Levin Westermann: 3511 Zwetajewa - Signaturen

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü

Levin Westermann: 3511 Zwetajewa

Rezensionen
 



Michael Braun


HADESFAHRT  MIT  DICHTERN


„3511 Zwetajewa“: Neue Gedichte von Levin Westermann



Die Expeditionen, die der Dichter Levin Westermann in seinen Texten unternimmt, führen immer in die Unterwelt. Es ist freilich eine Unterwelt, die bevölkert ist von den mythischen Gestalten der antiken Epen und Poesien, ein polyglottes Königreich, in dem man auf Orpheus, die unglückliche Eurydike und viele große Dichter trifft. „Denn wenn man Verse schreibt“, so hat es Joseph Brodsky einmal treffend gesagt, „findet man sein unmittelbares Publikum nicht bei seinen Zeitgenossen, schon gar nicht in der Nachwelt, sondern bei seinen Vorgängern.“



 
 

Mit drei großen Vorgängern sucht der 1980 geborene Westermann in seinem zweiten Gedichtband „3511 Zwetajewa“ das poetische Gespräch: mit Anton Tschechow, der jüdischen Mystikerin Simone Weil und mit Marina Zwetajewa, der tragischen Poetin der Weltverlorenheit. Eröffnet werden die poetischen Korrespondenzen und dialogisch angelegten Traumprotokolle dieses Buches mit einem Auftaktgedicht, „Die Expedition“, das alle jene Hadeswanderungen bereits antizipiert, die dann in den folgenden drei großen Gedichtzyklen durchbuchstabiert werden. Es ist ein Traumstück vom Gang zweier einsamer Fußreisender durch einen Wald, die sich, bewaffnet mit Taschenlampen und Dynamit, zu einem unbekannten Ziel vorwärts tasten und schließlich in einer Höhle mit einem See landen, eine ohne jede Figurenpsychologie erzählte Parabel von der Auflösung aller Raumzeitkoordinaten, in der uns am Ende der Tod begegnet.

 
 

Auch in den drei folgenden Gedichtzyklen verlieren die Figuren immer wieder festen Boden unter den Füßen.

Im ersten und stärksten Teil des Buches, dem Zyklus „Tschechow. Eine Reise in zehn Teilen“, wird eine Kette halluzinatorischer Bilder mit zunehmender Verstörungswirkung geknüpft. Es sind traumartige Sequenzen, gedehnte Kamerafahrten, magische Bilder, wie in den Filmen Andrei Tarkowskis oder den Erzählungen W.G. Sebalds: „und die zeit ist eine box aus schwarzem holz. / keine wellen, keine wolken. auch kein wind. überall / ist wasser, der ozean ist still, unbegreiflich groß (und gänzlich still). das schiff sitzt fest. / niemand ist im krähennest, niemand steht am ruder,/ niemand knotet knoten auf dem deck. die segel hängen/ schlaff, die luft ist schwer.“ In „A plume of smoke“ erfindet Westermann moderne Szenen zu antiken Konstellationen: Hier rast der attische Held Achilles „mit 130 ohne Rücklicht durch die Nacht“ und im Kofferraum liegt die Unglücksprophetin Kassandra. Der große Zyklus „3511 Zwetajewa“ geht in der doku-mentarischen Behandlung seines Stoffs am weitesten. Den Nukleus des Poems bilden suggestive Zitate aus Zwetajewa-Briefen, die eine so starke Strahlkraft besitzen, dass die daran angelagerten Textpartien des Autors kaum zur Geltung kommen. Dennoch: Diese stillen, durch Aussparung und metaphorische Kargheit eindringlichen Gedichte Levin Westermanns sprechen von der existenziellen Ausgesetztheit jedes wahren Dichters. Dazu passt auch das Umschlagbild. Es zeigt die Faszination des mit Sternen erfüllten Weltraums, irgendwo darin das 1982 entdeckte planetenähnliche Objekt „3511 Zwetajewa“, das sich zwischen den Bahnen der Planeten Mars und Jupiter befindet, etwa 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Mitten im Universum der Einsamkeit, dem bevorzugten Terrain des Dichters Levin Westermann.



Levin Westermann: 3511 Zwetajewa. Berlin (Matthes & Seitz) 2017. 91 Seiten. 18,00 Euro.

 
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü