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Katharina Kohm: Ein utopischer Raum im Zeichen dystopischer Zukunftsprognosen - Teil 2

Diskurs / Poetik > Diskurse
Foto: Alexander Paul Englert
Fokus Lyrik –
der Zwischenstand von gegenwärtiger Sprachkunst und ihrer Vermittlung im deutschsprachigen Raum

von Katharina Kohm

Ein utopischer Raum im Zeichen dystopischer Zukunftsprognosen – Teil 2


Übersetzen – wohin?

Das Übersetzen von Lyrik bildete einen weiteren thematischen Schwerpunkt. Schon in der Anmoderation stellte Jan Wagner fest, dass die meisten Lyrikerinnen und Lyriker sich auch im Feld der Übersetzung betätigen. Nicht nur die Anthologie Unmögliche Liebe, die Wagner zusammen mit Tristan Marquardt herausgegeben hat, bezeugt die Übersetzertätigkeiten deutsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker, sondern auch die jüngst ebenfalls bei Hanser erschienene Grand Tour, die als folgerichtiges Projekt den Horizont nach Europa hin öffnet, zeigt das dichte und expandierende Netzwerk, die internationale Dimension der Szene. Man muss jedoch an dieser Stelle anmerken, dass solche Anthologien nicht nur verbinden, sondern auch ausschließen. Man dürfe bei all der Flut an Anthologien nicht vergessen, dass nichts davon etwas Abschließendes darstelle – ein Plädoyer für weiterhin in alle Richtungen offene Ohren und Augen. Man könnte nämlich unweigerlich an dieser Stelle an Kanonisierung denken, an das Festsetzen relevanter und an die Trennung von irrelevanten Stimmen.

Probleme erstrecken sich aber auch auf Lyrikerinnen und Lyriker, die in Anthologien vertreten sind, und zwar über weite Gebiete in Bezug auf ihre finanzielle Situation. So zeichnete der Lyriker Aleš Šteger ein düsteres Bild vom verschwundenen sozialen Status als kultureller Botschafter, als Vermittler von kulturellen Gütern und der eigenen Kultur. Dennoch müsse man gerade an diesem, wie er es nannte, Tiefpunkt ökonomischer und sozialer Anerkennung die Solidarisierung untereinander forcieren und gerade weniger markt- und nationalbezogen agieren. Hier ist es wieder, dieses Trotzdem und die Solidarisierung untereinander. Das Gegenteil vom Verstummen vieler zugunsten von Einzelnen. Das Bild vom Wanderzirkus, das von Enzensberger stammte, [ZEIT, Macht und Geist: Ein deutsches Indianerspiel, aktualisiert Nov 2012,] wurde mehrfach innerhalb der Diskussion ins Spiel gebracht, eine Metapher, die natürlich an die alte Analogie des Künstlers als Zigeuner anschließt, die aber gleichzeitig doch auch daran gemahnt, was sich im Einzelnen verändert haben mag: die Frauen sind dabei. Die solidarische Gemeinschaft scheint solange stark, wie sie genau ebenjene Regeln der Gemeinschaft einhält.

Die Lyrikerin bzw. der Lyriker als Teil eines Wanderzirkus rief aber zugleich als Metapher die Frage nach Zugehörigkeit und Heimat auf den Plan. Natürlich ging es auch um den Begriff Festivalcharakter, das gegenseitige Einladen zu Veranstaltungen, auch im Rahmen der unabhängigen Lesereihen innerhalb einer von Seamus Heaney stammenden ideal gedachten republic of poetry. Ganz im Zeichen dieses Credos oder dieses Anspruchs steht auch das Festival Czernowitz: Meridian, auch in direkter Nachfolge der Literateninseln von Dichtern des 20. Jahrhunderts wie Rose Ausländer und Paul Celan, der seine Geburtsstadt einst charakterisierte als einen Ort, "wo Menschen und Bücher lebten". Evgenia Lopata bezeichnete Czernowitz trotz der fehlenden Rezeption des Ortes innerhalb der Sowjetunion als heimliche Hauptstadt der Lyrik.

Man könnte die Darstellung eines idealtypischen Wanderzirkus, der über nationale und marktorientierte Korsette hinausschreite, als stilisierend bezeichnen, wenn nicht in diesem Zusammenhang Šteger kritisch über dieses Netzwerk als einer Myzele von persönlichen Beziehungen gesprochen hätte. Die enge Verbindung zwischen Menschen und Texten bewirke, dass alle in die gleiche Richtung marschierten.

Anhand eines weiteren häufig rezipierten Celan-Zitats, das Wagner ins Feld führte, nämlich: "An Zweisprachigkeit in der Dichtung glaube ich nicht!", wurde über das Übersetzen und die handwerklichen Schwierigkeiten dabei verhandelt, was aber über die Übersetzungstheorien des 20. Jahrhunderts nicht wirklich hinausging. Die Frage nach Interlinearübersetzung oder Nachdichtung, Gretchenfrage des Übersetzens, scheint immer noch zwei Pole zu bilden, an denen sich die Arbeit als dynamische Begegnung mit dem Gedicht und zwischen den Sprachen bewegt. Šteger brachte in diesem Zusammenhang des Sprachaustauschs beim Übersetzen noch das Körperliche in die Diskussion und verwies auf Celan und Mandelstam. Im Grunde könnte man sagen, dass es dem Europa der Lyrik gut ginge, jedoch fehle nach wie vor eine Institutionalisierung und ebenso ein Fördertopf für den globalen Austausch ganz im Sinne der Rehabilitierung oder Neubelebung des Dichters und der Dichterin als kulturelle Botschafter.

Im MMK nicht unweit des Römers und in der Nähe der jüngst völlig restaurierten Altstadtkulisse fand derweil parallel ein weiterer Themenschwerpunkt Ausdruck, nämlich über die Organe, klassischerweise Zeitschriften und Verlage, in denen Lyrik publiziert wird. Während der nachmittäglichen Diskussion  mit der Überschrift "Mehr Geld für die Lyrik" saßen merklich weniger Leute im Publikum. Dennoch war ja gerade dieser Diskussionspunkt entscheidend, um die Förderstrukturen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu verstehen. Die Leiterin des Festivalkongresses Fokus Lyrik, Dr. Sonja Vandenrath, moderierte die Podiumsdiskussion in Bezug auf Finanzierung und Finanzierbarkeit konkreter Projekte wie ebenjenem, an dem man dank der Förderung gerade teilnehmen konnte. Die Transparenz, mit der an dieser Stelle auch Probleme verhandelt wurden, reihte sich in diejenige ein, die mir schon während der ersten drei Podien positiv aufgefallen war und die im Grunde nochmals verdeutlichte, dass man nicht nur eine Bilanz bis hierher zu ziehen beabsichtigt hatte, sondern darüber hinaus auch nach Verbesserungsmöglichkeiten in naher Zukunft suchte, um so der Gegenwartslyrik weiteren Aufwind zu geben. Dieses Wohlwollen war auch an dieser Stelle zu spüren.

Man habe im Vorfeld dieses Kongresses schon sehr positive Effekte bei der Organisation eines Vernetzungskongresses in Bezug auf die Tanzszene erlebt, so Friederike Tappe-Hornbostel von der Kulturstiftung des Bundes. Ihr Credo, das sie mehrfach auch im Hinblick auf Fördermöglichkeiten seitens des Bundes äußerte, war: "Schließen Sie sich zusammen." Dies empfahl sie eindringlich, da die Kulturstiftung des Bundes nur große Projekte finanziell fördere und nicht etwa eine einzelne Publikation oder Lesung. Dazu komme die problematische Eigenbeteiligung von 20% der geförderten Summe. Es wurde auch klar, dass es keinen separaten Lyrikfördertopf gibt. Da Lyrik nicht eigens institutionalisiert auftritt, wie etwa Opernhäuser oder Theater, sei es schwierig, an Fördergelder zu kommen. Das politische Credo hinter dieser Form von Förderung scheint die Verhaftung im Institutionellen zu sein und somit der betont Freien Szene entgegenzulaufen. Ein interessanter Vorschlag war an dieser Stelle die mögliche Kooperation mit ebenjenen Theaterhäusern als Spielstätten gemeinsamer Projekte.

Juliane Moschell vom Kulturreferat Dresden bekräftigte vor dem Hintergrund der Entwicklungen in ihrer Stadt die Notwendigkeit zur Kooperation und zur Kommunikation mit den jeweiligen Kulturverwaltungsorganen. Die Bündelung von Akteuren sei dabei besonders wichtig.

Als Mittlerin zwischen Behörden und Kunstschaffenden stehe u.a. das Haus für Poesie in Berlin. Christiane Lange stellte dabei erfolgreiche Projektförderungen vor wie bspw. das poesiefestival, die Reihe Versschmuggel, das openMike, die Akademie für Lyrikkritik und die fokussierte Autoren- und Verlagsförderung. Da die Autorinnen und Autoren hauptsächlich nicht vom Verkauf ihrer Bücher, sondern von Lesungen lebten, wurde bereits hier ein Mindesthonorar von 500 Euro pro Auftritt gefordert, was sich am Ende des Festivalkongresses auch in der ausgearbeiteten Präambel als zentrale Forderung wiederfinden ließ. Außerdem soll es demnächst einen Finanzierungsfond in Berlin geben, damit die 20% Eigenbeteilung für Veranstaltungen gedeckt werden können.  

Moschell betonte darüber hinaus die Notwendigkeit der Bildung einer Lobby. Lyrik als bislang "leise" Sparte ginge im Sichtbarkeitswettbewerb der Kulturförderung oftmals unter. Man solle auch die Lyrik als schützenswerte Sparte nicht ständig infrage stellen, wie man es ja bei der Förderung von städtischen Bühnen auch nicht tut, die selbstverständlich mit Steuergeldern unterstützt werden. So wurde auch die Lyrikpublikation im Hinblick ihrer typografischen Gestaltung in die Nähe des Kunstwerks gerückt und damit abgekoppelt von Literaturproduktion allgemein. Außerdem sollte man auch darüber nachdenken, Lyrikverlage in ihrer Funktion als Orte für Lyrik als gemeinnützig anzuerkennen.               

Die Kulturförderung müsse sich außerdem, laut Tappe-Hornbostel, weniger am fertigen Produkt als am amorphen Prozess innerhalb der Förderprogramme orientieren. Die reine Orientierung am fertigen Projekt sei auch anhand der Bedürfnisse der Lyrikszene nicht mehr zeitgemäß.

Was Lyrik im Spannungsfeld von Pluralisierung und Individuation bedeutet, war für alle erfahrbar, die sich nach dem Tagesprogramm am Abend in der aktuellen Ausstellung des MMK einfanden.

Ganz bei sich konnte man den Texten von Simone Kornappel, Brigitta Falkner, Charlotte Warsen und Nico Bleutge lauschen und durch die Ausstellungsräume laufen und dabei anderen begegnen, die in ebenjenem Moment synchron denselben Text hörten und den Raum erkundeten. So wurden die Zuhörenden selbst zu Protagonisten einer gestalteten Sprache und achteten bei ihren Laufwegen sowohl auf sich als auch auf die Anderen im Raum. So wurde durch die Konzentration auf den Text im Raum dasjenige frei, was man idealtypischerweise unter Gemeinschaft verstehen sollte. Man lächelte sich zu oder ging mit gesenktem oder erhobenem Kopf durch die Räume, setzte sich hier und da auf einen Stuhl. Die Texte gingen zeitgleich zuende und man behielt die Spannung, die sich in einem ehrlichen und spontanen Klatschen am Ende entludt. Diese äußerst gelungene Veranstaltung ließ sich wunderbar auf das Anliegen des Festivalkongresses übertragen und beteiligte alle Anwesenden an der Realisierung dieses Anliegens im Moment seiner Ausführung. Ebenso ließ sich wieder zeigen, dass Lyrik dazu prädestiniert zu sein scheint, sich mit anderen Darstellungen von Kunst zu verbinden.

Nach kurzer Nacht standen drei parallele Veranstaltungsreihen auf dem Programm, und ich entschied mich für die Frage nach dem Austausch zwischen Germanistik und Lyrik, auch aus Eigeninteresse, leider gegen das Performative in der Lyrik, wo unter anderem mit Nora Gomringer [Bericht Münchner Rede zur Poesie] und Martina Hefter diskutiert wurde, und gegen den Beginn der Vorlesungen-in-a-day. Vom Althochdeutschen bis zur Gegenwartslyrik. Den ganzen Tag lang. Gerade diese Veranstaltungsreihe der Vorlesungen erfreute sich wohl großer Beliebtheit.

Zur Frage nach dem Dialog zwischen akademischem Betrieb, vornehmlich der Literturwissenschaft, und der Lyrik waren ausschließlich ebenjene Literaturwissenschaftler, denen eine gewisse Affinität zur Lyrik unterstellt werden kann, zugegen. Moderiert wurde das Podium von dem Literaturwissenschaftler Frieder von Ammon. Alle lauschten zunächst den Ausführungen von Robert Kaufman aus den USA. Schnell wurde klar, dass in den USA das Vorbild in Hinblick auf die Mitwirkung von Gegenwartslyrik im akademischen Betrieb zu suchen ist. Der Grund für eine divergente Entwicklung liegt in der jeweiligen Geschichte des Universitätssystems. Literatur- und Poetikdozenturen entwickelten sich in den USA im Zuge der Schwarzen- und Frauenbewegung. Auch die Frankfurter Schule in New York war ein wichtiger Faktor im Verzweigungsgeflecht von Lyrik und Wissenschaft. Die Erfahrung eines Creative Writings, "literature is the art of language", dies werde in den USA an den Universitäten integriert.

Hierzulande tut man sich mit Ausnahme einiger weniger Poetikdozenturen und einiger Einzelprojekte, auch innerhalb der Didaktik, schwer, Gegenwartslyrik stärker in den Universitätsbetrieb zu integrieren. Christian Metz, zurzeit auch Dozent an der LMU in München, sieht sogar in diesem Zukunftskonzept eine Gefahr des Präsentismus und der Vermischung von Einzeldisziplinen. Er hält ebenso keine generelle Umstrukturierung der Universitätslandschaft für nötig. Allerdings könne man, angesichts der Überlegungen zur Zukunft der Germanistik, auch an dieser Stelle über eine Umstrukturierung innerhalb der Germanistik, was projektbezogene Forschung betrifft, durchaus einmal grundlegend nachdenken. Ann Cotten, die im Publikum saß, bekundete zwar Interesse an der Diskussion. Zu fragen wäre aber schon gewesen, weshalb niemand von den Lyrikerinnen und Lyrikern, die partiell auch im wissenschaftlichen Betrieb arbeiten, zugegen war. So fand die Diskussion ohne ebenjene statt, und die Frage bleibt dann doch stehen, inwieweit man Gegenwartslyrik in den Universitätsbetrieb integrieren könne, ohne diese als Ornament, wie es bspw. gerne auf germanistischen Tagungen geschieht, zu instrumentalisieren und zu verharmlosen. Dass Dichterinnen und Dichter tatsächlich gegenwärtig lebende Individuen sein können und nichtbloß zwischen zwei Buchdeckeln abstrakt wiederbelebt werden müssen, wäre zudem eine neue Qualität in der Didaktik, die das Interesse für Lyrik allgemein intensivieren könnte.


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