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Klaus Anders: Sappho träumt

Rezensionen


Timo Brandt

Was stimmt? Was bestimmt? Wie die Stimme sich erhebt …


„Denn immer
Im Dunkeln schlägt das Herz
Und pumpt, damit die Augen das Licht sehen
Und im Licht das, was lebt.“

Die überlieferten Strophen und Verse der Sappho sind zumeist Klagen, wehmütige Anrufungen, ein streifendes Verdichten aufrichtigen Glücks, sanfte Atemlosigkeiten. Sie sind außerdem klassische Verkörperung einer Stimme. Einer Stimme und einer Gestalt, die über Jahrtausende hinweg, trotz der schmalen Überlieferung, eine große Faszination behalten hat. Sie, die erste namentlich bekannte Dichterin, steht nicht nur für die oft übergangene weibliche Stimme in der Literatur, sondern allgemein für eine besondere Intensität, eine frühe Fassung jener schwer zu definierenden Ausdrucksherkunft namens Ich. Das Erlebte und das Verlangen danach, gleichgesetzt und doch zu unterscheiden von dem Verlangen nach Leben, brandet in ihren Versen gegen das Vergehen von Zeit, verläuft sich in ihren Träumen, ihrer nie verstummten Stimme, die an der Erinnerung spinnt, damit der Faden zu ihr nie abreißen möge.

Ich beginne diese Rezension von Klaus Anders neuem Gedichtband mit dieser Abschweifung, weil jene Intensität in Sapphos Versen, jenes Stimme-Werden ihrer Poesie, auch eine Qualität von Anders Gedichten ist. Ich will damit keinen größeren Vergleich zwischen den beiden aufmachen – aber das Motiv der Stimme, ich glaube es ist einer der zentralsten (wenn nicht der zentralste) Aspekt von Anders neuem Werk.

„Käm ich her mit sieben Winden,
käm ich als ein Regenguss,
strömte rauschend in den Brunnen,
stürzte lachend in den Fluss.

Doch wir sind in uns gefangen,
stets gestellt auf scharfen Grat.
Heute noch die Stadt verlassen,
denn der Drohung folgt die Tat.“

Doch ist es hier nicht nur eine Stimme – es sind viele. Historische Stimmen, alltägliche Stimmen, umspannende Stimmen und versinkende, versickernde, in sich auseinanderstrebende Stimmen, feste Stimmen, weiche Stimmen. Anders erweist sich in „Sappho träumt“ als Meister der Intonierung. Ganz gleich ob er Max Beckmanns Emigrantenzeit in den Niederlanden (während der Nazi-Diktatur) in einem längeren Zyklus mit griechischen Mythen verschmilzt und darin gleichsam eine Stimme zu vielen macht, gewaltig und schlicht, oder einen persischen Mystiker schleppend schön berichten lässt von seiner Existenz, fast fragmentarisch, oder einfach nur ein Schlaglicht auf eine kurze Szene in Leben, Streben und Leiden eines namenlosen Menschen wirft: nahezu immer gelingt ihm – ohne dass er sich dabei in allzu große Höhen aufschwingt, sich allzu sehr hineinsteigert – ein passender Ton, eine passende Form, eine passende Länge für das Aufleben der einzelnen, der vielen Stimmen, ihrer flackernden, brennenden Kraft und der Schatten, die sie werfen.

Diese Stimmen manifestieren einiges, werfen Bilder auf, sind aber auch ein schneller Strom, ziehen dahin, stürzen, aus Mündern oder aus Chroniken, ihr Ursprung ist nicht immer greifbar, als Ganzes werden sie fortgespült von Feinheit und Dichte, in denen sie sich konzentrieren, aber auch zerstreuen, immer wieder hin und her geworfen zwischen Ruhepunkten und langgestreckten Hoffnungen, Wünschen, Fragen.

„Denn der Schmerz wird nicht geringer;
je mehr ich trinke, desto schlimmer
wühlt er in mir und zerrt mich immer
weiter in das dunkle Nein in dir.“

Teilweise sind die Stimmen ominös, beklemmend und auch brüchig, als würden sie von so weit herkommen, dass irgendetwas, eine Erscheinung, die in ihnen war, sie schon verlassen hat; andere Stimmen sind ergreifend, bewegend.

Großartig auch jener zweite Zyklus, ein Verkörperungsreigen, in dem die Trumpfkarten eines Tarot-Spiels als Titel und Embleme für Stimmen, Personen, Ideen herangezogen werden. Hier entfaltet sich jene Kunst der Intonierung vielleicht am Deutlichsten. Es ist beeindruckend wie sich, Zeile für Zeile, Gestalten herauskristallisieren und doch einzelne Zeilen oder ganze Abschnitte wiederum nur Stimme sind, allgemeine Überlegung, körperlose Metaphysik in sich tragend, die dann doch wieder in eine Gestalt fahren.

„Wer ist der Narr? Am Ende ich?
Oder sind die anderen Narren?
Und ich schau ihnen zu, belustigt halb,
Halb verzweifelt? Oder ist es
Von ihnen einer? Und ich gehöre mit zu dem
Gemenge aus allen möglichen Nuancen
Von fast nicht bis beinahe ganz?

Klaus Anders beherrscht viele Stilrichtungen, kann sie zumindest kurz einfließen, aufflammen lassen. Dann und wann flirren seine Gedichte, ein Drängen liegt in ihnen, das alle Worte galoppieren lässt, dann wieder ist da eine Bedächtigkeit, die sich in eben diesem Drängen entfaltet, auf ihm blüht, das richtige Wort suchend, knüpfend aus zerrissenen Fäden, Seilen, Takelagen.

Und, was mir besonders gefällt: Manche Texte haben etwas Unfertiges, aus der Form-Ragendes. Aber es entstellt sie nicht – im Gegenteil. Sie wirken wie nah an jene lebendige Erfahrung, jene Erschütterung, jenen Streifen Wirklichkeit gebaut, dem sie ihre Existenz verdanken.  

„Erst ist die Insel
der falsche Ort. Du zierst dich,
gehst dann doch an Land.“

Durch Stimmen, durch Intonierung kann man an vielem rühren, das beweist Anders‘ neuer Band. Es gibt manche Gedichte, die Unruhe säen; in denen man trotz der Bedächtigkeit, der Schönheit und der gelungen geschlagenen Säume nicht wirklich zur Ruhe kommt. Sie entlassen einen fragend und (so würde ich behaupten) mit offener Wahrnehmung, mit nachdenklicheren Augen, nachdenklicherem Tastsinn, im Innern.

„Doch das Schicksal
Ist kein Rechenbrett, nicht auf Stagen im Gestell
Gleiten die Kugeln, sie springen wie einem plötzlich
Was aus der Hand fällt.“

Man könnte noch viel schreiben – zu einzelnen Texten, zu verschiedenen Elementen, und nicht zuletzt könnte man die einzelnen Bezüge unter die Lupe nehmen, die Personen, Werke und Ideen, mit denen die Gedichte korrespondieren. Diese zusätzlichen Abenteuer, diese zusätzlichen Entdeckungen, überlasse ich den Leser*innen, denen ich nur empfehlen kann, Anders‘ neuen Band zur Hand zu nehmen. Er enthält Poesie mit Ecken und Kanten, die einen bannt, verzaubert und manchmal ratlos macht. Aber nicht ratlos, weil das Verständnis fehlt. Vielmehr weil Verstehen sich hier wieder mal als eine vielgestaltige Angelegenheit erweist. Und wenn Gedichte u.a. das zeigen, das verkörpern, dann kann man nur sagen: Hurra.

„Leicht ist nicht leicht genug,
leichter als alles der Tod:
eine Tür ohne Schwere, die dein
Atem dir öffnet.“


Klaus Anders: Sappho träumt. Gedichte. Berlin (Edition Rugerup) 2018. 160 Seiten. 19,90 Euro.
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