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Leibniz: Unvorgreiffliche Gedancken 2

Diskurs / Poetik > Poeterey





61. Nun glaub ich zwar nicht, dass eine Sprache in der Welt sey, die ander Sprachen Worte jedesmahl mit gleichem Nachdruck und auch mit einem Worte geben könne. Cicero hat denen Griechen vorgeworffen, sie hätten kein Wort, das dem Lateinischen ineptus antworte: Er selbst aber bekennet zum öfftern der Lateiner Armuth. Und ich habe den Frantzosen zu Zeiten gezeiget, dass wir auch keinen Mangel an solchen Worten haben, die ohne Umschweiff von ihnen nicht übersezt werden können. Und können sie nicht einmahl heut zu Tag mit einem Worte sagen, was wir Reiten oder die Lateiner Equitare nennen. Und fehlet es weit, dass ihre Ubersetzungen des Tacitus oder anderer vortrefflicher Lateinischer Schrifften, die bündige Krafft des Vorbildes erreichen solten.
62. Inzwischen ist gleichwohl diejenige Sprache die reichste und bequemste, welche am besten mit wörtlicher Ubersetzung zurechte kommen kan, und dem Original Fuss vor Fuss zu folgen vermag; und
weiln, wie ob erwehnet, bey der Teutschen Sprache kein geringer Abgang hierinn zu spüren, zumahl in gewissen Materien, absonderlich da der Wille und willkührliches Thun der Menschen einläufft, so hätte man Fleiss daran zu strecken, dass man diessfals andern zu weichen nicht mehr nöthig haben möge.
63. Solches könte geschehen durch Auffsuchung guter Wörter, die schon vorhanden aber ietzo fast verlassen, mithin zu rechter Zeit nicht beyfallen, wie auch ferner durch Wiederbringung alter verlegener Worte, so von besonderer Güte; auch durch Einbürgerung (oder Naturalisirung) frembder Benennungen, wo sie solches sonderlich verdienen, und letztens (wo kein ander Mittel) durch wolbedächtliche Erfindung oder Zusammensetzung neuer Worte, so vermittelst des Urtheils und Ansehens wackerer Leute in Schwang gebracht werden müsten.
64. Es sind nemlich viel gute Worte in den Teutschen Schrifften so wohl der Frucht-bringenden als anderer, die mit Nutzen zu gebrauchen, aber darauff man im Noth-Fall sich nicht besinnet. Ich erinnere mich ehmahlen bei einigen gemercket zu haben, dass sie das Frantzösische Tendre, wann es vom Gemüth verstanden wird, durch innig oder hertzinnig bey gewissen Gelegenheiten nicht übel gegeben. Die alten Teutschen haben Innigkeit vor Andacht gebrauchet. Nun will ich zwar nicht sagen, dass dieses Teutsche Wort bey allen Gelegenheiten für das Frantzösische treten könne; nichts desto minder ist es doch werth, angemerckt zu werden, damit es sich bey guter Gelegenheit angäbe.
65. Solches zu erreichen wäre gewissen gelehrten Leuten auffzutragen, dass sie eine Besichtigung, Munsterung und Ausschuss anstellen, und dissfalls in guten Teutschen schrifften sich ersehen möchten, als sonderlich in des Opitzens Wercken, welche nicht nur in Versen herauskommen, sondern auch in freyer Rede, dergleichen seine Hercynia, seine Ubersetzung der Argenis und Arcadia. Es wäre auch hauptsächlich zu gebrauchen, eines durchlauchtigsten Autoren Aramena und Octavia, die Ubersetzungen des Herrn von Stubenberg und mehr dergleichen, wie dann auch Zesens Ibrahim Bassa, Sophonisbe, und andere seine Schrifften mit Nutzen dazu gezogen werden könten, obschon dieser Sinn-reiche Mann etwas zu weit gangen. Man kan auch in weit schlechtern Büchern viel dienliches finden; also zwar von den Besten anfangen, hernach aber auch andere von geringern Schlag zu Hülffe nehmen könte.
66. Ferner wäre auf die Wiederbringung vergessner und verlegener, aber an sich selbst guter Worte und Redens-Arten zu gedencken, zu welchem Ende die Schrifften des vorigen Seculi, die Wercke Lutheri und anderer Theologen, die alten Reichs-Handlungen, die Landes-Ordnungen und Willkühre der Städte, die alten Notariat-Bücher, und allerhand geistliche und weltliche Schrifften, so gar des Reinecke Voss, des Froschmäuselers, des Teutschen Rabelais, des übersetzten Amadis, des Oesterreichischen Theuerdancks, des Bäyerschen Aventins, des Schweizerischen Stumpfs und Paracelsi, des Nürnbergischen Hans Sachsen und ander Landes-Leute nützlich zu gebrauchen.
67. Und erinnere ich mich bey Gelegenheit der Schweitzer, ehmals eine gute alte Teutsche Redens-Art dieses Volcks, bemercket zu haben, die unsern besten Sprachs-Verbesserern nicht leicht beyfallen solte. Ich frage zum Exempel, wie man Foedus defensivum & offensivum kurtz und gut in Teutsch geben solle; zweiffle nicht, dass unsere heutige wackere Verfasser, guter Teutscher Wercke keinen Mangel an richtiger und netter Ubersetzung dieser zum Völcker-Recht gehörigen Worte spühren lassen würden; ich zweiffle aber, ob einige der neuen Ubersetzungen angenehmer und nachdrücklicher fallen werde als die Schweitzerische: Schutz- und Trotz-Verbündniss.
68. Was die Einbürgerung betrifft, ist solche bey guter Gelegenheit nicht auszuschlagen, und den Sprachen so nützlich als den Völckern. Rom ist durch Auffnehmung der Fremden gross und mächtig worden, Holland ist durch Zulauff der Leute, wie durch den Zufluss seiner Ströhme auffgeschwollen; die Englische Sprache hat alles angenommen, und wann jedermann das Seinige abfodern wolte, würde
es den Engländern gehen, wie der Esopischen Krähe, da andere Vögel ihre Federn wieder gehohlet. Wir Teutschen haben es weniger vonnöthen als andere, müssen uns aber dieses nützlichen Rechts nicht gäntzlich begeben.
69. Es sind aber in der Einbürgerung gewisse Stuffen zu beobachten, dann gleichwie diejenigen Menschen leichter auffzunehmen, deren Glauben und Sitten den unsern näher kommen, also hätte man ehe in Zulassung derjenigen fremden Worte zu gehelen, so aus den Sprachen Teutschen Ursprungs, und sonderlich aus den Holländischen übernommen werden könten, als deren so aus der Lateinischen Sprache und ihren Töchtern hergehohlet.
70. Und ob zwar das Englische und Nordische etwas mehr von uns entfernet, als das Holländische, und mehr zur Untersuchung des Ursprungs, als zur Anreicherung der Sprache dienen möchte, so wäre doch gleichwol sich auch deren zu diesem Zweck in ein und andern nützlich zu bedienen, ohnverboten.
71. Was aber das Holländische betrifft, würden unsere Teutschen zumal guten Fug und Macht haben, durch gewisse Abgeordnete das Recht der Mutterstadt von dieser Teutschen Pflantze (oder Colonie) einzusammlen, und zu dem Ende durch kundige Leute die Holländische Sprache und Schrifften untersuchen, und gleichsam wardiren zu lassen, damit man sehe, was davon zu fodern und was bequem dem Hochteutschen einverleibet zu werden. Dergleichen auch von den Platt-Teutschen und andern Mund-Arten zu verstehen. Wie dann zum Exempel, der Platt-Teutsche Schlump, da man sagt, es ist nur ein Schlumpo der was die Frantzosen Nazard nennen, offt nicht übel anzubringen.
72. Es ist sonst bekant, dass die Holländer ihre Sprache sehr ausgebutzet, dass Opitz sich den Heinss, Catz und Groot, und andere vortreffliche Holländer wol zu Nutz gemacht, dass Vondel und andere es noch höher gebracht und dass anietzo viel unter ihnen mit grosser Sorgfalt sich der Reinigkeit befleissen, und doch ihre Meynung ziemlich auszudrücken wissen, also uns mit ihren Schrifften wol an Hand gehen werden.
73. Die Lateinische, Frantzösische, Italiänische und Spanische Worte belangend (dann vor den Griechischen haben wir uns nicht zu fürchten) so gehöret die Frage, ob und wie weit deren Einbürgerung thunlich und rathsam, zu dem Punct von Reinigkeit der Sprache, dann darin suchet man eben zum Theil die Reinigkeit des Teutschen, dass es von dem überflüssigen fremden Mischmasch gesäubert werde.
74. Erdenckung neuer Worte oder eines neuen Gebrauchs alter Worte, wäre das letzte Mittel zu Bereicherung der Sprache. Es bestehen nun die neuen Worte gemeiniglich in einer Gleichheit mit den alten, welche man Analogie, das ist Ebenmass nennet, und so wol in der Zusammensetzung als Abführung (Compositione & Derivatione) in Obacht zu nehmen hat.
75. Jemehr nun die Gleichheit beobachtet wird, und je weniger man sich von dem so bereits in Ubung, entfernet; je mehr auch der Wolklang, und eine gewisse Leichtigkeit der Aussprache dabey statt findet, jemehr ist das Schmieden neuer Wörter nicht nur zu entschuldigen, sondern auch zu loben.
76. Weil aber viel gute und wolgemachte Worte auf die Erde fallen und verlohren gehen, indem sie niemand bemercket oder beybehält, also dass es bissher auf das blinde Glück dissfalls ankommen, so würde man auch darinn Nutzen schaffen, wenn durch grundgelehrter Kenner Urtheil, Ansehen und Beyspiel dergleichen wol erwogen, nach Gutbefinden erhalten und in Ubung bracht würde.
77. Ehe ich den Punct des Reichthums der Sprache beschliesse, so will erwehnen, dass die Worte oder die Benennung aller Dinge und Verrichtungen auf zweyerley Weise in ein Register zu bringen: nach dem Alphabet und nach der Natur. Die erste Weise ist der Lexicorum oder Deutungs-Bücher, und am meisten gebräuchlich. Die andere Weise ist der Nomenclatoren oder Nahm-Bücher, und geht nach den Sorten der Dinge. Ist von Stephano Doleto, Hadriano Junio, Nicodemo Frischlino, Johanne Jonstono, und andern nicht übel getrieben worden: Und zeiget sonderlich der Sprache Reichthum und Armuth, oder die sogenannte Copiam Verborum; daher auch ein Italiäner (Alunno) sein dergestalt eingerichtetes Buch, Ricchezza della Lingua volgare benennet. Die Deutungs-Bücher dienen eigentlich, wenn man wissen will, was ein vorgegebenes Wort bedeute; und die Nahm-Bücher, wie eine vorgegebene Sache zu nennen. Jene gehen von dem Worte zur Sache, diese von der Sache zum Wort.
78. Und solte ich dafür halten, es würde zwar das Glossarium Etymologicum, oder der Sprach-Qvell nach den Buchstaben zu ordnen seyn, es könte aber auch solches auf zweyerley Weise geschehen: nach der ietzigen Aussprache, und nach dem Ursprung, wenn man nemlich nach seinen Grund-Wurtzeln gehen, und ieder Wurtzel, oder iedem Stamm seine Sprossen anfügen wolte; welches auf gewisse masse sehr dienlich, auch eine Ordnung mit der andern zu vereinigen nützlich wäre. Der Sprach-Schatz aber, darin alle Kunst-Worte begriffen, wäre besser und nützlicher nach den Arten der Dinge, als nach den Buchstaben der Worte abzufassen, weilen alda die verwandten Dinge einander erklären helffen, obschon letztens ein Alphabetisches Register beyzufügen. Aber die Wort und Reden des durchgehenden Gebrauchs könten nützlich auf beyde Weise vermittelst eines Deutungs-Buchs (Lexici) nach dem Alphabet, und vermittelst eines Nahm-Buchs nach den Sorten der Dinge dargestellet werden; beydes könte den Nahmen eines Dictionarii oder Wörter-Buchs verdienen, und beydes würde seinen besondern, die letzte Art aber meines Erachtens den grösten Nutzen haben.
79. Es sind auch gewisse Neben-Dictionaria so zu sagen, so die Lateiner und Griechen brauchen und bey den Teutschen dermahleins nicht allerdings ausser Augen zu setzen, als Particularum, Epithetorum, Phrasium &c. der Prosodien und Reim-Register zu geschweigen; welches alles aber, wann das Haupt-Werck gehoben, sich mit der Zeit von selbsten finden wird. Biss hieher vom Reichthum der Sprache.
80. Die Reinigkeit der Sprache, Rede und Schrifft bestehet darin, dass so wol die Worte und Red-Arten gut Teutsch lauten, als dass die Grammatic oder Sprach-Kunst gebührend beobachtet, mithin auch der Teutsche Priscianus verschonet werde.
81. Was die Wort und Weisen zu reden betrifft, so muss man sich hüten vor Unanständigen, Ohnvernehmlichen und Fremden oder Unteutschen.
82. Unanständige Worte sind die niederträchtige, offt etwas Gröbliches andeutende Worte, die der Pöbel braucht, plebeja & rustica verba, wo sie nicht eine sonderliche Artigkeit haben und gar wol zu passe kommen, oder zum schertz mit guter Manier anbracht werden. Es giebt auch gewisse niedrige Worte, so man im Schreiben so wol, als ernsthafften förmlichen Reden gern vermeidet, dergleichen zu
bezeichnen wären, damit man dessfalls sich besser in acht nehmen könte. Daher das Wort so aus dem Griechischen κόρη komt, billig ausgesetzet werden solte. Es sind auch einige von unangenehmen Klange, oder lauten lächerlich, oder geben sonst einen Ubelstand und widrige Deutung, dafür man sich billig hütet.
83. Es sind auch unvernehmliche Worte und unter andern die veraltet, verba casca, osca, obsoleta, dergleichen zwar etliche noch Lutherus in seiner Bibel behalten, so aber nach ihme vollends verblichen, als Schächer, das ist Mörder, Raunen so mit den Runen der Nordischen Völcker verwandt, Kogel, das ist eine gewisse Bedeckung des Haupts.
84. Dahin gehören die unzeitig angebrachte Verba Provincialia, oder Land-Worte gewisser Provintzen Teutschlandes, als das Schmecken an statt Riechen, wie es bey einigen Teutschen gebraucht wird, von
denen man desswegen sagt, sie haben nur vier Sinne; item der Kretschmar in Schlesien, der so viel als Krug in Niedersachsen; von welcher Art auch die Meissner selbst nicht wenig haben, und sich deren zumal im Schreiben enthalten müssen, als wann sie sagen, der Zeiger schlägt, oder wann sie den Rock einen Peltz nennen, welches ihm nicht zukommt, als wann er gefüttert; und was dergleichen mehr.
85. Was aber die fremde oder unteutsche Worte anbetrifft, so entstehet darinn der gröste Zweiffel, ob nemlichen und wie weit sie zu dulden, nachdem sie vielen annoch unverständlich. Nun will ich solches der künfftigen Teutsch-Gesinneten Verfassung zu entscheiden zwar überlassen, doch anietzo ein und anders, obschon vorgängig, doch unvorgreifflich zu erwegen geben.
86. Und solte ich demnach zuforderst dafür halten, dass man des Fremden ehe zu wenig als zu viel haben solle, es wäre dann, dass man mit Fleiss etwas machen wolte auf den Schlag des Liedes:

Da die Engel singen Nova Cantica,
Und die Schellen klingen in regis Curia.


87. Hernach vermeyne, dass ein Unterscheid zu machen unter den Arten der Zuhörer oder Leser: dann was für männiglich geredet oder geschrieben wird, als zum Exempel, was man prediget, soll billig von
jedermann verstanden werden; was aber für Gelehrte, für den Richter, für Staats-Leute geschrieben, da kan man sich mehr Freyheit nehmen.
88. Es kan zwar auch zu Zeiten ein Lateinisches oder aus dem Lateinischen gezogenes Wort, dabey ein sonderlicher Nachdruck, von einem Prediger gebrauchet werden; ein Lateinisches sage ich, dann das Frantzösische schicket sich meines Ermessens gar nicht auf unsere Cantzel, es ist aber alsdann rathsam, dass die Erklärung alsbald dabey sey, damit beyder Art Zuhörer ein Genügen geschehe.
89. Sonst ist von alten Zeiten her bräuchlich gewesen, in Rechtshandlungen, Libellen und Producten, Lateinische Worte zu brauchen, es thun es auch die Fremden so wohl als die Teutschen, obschon einige Gerichte, Facultäten und Schöppenstühle, zumahl in Abfassung der Urtheile und Sprüche von geraumer Zeit her, die nicht unlöbliche Gewohnheit angenommen, viel in Teutsch zu geben so anderswo nicht anders als Lateinisch genennet worden: als Krieg rechtens befestigen, litem contestari; Gerichts-Zwang, Instantia; End-Urtheil, Definitiva und dergleichen viel.
90. In Staats-Schrifften, so die Angelegenheiten und Rechte hoher Häupter und Potentzen betreffen, ist es nun dahin gediehen, dass man nicht nur des Lateinischen, sondern auch des Frantzösischen und Welschen sich schwerlich allerdings entbrechen kan, dabey doch eine ungezwungene und ungesuchte Mässigung wohl anständig seyn dürffte; wenigstens solte man sich befleissen, das Frantzösische nicht an des Teutschen Stelle zu setzen, wann das Teutsche eben so gut, wo nicht besser; welches ich gleichwohl gar offt bemercket habe.
91. So könte man sich auch zum öfftern dieser Vermittelung mit Nutzen bedienen, dass man das Teutsche Wort mit dem fremden versetzte, und eines zu des andern Erklärung brauchte, da denn auch eines des andern Abgang so wol als Verständligkeit, als an Nachdruck, ersetzen könte.
92. Und dieser Vortheil würde auch sonderlich dienen, gute und wohlgemachte, aber noch nicht so gar gemeine noch durchgehends angenommene Teutsche Worte in Schwang zu bringen, wann sie Anfangs
mit den Fremden, oder mit Einheimischen zwar mehr gebräuchlichen, aber nicht zulänglichen zusammen gefügt, oder auch sonst mit einer Erklärung begleitet würden, biss man deren endlich mit der Zeit gewohnet worden; da solche Vorsorge nicht weiter nöthig.
93. Uber dergleichen guten Anstalten zu Beybehaltung der Teutschen Sprache Reinigkeit, so viel es immer thunlich, hätten die vornehmen Scribenten durch ihr Exempel die Hand zu halten, und damit dem einbrechenden Sturm der fremden Worte sich nicht zwar gäntzlich, so vergebens, doch gleichsam lavirend zu widersetzen, biss solcher Sturm vorüber und überwunden.
94. So solte ich auch dafür halten, dass in gewissen Schrifften, so nicht wegen Geschäffte und zur Nothdurfft, auch nicht zur Lehre der Künste und Wissenschafften, sondern zur Zierde heraus kommen, ein mehrer Ernst zu brauchen und wenige fremde Worte einzulassen seyn.
95. Dann gleichwie in einem sonst schönen Teutschen Gedichte, ein Frantzösisches Wort gemeiniglich ein Schandfleck seyn würde, also solte ich gäntzlich dafür halten, dass in den Schreib-Arten, so der Poësie am nächsten, als Romanen, Lobschrifften und öffentlichen Reden, auch gewisser Art Historien, und auch bey Ubersetzungen aller solcher Wercke aus fremden Sprachen, und summa, wo man nicht weniger auff Annehmlichkeit als Nothdurfft und Nutzbarkeit siehet, man sich der ausländischen Worte, so viel immer möglich, enthalten solle.
96. Damit aber solches besser zu Werck zu richten, müste man gewisse, noch gleichsam zwischen Teutsch und Fremd hin und her fladdernde Worte einmal vor alle mal Teutsch erklären, und künfftig nicht mehr zum Unterscheid mit andern Buchstaben, sondern eben wie die Teutschen schreiben, also damit den Gewissens-Scrupel der wolgemeynten ehrlichen Teutschen und Eiferer vor das Vaterland, und noch überbliebenen Herren Fruchtbringenden, verhoffentlich mit ihrem guten Willen, gäntzlich aufheben.
97. Es hat ja der treffliche Opitz so bey uns, wie Virgilius bey den Römern, der erste und letzte seines Schrots und Korns gewesen, kein Bedencken gehabt, dergleichen zu thun, als zum Exempel, wann
er zum Heinsio saget:

Dass deine Poësie der meinen Mutter sey.


Damit hat er, meines Erachtens, diss Wort Poesie aus habender seiner Macht einmal vor alle mal vor Teutsch erkläret, so gut und unwiederrufflich, als ob ein Act of parliament über eine Englische Naturalisirung ergangen.
98. Und sehe ich nicht, warum man den auswärtigen Potentzen so wohl als Potentaten, der Galanterie so wohl als schönster Gala und hundert andern, nicht ebenmässig dergleichen Recht der Teutschen Bürgerschafft wiederfahren lassen könne, mit etwas besserer Art, als etliche neuliche Gelehrte Souverainitatem zum Lateinischen Wort machen wollen, um den Suprematum zu meiden, den ein ander gebrauchet.
99. Es haben unsere Vorfahren kein Bedencken gehabt, solch Bürgerrecht zu geben. Wer siehet nicht, dass Fenster vom Lateinischen Fenestra? und wer Frantzösisch verstehet, kan nicht zweiffeln, dass ebentheuer, so bey uns schon sehr alt, von Avanture herkomme, dergleichen Exempel sehr viel anzutreffen, so dieses Vorhaben rechtfertigen können.
100. Was ich von Auffhebung des Unterscheids der Schrifft gedacht, dass in Schreiben oder Drucken dergleichen Wort von den Teutschgebohrnen nicht mehr zu unterscheiden, dessen Beobachtung, ob sie
schon gering scheinet, würde doch nicht ohne Nachdruck und Würckung seyn. Es haben auch sonsten viele dafür gehalten, man solte zu einem guten Theil Teutscher Bücher beym Druck keine andere als Lateinische Buchstaben brauchen, und den unnöthigen Unterscheid abschaffen, gleich wie die Frantzosen auch ihre alte Buchstaben, so sie Lettres de finance nennen, und die in gewissen Fällen noch gebräuchlich, im gemeinen Gebrauch, und sonderlich im Druck fast nunmehr aufgehoben.
101. Ich will zwar solches an meinem Orte dahin gestellet seyn lassen, habe doch gleichwohl befunden, daß den Holl- und Nieder-Ländern die Hoch-Teutsche Schrifft bey unsern Büchern beschwerlich fürkommt, und solche Bücher weniger lesen macht, daher sie auch selbst guten theils das Holländische mit Lateinischen Schrifften drucken lassen, diese Behinderung zu verhüten. Und erinnere ich mich, dass, als ich etwas vor Nieder-Länder einsmahls Teutsch schreiben lassen sollen, man mich sonderlich gebeten, Lateinische Buchstaben brauchen zu lassen.
102. Der ander Theil der Sprach-Reinigkeit besteht in der Sprach-Richtigkeit nach den Reguln der Sprach-Kunst; Von welchen auch nur ein Weniges allhie gedencken will; Denn ob wohl darin ziemlicher Mangel befunden wird, so ist doch nicht ohnschwer solchen mit der Zeit zu ersetzen, und sonderlich vermittelst guter Uberlegung zusammengesetzter tüchtiger Personen ein und andern Zweiffels-Knoten auffzulösen.
103. Es ist bekandt, dass schon Kayser Carl der Grosse an einer Teutschen Grammatic arbeiten lassen, und nichts desto minder haben wir vielleicht keine biss dato, die zulänglich; und ob zwar einige Frantzosen sich darüber gemacht, weilen viele ihrer Nation sich von weniger Zeit her auffs Teutsche zu legen begonnen, so kan man doch leicht erachten, dass diese Leute dem Werck nicht gewachsen gewesen.
104. Man weiss, dass in der Frantzösischen Sprache selbst noch unlängst viele Zweiffel vorgefallen, wie solches die Anmerckungen des Vaugelas und des Menage, auch die Zweiffel des Bouhours zeigen, anderer zu geschweigen; ohngeachtet die Frantzösische Sprache aus der Lateinischen entsprossen, (welche bereits so wohl mit Regeln eingefasset) und sonsten von mehrer Zeit her als die Unsere von gelehrten Leuten bearbeitet worden, auch nur einen Hoff als den Mittel-Punct hat, nach dem sich alles richtet; welches uns mit Wien auch um des willen noch nicht wohl angehen wollen, weil Oesterreich am Ende Teutschlandes, und also die Wienerische Mund-Art nicht wol zum Grunde gesetzet werden kan; da sonst, wann ein Kayser mitten im Reiche seinen Sitz hätte, die Regel der Sprache besser daher genommen werden könte.
105. So geht auch den Italiänern noch biss dato ein und anders hierinn ab, ohngeachtet alles Fleisses, den die Crusca angewendet, gegen welche der scharffsinnige Tassoni und andere geschrieben, und ihr Urtheil nicht allemahl ohne Schein in Zweiffel gezogen. Und also, obschon die Italiänische Sprache unter allen Europäischen, die erste gewesen, so zu dem Stande kommen, darin sie sich ietzo im Hauptwerck noch befindet; immassen Petrarca und Dante noch ietzo gut seyn, welches von keinem Teutschen, Frantzösischen, Spanischen oder Englischen Buch selbiger Zeit gesaget werden kan. So sind doch annoch viele Grammatische Knoten und Scrupel auch bey ihr übrig blieben.
106. Ob nun schon wir Teutsche uns also desto weniger zu verwundern oder auch zu schämen haben, dass unsere Grammatic noch nicht in vollkommenem Stande, so düncket mich doch gleichwohl, sie sey noch allzuviel davon entfernet, und habe daher einer grossen Verbesserung nöthig, sey also auch dermahleins von Teutschgesinneten Gelehrten solche mit Nachdruck vorzunehmen.
107. Und zwar nicht allein um uns selbst aus einigen Zweiffeln zu helffen, weilen endlich solche nicht so gar wichtig seyn, sondern auch so wohl unsere Leute zu unterrichten, zumahl die kein Lateinisch studiret haben, welche gar offt schlecht Teutsch schreiben, als auch den Frembden die Teutsche Sprache leichter und begreifflicher zu machen; welches zu unserm Ruhm gereichen, andern zu den Teutschen Büchern Lust bringen, und den von etlichen gefassten Wahn benehmen würde, als ob unsere Sprache der Regeln unfähig, und aus dem Gebrauch fast allein erlernet werden müste.
108. Sonst sind wohl einige Zweiffel bey uns vorhanden, darüber gantze Länder von einander unterschieden und Canzeleyen selbst gegen Canzeleyen streiten, als zum Exempel, was für Geschlechts das Wort Urtheil sey. Im Reiche beym Reichs-Hoff-Rath, beym Reichs-Kammer-Gerichte und sonst ist Urtheil weiblichen Geschlechts und saget man die Urtheil; Hingegen in denen Ober-Sächsischen Gerichten spricht man das Urtheil.
109. Die Urtheil hat nicht allein die höchsten Gerichte, sondern auch die gröste Zahl vor sich. Das Urtheil aber berufft sich auff den Sprach-Grund oder Analogie. Dann weil Theil nicht weiblichen Geschlechtes und ehe gesaget wird das Theil als die Theil (in singulari), so solte man meynen, es müste auch ehe das Urtheil, als die Urtheil heissen. Doch der Gebrauch ist der Meister:


Non nostrum inter vos tantas componere lites.


Ich überlasse es künfftiger Anstalt mit vielen andern dergleichen Fragen, welche endlich ohne Gefahr etwas warten und auff die lange Banck geschoben werden können.
110. Nun wäre noch übrig vom Glantz und Zierde der Teutschen Sprache zu reden, will mich aber damit anietzo nicht auffhalten, dann wann es weder an bequemen Worten noch tüchtigen Redens-Arten fehlet, kommt es auff den Geist und Verstand des Verfassers an, um die Worte wohl zu wehlen und füglich zu setzen.
111. Und weil dazu viel helffen die Exempel derer, so bereits wohl angeschrieben und durch einen glücklichen Trieb der Natur den andern das Eiss gebrochen, so würde nicht allein nöthig seyn ihre Schrifften hervor zu ziehen, und zur Nachfolge vorzustellen, sondern auch zu vermehren, die Bücher der alten und auch wohl einiger neuen Haupt-Autoren in gutes Teutsch zu bringen, und allerhand schöne und nützliche Materien wohl auszuarbeiten.
112. Bey welcher Gelegenheit ich erinnern sollen, dass einige sinnreiche Teutsche Scribenten, und unter ihnen der sonst Lob-würdige Herr Weise selbst, gleichwohl diesen mercklichen Fehler noch nicht abgeschaffet, (den auch etliche Italiäner behalten) dass sie etwas schmutzig zu reden kein Bedencken tragen; in welchem Punct ich hingegen die Frantzosen höchlich loben muss, dass sie in öffentlichen Schrifften nicht nur solche Wort und Reden, sondern auch solchen Verstand vermeiden, und daher auch in den Lust- und Possen-Spielen selbst nicht leicht etwas zweydeutiges leiden, so man anders als sich gebühret, gemeynet zu seyn vermercken könne. Welchem löblichem Exempel billich mehr als bissher geschehen, zu folgen, und zumahl hessliche Worte ohne sonderbahre Nothdurfft nicht zu dulden. Es ist freylich in der Sitten-Lehre mit Sauberkeit der Worte nichts ausgerichtet, es ist doch aber auch solche kein geringes.
113. Die Teutsche Poesie gehöret hauptsächlich zum Glantz der Sprache; ich will mich aber anietzo damit nicht auffhalten, sondern nur annoch erinnern, was Gestalt meines Bedünckens einige vornehme
Poeten zu Zeiten etwas hart schreiben, und von des Opitzens angenehmer Leichtflüssigkeit allzuviel abweichen, dem auch vorzubauen wäre, damit die Teutschen Verse nicht fallen, sondern steigen mögen.
114. Endlich die rechten Anstalten sind billig zu künfftiger Zusammensetzung vortrefflicher Leute auszusetzen, doch hoffet man, es werde diese kleine Vorstellung, so in der Eil binnen ein paar Tagen entworffen worden, nicht übel auffgenommen werden, welche als ein kleiner Schatten-Riss dienen kan, gelehrter und wohl Teutschgesinneter Personen Bedencken einzuholen, und vermittelst einiger Hohen Anregung dermahleins dem Werck selbst näher zu kommen.


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