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Katharina Kohm: Lyrik von Jetzt 3 - Nur die Ehrlichkeit kann uns noch retten

Diskurs / Poetik > Diskurse



Katharina Kohm


Lyrik von Jetzt 3 //
Nur die Ehrlichkeit kann uns noch retten



Die Eigenbewegungen des Gedichts sind ernst zu nehmen, erst einmal anzusehen. Die eigenen poetologischen Vorstellungen, der Zugang, die Stimmen sind polyglott, vor allem in Bezug auf eine Anthologie.

Auch wenn die Anthologie Lyrik von Jetzt 3, hrsg. v. Max Czollek (D), Michael Fehr (CH) und Robert Prosser (A) aktuelle Lyrikerinnen und Lyriker ausschließlich aus dem deutschsprachigen Raum zugänglich macht, existiert keine unmittelbare Verständigung, die vorliegt, sondern eine Polyphonie verschiedenster lyrischer Ausdrucksweisen und so auch immer die Gefahr des Nicht-Verstehens.

Wir verstehen uns nur, wenn wir uns wohlwollend einander zuwenden, und selbst dann müssen wir uns anstrengen, uns einem Risiko aussetzen, Gesprächspartner oder Leser zu sein. Nirgends wird das so deutlich wie bei lyrischem Sprechen. Das hat nichts mit Kuschelkurs zu tun, sondern durch die Komplexität von Gedichten wird diese Tatsache wieder ins Zentrum gerückt, da auf Gemeinplätze, Kompromisse eines scheinbaren Verstehens dabei nicht eingegangen werden kann.

Was Lyrik so komplex und lesenswert macht, ist die Entwicklung einer eigenen Sprache, eines Ausdrucks, mit dem die Dichterin, der Dichter sich selbst aussetzt und auf aufmerksames Lesen hoffen muss, um damit zu wirken.

Bei der Anthologie geht es um das gleiche wie bei Lesungen: sich mitzuteilen und Zuhörer zu finden, die wiederum ihre Zugänge zur Diskussion stellen. Zuhören ist somit kein Konsumieren, Lesen auch nicht. Sondern Verständigung.

Ohne den Zuhörer, Leser und Betrachter existieren Lyrik oder Literatur, Kunst nicht. Und dabei geht es hier nicht um Kunstvermittlung, die Frage einer Rezeptionsästhetik, sondern darum, dass man etwas preisgibt. Und dieses Preisgeben verdient einen Raum, der dies zugänglich macht und wertschätzt.

Lyrik befindet sich dieser Tage in einem Wandlungsprozess, vor allem durch ihre Organisation in Kollektive wie auch durch eine zunehmende Wahrnehmung innerhalb des Kulturbetriebs und der Leserschaft. Das Bedürfnis nach Literarizität ist in jeder Stadt zu finden und hat sich in den letzten Jahren vor Ort manifestiert und ist gewachsen.

Dennoch verlangt der schwere Stand der Lyrik innerhalb des Literaturbetriebs besondere Aufmerksamkeit. Sie verlangt besonderen Schutz, ist schwer zu pflegen, zu vermitteln, hieß es lange. Wie sollte sich solch ein Gewächs im Biotop des Literaturbetriebs einordnen lassen? Wie es immer war? Wenige werden irgendwann eingelassen in den erlauchten Kreis der Unvergessenen, der Rest wird vielleicht nur noch in einer Fußnote erwähnt? Gerade diese Hierarchisierung könnte aufgehoben werden. Anstatt sich einzeln diesem Apparat auszuliefern, entstand die Idee, sich zusammenzuschließen und füreinander da zu sein. Es ist zu wünschen, dass das nicht nur ein hehres Ziel bleibt und dass die gesteigerte Aufmerksamkeit für aktuelle Lyrik dieses nicht untergräbt.

Natürlich werden einige erfolgreicher sein als andere, natürlich ist auch die Anthologie selbst nur eine Auswahl, und natürlich wird es wie immer Gewinner und Verlierer geben, da es sich ja eben doch um einen Markt handelt; aber wie es Max Czollek, einer der Herausgeber der Anthologie Lyrik von Jetzt 3, schon in seiner Anmoderation bei der Vorstellung des Bandes im Lyrik Kabinett im Januar 2016 so treffend auf den Punkt brachte: Wer schreibt schon Lyrik allein der Preise wegen?

Es scheint eine bewahrenswerte Idee, aus Eigeninitiative Räume zu schaffen, in denen Lyrik, auch diejenige, die eben nicht oder noch nicht auf die große Bühne der Literaturhäuser gehievt wird, vorgestellt, gehört und gelesen werden kann.

Aber das Besondere ist immer äußerst fragil.

Bewegungen, Subkultur, besetzte Häuser, alles erscheint oft temporär, weil Freiräume irgendwann wegrationalisiert werden. Orte, die eine Undergroundkultur beheimaten, sind ständig bedroht, weil die Städte solche Orte und Initiativen, die nicht in einer Institution verortet sind, oft nicht fördern, sie nicht als wertvoll anerkennen, obwohl sie zur Lebendigkeit einer Stadt enorm beitragen, zeigen sie doch gerade symptomatisch das kulturelle Interesse der Bürger einer Stadt.

Das betrifft viele Städte. Eines der einprägsamsten Beispiele ist wohl die Räumung des Berliner Kunsthauses tacheles 2012 gewesen, das sogar in einschlägigen Reiseführern als besonders sehenswert über Jahre das Stadtbild und den Charme Berlins prägte.

Aktuell ist auch der Keller der Kleinen Künste in München, in der Nähe des Gärtnerplatzes, von der Schließung bedroht, der unter anderem die Lesereihe Liaison beherbergt, die ebenso ausschließlich auf Eigeninitiative junger engagierter Literaten beruht – einer der Orte, in denen Begegnungen zwischen Lesenden und Zuhörern möglich sind. Sie sind weder austauschbar, noch sind sie selbstverständlich.

Auch die Anthologie Lyrik von Jetzt ist ein Politikum, insofern sie ein Statement, eine Haltung ist.
Kooperationen mit dem Lyrik Kabinett oder mit Literaturhäusern entpuppen sich zunehmend als Erfolg, da Lyrik mittlerweile viel junges interessiertes Publikum versammelt, und es wäre schön, gäbe es nicht mehr diese Trennung zwischen den Kulturschaffenden, die den Literaturbetrieb zuweilen spaltet und unnahbar macht.

Das Bedürfnis nach Lyrik und ihren Räumen bekräftigt die aktuelle Wirkung dieser Texte und scheint in den letzten Jahren gerade noch zugenommen zu haben. Der Siegeszug durch die Städte ist mit dem Phänomen des Slams zuvor zu vergleichen. Dennoch zielt die Lyrik dabei auf intensive Auseinandersetzung mit komplexen Texten, kommt ein wenig stiller daher und verlangt auch vom Publikum eine andere Form der Aufmerksamkeit. Die Sensibilisierung und Schärfung der Wahrnehmung scheinen dabei genau auf den Wunsch nach mehr Intensität zu treffen.

Dennoch sollte man sich auch immer der Gefahren bewusst sein, gerade weil die Aufmerksamkeit für Lyrik steigt. Gerade deshalb scheint Reflexion über die eigene Position und das eigene Handeln an Gewicht zu gewinnen und wird entscheidend sein.

Es erscheint kaum möglich, die Anthologie adäquat auf einigen Seiten zu besprechen.
Jedes Gedicht, jeder Zugang und jede Stimme, wollen ernstgenommen, speziell angesehen werden, und so erscheint es unmöglich, ein Gesamturteil dem Band überzustülpen. Noch schlimmer der Ansatz: Taugt junge Lyrik oder taugt sie nicht? Aus wem wird was? Wer ist zu Unrecht nicht vertreten? Sandkastenstreitigkeiten, die am Band vorbeisehen.

Eine Rezension ist überdies selbst eine Stimme, ein Zugang, und sie ist selber Text. Leonard Keidel, Lektor beim Verlag Das Wunderhorn, schreibt in seinem Vorwort der ersten Ausgabe der Zeitschrift für Literaturkritik "Die Wiederholung":

"Kritik ist die Allegorie zum Gelesenen [...] Ihre Gestalt und somit auch ihre Thesen hängen ebenso am Haken des Gewollten aber nicht Gedachten wie das literarische Werk – darin sind sie einander komplementär" (Die Wiederholung, S.6)


Die Macht der einen Rezension, die ein Urteil über eine Publikation fällt, scheint überholt.
Stattdessen könnte man eine polyphone Herangehensweise an Gedichte präferieren, denn die Literaturkritik leistet sich oft den Luxus, ja die Unmöglichkeit, über einen Band wie mit einem Mähdrescher drüber zu bügeln, sich ein paar Reizwörter oder Reizverse herauszugreifen, die deren Gesamteindruck zu stützen scheinen. Die Überzeugung, die Rezension solle harsch vorgehen statt behutsam, scheint veraltet.

Der Pluralismus, der bei den Lyrikerinnen und Lyrikern als positiv bewertet wird und zur Vielfalt der Stimmen beiträgt, könnte wünschenswerterweise auch auf den Umgang in Form von Kritik und Rezension übergehen.

Aber was kann man überhaupt Allgemeines über diesen Band sagen?

Mit einem hohen Maß an Sprachreflexion bleiben sich die Gedichte des eigenen Andeutungscharakters bewusst. Sie reflektieren sich mithin selbst, allerdings erscheint das Collagierte, bleiben die Zusammenhänge, die Bilder, könnte man sagen, lebendig, verlassen aber oft nicht diese Ebene, die sie öffnen, als wolle sich das Gedicht manchmal allein mit sich unterhalten.   

Man kann vielleicht zwei Dinge allgemeiner Art sagen, ohne sich in die oben genannte Gefahr zu begeben, Pauschalurteile zu fällen:

1. ist formal eine betonte Verwandtschaft zu Rhythmik und Lied in Form von Binnenreimen und Alliterationen sowie Assonanzen zu beobachten, die immer dann verstärkt auftreten, wenn auf klassische Formen der Reime und die formale Struktur verzichtet wird. Dies betont zunehmend die Mündlichkeit des Textes, den Klang und die Dynamik beim Sprechen.

2. kann man inhaltlich bzw. auf der metaphorischen Ebene Wendungen zum Maritimen und Botanischen feststellen, die vielen der Texte inhärent sind. Ein Freiraum als natürlicher Raum, vegetativ oder wellenschlagend, scheint in Gedichten als möglicher Ort zu existieren. Mitnichten wird dabei aber in naiver Naturbetrachtung verharrt. Naturraum und Naturerfahrungen erscheinen immer wieder gebrochen oder werden mithilfe von Assonanzen oder Homonymen und Paranomasien verlassen. Auch halten technische Begriffe und Zitate in Fremdsprachen, vornehmlich Englisch, Einzug, sodass sich die Gedichte nicht der Welt verschließen, die sie umgibt. Sie setzen sich vielmehr mit ihr auseinander, stehen ihr manchmal entgegen.

Innerhalb dieses Spannungsfeldes zwischen Innenwelt und technisierter Umgebung entstehen ungemein ehrliche Haltungen, die sich darüber bewusst sind, nicht wirklich Aussagen zu sein, keinen Status quo und keine Welterklärung setzen zu können und das auch nicht versuchen.

Die Postmoderne erscheint hier aber nicht destruktiv, sondern ermöglicht die Veräußerung einer detaillierten und sensiblen Bewegung zwischen Innen und Außen, wodurch Lyrik als ein Übersetzen, ein Ausdrücken und Andeuten zutage tritt, das der Welt nicht entgegensteht, sondern sie verändern will, vielleicht sogar bereichern, und einen ästhetischen Umgang mit ihr aufzeigt, der dadurch auch zur politischen Handlung wird.

Die Frage der Bewertung ist die Frage nach dem Fallbeil, das die Dinge trennt. Das sei gut, jenes schlecht, natürlich aus Gründen. Aber trotzdem hilft das nicht beim Verständnis.

Nur die Ehrlichkeit kann uns noch retten, Ehrlichkeit in der Kommunikation.

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