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Kristian Kühn: Ein poetischer Abend mit Joan Maragall und Àxel Sanjosé

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Kristian Kühn
Ein poetischer Abend mit Joan Maragall und Àxel Sanjosé


Am 23. Juli 2019 überreichte im Saal des Literaturhauses München der bayerische Kunstminister Bernd Sibler die Urkunde für ein Arbeitsstipendium des Freistaats Bayern, dotiert mit 6.000 Euro für ein literarisches Übersetzungsprojekt. Ausgezeichnet wurde – in Kooperation mit dem Münchner Übersetzerforum – der deutsch-katalanische Lyriker und Übersetzer Àxel Sanjosé, um ausgewählte Gedichte Joan Maragalls ins Deutsche zu übertragen, die 2020 als „Blue Book“ in der Edition Lyrik Kabinett erscheinen sollen.
    Es war ein rundum angeregter und anregender poetischer Abend, mit engagierten Vorreden und einem ausführlichen Werkstattgespräch zwischen Pia Elisabeth Leuschner vom Lyrik Kabinett und dem Geehrten, der dem anwesenden Publikum Katalonien und die immer wieder unterdrückte katalanische Kultur nahezubringen versuchte, was ihm auf sympathische Weise auch gelang.

Joan Maragall (1850 – 1911) gilt als Klassiker der katalanischen Moderne, von dem man als Hauptvertreter in Deutschland bis dato allerdings nur in Insiderkreisen etwas wusste. Maragall wurde in Barcelona als Sohn eines wohlhabenden Textilfabrikanten geboren und starb auch dort, wurde Jurist und Dichter, ohne sich groß um die väterlichen Geschäfte zu kümmern. Trotz seiner bürgerlich-konservativen und eher unpolitischen Haltung mahnte er immer wieder größere soziale Verantwortung an und kritisierte auch die erstarrte Kirche, ja er propagierte sogar eine iberische Föderation, mit Spanien, Katalonien und Portugal als gleichwertige Partner.
    Es war die Zeit der Generation von 98, einer literarischen Bewegung, die namentlich auf die Kriegserklärung Spaniens und die darauffolgende Niederlage 1898 im Krieg gegen Amerika anspielte, in dem u.a. Kuba, Puerto Rico, die Philippinen als letzte größere Kolonien Spaniens verloren gingen und eine angespannte soziale und politische Situation in den Heimatgebieten hinterließ. Die meisten Dichter dieser Bewegung entwickelten ein Interesse an Philosophie, vor allem an Schopenhauer und Nietzsche sowie an einer Analyse der Gründe für den Niedergang der iberischen Halbinsel.
  Wie die anderen katalanischen Dichter wurde auch Maragall durch die Jocs Florals (katalanisch: Blumenspiele) bekannter, eigentlich ein mittelalterliches Troubadour-Festival, dann jahrhunderte-lang unterdrückt, Mitte des 19. Jh. in Katalonien aber erneuert. Mit drei Preisen sollte nun jährlich die durch die kastilische Vorherrschaft zurückgedrängte katalanische Kultur wiederbelebt und gefestigt werden.
    Die drei Preise waren die Englantina (der großblütige Jasmin) für die beste patriotische Dichtung. Die Viola (Das Veilchen) für die beste religiöse Dichtung. Die Flor natural (Die natürliche Blume, meist eine rote Rose) für die beste Liebesdichtung. Konnte ein Dichter drei Jahre hintereinander einen dieser drei Preise gewinnen, durfte er sich Mestre en gai saber, Meister der fröhlichen Wissenschaft, nennen. Dieses gelang auch Joan Maragall.

Er übersetzte Goethes Römische Elegien, Faust I, Iphigenie und Novalis sowie andere. Angefeuert von den Texten des berühmtesten katalanischen Dichters, Ausiàs March (1398 – 1459), der, wie andere auch (etwa Ramon Llull), im Mittelalter auf Katalanisch schrieb und die provençalische Tradition weiterentwickelte, versuchte Maragall ähnliches auf seine Weise, um mitzuhelfen, die Literatur Kataloniens wieder aus jener Versenkung zu heben, in die sie ab etwa 1500 dann geraten war.
   Sogar der zu Zeiten des Modernismo große spanische Philosoph und Dichter Miguel de Unamuno wurde ein Verehrer der Arbeiten Maragalls, weil er sich in jenem wiederentdecken konnte, vor allem in beider Gefühl der Trauer und Vergeblichkeit, mit dem der Mensch am Ende seines Lebens konfrontiert wird.
    Eines der gängigeren Gedichte Maragalls in Deutschland ist „Die blinde Kuh“, hier übersetzt von Àxel Sanjosé:

LA VACA CEGA

Topant de cap en una i altra soca,
avançant d’esma pel camí de l’aigua,
se’n ve la vaca tota sola. És cega.
D’un cop de roc llançat amb massa traça,
el vailet va buidar-li un ull, i en l’altre
se li ha posat un tel: la vaca és cega.
Ve a abeurar-se a la font com ans solia,
mes no amb el ferm posat d’altres vegades
ni amb ses companyes, no: ve tota sola.
Ses companyes, pels cingles, per les comes,
pel silenci dels prats i en la ribera,
fan dringar l’esquellot, mentres pasturen
l’herba fresca a l’atzar... Ella cauria.
Topa de morro en l’esmolada pica
i recula afrontada... Però torna,
i baixa el cap a l’aigua i beu calmosa.
Beu poc, sens gaire set. Després aixeca
al cel, enorme, l’embanyada testa
amb un gran gesto tràgic; parpelleja
damunt les mortes nines, i se’n torna
orfe de llum sota del sol que crema,
vacil·lant pels camins inoblidables,
brandant llànguidament la llarga cua.


Die blinde Kuh

Den Kopf an diesen, jenen Baumstamm stoßend,
aus altem Trieb auf ihrem Weg zum Wasser
kommt eine Kuh, allein. Das Tier ist blind.
Mit einem allzu gut geworfnen Stein
leerte ein Junge einst ihr Aug. Das andre
trübt nun ein Schleier ein. Die Kuh ist blind.
Zur Tränke kommt sie ebenso wie früher,
doch nicht mehr mit dem sichren Schritt von damals
noch mit der Herde: Nein, sie kommt allein.
Auf stillen Wiesen und an Baches Ufer,
auf Felsen, Hügeln lassen ihre Glocken
erklingen die Gefährtinnen und weiden
das Gras nach Lust ... Sie würde stürzen.
Das Maul stößt unsanft an die harte Tränke,
sie setzt verletzt zurück ... kehrt jedoch wieder
und neigt den Kopf zum Wasser, trinkt gemächlich.
Nur wenig trinkt sie, ohne Durst. Dann hebt sie
ihren gehörnten Kopf zum weiten Himmel
mit tragisch großer Geste, regt die Lider
über den leblosen Pupillen und geht,
an Licht verwaist unter sengender Sonne,
geht zögernd auf den unvergessnen Pfaden,
bewegt den langen Schwanz nur träge hin und her.
Maragall brachte Ideen Nietzsches in die katalanische Literatur, bewunderte auch Ibsen und Maeterlinck – im Wesentlichen aber war er (wie die meisten katalanischen Autoren) ein Naturdichter, trotz allem Modernismo. Er fühlte sich eins mit der Schöpfung – dabei die Zutaten von einem bisschen Ironie, aber auch Selbstmitleid, bzw. der Ironie vom eigenen Selbstmitleid. Aber immer klassisch, ohne zu kippen, wie Sanjosé hervorhob. Ein Spätklassiker – denn die Klassik und der Modernismo kamen in dem weitestgehend unterdrückten und abgehängten Katalonien zur gleichen Zeit in Blüte. Und vor allem sah es Maragall auch als sein Ziel an, die katalanische Sprache aus ihrem „bäurischen“ Klang herauszuschreiben. Denn Katalanisch galt für spanische Ohren verächtlich als Bauernsprache.
    Der Modernismo, der Ende des 19. Jahrhunderts als literarische Gegenströmung in Lateinamerika aufkam und schnell auf die iberische Halbinsel überschlug, wollte insgesamt subtilere Ausdrucksmittel und neue metrische Strukturen für die damals stagnierende und verstaubte iberische Lyrik schaffen. Sie wollte bewusst modern sein, wobei damals das Fin de siècle als modern galt. Im Grunde war der Modernismo eine verspätete l’art pour l’art-Bewegung, postromantisch, auf der iberischen Halbinsel stark beeinflusst vom französischen Symbolismus, auch von Baudelaire. Octavio Paz schreibt in seinem Aufsatz „Der Modernismo“:

„Als Reform der Sprache war der Modernismo eine Syntax, eine Prosodie, ein Vokabular. Seine Dichter bereicherten die Sprache mit Entlehnungen aus dem Französischen und dem Englischen; sie gingen verschwenderisch mit Archaismen und Neologismen um; und sie waren die ersten, die die Umgangssprache benutzten. Andererseits wird oft vergessen, daß in den modernistischen Gedichten eine große Anzahl von Amerikanismen und Indigenismen auftaucht. […] Sie bekämpften nicht die Syntax des Kastilischen; vielmehr gaben sie ihr die Natürlichkeit zurück und vermieden die latinisierenden Inversionen und die Emphase. Ihre Sprache war überspannt, doch nicht schwülstig; oft war sie kitschig, nie steif. Trotz ihrer Schwäne und Gondeln gaben sie dem spanischen Vers eine Geschmeidigkeit und Schlichtheit, die nie vulgär war und die sich für die zwei Tendenzen der zeitgenössischen Poesie wunderbar eignen sollte: die Liebe zum ungewöhnlichen Bild und zur poetischen Nüchternheit.“

Auch für Sanjosé ist diese Form der Nüchternheit bei gleichzeitiger Musikalität ausschlaggebend für die eigene Textarbeit wie auch für seine Übersetzungen. Er will weder bei Reim noch Metrik „holpern“ und „stolpern“, nichts Erzwungenes, Gedrechseltes fabrizieren. „Das Allerwichtigste ist, dass der Ton rüberkommt!“, sagt er in einem Gespräch mit Antje Weber in der Süddeutschen („Sprachlandschaften mit Krähen“). „Beim Lesen soll sich die Melodie einstellen“, sagt er: „Nicht von ungefähr hat man Lyrik ursprünglich gesungen.“ Formal gesehen, fällt beim Modernismo insgesamt die hohe musikalische Qualität der Verse auf, der im späteren Verlauf immer freiere Rhythmen folgen, um sich von den klassischen Versmaßen zu befreien. Neben seinen beiden bisher erschienenen eigenen Gedichtbänden (Gelegentlich Krähen, 2004 (2015 2. Auflage); Anaptyxis, 2013) widmete sich Àxel Sanjosé als Übersetzer (für verschiedene Verlage) u.a. Lyrikern wie Pere Gimferrer, Joan Vinyoli und zuletzt gerade (2019) für den Rimbaud Verlag Màrius Torres – allesamt mehr oder weniger Jetztzeit-Katalanen. Wer sollte nun geeigneter sein, Joan Maragall zu übertragen als ein deutsch-katalanischer Dichter, zweisprachig aufgewachsen und zudem universitär gebildet und in seiner Lyrik gelegentlich hermetisch orientiert.
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