal vor.«
 
»Bei andern Leuten mag es vorkommen, bei uns kommt es nicht vor«, sagte der Alte.
 
Alle schwiegen. Der Handlungsgehilfe rückte näher heran, und da er vermutlich hinter den andern nicht zurückstehen wollte, begann er lächelnd:
 
»Ja, bei einem Kollegen von mir ist auch so ein Skandal passiert. Schwer zu entscheiden, wen die Schuld trifft. Hatte das Pech, sich eine leichtsinnige Frau zu nehmen. Und die machte ihm tolle Streiche. Er war ein gesetzter, gescheiter Mensch. Zuerst ließ sie sich mit dem Buchhalter ein. Ihr Mann redete ihr im guten zu. Sie war nicht zu halten. Allerlei Gemeinheiten trieb sie. Sein Geld stahl sie ihm, da schlug er sie. Doch es wurde nur immer schlimmer mit ihr. Mit einem Ungetauften, einem Juden, mit Verlaub zu sagen, bändelte sie an. Was sollte er tun? Er ließ sie ganz und gar laufen. Unbeweibt lebt er jetzt, sie aber treibt sich herum.«
 
»Weil er ein Dummkopf ist«, sagte der Alte. »Hätte er sie gleich von Anfang an richtig im Zaume gehalten und ihr nicht nachgegeben, dann wäre sie schon bei ihm geblieben. Man muß von Hause aus die Zügel stramm ziehen. Trau dem Gaul nicht auf dem Felde und der Frau nicht im Hause!«
 
In diesem Augenblick trat der Schaffner ins Kupee und fragte nach den Fahrkarten zur nächsten Station. Der Alte gab seine Fahrkarte ab.
 
»Ja, die Weiber muß man bei Zeiten kurz halten, sonst geht die Sache schief!«
 
»Aber Sie haben doch eben selbst erzählt, wie verheiratete Leute sich auf dem Jahrmarkt in Kunawino belustigen!« platzte ich heraus.
 
»Das ist eine Sache für sich«, sagte der Kaufmann und versank in Schweigen.
 
Als das Haltesignal ertönte, erhob sich der Kaufmann, holte seine Reisetasche unter der Bank hervor, schlug die Pelzschöße übereinander, lüftete die Mütze und stieg aus dem Wagen.
 
 
 


II
 

Kaum war der Alte hinaus, so begann sofort eine mehrstimmige Unterhaltung.
 
»Ein Patriarch des Alten Testaments«, meinte der Handlungsgehilfe.
 
»Der leibhaftige Domostroj,« sagte die Dame, »was für eine rückständige Auffassung von der Frau und der Ehe!«
 
»Ja, wir sind noch weit entfernt von der europäischen Ansicht über die Ehe«, sagte der Advokat.
 
»Der Kernpunkt, den solche Leute eben nicht begreifen,« sagte die Dame, »liegt darin, daß eine Ehe ohne Liebe keine Ehe ist, daß nur die Liebe die Ehe heiligt und daß nur eine Ehe, die von der Liebe geheiligt ist, als richtige Ehe gelten kann.«
 
Der Handlungsgehilfe hörte zu und lächelte, augenscheinlich bemüht, möglichst viel von den klugen Gesprächen zu gelegentlichem Gebrauche zu behalten.
 
Während die Dame sprach, ließ sich hinter meinem Rücken ein Laut wie ein ersticktes Lachen oder ein Knurren hören und wir erblickten meinen Nachbar, den grauhaarigen Krauskopf mit den glänzenden Augen, der während der ihn offenbar interessierenden Unterhaltung unbemerkt zu uns herangetreten war. Er stand die Hände auf die Lehne seines Sitzes stützend da und war sichtlich erregt: sein Gesicht war gerötet und der eine Wangenmuskel zuckte beständig.
 
»Was ist denn das für eine Liebe . . . Liebe . . . die die Ehe heiligt?« sagte er stockend.
 
Die Dame bemerkte seine Erregung und bemühte sich, ihm so sanft und ausführlich wie möglich zu antworten.
 
»Die wahre Liebe . . . Besteht diese Liebe zwischen Mann und Frau, so ist auch eine Ehe möglich«, sagte die Dame.
 
»Ganz recht – aber was soll man unter der wahren Liebe verstehen?« fragte schüchtern lächelnd der Herr mit den glänzenden Augen.
 
»Jedermann weiß doch, was Liebe ist«, sagte die Dame, die offenbar die Unterhaltung mit ihm abzubrechen wünschte.
 
»Ich weiß es aber nicht«, sagte der Herr. »Wollen Sie mir genauer erklären, was Sie darunter verstehen!«
 
»Wie denn? Die Sache ist doch sehr einfach«, begann die Dame, dachte jedoch einen Augenblick nach. »Liebe ist die ausschließliche Bevorzugung eines Mannes oder einer Frau vor allen übrigen«, erklärte sie schließlich.
 
»Bevorzugung – auf wie lange? Auf einen oder zwei Monate oder auf eine halbe Stunde?« fragte der grauhaarige Herr und lachte hell auf.
 
»Nein, gestatten Sie – Sie reden anscheinend von etwas anderem.«
 
»Durchaus nicht, ich rede von demselben Thema.«
 
»Die Dame meint,« mischte der Advokat sich ein, »die Ehe müsse erstens einmal auf gegenseitiger Zuneigung – Liebe, wenn Sie wollen – beruhen; nur wenn diese vorhanden sei, könne die Ehe sozusagen als etwas Heiliges gelten; jede Ehe dagegen, der diese natürliche Zuneigung – oder Liebe, wenn Sie wollen – nicht zugrunde liegt, trage nichts sittlich Bindendes in sich. Habe ich Sie richtig verstanden?« wandte er sich an die Dame.
 
Die Dame gab ihm durch ein Kopfnicken zu verstehen, daß er ihre Auffassung richtig dargelegt habe.
 
»Weiterhin . . .« wollte der Advokat in seiner Rede fortfahren, doch der nervöse Herr, dessen Augen jetzt wirklich wie im Feuer glühten und der sich kaum noch beherrschen konnte, ließ den Advokaten nicht weitersprechen, sondern begann selbst:
 
»Gewiß, ich rede von eben derselben Bevorzugung eines Mannes oder einer Frau vor allen übrigen, und doch frage ich: eine Bevorzugung auf wie lange Frist?«
 
»Auf wie lange Frist? Auf sehr lange – zuweilen für das ganze Leben«, sagte die Dame achselzuckend.
 
»Aber das kommt ja nur in Romanen vor, niemals in Wirklichkeit. In Wirklichkeit hält diese Bevorzugung des einen vor den andern vielleicht ein paar Jahre an, was sehr selten ist, häufiger ein paar Monate oder Wochen, zumeist jedoch bemißt sie sich nur nach Tagen oder Stunden«, sagte der Grauhaarige, der sehr wohl zu wissen schien, daß er alle durch seine Meinungsäußerung in Erstaunen versetzte und darin ein gewisses Vergnügen fand.
 
»Ach, was sagen Sie da! Nicht doch, nein . . . Nein, erlauben Sie einmal«, begannen wir alle drei wie aus einem Munde. Sogar der Handlungsgehilfe ließ zum Zeichen des Protestes einen unbestimmten Laut vernehmen.
 
»Nun ja, ich weiß,« überschrie uns der grauhaarige Herr, »Sie sprechen von dem, was man für Wirklichkeit hält, ich aber spreche von dem, was wirklich ist. Jeder Mann empfindet das, was Sie Liebe nennen, für jede hübsche Frau.«
 
»Ach, das ist ja schrecklich, was Sie da sagen! Gibt es denn unter den Menschen nicht jenes Gefühl, das man Liebe nennt, und das nicht nur Monate und Jahre, sondern das ganze Leben lang vorhält?«
 
»Nein, ein solches Gefühl gibt es nicht. Angenommen, selbst, ein Mann würde eine bestimmte Frau allen andern Frauen für das ganze Leben vorziehen, so würde doch die Frau aller Wahrscheinlichkeit nach einen andern vorziehen. So war es und so ist es immer in der Welt«, sagte er, zog eine Zigarette aus seinem Etui und zündete sie an.
 
»Aber das Gefühl kann doch auch gegenseitig sein«, sagte der Advokat.
 
»Nein, das ist unmöglich,« versetzte der Grauhaarige, »wie es unmöglich ist, daß auf einer Fuhre voll Erbsen zwei vorher markierte Erbsen nebeneinander zu liegen kommen. Es handelt sich übrigens hier nicht bloß um eine Frage der Wahrscheinlichkeit, sondern es tritt eben Übersättigung ein. Sein Leben lang einen einzigen Mann oder eine einzige Frau lieben – das wäre etwa dasselbe, wie behaupten wollen, daß eine Kerze das ganze Leben lang brennen werde«, sagte er und zog gierig an seiner Zigarette.
 
»Aber Sie sprechen immer nur von der sinnlichen Liebe. Geben Sie nicht zu, daß es daneben eine Liebe gibt, die auf der Übereinstimmung der Ideale, auf geistiger Verwandtschaft beruht?« sagte die Dame.
 
»Geistige Verwandtschaft! Übereinstimmung der Ideale!« wiederholte er und ließ seinen Laut hören. »Aber dann brauchen sie doch nicht miteinander zu schlafen – verzeihen Sie, daß ich so geradezu rede! Um der Übereinstimmung der Ideale willen legen sich also die Menschen zusammen schlafen!« sagte er und lachte nervös auf.
 
»Aber gestatten Sie,« sagte der Advokat, »die Tatsachen widersprechen dem, was Sie sagen. Wir sehen, daß Ehen existieren, daß die Menschheit oder doch ihre Mehrheit im Ehestande lebt, und daß viele Paare ein langjähriges, ehrbares Eheleben führen.«
 
Der grauhaarige Herr lachte wieder auf.
 
»Sie sagen, die Ehen seien auf Liebe begründet; wenn ich aber bezweifle, daß es neben der sinnlichen Liebe eine andere gibt, dann wollen Sie mir die Existenz dieser andern Liebe damit beweisen, daß Ehen existieren. Die Ehen aber sind doch in unserer Zeit geradezu ein Betrug!«
 
»Durchaus nicht – erlauben Sie, bitte!« sagte der Advokat, »ich sage nur, daß Ehen existiert haben und noch existieren.«
 
»Gewiß existieren sie! Aber wo und wie existieren sie? Sie existierten und existieren bei den Leuten, die in der Ehe etwas Geheimnisvolles sehen, ein Sakrament, das vor Gott verpflichtet. Bei diesen Leuten existiert eine Ehe, bei uns jedoch nicht. Bei uns heiraten die Leute, ohne in der Ehe etwas anderes zu sehen als eine Paarung, und das Ende vom Liede ist Betrug oder Gewalttat. Der Betrug wird noch einigermaßen leicht ertragen. Mann und Frau lügen den Leuten vor, daß sie in der Einehe leben, in Wirklichkeit jedoch leben sie in Vielweiberei und Vielmännerei; das ist widerwärtig, aber es geht noch an; doch wenn, wie es zumeist der Fall ist, Mann und Frau die äußerliche Verpflichtung übernommen haben, ihr ganzes Leben lang gemeinsam zu leben und schon vom zweiten Monat an einander hassen und den Wunsch hegen, sich zu trennen, und dennoch zusammen weiterleben, dann entsteht jene fürchterliche Hölle, in welcher Trunksucht, Revolver und Gift, Mord und Selbstmord ihre verhängnisvolle Rolle spielen.« Er hatte das alles ganz rasch gesagt, ließ niemanden zu Worte kommen und war mehr und mehr in Hitze geraten.
 
Eine peinliche Stimmung herrschte unter uns.
 
»Gewiß, ohne Zweifel gibt es kritische Episoden im Eheleben«, sagte der Advokat, der dem anstößigen, hitzigen Tone des Gespräches ein Ende machen wollte.
 
»Sie haben mich erkannt, wie ich sehe?« sagte der grauhaarige Herr leise und scheinbar ruhig.
 
»Nein, ich habe nicht das Vergnügen, Sie zu kennen.«
 
»Das Vergnügen wäre nicht allzu groß. Ich bin Posdnyschew, der Mann, dem jene kritische Episode passiert ist, auf die Sie angespielt haben – der Mann, der seine Frau getötet hat«, sagte er und ließ seinen Blick rasch über uns alle hingleiten.
 
Niemand faßte sich schnell genug, um ihm etwas zu erwidern, und alles schwieg.
 
»Nun, gleichviel,« sagte er und stieß wieder seinen Laut aus. »Verzeihen Sie übrigens . . . äh! Ich will nicht weiter stören.«
 
»Oh, nicht doch, bitte recht sehr«, sagte der Advokat, ohne selbst zu wissen, um was er eigentlich »bitten« sollte. Posdnyschew hörte jedoch nicht auf ihn, wandte sich rasch um und ging auf seinen Platz. Der Advokat flüsterte mit der Dame. Ich saß jetzt neben Posdnyschew und wußte nicht, was ich sagen sollte. Zum Lesen war es zu dunkel, so schloß ich die Augen und stellte mich, als wollte ich einschlafen. Schweigend fuhren wir bis zur nächsten Station.
 
Auf dieser Station stiegen der Advokat und die Dame in einen andern Wagen, sie hatten das schon vorher mit dem Schaffner verabredet. Der Handlungsgehilfe hatte sich auf der Sitzbank ausgestreckt und war eingeschlafen, Posdnyschew rauchte und trank seinen Tee, den er sich schon auf der vorhergehenden Station bereitet hatte.
 
Als ich die Augen öffnete und ihn ansah, wandte er sich plötzlich in erregtem, heftigem Tone an mich:
 
»Es ist Ihnen vielleicht unangenehm, neben mir zu sitzen, nachdem Sie wissen, wer ich bin? Dann will ich hinausgehen.«
 
»O nein, ich bitte Sie!«
 
»Nun, dann erlaube ich mir, Ihnen ein Glas Tee anzubieten. Er ist aber sehr stark.«
 
Er schenkte mir ein Glas Tee ein.
 
»Da machen sie nun schöne Worte. . . . Und alles ist Lüge. . . .« sagte er.
 
»Wovon reden Sie?« fragte ich.
 
»Immer noch von derselben Sache: von der sogenannten Liebe und was so drum und dran ist. Sie wollen vielleicht schlafen?«
 
»Nein, ich bin nicht müde.«
 
»Dann will ich Ihnen, wenn Sie gestatten, erzählen, wie ich durch eben diese Liebe zu alledem gekommen bin, was ich erlebt habe.«
 
»Ja, wenn es Ihnen nicht schwer fällt.«
 
»Nein, eher fällt mir das Schweigen schwer. Trinken Sie, bitte – oder ist Ihnen der Tee zu stark?«
 
Der Tee war in der Tat so dunkel wie Bier, doch ich trank mein Glas aus. In diesem Augenblick ging der Schaffner durch das Kupee. Posdnyschew folgte ihm mit finsterem Blick und begann erst, als er fort war.
 
 
 


III
 

Nun, so will ich Ihnen also erzählen . . . Es ist Ihnen doch recht?«
 
Ich versicherte nochmals, daß es mir sehr recht sei. Er schwieg eine Weile, fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und begann:
 
»Wenn ich schon davon erzähle, so muß ich alles von Anfang an erzählen: ich muß erzählen, wie und weshalb ich heiratete und wes Geistes Kind ich vor meiner Heirat gewesen bin.
 
»Ich lebte vor meiner Heirat so, wie alle – d. h. alle, die zu unserem Gesellschaftskreise gehören – zu leben pflegen. Ich bin Gutsbesitzer, Kandidat der Universität und war Adelsmarschall. Ich lebte bis zu meiner Heirat wie alle leben, d. h. ich gab mich Ausschweifungen hin und war überzeugt, daß ich ein ganz normales Leben führe. Ich hielt mich für einen lieben Jungen und einen durchaus moralischen Menschen. Ich war kein Verführer, hatte keine unnatürlichen Neigungen und machte den Sinnengenuß nicht zum Hauptziel meines Lebens, wie das so viele meiner Altersgenossen taten, sondern gab mich der Ausschweifung mit Maß, auf anständige Art, um der Gesundheit willen hin. Ich ging solchen Frauen aus dem Wege, die mich durch die Geburt eines Kindes oder durch allzu große Anhänglichkeit an meine Person hätten fesseln können.
 
»Übrigens, vielleicht waren Kinder da, und vielleicht war auch gelegentlich eine größere Anhänglichkeit vorhanden, doch ist stellte mich so, als ob nichts davon da wäre. Und das hielt ich nicht nur für moralisch, sondern ich bildete mir gar etwas darauf ein . . .«
 
Er hielt inne und gab seinen Laut von sich, wie er immer zu tun pflegte, wenn ihm offenbar ein neuer Gedanke durch den Kopf ging.
 
»Darin liegt ja gerade die Hauptgemeinheit«, schrie er auf. »Die Ausschweifung beruht nicht auf irgend etwas Physischem – physische Unanständigkeit ist bei weitem noch keine Ausschweifung; die Ausschweifung besteht gerade darin, daß der Mann sich von jeglicher moralischen Beziehung zu der Frau, mit der er in physischen Verkehr tritt, für frei hält. Und eben diese Selbstbefreiung rechnete ich mir sogar zum Verdienst an. Ich erinnere mich, welche Qual es mir bereitete, als ich einstmals einer Frau, die sich mir wahrscheinlich aus Liebe hingegeben hatte, kein Geld hatte geben können und wie ich mich erst beruhigte, als ich ihr eine gewisse Summe übersandt und damit zu verstehen gegeben hatte, daß ich mich nunmehr ihr gegenüber in keiner Weise für moralisch gebunden erachte . . . Nicken Sie nicht mit dem Kopfe, als wenn Sie mir beistimmten!« schrie er mich plötzlich an. »Ich kenne diese Mätzchen. Wir alle, und auch Sie, wenn Sie nicht eine seltene Ausnahme bilden, haben bestenfalls dieselben Ansichten, die auch ich damals hatte. Nun, gleichviel, nehmen Sie es mir nicht übel,« fuhr er fort, »aber die Sache ist eben die, daß das alles so entsetzlich, entsetzlich, entsetzlich ist!«
 
»Was ist so entsetzlich?« fragte ich.
 
»Dieser Abgrund der Verirrung, worin wir hinsichtlich der Frauen und der Beziehungen zu ihnen dahinleben. Nein, ich vermag davon nicht ruhig zu sprechen – nicht darum, weil mir diese ›Episode‹, wie jener Herr sich ausdrückte, zugestoßen ist, sondern weil mir seit der bewußten Episode die Augen aufgegangen sind und ich alles in einem völlig neuen Lichte sehe. Alles umgekehrt, alles umgekehrt!«
 
Er zündete sich eine Zigarette an, stützte die Ellbogen auf die Knie und begann aufs neue.
 
In der Dunkelheit konnte ich sein Gesicht nicht sehen, sondern hörte nur durch das Rütteln des Wagens seine eindringliche, wohlklingende Stimme.
 
 


IV
 

Ja, nur dank den Leiden, die ich erduldete, nur durch sie habe ich die Wurzel alles Übels erkannt, und begriffen, wie alles sein sollte, und darum die ganze Entsetzlichkeit des Bestehenden durchschaut.
 
»Wollen Sie nun gefälligst aufmerken, wie und wann das seinen Anfang nahm, was schließlich zu meiner Episode führte. Es begann zu einer Zeit, da ich noch nicht volle sechzehn Jahre zählte. Ich war damals noch auf dem Gymnasium und mein älterer Bruder stand als Student im ersten Semester. Ich kannte die Frauen noch nicht, doch war ich, wie all die unglücklichen Kinder unserer Gesellschaftskreise, kein unschuldiger Knabe mehr; seit mehr als einem Jahre war ich bereits durch andere Knaben verdorben. Schon machte mir die Frau zu schaffen, nicht eine bestimmte Frau, sondern die Frau als ein süßes Etwas, die Frau schlechthin, jede Frau, die Nacktheit der Frau war es, die mich bereits peinigte. In den Stunden der Einsamkeit vermochte ich nicht, meine Reinheit zu wahren. Ich litt und quälte mich, wie neunundneunzig vom Hundert unserer Knaben sich quälen. Entsetzen ergriff mich, ich duldete, ich betete – und kam immer wieder zu Falle. Ich war bereits verdorben in Gedanken und in Wirklichkeit, den letzten Schritt jedoch hatte ich noch nicht getan. Ich ging allein dem Untergange entgegen, hatte aber noch nicht Hand angelegt an ein anderes menschliches Wesen. Doch ein Kamerad meines Bruders, gleichfalls Student, ein lustiger Bursche, ein sogenannter guter Kerl, d. h. ein richtiger Taugenichts, der uns auch das Trinken und Kartenspielen beigebracht hatte, überredete uns nach einer Kneiperei, ›dahin‹ zu fahren. Und so fuhren wir denn da hin. Mein Bruder, der gleichfalls noch unschuldig war, kam in jener Nacht zu Falle. Und ich, der sechzehnjährige, unreife Bursche, besudelte mich selbst und half ein Weib besudeln, ohne auch nur im geringsten zu begreifen, was ich tat. Hatte mir doch niemand von den Älteren je gesagt, daß das, was ich tat, etwas Böses sei. Auch heute wird man eine solche Warnung nie zu hören bekommen. In den ›zehn Geboten‹ ist davon allerdings die Rede, gewiß, aber die ›zehn Gebote‹ sind doch schließlich nur dazu da, daß man dem Religionslehrer bei der Prüfung eine Antwort gibt, auch sind diese Gebote lange nicht so wichtig, wie das Gebot über den richtigen Gebrauch des ›ut‹ in Bedingungssätzen.
 
So hatte ich von allen älteren Leuten, auf deren Meinung ich Wert legte, nie davon gehört, daß es sich dabei um etwas Böses handle. Im Gegenteil hatte ich von diesen Leuten, die ich hochschätzte, immer nur gehört, die Sache sei durchaus gut und löblich. Ich hatte gehört, daß meine Kämpfe und Leiden danach zum Stillstand kommen würden, hatte es gehört und gelesen; von älteren Leuten hatte ich gehört, daß diese Sache der Gesundheit dienlich sei, und die Kameraden meinten, es läge darin etwas Verdienstliches, eine gewisse Schneidigkeit. Man sah also darin nur lauter Gutes. Die Gefahr einer Erkrankung? Auch dafür ist Vorsorge getroffen. Die Polizeibehörde trifft ihre umsichtigen Maßnahmen. Sie überwacht und regelt das Leben der Freudenhäuser und schützt die Ausschweifungen der Gymnasiasten. Besoldete Ärzte tragen Sorge dafür. Somit ist alles aufs beste bestellt. Sie behaupten, die Ausschweifung sei der Gesundheit zuträglich, und sie achten darauf, daß die Ausschweifung ihren wohlgeregelten, geordneten Gang nehme. Ich kenne Mütter, die in dieser Hinsicht sich selbst um die Gesundheit ihrer Söhne bekümmern. Und auch die Wissenschaft schickt ja die jungen Leute in die Freudenhäuser.«
 
»Die Wissenschaft? Wieso?« fragte ich.
 
»Nun, was sind denn die Ärzte anderes als Priester der Wissenschaft! Wer verdirbt denn die jungen Leute durch die Behauptung, daß dies für die Gesundheit notwendig sei – wer denn anders als sie? Und dann kurieren sie mit dem ernstesten Gesichte von der Welt – die Syphilis!«
 
»Warum soll man denn die Syphilis nicht heilen?«
 
»Weil, wenn auch nur der hundertste Teil der Anstrengungen, welche auf die Heilung der Syphilis verwandt werden, der Bekämpfung des Lasters gewidmet würde, die Syphilis längst ausgerottet wäre. So aber werden diese Anstrengungen nicht zur Bekämpfung der Ausschweifung, sondern zu ihrer Förderung, zur Sicherung ihrer Gefahrlosigkeit verwendet. Doch nicht das ist der Kernpunkt der Sache. Der Kernpunkt ist vielmehr, daß ich, gleich neun Zehnteln – oder noch mehr – der jungen Leute unserer Kreise, ja überhaupt aller, auch der bäuerlichen Kreise, das Unglück hatte, nicht dem natürlichen Zauber der Reize einer bestimmten Frau zu erliegen. Nein, nicht eine Frau hat mich verführt, sondern ich erlebte diesen sittlichen Fall darum, weil die Angehörigen des mich umgebenden Gesellschaftskreises in meinem sittlichen Fall teils eine normale, gesundheitsfördernde Funktion, teils einen völlig natürlichen, nicht nur verzeihlichen, sondern sogar unschuldigen Zeitvertreib eines jungen Mannes sahen. Ich begriff gar nicht, daß hier von einem sittlichen Fall die Rede sein könne; ich begann mich diesen Dingen einfach hinzugeben, die einerseits als Vergnügen, andrerseits als Bedürfnis gelten und, wie man mir eingeprägt hatte, einem bestimmten Alter eigentümlich seien, begann mich dieser Ausschweifung hinzugeben, wie ich seinerzeit mit dem Trinken und Rauchen begonnen hatte. Und doch lag in diesem ersten sittlichen Fall etwas Besonderes und tief Bewegendes.
 
Ich erinnere mich, daß mir gleich dort, an Ort und Stelle, bevor ich noch das Zimmer verlassen hatte, ganz traurig zumute wurde, so traurig, daß ich nahe daran war, zu weinen. Zu weinen um meine verlorene Unschuld, um das für immer zerstörte Verhältnis zum Weibe. Ja, das natürliche, einfache Verhältnis zum Weibe war für mich auf immer verloren; ein reines Verhältnis zum Weibe gab es seither für mich nicht mehr und konnte es nicht mehr geben. Ich war das geworden, was man einen Wüstling nennt. Und ein Wüstling zu sein, ist ein ähnlicher physischer Zustand wie der Zustand des Morphinisten, des Trinkers, des Rauchers. Wie der Morphinist, der Trinker, der Raucher kein normaler Mensch mehr ist, so ist der Mann, der mehrere Frauen zu seinem Genusse kennengelernt hat, kein normaler Mensch mehr, sondern ein für immer verdorbener ›Wüstling‹. Wie man den Trinker und den Morphinisten sogleich am Gesichte und am ganzen Gebaren erkennt, so ist auch der Wüstling sogleich als solcher zu erkennen. Der Wüstling mag sich bemühen, enthaltsam zu sein und seinen Hang zu bekämpfen – eine einfache, klare, reine Beziehung zum Weibe, wie die Beziehung des Bruders zur Schwester, wird es für ihn niemals mehr geben. An der Art, wie er aufblickt und ein junges Weib ansieht, ist der Wüstling zu erkennen. So war ich also ein Wüstling geworden und blieb ein solcher, und das eben war es, was mich zugrunde gerichtet hat.«
 
 
 
 


V
 

Ja, so ist es; dann ging es weiter und weiter, ich hatte alle möglichen Verhältnisse. Mein Gott, wenn ich so an alle Gemeinheiten zurückdenke, die ich in dieser Hinsicht begangen habe, dann erfaßt mich ein wahrer Schrecken. Und dabei lachten mich die Kameraden noch aus wegen meiner sogenannten Unschuld. Was bekam man erst zu hören, wenn von der goldenen Jugend, den Offizieren, den Gecken nach Pariser Art die Rede war! Und wie kamen sich alle diese Herren, darunter auch ich, diese dreißigjährigen Lebemänner, die wohl Hunderte aller möglichen abscheulichen Verbrechen gegen die Frauen auf dem Gewissen hatten, wie kamen sie sich vor, wenn sie sauber gewaschen, glatt rasiert und parfümiert, in schimmernder Wäsche, in Frack oder Uniform in den Empfangssalon oder den Ballsaal traten – ein wahres Sinnbild der Reinheit, zum Entzücken!
 
Bedenken Sie doch einmal, wie es eigentlich sein müßte, und wie es in Wirklichkeit ist! Es müßte so sein: wenn in einer Gesellschaft ein solcher Herr sich meiner Schwester oder Tochter nähert, so müßte ich, der ich sein Leben kenne, zu ihm hintreten, ihn auf die Seite nehmen und ihm leise ins Ohr flüstern: ›Mein Lieber, ich weiß, was für ein Leben du geführt hast, wie und mit wem du deine Nächte verbringst. Du gehörst nicht hierher. Hier sind reine, unschuldige Mädchen. Entferne dich!‹ So müßte es sein; in Wirklichkeit aber ist es so, daß, wenn ein solcher Herr auf der Bildfläche erscheint und mit meiner Schwester oder Tochter tanzt und sie an sich preßt, wir förmlich jubeln, wofern er nur reich ist und gute Verbindungen hat. Wer weiß, vielleicht macht er nach dieser oder jener berühmten Kurtisane auch meine Tochter glücklich! Und wenn selbst Spuren einer Erkrankung an ihm verblieben sind – was tut es? Heutzutage bringt die Medizin so etwas ganz leicht weg. Ja, ich kenne sogar ein paar Mädchen aus den höheren Kreisen, die von ihren Eltern bereitwilligst an Männer verheiratet wurden, denen eine gewisse Krankheit tief im Leibe saß. Oh, oh . . . welche Gemeinheit! Doch es kommt die Zeit, da auch diese Gemeinheit und Lüge entlarvt werden wird!«
 
Er ließ mehrmals seinen sonderbaren Laut hören und machte sich an seinen Tee. Der Tee war sehr stark – es war kein Wasser da, um ihn zu verdünnen. Ich spürte es, wie sehr mich die zwei Gläser erregten, die ich getrunken hatte. Auch auf ihn mußte der Tee wohl eingewirkt haben, denn er wurde immer erregter. Seine Stimme nahm immer mehr einen markanten, singenden Ausdruck an. Jeden Augenblick wechselte er seine Haltung, nahm seine Mütze ab, setzte sie wieder auf und sein Gesicht veränderte sich ganz seltsam in dem Halbdunkel, worin wir saßen.
 
»So also lebte ich bis zu meinem dreißigsten Jahre,« fuhr er fort, »und nicht einen Augenblick gab ich die Absicht auf, zu heiraten und ein ganz ideales, reines Familienleben zu begründen, und in dieser Absicht sah ich mich eifrig unter den jungen Mädchen um, die für mich in Betracht kommen konnten. Ich besudelte mich selbst mit dem Schmutz der Ausschweifung und schaute gleichzeitig nach jungen Mädchen aus, die im Punkte der Keuschheit meiner würdig wären! Viele schied ich eben darum aus dem Wettbewerb aus, weil sie mir nicht rein genug erschienen; endlich aber fand ich eine, die ich für würdig erachtete, meine Gattin zu werden. Es war eine der beiden Töchter eines Gutsbesitzers aus dem Gouvernement Pensa, der einstmals sehr reich gewesen war, jedoch sein Vermögen verloren hatte.
 
Eines Abends, nachdem wir zusammen eine Kahnfahrt gemacht hatten und beim Mondschein heimgekehrt waren, saß ich neben ihr und war ganz entzückt von ihrem schlanken, in eine knappe englische Robe gepreßten Figürchen und ihren Locken; plötzlich kam ich zu dem Entschluß: sie und keine andere ist es! Es schien mir an jenem Abend, daß sie alles, alles verstehe, was ich fühlte und dachte. In Wirklichkeit lag nichts weiter vor, als daß die englische Robe und die Locken ihr ausnahmsweise gut zu Gesichte standen, und daß ich nach dem in ihrer traulichen Nähe verbrachten Tag den Wunsch nach noch intimerer Traulichkeit hegte.
 
Merkwürdig, wie leicht die Menschen der Illusion verfallen, daß Schönheit zugleich auch Güte sei! Eine schöne Frau kann ruhig Dummheiten schwatzen – man hört ihr zu und hört nicht die Dummheiten heraus, sondern nur lauter kluge Sachen. Sie redet und tut häßliche Dinge – und man findet alles nett. Redet sie nun gar weder dumme noch häßliche Dinge und ist sie wirklich schön: gleich bildet man sich ein, sie sei ein Wunder an Verstand und Tugend.
 
Ich war in einem Wonnerausch heimgekehrt, vollkommen überzeugt, daß sie der Gipfel sittlicher Vollkommenheit, daher würdig sei, meine Gattin zu werden, und so trug ich ihr denn am nächsten Tage meine Hand an.
 
Was für eine Begriffsverwirrung! Unter tausend Männern, die heiraten, gibt es – nicht nur in unseren Kreisen, sondern leider auch in den breiten Volksschichten – kaum einen einzigen, der nicht vorher schon zehn-, ja, wie Don Juan, hundert- und tausendmal verheiratet gewesen wäre.
 
Es gibt allerdings heutigestags, wie man mir sagt, und wie ich selbst beobachtet habe, sittenreine junge Leute, die da fühlen und wissen, daß dies kein Scherz ist, sondern eine sehr, sehr ernste Sache. Gott segne sie! Zu meiner Zeit gab es nicht einen einzigen auf zehntausend. Und alle wissen das und stellen sich so, als ob sie es nicht wüßten. In allen Romanen sind die Gefühle der Helden, die Teiche und Gebüsche, an denen sie entlang wandeln, bis ins kleinste geschildert; doch wenn die große Liebe solch eines Helden zu irgendeinem Mädchen beschrieben wird, verschweigt man wohlweislich, was mit ihm, diesem interessanten Helden, früher vorgefallen ist; kein Wort verlautet von seinen Besuchen in den Freudenhäusern, von seinen Abenteuern mit Stubenmädchen, Köchinnen und fremden Frauen. Wenn aber solche ›unanständigen‹ Romane dennoch existieren, so gibt man sie gerade denjenigen nicht in die Hand, die sie vor allem lesen sollten, nämlich – den jungen Mädchen.
 
Den jungen Mädchen wird zunächst einmal vorgeheuchelt, daß die Unsittlichkeit, die die Hälfte des Lebens unserer Städte und selbst unserer Dörfer ausfüllt, überhaupt gar nicht existiere. Dann gewöhnt man sie so sehr an diese Heuchelei, daß sie schließlich, wie die Engländer, allen Ernstes zu glauben beginnen, wir seien alle sehr moralische Menschen und lebten in einer sehr moralischen Welt. Die armen Mädchen glauben das wirklich steif und fest. Auch meine unglückliche Frau glaubte es. Ich erinnere mich, wie ich einmal als Verlobter ihr mein Tagebuch zeigte, aus dem sie wenigstens einiges aus meiner Vergangenheit erfahren konnte, namentlich über mein letztes Verhältnis, über das sie leicht auch von anderer Seite unterrichtet werden konnte, so daß ich es vorzog, sie selbst darüber einiges wissen zu lassen. Ich erinnere mich ihres Entsetzens, ihrer Verzweiflung, ihrer Verwirrung, als sie alles erfahren und begriffen hatte. Ich sah, daß sie damals mit mir brechen wollte. Ach, warum hat sie es nicht getan? . . .«
 
Er ließ wieder seinen Laut hören, schlürfte noch einen Schluck Tee und schwieg eine Weile.
 
 
 


VI
 

Doch nein, es ist besser so, wirklich besser!« rief er dann laut aus. »Es ist mir ganz recht geschehen. Aber nicht davon soll die Rede sein. Ich wollte sagen, daß die Betrogenen hier doch eigentlich nur die unglücklichen Mädchen sind.
 
Die Mütter wissen das recht gut, namentlich jene Mütter, die von ihren Männern erzogen worden sind. Und während sie sich so stellen, als glaubten sie an die Reinheit der Männer, handeln sie in der Praxis ganz anders. Sie wissen, mit welchem Köder sie für sich und ihre Töchter die Männer fangen sollen.
 
Nur wir Männer allein wissen es nicht – und zwar wissen wir es darum nicht, weil wir es nicht wissen wollen, während die Frauen sehr wohl wissen, daß die sogenannte ideale Liebe nicht von moralischen Vorzügen abhängt, sondern von der physischen Vertraulichkeit und von solchen Dingen wie die Frisur, die Farbe und der Schnitt des Kleides. Fragen Sie eine erfahrene Kokette, die es sich vorgenommen hat, einen Mann zu bezaubern, was sie eher riskieren würde: in seiner Gegenwart der Lüge, der Grausamkeit, ja selbst der Unsittlichkeit überführt zu werden oder in einem schlecht gearbeiteten, geschmacklosen Kleide vor ihm zu erscheinen! Jede einzelne wird sich für das erste entscheiden. Sie weiß, daß die erhabenen Gefühle, die unsereins zur Schau trägt, durch und durch erlogen sind, daß es dem Manne nur auf den Körper ankommt, daß er alle Laster verzeiht, nicht aber ein häßliches, schlecht gearbeitetes, geschmackloses Kleid.
 
Die Kokette ist sich dessen klar bewußt, dem unschuldigen Mädchen aber sagt es, wie den Tieren, eine aus dem Unbewußten kommende Empfindung.
 
Daher diese englischen Roben, diese abscheulichen Tournüren, diese nackten Schultern, Arme und womöglich auch Brüste. Die Frauen, namentlich jene, die durch die Schule der Männer gegangen sind, wissen sehr wohl, daß die Gespräche über ideale Dinge eben nur Gespräche sind, und daß der Mann nur nach dem Körper verlangt und nach alledem, was diesen anziehend und verlockend erscheinen läßt. Und danach richten sie sich dann auch.
 
Streifen wir nur einmal die Gewöhnung an diese Zuchtlosigkeit ab, die uns zur zweiten Natur geworden ist, und betrachten wir das Leben unserer höheren Klassen in der ganzen Schamlosigkeit, in der es sich darstellt, dann haben wir tatsächlich nichts weiter vor uns als ein einziges Freudenhaus . . . Sie wollen das bestreiten? Gestatten Sie, ich will es Ihnen beweisen«, versetzte er, mich unterbrechend. »Sie sagen, die Frauen unserer Gesellschaft hätten andere Interessen als die Frauen in den Freudenhäusern, und ich sage Ihnen: das ist nicht der Fall, und ich werde Ihnen das beweisen. Wenn zwei Menschen sich in ihren Lebenszielen und ihrem Lebensinhalt unterscheiden, so wird dieser Unterschied zweifellos auch in ihrem Äußeren zutage treten, dieses Äußere wird bei beiden verschieden sein. Werfen Sie nur einen Blick auf jene Unglücklichen, Geächteten, und auf die vornehmen Damen unserer höchsten Gesellschaft: dieselben Toiletten, derselbe Schnitt, dieselben Parfüms, dieselben nackten Arme, Schultern und Brüste und dieselben knappen, prallen Tournüren; die gleiche Schwäche für Edelsteine, für kostspielige, blitzende Gegenstände, die gleiche Vorliebe für Vergnügungen und Tanz, für Musik und Gesang. Gleichwie jene die Männer durch alle möglichen Mittel anzulocken suchen, so auch diese. Nur daß die Prostituierten ›für kurze Frist‹ in der Regel mit Verachtung behandelt werden, während die Prostituierten ›für lange Frist‹ volle Hochachtung genießen.«
 
 
 


VII
 

Ja, so wurden also diese englischen Taillen, diese Locken und Tournüren für mich sozusagen zu Fallen. Mich zu fangen, war übrigens leicht, weil ich unter ähnlichen Bedingungen wie die meisten jungen Leute aufgewachsen war, bei denen die verliebten Gefühle wie Gurken im Warmhause aufschießen. Unsere aufreizende, überreichliche Kost bei völliger Enthaltung von körperlicher Arbeit ist ja schließlich nichts anderes als eine systematische Aufreizung unserer Sinnlichkeit. Sie mögen das mit Staunen hören oder nicht, es ist einmal so. Auch ich hatte für alles das bis in die letzte Zeit keinen Blick. Jetzt aber bin ich sehend geworden. Darum peinigt es mich auch so, daß niemand die Sache klar übersieht und daß die Menschen so törichtes Zeug darüber reden, wie vorhin diese Dame hier.
 
Ja . . . in meiner Nachbarschaft arbeiteten im Frühjahr die Bauern an der Aufschüttung des Eisenbahndammes. Die gewöhnliche Nahrung des Bauernburschen besteht aus Brot, Kwas und Zwiebeln; er bleibt dabei lebhaft, kräftig und gesund und ist imstande, tüchtige Feldarbeit zu verrichten. Arbeitet er auf der Eisenbahn, so besteht seine Kost aus Grütze und einem Pfund Fleisch täglich. Dieses Fleischquantum jedoch setzt er in sechzehnstündiger Arbeitszeit, hinter einem Karren von dreißig Pud, in Kraft um. Und er befindet sich wohl dabei. Wir aber verzehren täglich zwei Pfund Rindfleisch, dazu Wild und Fische und allerhand erhitzende Speisen und Getränke – wie soll der Körper das alles verarbeiten? Er setzt es in sinnliche Exzesse um. Wird das Sicherheitsventil nach dieser Richtung geöffnet und funktioniert es richtig, so ist alles in Ordnung; schließt man das Ventil jedoch, wie ich es zuzeiten getan habe, so tritt alsbald eine innere Umwandlung und damit ein Zustand ein, der, durch das Prisma unseres unnatürlichen Lebens hindurchschreitend, als Verliebtheit vom reinsten Wasser und selbst als Platonismus in Erscheinung tritt. Und so verliebte auch ich mich, wie sich alle verlieben. Alles war da: das Entzücken, die Rührung, die Poesie. In Wirklichkeit jedoch war diese meine Liebe einerseits ein Produkt der Tätigkeit Mamas und der Schneiderinnen, andererseits ein Ergebnis der von mir verschlungenen überschüssigen Nahrung bei untätiger Lebensweise. Wären nicht die Bootsfahrten, die Taillen der Schneiderinnen usw. gewesen, hätte die junge Dame ein Hauskleid von schlechtem Schnitt getragen, hätte ich, wie jeder Mensch in normalen Lebensverhältnissen, so viel Nahrung zu mir genommen, als ich zur Verrichtung meines täglichen Arbeitspensums bedurfte, und wäre das Sicherheitsventil bei mir geöffnet gewesen, statt daß ich es um jene Zeit gerade aus irgendeinem Grunde geschlossen hatte, dann hätte ich mich nicht verliebt, und es wäre nichts geschehen.
 
 
 


VIII
 

So aber klappte alles ausgezeichnet: meine Stimmung, das schicke Kleid, die Kahnfahrt – alles war nach Wunsch ausgefallen. Zwanzigmal war der Versuch mißlungen, diesmal jedoch gelang er ganz glatt. Ich saß drin, wie in einem Fuchseisen. Ich scherze nicht. Die Ehen werden ja jetzt genau so angelegt wie die Fuchseisen. Nichts natürlicher auch: das Mädchen ist herangereift, also muß es einen Mann haben. Die Sache erscheint sehr einfach, wenn das Mädchen keine Mißgeburt ist und es an heiratslustigen Männern nicht fehlt. Früher, in der alten Zeit, erledigten die Eltern die ganze Angelegenheit: war das Mädchen herangewachsen, so suchten sie ihm einen Mann.
 
So war und so ist es bei der ganzen Menschheit Brauch: bei den Chinesen, den Indern, Mohammedanern, bei uns im Volke – beim gesamten Menschengeschlecht, mindestens bei neunundneunzig Hundertsteln, ist das der Fall. Nur das eine Hundertstel oder noch weniger von uns Wüstlingen hat gefunden, das sei nicht das Richtige, und hat sich etwas Neues ausgedacht. Und worin besteht nun dieses Neue? Es besteht darin, daß die Mädchen dasitzen und die Männer wie auf dem Markte auf und ab gehn und wählen. Die Mädchen aber warten und denken, ohne daß sie es auszusprechen wagen: ›Ach, mein Lieber, nimm mich!‹ – ›Nein, nein – mich!‹ – ›Nicht jene dort, sondern mich; sieh doch, was für Schultern ich habe und was sonst noch alles!‹ – Und wir Männer gehen auf und ab und mustern sie und sind höchst zufrieden. ›Wir wissen Bescheid,‹ sagen die Herren der Schöpfung, ›wir fallen nicht so leicht herein!‹ Und wie sie so prüfend auf und ab schreiten und sich freuen, daß alles für sie so nett hergerichtet ist – schwapp, sitzt schon einer, der sich nicht genug vorgesehen hat, in dem Eisen fest.«
 
»Wie soll es denn nun gehalten werden?« sagte ich. »Soll vielleicht die Frau den Antrag machen?«
 
»Das weiß ich wirklich nicht; aber wenn schon Gleichheit herrschen soll, dann soll auch vollständige Gleichheit herrschen. Wenn man die alte Methode der Ehestiftung erniedrigend findet, so ist diese Methode noch tausendmal schlimmer. Dort sind die Rechte und Aussichten gleich, hier ist die Frau die Sklavin auf dem Markte oder die Lockspeise im Eisen. ›In die Gesellschaft‹ soll das Töchterchen eingeführt werden. Man sage der Frau Mama oder dem Fräulein selbst einmal die Wahrheit, daß es ihnen nur darum zu tun sei, einen Mann einzufangen: o Gott, wie beleidigt werden sie sein! Und dabei haben sie wirklich nichts anderes im Sinn und befassen sich mit nichts anderem. Und ganz besonders empörend ist, daß zuweilen ganz junge, unschuldige arme Mädelchen sich mit diesen Dingen befassen, und zwar nicht offen und ehrlich, sondern auf höchst listige Weise. ›Ach, die Entstehung der Arten, wie interessant!‹ – ›Ach, Lili interessiert sich so sehr für Malerei!‹ – ›Werden Sie die Ausstellung besuchen? Wie lehrreich!‹ – ›Und die Troikafahrten? . . . und die Theatervorstellungen? . . . und die Sinfoniekonzerte?‹ – ›Ach, wie wundervoll! Meine Lili ist ganz hin, wenn sie Musik hört. Wie kommt es, daß Sie keinen Geschmack daran finden? Sind Sie ein Freund von Bootsfahrten? . . .‹ So geht es in einem fort – in Wirklichkeit aber haben sie nur den einen Gedanken: ›Oh, greif doch zu! Nimm mich!‹ – ›Nimm! meine Lili!‹ – ›Nein, mich! – So versuch es doch wenigstens! . . .‹ O welche Gemeinheit, welche Verlogenheit!« schloß er, trank seinen letzten Schluck Tee aus und machte sich daran, die Tassen und das sonstige Geschirr wegzuräumen.
 
 
 


IX
 

Sie kennen doch«, begann er wieder, während er Tee und Zucker in die Reisetasche legte, »das Weiberregiment, unter dem die Welt leidet? Alles das hat darin seinen Ursprung.«
 
»Weiberregiment? Was verstehen Sie darunter?« sagte ich. »Das rechtliche Übergewicht, samt allen Privilegien, ist doch auf Seiten der Männer!«
 
»Ja, ja, das eben ist es«, unterbrach er mich. »Das, was ich Ihnen sagen will, erklärt eben die auffallende Erscheinung, daß die Frau auf der einen Seite, wie mit Recht behauptet wird, bis zur tiefsten Stufe der Erniedrigung unterdrückt ist, auf der andern Seite dagegen herrscht. Genau so wie das Volk der Juden. Wie diese durch ihre Geldherrschaft sich für ihre Bedrückung revanchieren, so auch die Frauen. ›Ah, ihr wollt, wir sollen uns nur mit dem Handel befassen? Gut, so wollen wir nur Händler sein und euch auf diese Weise unterjochen!‹ sagen die Juden. – ›Ah, ihr wollt, wir sollen nur ein Gegenstand der Sinnenlust sein? Gut, so wollen wir, als Gegenstand der Sinnenlust, euch zu unsern Sklaven machen!‹ sagen die Frauen. Nicht darin besteht die Rechtlosigkeit der Frau, daß sie nicht wählen und kein Richteramt bekleiden darf. Dies schmälert ihre rechtliche Stellung nicht. Wohl aber darf sie das Recht beanspruchen, im Geschlechtsverkehr dem Manne gleichgestellt zu sein, nach eigenem Wunsche mit ihm zu verkehren oder ihn zu meiden und nach eigenem Wunsche sich den Mann zu wählen, nicht aber vom Manne gewählt zu werden. Vielleicht meinen Sie, dies sei unsittlich. – Wohlan: dann soll auch der Mann dieses Recht nicht besitzen. Heute ist die Frau dieses Rechtes beraubt, welches dem Manne zusteht. – Und um sich für die Entziehung dieses Rechtes schadlos zu halten, wirkt sie auf die Sinnlichkeit des Mannes ein und unterjocht ihn durch Sinnlichkeit in einer Weise, daß er nur formell der Wählende ist; in Wirklichkeit jedoch wählt sie. Hat sie sich einmal dieser Sinnlichkeitssphäre bemächtigt, so mißbraucht sie gar bald ihre Macht und gewinnt damit eine furchtbare Gewalt über Menschen.«
 
»Worin äußert sich denn diese außerordentliche Macht?« fragte ich.
 
»Worin die Macht sich äußert? Überall, in allem. Besuchen Sie nur in der ersten besten Großstadt die Verkaufsläden. Millionenwerte stecken in ihnen; unschätzbar ist die Summe menschlicher Arbeitskraft, die auf die Herstellung der feilgehaltenen Waren verwandt ist. Sehen Sie einmal zu, ob in neun Zehnteln dieser Läden überhaupt etwas zum Gebrauch der Männer zu haben ist. Aller Luxus des Lebens ist ein Bedürfnis der Frauen und wird von ihnen gefördert.
 
Gehen Sie die Fabriken durch, eine wie die andere. Ein ganz beträchtlicher Teil von ihnen verfertigt überflüssigen Schmuck, Equipagen, Möbel, Nippsachen für die Frauen. Millionen Menschen, Generationen von Sklaven gehen in der Tretmühlenarbeit der Fabriken zugrunde, nur um den Launen der Frauen zu frönen. Wie absolute Kaiserinnen halten die Frauen neun Zehntel des Menschengeschlechts in Sklavenfron und schwerer Arbeit fest. Und alles nur darum, weil man sie unterdrückt und der Gleichberechtigung mit den Männern beraubt hat. Sie rächen sich nun dadurch, daß sie auf unsere Sinnlichkeit einzuwirken und uns in ihren Netzen zu fangen suchen. Ja, darum allein geschieht das alles. Die Frauen haben sich selbst in ein Werkzeug umgewandelt, mittels dessen sie auf die Sinnlichkeit des Mannes derart einwirken, daß er mit einer Frau nicht mehr ruhig und harmlos verkehren kann. Sowie der Mann sich der Frau nur nähert, verfällt er ihrem betäubenden Einflusse und verliert seinen klaren Verstand. Auch früher schon hatte ich ein peinliches, beängstigendes Gefühl, wenn ich eine aufgeputzte Dame im Ballkostüm sah, jetzt aber ist mir das geradezu entsetzlich, ich sehe förmlich eine Gefahr darin, die die Menschen bedroht, ja etwas Gesetzwidriges, und ich möchte den nächsten Polizisten anrufen, daß er mir Hilfe leiste gegen die Gefahr, möchte ihn auffordern, den gefährlichen Gegenstand fortzuschaffen und unschädlich zu machen.
 
Ja, Sie lachen darüber!« schrie er mich an – »die Sache ist jedoch keineswegs scherzhaft. Ich bin überzeugt, daß eine Zeit kommen wird – und vielleicht schon sehr bald – wo die Menschen das begreifen und sich wundern werden, wie eine Gesellschaft bestehen konnte, in der solche die öffentliche Ruhe störende Dinge erlaubt waren, wie es die heutzutage unsern Frauen gestatteten auf den Sinnenreiz abzielenden Ausschmückungen ihres Körpers zweifellos sind. Das ist ja genau dasselbe, als wenn man überall auf den Promenaden und an den Spazierwegen Fußangeln und sonstige Fallen aufstellen wollte – ja schlimmer als das! Warum ist das Hasardspiel verboten, das Auftreten von Frauen jedoch, die gleich den Prostituierten durch ihre Tracht auf die Erregung der Sinnlichkeit hinwirken, noch immer erlaubt? Sie sind tausendmal gefährlicher als alles Hasardspiel!
 
 
 


X
 

Nun denn, so wurde auch ich gefangen. Ich war das, was man so ›verliebt‹ nennt. Ich sah nicht nur den Gipfel der Vollkommenheit in ihr, ich hielt auch mich in dieser meiner Bräutigamszeit für einen höchst vollkommenen Menschen. Es gibt doch schließlich keinen Schurken, der, wenn er nur richtig suchte, nicht ein paar Schurken fände, die in der einen oder andern Hinsicht noch schlimmer wären als er, und der darum keine Ursache hätte, sich in die Brust zu werfen und mit sich zufrieden zu sein. So stand es auch um mich: ich heiratete nicht des Geldes wegen, Berechnung sprach also nicht mit, wie dies bei den meisten meiner Bekannten der Fall war, die entweder um des Geldes oder um guter Beziehungen willen geheiratet hatten. Ich war vermögend und sie arm – das war schon ein Punkt, der zu meinen Gunsten sprach. Ein zweiter Punkt, auf den ich mir etwas einbildete, war, daß die andern bei ihrer Verheiratung von vornherein die Absicht hatten, in demselben Zustande der Vielweiberei weiterzuleben, in dem sie vor der Heirat gelebt hatten, während ich mir fest vornahm, nach meiner Verheiratung in der Einehe zu leben. Ja, gerade darauf war ich ungemein stolz. Ich war ein durch und durch verdorbener Bursche – und bildete mir ein, ein Engel zu sein!
 
Die Zeit, während ich den Bräutigam spielte, dauerte nicht lange. Nicht ohne Scham vermag ich heute an diese Verlobungszeit zurückzudenken. Wie abscheulich war das alles! Es sollte doch zwischen uns die geistige, nicht die sinnliche Liebe herrschen. Sollte es eine geistige Liebe, ein geistiger Verkehr sein, so mußte dieser geistige Verkehr sich in Worten, in Gesprächen, in Unterhaltungen kundtun. Nichts von alledem jedoch gab es zwischen uns. Das Reden fiel uns zuweilen, wenn wir allein waren, furchtbar schwer. Was für eine Sisyphusarbeit war das manchmal! Kaum hatte man einen Gedanken gefunden und ausgesprochen, so hieß es schon wieder, schweigen und einen neuen Gedanken suchen. Es gab einfach für uns keinen Gesprächsstoff. Alles, was über das uns bevorstehende Leben, über seine Einrichtung, über unsere Zukunftspläne gesagt werden konnte, war bereits gesagt – und was nun weiter? Wären wie Tiere gewesen, so hätten wir gewußt, daß zwischen uns gar kein Reden notwendig war, so aber sollten wir durchaus reden und wußten nicht wovon, weil uns eben solche Dinge, die durch Reden und Gespräche zu erledigen waren, nicht beschäftigten. Dazu kam noch diese widerwärtige Gewohnheit des Konfektmitbringens, der Überladung mit allerhand Süßigkeiten und alle die abscheulichen Vorbereitungen zur Hochzeit: nur von der Wohnung, dem Schlafzimmer, den Betten, von Haus- und Schlafröcken, Wäsche, Toilettenartikeln hörte man ringsum reden. Sie werden begreifen, daß, wenn die Heirat nach den Vorschriften des ›Domostroj‹ stattfände, wie jener Alte sich ausdrückte, die Daunenkissen, die Mitgift, die Betten nur ein äußerliches Zubehör des Sakraments wären. Bei uns jedoch, wo unter zehn Männern, die heiraten, kaum einer ist, der an das Sakrament glaubt, oder auch nur glaubt, daß das, was er tut, eine gewisse Verpflichtung darstelle, wo von hundert Männern kaum einer ist, der nicht schon vorher verheiratet gewesen wäre, und kaum einer von fünfzig, der nicht von vornherein bereit wäre, bei jeder Gelegenheit seiner Frau untreu zu werden, wo die meisten die Fahrt zur Kirche nur als eine besondere Bedingung betrachten, um in den Besitz einer bestimmten Frau zu gelangen: – bedenken Sie, was für eine Bedeutung bei uns unter solchen Umständen alle diese Einzelheiten gewinnen. Es sieht aus, als laufe alles nur auf diesen einen Punkt, auf eine Art von Verkauf hinaus: einem Wüstling wird ein unschuldiges Mädchen verkauft, und der Verkauf vollzieht sich eben unter bestimmten Zeremonien und Formalitäten . . .!
 
 
 


XI
 

So heiraten alle, so habe auch ich geheiratet, und es begann der vielgepriesene Honigmond. Schon diese Bezeichnung – wie widerwärtig!« sagte er zornig, mit zischender Stimme. »Ich sah mir einmal in Paris verschiedene Schaustellungen an und ging auch in eine Bude, in der, wie draußen geschrieben stand, eine bärtige Frau und ein Seehund zu sehen waren. Es stellte sich heraus, daß es sich um nichts weiter handelte, als um einen Mann in einem ausgeschnittenen Frauenkleide und einen Hund, der in einem Walroßfell steckte und in einer mit Wasser gefüllten Wanne umherschwamm. Alles war höchst uninteressant; als ich jedoch hinausging, begleitete mich der Inhaber der Bude höflich und sagte, zum draußen wartenden Publikum gewandt, indem er auf mich wies: ›Fragen Sie diesen Herrn da, ob es sich lohnt, die Sache anzusehen! Immer herein, immer herein, nur einen Frank die Person!‹ Es war mir peinlich zu sagen, daß es sich nicht lohne hineinzugehen, und darauf hatte der Budenbesitzer wohl gerechnet. So geht es vermutlich auch denen, welche die ganze Widerwärtigkeit des Honigmonds kennengelernt haben und die andern nicht enttäuschen wollen. Auch ich habe niemanden enttäuscht, jetzt aber sehe ich nicht ein, weshalb ich nicht die Wahrheit sagen soll. Ja, ich bin sogar der Meinung, daß man unbedingt die Wahrheit darüber sagen müsse. Nun denn: dieser Honigmond ist etwas Peinliches, Beschämendes, Widerliches, Klägliches und vor allem Langweiliges, ganz trostlos Langweiliges. Es war ein Gefühl, ähnlich jenem, das ich damals empfand, als ich mir das Rauchen angewöhnen wollte: ein Brechreiz überkam mich, der Speichel lief mir im Munde zusammen und ich schluckte ihn hinunter mit einer Miene, als sei mir das alles sehr angenehm. Der Genuß vom Rauchen kommt, ebenso wie hier, wenn er sich überhaupt einstellt, erst später: der Gatte muß seiner Frau erst den Geschmack an diesem Laster beibringen, damit er selbst davon einen Genuß habe.«
 
»Wieso ein Laster?« sagte ich. »Sie sprechen doch von dem natürlichsten Triebe, der dem Menschen eigen ist.«
 
»Natürlich?« sagte er. »Natürlich! Nein, ich will Ihnen sogar sagen: ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß dies durchaus nicht natürlich ist. Fragen Sie die Kinder, fragen Sie die unverdorbenen Mädchen! Mein Schwester heiratete sehr jung einen Mann, der doppelt so alt wie sie und ein arger Lüstling war. Ich erinnere mich noch, wie verblüfft wir alle in der Hochzeitsnacht waren, als sie bleich und in Tränen von ihm fortlief und am ganzen Leibe zitternd zu uns sagte, sie werde um keinen Preis zu ihm zurückkehren und sie könne es gar nicht aussprechen, was er von ihr verlangt habe. Sie sagen: ›natürlich‹. Natürlich ist es, zu essen. Essen bereitet Genuß, ist angenehm und leicht und ruft auch nicht einen Augenblick das Gefühl der Scham hervor; hier aber handelt es sich um etwas, das zugleich widerlich, beschämend und schmerzlich ist. Nein, das ist einfach unnatürlich! Und ich bin überzeugt: ein unverdorbenes Mädchen wird dies stets hassen.«
 
»Wie soll sich dann aber das Menschengeschlecht fortpflanzen?« wandte ich ein.
 
»Ach ja, damit es bloß nicht ausstirbt, dieses Menschengeschlecht!« sagte er in boshaft ironischem Tone, als hätte er diesen ihm bekannten, unehrlichen Einwurf längst erwartet. »Wenn es sich darum handelt, daß die englischen Lords üppiger prassen können – dann, ja, dann ist's erlaubt, die Enthaltsamkeit vom Kindergebären zu predigen. Auch dann, wenn es den Eltern eine angenehmere Lebensgestaltung ermöglicht. Aber man sage nur ein Wort davon, daß man diese Enthaltsamkeit um der Sittlichkeit willen üben solle – o Gott, was für ein Geschrei wird dann gleich erhoben! Damit das Menschengeschlecht nur ja nicht aussterbe, wenn ein oder zwei Dutzend Menschen nicht länger ein unreines Leben führen wollten! Übrigens, verzeihen Sie: das Licht ist mir unangenehm,« sagte er und zeigte auf die Laterne, »darf ich die Vorhänge da oben zuziehen?«
 
Ich erklärte, daß ich nichts dagegen hätte, und so stieg er rasch – wie er überhaupt alles auffallend rasch tat – auf seinen Sitz und zog den wollenen Vorhang an der Laterne herunter.
 
»Wenn alle dies als Gesetz für sich anerkennen wollten,« sagte ich, »würde das Menschengeschlecht in der Tat bald ausgestorben sein.« Er antwortete erst nach einer Weile. »Sie fragen: wie das Menschengeschlecht weiterexistieren solle«, sagte er, als er wieder mir gegenüber Platz genommen hatte, setzte die Beine breit auseinander und stützte die Ellbogen auf die Knie. »Warum soll es denn überhaupt weiterexistieren, dieses Menschengeschlecht?«
 
»Wie denn – ›warum‹? Dann würden doch auch wir nicht existieren!«
 
»Und warum sollen wir existieren?«
 
»Was heißt ›warum‹? Um zu leben.«
 
»Und warum sollen wir leben? Wenn wir kein Ziel haben, wenn uns das Leben nur so um des Lebens willen gegeben ist, dann ist doch kein Grund da zum Leben. Wenn es so ist, dann haben Schopenhauer und Hartmann und die Buddhisten vollkommen recht. Wenn aber das Leben ein Ziel hat, dann ist es doch klar, daß das Leben zu Ende gehen muß, sobald das Ziel erreicht ist. Und so ist es in der Tat,« sagte er in sichtlicher Erregung, offenbar nicht wenig stolz auf seinen Gedanken, »so ist es in der Tat! Begreifen Sie wohl: wenn das Ziel der Menschheit darin besteht, was in den Prophezeiungen gesagt ist, daß nämlich alle Menschen sich in eine friedliche Herde vereinigen, daß die Speere dereinst in Sicheln umgeschmiedet werden usw. – was steht dann der Erreichung dieses Zieles im Wege? Einzig die menschlichen Leidenschaften. Unter diesen Leidenschaften aber ist die geschlechtliche, sinnliche Liebe die stärkste, böseste und hartnäckigste; wenn also die Leidenschaften und darunter die stärkste von ihnen, die sinnliche Liebe, vernichtet werden, so wird die Prophezeiung erfüllt, die Menschen werden sich friedlich zu einer Herde vereinigen, das Ziel der Menschheit wird erreicht sein und sie wird keinen Grund mehr haben zu leben. Solange jedoch die Menschheit lebt, schwebt ihr ein Ideal vor, das natürlich nicht das Ideal der Kaninchen oder Schweine sein kann, sich so stark wie möglich zu vermehren, und auch nicht das Ideal der Affen oder der Pariser, den Geschlechtstrieb so raffiniert wie möglich auszuüben, sondern ein Ideal des Guten, das durch Enthaltsamkeit und Reinheit erreicht wird. Diesem Ideal haben die Menschen stets nachgestrebt und streben ihm immer noch nach. Und sehen Sie zu, was die Folge davon ist! Die Folge ist, daß die sinnliche Liebe – eben das Sicherheitsventil ist. Wenn die jetzt lebende Generation der Menschheit das Ziel nicht erreicht, so hat sie es nur darum nicht erreicht, weil sie von Leidenschaften beherrscht ist, darunter der stärksten, der geschlechtlichen. Ist aber die geschlechtliche Leidenschaft vorhanden, so ist auch eine neue Generation garantiert, mithin kann das Ziel erst in der folgenden Generation erreicht werden. Hat auch diese es nicht erreicht, so kommt die nun folgende an die Reihe und so fort, bis das Ziel erreicht, die Prophezeiung erfüllt und die Menschheit zu einer friedlichen Herde vereinigt ist. Was würde nun schließlich dabei herauskommen? Angenommen, Gott habe die Menschen geschaffen, damit sie ein bestimmtes Ziel erreichen – so hat er sie entweder sterblich, ohne die sinnliche Leidenschaft, oder unsterblich geschaffen. Wenn sie sterblich wären, doch ohne sinnliche Leidenschaft – was käme dabei heraus? Nur so viel, daß sie eine Zeitlang leben und dann, ohne das Ziel erreicht zu haben, sterben; und damit das Ziel erreicht würde, müßte Gott neue Menschen schaffen. Wären sie unsterblich, so würden sie vielleicht das Ziel nach vielen Tausend Jahren erreichen – (obwohl immer neue Generationen die Fehler leichter gutmachen und der Vollkommenheit näher kommen würden als eine einzige fortdauernde Generation) aber wozu sind die Menschen dann noch da? Was soll mit ihnen geschehen? So, wie es jetzt ist, ist es wohl am besten . . . Doch vielleicht finden Sie keinen Geschmack an dieser meiner Ausdrucksform, vielleicht sind Sie Evolutionist. Dann kommt die Sache aber auf dasselbe hinaus. Die höchste Form der Lebewesen ist der Mensch; will er sich im Kampfe mit den übrigen Lebewesen behaupten, so muß er sich mit seinesgleichen in eins zusammenschließen wie ein Bienenschwarm, und sich nicht ins Endlose vermehren; er muß, wie die Bienen, Geschlechtslose zeugen, das heißt wiederum nach Enthaltsamkeit streben und jedenfalls nicht nach Schürung der Sinnlichkeit, auf die unsere ganze Lebensordnung abzielt.« – Er schwieg eine Weile. – »Das Menschengeschlecht wird einmal aussterben,« fuhr er alsdann fort. »Kann jemand, wie er auch die Dinge dieser Welt ansehen möge, daran zweifeln? Das ist doch so unzweifelhaft wie der Tod. Nach allen kirchlichen Lehren tritt einmal das Ende der Welt ein, und alle wissenschaftlichen Theorien verkünden dasselbe. Was ist also daran so sonderbar, daß auch die Sittenlehre zu demselben Ergebnis gelangt?«
 
Er schwieg nach diesen Ausführungen sehr lange, rauchte seine Zigarette zu Ende, holte aus seiner Reisetasche eine neue Schachtel hervor und legte deren Inhalt in sein abgegriffenes altes Etui.
 
»Ich begreife Ihren Grundgedanken,« sagte ich, »etwas Ähnliches behaupten auch die Shaker.«
 
»Ja, ja, und sie haben recht«, erwiderte er. »Der Geschlechtstrieb ist ein Übel, ein schreckliches Übel, das man bekämpfen und nicht, wie es bei uns geschieht, fördern soll. Die Worte des Evangeliums, daß, wer eine Frau begehrlich ansieht, mit ihr schon die Ehe breche, beziehen sich nicht nur auf eine fremde, sondern ausdrücklich und vor allem auf die eigene Frau.
 
 
 


XII
 

In unserer Welt ist es gerade umgekehrt: dachte der Mann als Junggeselle noch an Enthaltsamkeit, so glaubt ein jeder, sobald er verheiratet ist, die Enthaltsamkeit sei nicht mehr nötig. Diese Hochzeitsreisen, diese idyllischen Einöden, in die sich die jungen Leute mit Erlaubnis der Eltern begeben – alles das ist nichts anderes als die Erlaubnis zur Ausschweifung. Aber die Verletzung des Sittengesetzes findet ihre Strafe in sich selbst. So sehr ich mich auch bemühte, mir einen Honigmond zu bereiten, es kam nichts dabei heraus. Es war eine widerwärtige Zeit, voll Beschämung und Langerweile. Ja sehr bald wurde die Stimmung geradezu peinlich und qualvoll. Es war am dritten oder vierten Tage, da traf ich sie bei sehr mißmutiger Laune an. Ich fragte, was ihr fehle und umarmte sie, was nach meiner Meinung alles war, was sie verlangen konnte. Sie entzog sich meiner Umarmung und begann zu weinen. Ich fragte nach der Ursache ihrer Tränen; sie vermochte es mir nicht recht zu sagen, blieb jedoch in ihrer vergrämten, niedergedrückten Stimmung. Ihre ermatteten Nerven verrieten ihr wahrscheinlich die Wahrheit über die Widerwärtigkeit unserer Beziehungen, doch war sie nicht imstande, das in Worten auszudrücken. Ich fragte sie weiter aus, und sie sagte irgend etwas von Sehnsucht nach ihrer Mutter. Ich glaubte ihr nicht und suchte sie zu trösten, ohne von der Mutter etwas zu erwähnen. Ich begriff nicht, daß sie einfach von Schwermut befallen und die Sehnsucht nach der Mutter nur ein Vorwand war. Sie aber war sehr gekränkt, daß ich mit keinem Wort auf die Mutter eingegangen war, als ob ich ihr nicht geglaubt hätte. Sie sehe nun, meinte sie, daß ich sie gar nicht liebe. Ich warf ihr vor, daß sie launisch sei, und nun veränderte sich plötzlich ihr Gesichtsausdruck ganz und gar, statt der Traurigkeit malte sich Zorn in ihren Zügen und sie warf mir in giftigsten Worten Selbstsucht und Grausamkeit vor. Ich sah sie an. Ihr Gesicht zeigte die Miene der ausgeprägtesten Feindseligkeit und Kälte, ja beinahe des Hasses. Ich weiß noch, wie sehr ich erschrak, als ich das sah. ›Wie? was?‹ dachte ich. ›Das soll Liebe sein, der Bund der Seelen? Und statt dessen bietet sie mir das? Nein, das kann nicht sein, das ist nicht sie.‹ Ich versuchte sie nochmals zu besänftigen, stieß dabei jedoch auf eine so undurchdringliche Mauer von kalter, giftiger Feindseligkeit, daß auch ich im Handumdrehen in eine heftige Erregung geriet und wir einander recht bittere Dinge sagten. Die Wirkung dieses ersten Streites war entsetzlich. Ich nenne es einen Streit, doch es war kein Streit – es war nur eine Enthüllung des Abgrundes, der in Wirklichkeit zwischen uns bestand. Die Verliebtheit hatte sich in der Befriedigung der Sinnlichkeit erschöpft und wir standen einander nun in unserem wirklichen Verhältnis gegenüber als zwei einander völlig fremde Egoisten, von denen ein jeder sich bemühte, durch den andern so viel Genuß wie möglich zu empfangen. Ich nannte das, was zwischen uns vorgefallen war, einen Streit, es war jedoch kein Streit, sondern nur eine Folge der Unterbrechung unserer sinnlichen Beziehungen, die unsere wirklichen Beziehungen zueinander offenbarte. Ich begriff nicht, daß dieses kalte, feindselige Verhalten im Grunde genommen unsere normale Beziehung war, begriff es darum nicht, weil diese Feindseligkeit in der ersten Zeit alsbald wieder vor unsern Augen durch eine sozusagen verdünnte Sinnlichkeit, das heißt Verliebtheit, verhüllt wurde. Und ich dachte, wir hätten uns einfach gezankt und wieder vertragen, und so etwas würde nicht wieder vorkommen! Doch schon in diesem ersten Honigmond trat sehr bald wieder eine Periode der Übersättigung ein, wiederum hörten wir auf, einander zu bedürfen, und von neuem gab es einen Streit. Dieser zweite Streit verblüffte mich noch mehr als der erste. Der erste Streit beruhte also nicht auf einem Zufall, sondern es muß eben so sein und wird so bleiben, dachte ich. Der zweite Streit verblüffte mich um so mehr, als er aus einer ganz nichtigen Ursache entstand. Es handelte sich um Geld, mit dem ich doch niemals knauserte, am wenigsten meiner Frau gegenüber. Nur eine Bagatelle war es, und ich erinnere mich, daß sie die Sache so wendete, als hätte irgendeine Äußerung von mir meine Absicht verraten, sie durch mein Geld zu beherrschen und irgendein ausschließliches Recht auszuüben – jedenfalls eine Auffassung, die höchst töricht und niedrig und weder meiner noch ihrer würdig war. Ich geriet in Zorn und so ging es von neuem los. Aus ihren Worten wie aus ihrer Miene und dem Ausdruck ihrer Augen trat mir wieder jene grausame, kalte Feindseligkeit entgegen, die mich das erstemal so erschreckt hatte. Mit meinem Bruder, meinen Freunden, meinem Vater hatte ich wohl, wie ich mich erinnere, zuweilen Streit gehabt, niemals jedoch hatte zwischen uns diese giftige Bosheit geherrscht, wie sie hier zutage trat. Nach einiger Zeit jedoch verbarg sich dieser gegenseitige Haß wieder hinter dem Schleier der Verliebtheit, das heißt der Sinnlichkeit, und ich suchte noch Trost in dem Gedanken, daß diese beiden Zusammenstöße auf Irrtümern beruhten, die sich wieder gutmachen ließen. Bald indes folgte ein dritter und ein vierter Streit und ich begriff, daß hier kein zufälliger Irrtum in Frage käme, sondern daß dies so sein müsse und immer so sein werde, und ich war entsetzt über das, was mir bevorstand. Dabei quälte mich noch der schreckliche Gedanke, daß ich allein mit meiner Frau so schlecht, so ganz anders, als ich es mir ausgemalt hatte, zusammenlebe, während in anderen Ehen so etwas ausgeschlossen sei. Ich wußte damals noch nicht, daß dies ein allgemeines Geschick aller Ehemänner ist, daß jedoch alle gleich mir glauben, es sei ein Unglück, das nur sie betroffen habe; daß sie alle dieses ausschließliche, beschämende Unglück nicht nur vor andern, sondern auch vor sich selbst verbergen und es sich nicht eingestehen.
 
Die Sache begann in den ersten Tagen, hielt während der ganzen Zeit an und wurde immer unerträglicher, immer schlimmer. Im Innersten meiner Seele hatte ich gleich von den ersten Wochen an das Gefühl, daß ich eine verkehrte Wahl getroffen und meine Erwartung sich nicht erfüllt habe, daß die Ehe nicht nur kein Glück, sondern im Gegenteil eine schwere Last sei, doch, wie alle andern, wollte ich das nicht eingestehen – ich würde es auch jetzt nicht eingestehen, wenn nicht alles zu Ende wäre – und verheimlichte den Sachverhalt nicht nur vor den andern, sondern auch vor mir selbst. Jetzt wundre ich mich, daß ich meine wirkliche Lage so lange verkannte. Ich hätte sie schon daraus richtig ersehen sollen, daß unsere Zänkereien aus solch nichtigen Anlässen entstanden, daß es, sobald sie vorüber waren, einfach unmöglich war, ihren Ursprung anzugeben.
 
Die Vernunft vermochte nicht Gründe genug – wenn auch nur Scheingründe – anzuführen, um die zwischen uns bestehende Dauerfeindschaft genügend zu rechtfertigen. Doch noch auffallender war, daß die Vorwände zur Versöhnung so geringfügig waren. Zuweilen genügten ein paar Worte, Erklärungen, Tränen, zuweilen jedoch – ach, wenn ich daran denke, wird mir noch jetzt übel – folgten auf die gröbsten Worte plötzlich stumme Blicke, lächelnde Mienen, Küsse, Umarmungen . . . Pfui, wie abscheulich! Wie konnte ich nur damals die ganze Widerwärtigkeit dieses Gebarens nicht erkennen! . . .«
 
 
 


XIII
 

Zwei Reisende stiegen in den Zug ein und setzten sich auf eine der entfernteren Bänke. Mein Partner schwieg, während die beiden Platz nahmen. Sowie sie jedoch still geworden waren, fuhr er fort, offenbar, um seinen Gedankenfaden nicht zu verlieren:
 
»Was ganz besonders an der Sache anwidern muß,« begann er, »das ist, daß die Liebe in der Theorie als etwas höchst Ideales, Erhabenes gilt, während sie doch in Wirklichkeit etwas durchaus Häßliches, Schmutziges ist, dessen bloße Erwähnung schon etwas Schamverletzendes, Ekelerregendes hat. Nicht umsonst hat die Natur es so eingerichtet, daß die Sache so widerwärtig und häßlich ist. Ist sie widerwärtig und häßlich, so muß sie auch als widerwärtig und häßlich bezeichnet werden – während die Menschen im Gegenteil so tun, als sei das Widerwärtige und Häßliche in Wirklichkeit herrlich und erhaben.
 
Welches waren die ersten Beweise meiner Liebe? Daß ich mich der Betätigung des animalischen Triebes im Übermaß hingab und mich dessen nicht nur nicht schämte, sondern aus irgendeinem Grunde auf meine physischen Leistungen sogar stolz war. Ohne dabei auch nur im geringsten an ihr geistiges oder selbst ihr physisches Leben zu denken, wunderte ich mich nur, woher die Feindseligkeit stammte, die uns gegeneinander erfüllte; und dabei war der Sachverhalt doch vollkommen klar. Diese Feindseligkeit war nichts anderes als der Protest der menschlichen Natur gegen das Tier, das sie zu verschlingen drohte. Ich wunderte mich über den Haß, den wir gegeneinander hegten. Es konnte doch aber gar nicht anders sein, als daß wir einander haßten. Es war der gegenseitige Haß zweier Mitschuldiger an einem Verbrechen, zu dem sie sich gegenseitig angespornt und aufgemuntert hatten. Oder wie sollte man es nicht als ein Verbrechen bezeichnen, da doch sie, die Ärmste, gleich im ersten Monat schwanger wurde und wir gleichwohl unsere gemeine Beziehung zueinander fortsetzten? Sie meinen vielleicht, ich weiche vom Faden meiner Erzählung ab? Nicht im geringsten! Alles das, was ich da erzähle, gehört schon zur Darstellung des Hergangs, wie ich meine Frau getötet habe. Vor Gericht fragten sie mich, womit und wie ich meine Frau getötet hätte. Die Dummköpfe – sie glaubten, ich hätte sie damals, am 5. Oktober, mit dem Messer getötet! Nein, nicht damals habe ich sie getötet, sondern schon viel früher. So wie heute alle, alle Männer ihre Frauen töten, alle, alle . . .«
 
»Womit denn?« fragte ich.
 
»Das ist eben das Sonderbare, daß niemand das wissen will, was so klar und offenkundig ist, was vor allem die Ärzte wissen und lehren sollten, wovon sie jedoch schweigen!
 
Die Sache ist doch furchtbar einfach. Mann und Weib sind geschaffen wie das Tier, so daß nach dem Akt der sinnlichen Liebe die Schwangerschaft und dann das Nähren folgt, Zustände, in denen für die Frau wie für ihr Kind die sinnliche Liebe schädlich ist. Die Zahl der Männer und Frauen ist etwa gleich groß. Was folgt daraus? Ich meine, das ist klar. Und es bedarf keiner großen Weisheit, um daraus den Schluß zu ziehen, den auch die Tiere daraus ziehen, nämlich, daß Enthaltsamkeit geboten sei. Doch nein! Die Wissenschaft hat es so weit gebracht, daß sie irgendwelche Leukocyten entdeckt hat, die sich im Blute tummeln, wie auch sonstige spaßige Albernheiten, aber den Sinn der Enthaltsamkeit vermochte sie nicht zu begreifen. Wenigstens hört man nichts davon, daß sie etwas darüber verlauten ließe.
 
So gibt es denn für die Frauen nur zwei Auswege: der eine läuft darauf hinaus, daß sie sich selbst zum Krüppel machen, daß sie entweder auf einmal oder allmählich, bei Gelegenheit, die Fähigkeit, Frau, das heißt Mutter zu sein, in sich zerstören, damit sie für den Mann beständig und in aller Ruhe ein Gegenstand des Genusses sein können. Der andere Ausweg, der im Grunde genommen gar kein Ausweg, sondern einfach eine grobe Übertretung des Naturgesetzes ist und in allen sogenannten anständigen Familien gewählt wird, besteht darin, daß die Frau, entgegen ihrer Natur, gleichzeitig schwanger sein, ihr Kind nähren und die Geliebte ihres Gatten sein muß, wozu ein Tier sich niemals herabdrücken lassen würde und wozu sie im Grunde genommen auch gar nicht die Kraft besitzt. Daher stammen in unseren Kreisen all die hysterischen und nervösen Frauen und in den Kreisen des Volkes die ›Fallsüchtigen‹. Bei Mädchen, die unberührt sind, werden sie die Fallsucht nicht finden, sondern nur bei verheirateten Frauen, die mit Männern in geschlechtlichem Verkehr stehen. So ist es bei uns und so ist es auch in Europa. Alle Krankenhäuser sind voll von hysterischen Frauen, die das Gesetz der Natur verletzt haben. Aber die Fallsüchtigen und die Patientinnen Charcots sind nur die vollständig Verkrüppelten, von weiblichen Halbkrüppeln jedoch wimmelt die ganze Welt. Man sollte nur bedenken, welch großes, heiliges Werk sich im Weibe vollzieht, wenn es mit einem Kinde schwanger geht oder wenn es das Kind nährt, das es geboren hat. Es ist ein Wachstum dessen, was unser Menschengeschlecht fortsetzen und uns dereinst ablösen soll. Und dieses heilige Werk wird angetastet – wodurch? Schrecklich, es auszudenken! Und da schwatzen sie nun von der Freiheit und den Rechten der Frau! Das ist genau dasselbe, als wenn die Menschenfresser die Gefangenen, die sie gemacht haben, mästeten und dabei behaupteten, daß sie die Rechte und die Freiheit ihrer Opfer hüten.«
 
Alles das war mir neu und verblüffte mich.
 
»Wie denn also?« sagte ich. »Unter diesen Umständen darf man seine Frau nur einmal in zwei Jahren lieben, und der Mann . . .«
 
»Für den Mann, wollen Sie sagen, ist der häufigere Sinnengenuß ein Bedürfnis«, fiel er mir ins Wort. »Das haben wiederum die Priester der Wissenschaft uns eingeredet. Ich möchte diesen Medizinmännern einmal aufgeben, die Pflichten der Frauen zu erfüllen, die nach ihrer Meinung diesen obliegen, damit die Männer ihrem häufigeren Genußbedürfnis frönen können – was sie dann wohl sagen würden? Reden Sie einem Menschen ein, daß der Branntwein, der Tabak, das Opium ihm unentbehrlich seien, und es wird nicht lange dauern, bis sie ihm wirklich unentbehrlich werden. Zuletzt stellt es sich heraus, daß Gott nicht recht begriffen hat, was dem Menschen nottut, und weil er die Medizinmänner nicht um Rat fragte, hat er eben die Sache verpfuscht. Sie sehen doch, die Geschichte klappt nicht. Der Mann muß, so haben die Neunmalweisen beschlossen, unbedingt seinen Trieb befriedigen und da kommt nun das Kindergebären und Kinderstillen dazwischen, das die Befriedigung dieses Triebes hemmt. Was soll man da machen? Es bleibt nichts weiter übrig, als den Rat der Medizinmänner einzuholen – die werden schon Ordnung schaffen! Sie haben ja auch den ganzen Schwindel ausgeklügelt. Ach, wann werden diese Zauberkünstler mit ihren Betrügereien endlich entlarvt werden! Es ist höchste Zeit! Es ist schon so weit gekommen, daß die Menschen verrückt werden und sich totschießen – alles nur aus diesem einen Grunde! Wie könnte es auch anders sein? Die Tiere wissen es, daß die Nachkommenschaft ihre Art fortsetzt, und halten sich in dieser Beziehung an ein bestimmtes Gesetz. Nur der Mensch stellt sich, als ob er es nicht wisse, und will es nicht wissen. Alle seine Sorge geht nur darauf, daß er recht viel Genuß habe. Ja, das ist er, der Herr der Schöpfung, der Mensch! Achten Sie wohl darauf: die Tiere vereinigen sich nur dann, wenn sie in der Lage sind, Nachkommenschaft hervorzubringen, und dieser schändliche ›Herr der Schöpfung‹ kann nicht genug bekommen von dem sinnlichen Genusse. Und obendrein preist er seine ekelhafte Affentätigkeit noch als die Perle der Schöpfung, die ›Liebe‹ . . . Und im Namen dieser ›Liebe‹, dieser Schweinerei, wie er richtiger sagen sollte, stürzt er das halbe Menschengeschlecht in Elend und Verderben. Statt die Frauen beim Streben der Menschheit nach Wahrheit und Glück zu seinen Gehilfinnen zu berufen, macht er sie im Namen seiner Sinnenlust zu seinen Feindinnen.
 
Schauen Sie nun hin, wer dem Fortschritt der Menschheit überall im Wege steht – wer ist es? Die Frauen. Und worin hat das seinen Grund? Einzig in den angeführten Tatsachen. Ja, ja«, wiederholte er mehrmals, bewegte sich unruhig hin und her, zog seine Zigaretten hervor und begann zu rauchen, augenscheinlich um sich wenigstens zu beruhigen.
 
 
 


XIV
 

Solch ein unflätiges Leben also habe ich geführt«, fuhr er wieder im alten Tone fort.
 
»Das Schlimmste aber war, daß ich bei dieser widerwärtigen Lebensführung mir einbildete, daß ich darum, weil ich mich nicht von anderen Frauen verlocken ließ, ein ehrbares Familienleben führe, daß ich ein moralischer Mensch sei, und wenn zwischen uns Streitigkeiten vorkämen, dies an ihr allein und ihrem Charakter liege.
 
Natürlich traf auch sie keine Schuld. Sie war so wie alle andern, wie die Mehrzahl ihresgleichen. Erzogen war sie so, wie es die Lage der Frau in unserer Gesellschaft verlangt, und wie daher auch ausnahmslos alle Frauen der besitzenden Klassen notwendigerweise erzogen werden. Man redet jetzt viel von einer neuen Art Frauenbildung. Alles das ist leeres Geschwätz: die Bildung der Frau entspricht vollkommen der herrschenden wahren, wirklichen, allgemeinen Anschauung von der Frau.
 
Die Bildung der Frau wird natürlich stets von der Ansicht abhängen, die der Mann über die Frauen hat. Wir wissen ja alle, wie die Männer von der Frau denken: ›Wein, Weib, Gesang‹, singen die Dichter. Nehmen Sie die ganze Poesie, die ganze Malerei und Skulptur, angefangen von den Liebesgedichten und den nackten Venus- und Phrynefiguren, so sehen Sie, daß die Frau ein Gegenstand des sinnlichen Genusses ist; sie gilt als solcher auf dem einfachsten Tanzplatze wie auf dem vornehmsten Balle. Und geben Sie einmal acht, wie pfiffig der Teufel das alles anstellt: nun ja, sie dient dem Genuß, der Befriedigung der Sinnlichkeit, ist sozusagen ein Leckerbissen. Schon die Sänger der Ritterzeit haben versichert, daß sie das Weib vergöttern – dasselbe Weib, das ihnen gleichzeitig ein Mittel des Genusses ist – und heutzutage versichern die Herren der Schöpfung, daß den Frauen Verehrung gebühre, daß man aufstehen und ihnen seinen Platz anbieten, ihnen das zur Erde gefallene Taschentuch reichen, ihnen das Recht zur Bekleidung aller Ämter wie zur Teilnahme an der Regierung einräumen müsse usw. Alles das tut man wohl, aber die Ansicht von der Frau bleibt doch dieselbe: sie ist ein Gegenstand des Genusses. Ihr Körper ist ein Mittel zur Befriedigung der Sinnlichkeit und sie weiß das auch. Es ist damit ähnlich wie mit der Sklaverei. Die Sklaverei ist nichts anderes als die Ausbeutung der unfreiwilligen Arbeit der vielen durch einige wenige. Soll die Sklaverei wirklich abgeschafft werden, so müssen die Menschen das Bestreben der einen, die unfreiwillige Arbeit des andern für sich selbst auszubeuten, völlig ausrotten und als Sünde und Schmach erklären. Tatsächlich begnügen sie sich jedoch damit, die äußere Form der Sklaverei zu verändern, verbieten die Ausstellung von Kaufbriefen auf Sklaven und bilden sich ein, es gebe keine Sklaverei mehr, während in Wirklichkeit die Sklaverei fortbesteht, weil die Ausbeutung fremder Arbeit den Menschen als eine gar zu angenehme und schließlich auch leicht zu rechtfertigende Sache erscheint. Sobald jedoch etwas Angenehmes darin zu finden ist, werden sich stets Individuen finden, die stärker oder listiger sind als die andern und kein Bedenken tragen werden, sich diese andern zu unterjochen. Dasselbe ist mit der Frauenemanzipation der Fall. Die Sklaverei der Frau besteht darin, daß die Männer etwas Angenehmes darin finden, sie als einen Gegenstand des Genusses auszubeuten. Nun, so emanzipieren sie denn die Frau, geben ihr alle Rechte, die der Mann besitzt, fahren dabei jedoch fort, sie vom Standpunkte des sinnlichen Genusses zu betrachten und erziehen sie in diesem Sinne schon als Kind sowie auch später für die Gesellschaft. So bleibt sie stets dieselbe erniedrigte, verdorbene Sklavin und der Mann derselbe korrupte Sklavenhalter.
 
Man läßt die Frauen zum Hochschulstudium, zu den Ämtern zu und betrachtet sie dennoch als einen Gegenstand des Genusses. Lehret die Frau ihr eigenes Ich so zu betrachten, wie wir es gewöhnt sind, so wird sie stets ein niederes Wesen bleiben. Sie wird entweder mit Hilfe der Halunken von Ärzten die Empfängnis hintertreiben, das heißt eine vollkommene Prostituierte sein, die auf die Stufe der leblosen Sache, nicht einmal auf die Stufe des Tieres, das nichts derartiges kennt, herabgesunken ist oder sie wird, was bei den meisten der Fall ist, ein seelisch krankes, hysterisches, unglückliches Geschöpf sein, unfähig zu irgendwelcher geistigen Entwicklung. Die Gymnasien und Hochschulen vermögen daran nicht das geringste zu ändern. Ein Wechsel kann nur eintreten, wenn der Mann seine Ansicht über die Frau und diese ihre Ansicht über sich selbst ändert. Und zwar muß diese Änderung in dem Sinne erfolgen, daß der Frau der Zustand der Jungfräulichkeit als der höchste und idealste, nicht wie es jetzt der Fall ist, als beschämend und bedauernswert gilt. Solange diese Einschätzung nicht zur Tatsache geworden, wird das Ideal eines jeden Mädchens, welche Bildung es auch genossen haben mag, darin bestehen, recht viele Männer – oder vielmehr Männchen – anzulocken, um eine Auswahl von Freiern zu haben.
 
Der Umstand, daß die eine mehr Mathematik kann, die andere sich auf das Harfenspiel versteht, hat nichts zu sagen. Die Frau ist glücklich und kann die Erfüllung jedes Wunsches erreichen, wenn sie es versteht, den Mann zu bezaubern. Darum ist es eben ihre Hauptaufgabe, ihn zu bezaubern. So war es von jeher und so wird es weiter sein. Die jungen Mädchen wie die verheirateten Frauen werden stets nach diesem Ziele streben. Jenen ist es dabei um die Auswahl zu tun, diesen – um die Herrschaft über den Ehemann.
 
Was diesen Zustand, wenigstens für einige Zeit, unterbricht, ist die Niederkunft der Frau, vorausgesetzt, daß sie selbst nährt und kein Krüppel ist. Doch da spielen wieder die Ärzte ihre verhängnisvolle Rolle.
 
Meine Frau, die selbst hatte nähren wollen und auch ihre späteren fünf Kinder selbst genährt hat, wurde beim ersten Kinde krank. Die Ärzte, die sie zynisch entblößten und am ganzen Leibe betasteten, wofür ich mich noch bei ihnen bedanken und mein gutes Geld entrichten mußte, diese lieben Ärzte fanden, daß sie nicht nähren dürfe, und so war sie für die erste Zeit dieses einzigen Mittels beraubt, das sie vor der Koketterie hätte bewahren können. Wir nahmen eine Amme, das heißt wir mißbrauchten die Armut, die Not und Unwissenheit einer Frau aus dem Volke, lockten sie von ihrem Kinde hinweg zu dem unsrigen und setzten ihr dafür einen Kopfputz mit bunten Bändern auf. Doch nicht hierauf kommt es an, sondern vielmehr darauf, daß in dieser Zeit, da meine Frau weder schwanger war noch nährte, das bis dahin in ihr schlummernde Gefühl weiblicher Gefallsucht mit ganz besonderer Stärke erwachte. Und in mir erwachten gleichzeitig mit ganz besonderer Stärke die Qualen der Eifersucht, die mich während meines ganzen Ehelebens gepeinigt haben, wie sie notwendig alle Ehemänner peinigen müssen, die mit ihren Frauen so, wie ich mit der meinigen, das heißt unsittlich gelebt haben.

Zu Teil 2 (XV - XXVIII)  »

Zum Nachwort von Lew Tolstoi  »
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