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Konstantinos Kavafis: Im Verborgenen. Hidden Poems

Rezensionen



Dirk Uwe Hansen

Aus der Schublade



Wenn über achtzig Jahre nach dem Tod des großen verschwiegenen Dichters Konstantin Kavafis bisher unbekannte Gedichte erstmalig in deutscher Übersetzung erscheinen, scheint es kaum notwendig zu sein, das Buch noch umständlich zu empfehlen. Ich will es dennoch tun, denn die hier von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt vorgelegte, mit Illustrationen von Anja Nolte versehene Übersetzung (mit griechischem Text am Ende der Seiten) darf schlicht niemandem entgehen!
Wer allerdings glaubt, in diesen, von Kavafis zu Lebzeiten verborgen gehaltenen Gedichten, einen neuen Kavafis entdecken zu können, wer gar vermutet, hier Spektakuläres, des möglicherweise expliziten homoerotischen Inhalts wegen Zurückgehaltenes zu entdecken, wird enttäuscht; oder besser: wird in den hier gedruckten Gedichten keinen anderen Kavafis finden, als den schon bekannten sehr leisen und dabei umso eindringlicheren Dichter, der auch von seiner Liebe niemals laut oder plakativ spricht:

DEZEMBER 1903

Und wenn ich nicht über meinen Eros sprechen kann –
wenn ich nicht von deinen Haaren, deinen Lippen, deinen Augen spreche;
dein Gesicht aber, dessen Bild ich in meiner Seele aufbewahre
der Klang deiner Stimme, den ich in meinem Kopf eingeschlossen
diese Septembertage, die in meinen Träumen aufblühen
bilden und färben meine Worte und Sätze
welches Thema ich auch übergehe, über welche Idee ich auch spreche.


Und doch gibt es einiges zu entdecken. "Die Schachfigur" etwa, ein Gedicht, das zugleich die Nähe und die Unterschiede zwischen Kavafis und Pessoa (man vergleiche dessen "Schach") aufzeigt. Oder "Zweite Odyssee" als eine Fortschreibung des bekannten (und vor einigen Jahren vom Werbefernsehen in schier unerträglicher Weise missbrauchten) Gedichtes "Ithaka". "Wenn du aufbrichst nach Ithaka / bete, dass die Reise lang sein möge" hieß es da und so finden wir Odysseus dann in "Zweite Odyssee" als sehnsüchtigen Heimgekehrten, Ithaka, das Ziel der Reise, das beim Erreichen die Reise auslöscht, als einen erneuten Anfang "ohne Homer, ohne Hexameter":

...
Die Zuwendung Telemachs, Penelopes
...
sie trafen wie Freudenstrahlen ins Seefahrerherz.

Und so wie Strahlen vergingen sie auch.

Durst nach
Meer erwachte in ihm.
Er hasste den Wind vom Festland her...


Es finden sich noch mehr der kavafischen Leitmotive in den Gedichten: die hellenistische Vergangenheit, das Zusammenspiel von Schauen und Schweigen, die durch Bilder beschworene Anwesenheit des abwesenden Geliebten ("Ich hatte vor, sie an die Wand meiner Kammer zu hängen. / In der Schublade war sie feucht geworden. / Ich werde sie nicht einrahmen, diese Photographie") und das demütige und doch trotzig-auftrumpfende Selbstverständnis des Künstlers:


EINE HALBE STUNDE

Weder habe ich dich gewonnen, denke ich
noch werde ich dich je gewinnen.
Nur ein paar Worte waren es die Nähe vorgestern Abend in der Bar nichts anderes.
Es ist ein Jammer. Doch wir Künstler
schaffen uns manchmal durch die Mühen des Verstandes
– und natürlich für Momente nur – eine Befriedigung
die uns beinahe schon echt vorkommt.
So wie in der Bar vorgestern – auch mit Hilfe
des nebelnden Alkohols –
hatte ich die perfekte halbe Stunde.
Und du hast das verstanden, scheint mir du bist deshalb auch länger geblieben.
Nach dir war da eine große Not. Trotz meiner Fantasie und ihres Helfers Alkohol
musste ich doch in deine Augen sehen, musste deines Körpers Witterung aufnehmen.


Kartakis / Kuhlbrodt übersetzen die Texte behutsam und verstehen es, den schlichten melancholischen Ton der Gedichte sehr genau ins Deutsche zu übertragen; die bei Kavafis nicht seltenen Wortwiederholungen scheinen sie hier und da zu variieren ("Fetzen meines Lebens" / "das zerschlissene Leben" etwa für άδεια ζωή), was den deutschen Texten sehr gut tut.
Eine Übersetzungsleistung eigener Art sind die Illustrationen von Anja Nolte. Knapp die Hälfte der Gedichte versieht sie mit Bilderzyklen von bis zu 5 Doppelseiten, auf denen die Texte nicht allein bebildert, sondern teilweise radikal umkontextualisiert werden, sei es spielerisch (das Weckglas mit dem konservierten Kuss auf Seite 23!), sei es ernst. So konfrontiert uns der Zyklus zu "Zweite Odyssee" mit allen Aspekten der See- und Raumfahrt, Flüchtlingen und Auswanderern, Zyklopen und Fischern. Kein Wunder, dass es diese überbordende Bilderflut nicht immer auf ihren Doppelseiten hält und sie geradezu mit in die Texte eindringen zu wollen scheint.
Ein Nachwort, in dem Ricardo Domeneck Kavafis im Kanon der europäischen Moderne betrachtet, schließt den Band ab.
Bemerkenswert ist auch die Ausstattung des Buches: Der packpapierfarbene, pappendicke und wie mit Schablone beschriftete Umschlag vermittelt den Eindruck, man selbst habe diese versteckten Gedichte auf dem eigenen Dachboden gefunden, die offene Fadenheftung tut das ihrige dazu und sorgt noch dafür, dass man das Buch aufgeschlagen auf den Tisch legen könnte, wenn man es denn aus der Hand legen wollte.
Aber wer sollte das wollen?

Konstantinos Kavafis: Im Verborgenen. Hidden Poems. Zweisprachig. Übers. von Jorgos Kartakis und Jan Kuhlbrodt. Berlin (Verlagshaus J. Frank) 2014. 128 Seiten. 14,90 Euro.

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