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Kurt Aebli: Tropfen

Rezensionen


Hendrik Jackson


mit Nichts, ohne Ton – Kurt Aeblis Gedichtband »Tropfen«


mancherorts (zumindest im Berliner Raum) wurde früher lapidar schon mal die Wendung „ist mit ohne“ gebraucht, wenn man jemandem hemdsärmelig einen Wunsch abschlagen wollte. die tiefere mögliche Bedeutung dieser Satzkonstruktion blieb dabei wohl unbedacht. sehr viel umgänglicher und lieber könnte man diesen Satz neu denken und auf den Gedichtband »Tropfen« von Kurt Aebli anwenden, denn auch die Gedichte Aeblis werden manche Erwartungen des Lesers ins Leere laufen lassen.

seine kleinen Gedichttropfen, in sich gerundet, mit ein wenig Erdschwere gebaucht, zuweilen nur gehaucht, schaffen einen Kosmos des in sich Gewölbten, des Selbstbezugs, der ohne eine Menge auskommt: ohne politische statements, ohne aufdringlich aktuellen Bezug, ohne avantgardistische Experimente, ohne die weltweite Vernetzung der Bezüge, ohne Hektik und ohne den untergründigen oder impliziten Bedeutungsschichten der Dinge nachzugehen. aber dieses ohne zielt auf ein mit, ein mehr, kurzum: es versucht, die Dinge wieder „phänomenal“ zu sehen, als seien sie erst einmal nur für sich oder den Beobachter da, unberührt fast, unvernetzt. also eher ein noch nicht als ein nicht.

»Zu Fuß der Stadt dich nähernd:
wie aus einem anderen
Jahrhundert oder als
Wolfskind,
aufgetaucht aus dem
Unterholz«

dabei geht es nicht nur um „Nuancen“, sondern, da die Begegnung mit der Welt hier ja im Modus der lyrischen Sprache geschieht, auch um die eigentümliche Verwandlung durch Sprache – einer Sprache, die auf Naivität oder Unbescholtenheit zumindest zielt:

»In der Linken ein kleines Heft,
Pappumschlag, blau,

in der Rechten ein Stift,
mit dem er schreibt:

Du hast nichts in der Hand,

deine Hand ist leer.«

die Gefahr eines solchen schreibenden „Pazifismus“ ist damit gleich benannt: er droht, zu implodieren in Gefälligkeitsleere, allzu drollig daher zu rollen. doch gerade das weiß der Autor klug umzumünzen. wenn zwar »Jeder Tag (...) ein Gefäß für das Grundlose« ist, so doch damit auch zugleich für eine Fülle (des Grundlosen und vielleicht auch Bedeutungslosen?), die das Wort, die Sprache nicht ganz zu erfassen vermag. und doch genau davon soll sie reden:

»Nur das Wort, das davon spricht,
hat seine Sprache
gefunden«

es ist ein wenig wie bei zen-buddhistischen Texten, deren Worte nicht an die Erleuchtung heranreichen, aber ohne die es auch keine Möglichkeit gäbe, überhaupt den Meister zu verstehen, Tradition weiter zu geben, von Erleuchtung zu sprechen. so finden gerade auch Aeblis Texte, trotz ihrer „Grundlosigkeit“, also ihres Ungrunds in der absichtlichen Beschneidung, Momente von starker Sinnlichkeit und Bedeutungswahrheit, die eine neue Wahrnehmung des Konkreten zu ermöglichen scheint.

dieses Konkrete ist an manchen Stellen das Offensichtliche, an anderen das Banale, dann wieder das einfältig oder originell Metaphorische, an den besten zugleich ein blendendes Nichts und bedrohlich hinfällig, ein „Grundloses“ eben. aus seinem „Schlupfwinkel“ heraus arbeitet sich der Autor seiner Durchstreichung entgegen. je weniger ich wird, desto mehr wird Welt oder Nichts, sei die Hoffnung und Angst dieser Gedichte. interessanterweise spürt man sich selbst jedoch bei solchen Versen viel stärker. immer wieder ist die Rede von den „leeren Händen“ mit denen das lyrische Ich dastehen wird und die doch zugleich bereit sind, Welt fassen zu können, anzukommen im Wort und im Augenblick, die eines zu werden scheinen.

»In die Worte gekleidet,
die mir fehlen,
geht dort die Frau
mit ihrem
Hund.«

diese schlichten Tropfen erweisen sich, ohne je ihre Schlichtheit – und damit manchmal auch die Gefahr der Banalität oder des Oberflächlichen – abzustreifen, immer mehr als Meditation von Welt und Wort, die „es in sich hat“. aber was? in sich Nichts? Alles? Gegenwart? ein Etwas, das nichtig erscheint, aber ein Nichts, ein kleinstes Etwas, das die Welt bildet?

im Grunde ist das »Innere der Höhle« nicht nur, wie der Autor schreibt, »matt beleuchtet«, es ist verborgen: das ist das Starke und Schöne an diesen Gedichten. sie sind eigentlich nicht der ganze Tropfen, sondern nur die irisierende Wasserhaut, die das Wesentliche verbergen, aber überhaupt erst sichtbar verborgen machen.

dort, wo sie versuchen, den Tropfen auszufüllen, mehr „etwas“ zu sein, reicht manchmal eine kleine Stimmungsänderung und die Gedichte wirken allzu bekannt, ja wie schon hier und dort besser gelesen. immer aber, wenn sie den Punkt erreichen, wo sie sich auf seltsame Weise verschließen, eben nicht das gefällig Offene, Poetische annoncieren, werden sie stark, eher schwach dort, wo sie ihr „Nichts“ mit „Schweigen“ benennend umkreisen. dennoch: kein Gedicht ist unkonzentriert, alle Texte zeichnet, was man bei anderen Dichtern oft vermisst, eine Aufmerksamkeit des Zusammenhalts vom ersten bis zum letzten Wort.

»Vom Himmel, Gigant
um Gigant
steif und aufgebläht,
fauchend, heulend, jedes
nah seiner Fasson,
donnern Flugzeuge,
während im Wald
einer geht,
unten,
ohne Ruhe, ohne
Ton.«

da ist es wieder, am Ende, dies „ohne“, das uns in ein tieferes „ohne“ führt, vielleicht den Kern einer Ohnmacht.

wer in dies „Ohne“ hineinschauen wollte, müsste Gott sein oder das Auge der Zeit.



Kurt Aebli: Tropfen. Gedichte. Wien (Edition Korrespondenzen) 2014. 120 S., 18,00 Euro.


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