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Klaus Merz: Außer Rufweite

Rezensionen



Michael Braun


Lichtschreiber in der Dunkelheit
„Außer Rufweite“: Die Existenz-Dichtung des Schweizer Poeten Klaus Merz


„Dichtung“, so hat es Norbert Hummelt einmal formuliert, „ist Lichttherapie, auch wenn sie dunkel ist.“ Gute Dichter, das darf man daraus ableiten, verfügen über ein besonderes Sensorium für Licht und Schatten, das sie befähigt, mit ihren Texten den Grund unserer Existenz auszuleuchten. Einer der vortrefflichsten „Lichtschreiber“ in der Gegenwartsdichtung ist der Schweizer Klaus Merz, der seine poetische Sensibilität in der Auseinandersetzung mit Werken der Bildenden Kunst immer weiter verfeinert hat. Als „Lichtschreiber“ porträtiert sich der Held seiner frühen Erzählung „Latentes Material“ (1978) – und auch in den späteren Gedichten, Erzählungen und Romanen wird eine enge synästhetische Verbindung zwischen dem Schriftsteller und Bildbetrachter Klaus Merz hergestellt. Seine dichterische Phantasie wird stimuliert von den Imaginationen der Kunstwerke, die den Bildgrund für seine lyrischen Einfälle liefern, die er selbst „Auffälle“ nennt. „Man muss eigentlich nur zuhören, was einem die Bilder sagen“, hat er in einem Gespräch mit dem Verfasser dieses Textes angemerkt, und die Semantik der von ihm intensiv erfassten Gemälde und Skulpturen transformiert er poetisch in einen luziden Lakonismus.

In einem poetischen Essay über das Hieronymus Bosch-Bild „Kind mit Windrädchen“ (nachzulesen im Band „Das Gedächtnis der Bilder“, Haymon 2013) hat Merz vor einiger Zeit seine existenzielle Verbundenheit mit der zweiten Schöpfung der Kunst beschrieben. Die Faszination dieses Textes verdankt sich nicht nur der emphatischen Beschreibung des Bildes von Hieronymus Bosch, sondern der sichtbar werdenden Parallelität zwischen dem Betrachter selber und dem von Bosch gemalten Kind. Beide gehen in Merz´ Perspektive durch „die kalte planetarische Nacht“ – wobei der Betrachter durch die Dämmerung geht und im Museum Zuflucht sucht und sich das „Kind mit Windrädchen“ durch eine offenbar transzendenzlose Nacht bewegt. Wie es scheint, wird das Bild für den Betrachter zu eine Art Schutzpatron oder Talisman oder eben Medaillon, das einem das Leben rettet.

In Deutschland hat man den Rang des Schriftstellers Klaus Merz noch nicht annähernd erkannt. Mit dem Erscheinen des Bandes „Außer Rufweite“, dem Schlussband der siebenbändigen Werkausgabe im Haymon Verlag, gibt es nun die Gelegenheit, einen der substantiellsten Poeten unserer Tage endlich zur Kenntnis zu nehmen. Der Band versammelt seine Gedichte der Jahre 1992 bis 2013 und zeigt uns einen Autor, der vor allem von der strengen Konzentrationskunst des späten Günter Eich gelernt hat, alles Überflüssige aus seinen Gedichten zu verbannen. Seine frühen Gedichte standen noch im Bann einer an Paul Celan orientierten Kargheit, die aber in den Hintergrund trat, je mehr der 1945 in Aarau geborene Merz seiner Wahrnehmung vertrauen lernte. Zum Leitmotiv seiner Arbeit wurde in den 1980er Jahren sein poetischer Dialog mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Martin, der mit einer schweren Behinderung auf die Welt gekommen war und bis zu seinem frühen Tod 1983 Gedichte schrieb. Poesie ist seither für ihn zu einer Strategie der Lebensrettung geworden. „Kurze Durchsage“ heißt nun der 1995 erstmals publizierte Band, der am Anfang des Sammelwerks „Außer Rufweite“ steht – und es sind kurze Durchsagen, die schlichte Botschaften oder plane Pointen verweigern und uns stattdessen ins existenziell Unsichere lotsen. Etwa im Gedicht „Besuch aus Russland“: „Durchs Oberlicht schaut/ ein Elephant ohne Zähne. / Die Zwölftönerin schlägt / die Finger in den Stubentisch, / das Klavier ist verpfändet. / Wir löffeln unsere Suppe / tierisch schnell aus.“

Klaus Merz entwickelt mit wenigen Strichen ein metaphysisches Gleichnis, um damit zum Kern der Dinge zu gelangen und die schwankenden Fundamente des Weltgebäudes freizulegen. Dieser Dichter ist ein Meister der Kürze, der sich extrem zurücknimmt und lieber die Phänomene selbst sprechen lässt, anstatt ihnen von außen Bedeutungen aufzunötigen.

Seine poetische Wahlverwandtschaft mit dem späten Günter Eich lässt sich an einem Gedicht wie „Drei Kurzgeschichten“ zeigen, das disparate Substantive in der Art kryptischer Formeln miteinander verknüpft und daraus ein poetisches Bekenntnis destilliert: „Windrose. Hasenheber. / Läutwerk: Der Widerstand/ gegen die Ausführlichkeit / wächst weiter.“ Die „Windrose“, ein grafisches Element aus der Nautik, mit dem die Windrichtung dargestellt werden kann, wird mit der Bezeichnung eines Mechanismus zur Erzeugung des Läutens verbunden. Hinzu kommt ein Rätselwort, eine Chiffre, wie sie auch in Günter Eichs poetischen Kryptogrammen „17 Formeln“ hätte stehen können: „Hasenheber“. So entsteht ein poetischer Hallraum, in dem man den Klangreizen der Wörter folgen und ihre semantischen Kraftfelder ausloten kann. Kürzere Geschichten kann die moderne Poesie kaum schreiben.       

Für eine Ausstellung in der Predigerkirche in Zürich hat Klaus Merz 2005 einen Beitrag mit dem sprechenden Motto „In den Staub geschrieben“ geliefert. An den Wänden der Kirche erschienen seine Gedichte, die ganz real „in den Staub geschrieben“ waren, da nämlich durch die Buchstaben die staubige Patina von der Wand gewischt wurde.  An dieses Motiv knüpfte auch der Gedichtband „Aus dem Staub“ (erstmals 2010 erschienen) an, der nun das poetische Kraftzentrum des Bandes „Außer Rufweite“ bildet. Die biblische Formel von der Vergänglichkeit des Menschen – „Alle, die sich abwenden vom Herrn, werden in den Staub geschrieben“ – wird hier ebenso wachgerufen wie die Bewegung eines Fliehenden, der sich „aus dem Staub macht“.    

Für den „Lichtschreiber“ Klaus Merz sind es die Wörter, die manchmal heilende Wirkung haben können, wenn man wachsam bleibt gegenüber den Stereotypen, die sich in ihnen einzunisten drohen: „Es gibt Sätze / die heilen // und Tage, / leichter als Luft. //  Es gibt eine Stimme / die ich wiedererkenne // noch bevor sie / mich ruft.“


Klaus Merz: Außer Rufweite. Lyrik 1992-2013. Werkausgabe Band 7. Hrsg. von Markus Bundi. Innsbruck (Haymon Verlag) 2015. 384 Seiten, 24,90 Euro

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