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Kate Tempest: Hold Your Own

Rezensionen



Mario Osterland

Written to be read aloud


Kate Tempests Gedichte „Hold Your Own“


Wer schon viel über Kate Tempest gehört hat, aber nicht so recht weiß, was all der Hype um sie zu bedeuten hat, sollte sie vielleicht zuerst selbst hören. Ihr Album Everybody Down (2014) oder einen der zahlreichen Livemitschnitte im Internet anschauen. Ihren Auftritt beim Glastonbury Festival im letzten Jahr etwa, den sie mit einem eindringlichen Vortrag ihres Gedichts Hold your own beendete. Ein Text, in dem sie an das Selbstbewusstsein ihrer Generation appelliert und das System aus Konsum, Angst, Unzufriedenheit und vorgezeichneten Lebenswegen grundsätzlich in Frage stellt. Und sich selbst in der Art und Weise ihres Auftretens in die Nachfolge von Allen Ginsberg, Janis Joplin und Jim Morrison.

Kate Tempest, Jahrgang 1985, Rapperin aus South East London, Dichterin, Roman- und Theaterautorin, ist „die Schriftstellerin der Stunde“, wie es in so manchen Feuilletons heißt. Wer dem Hype verständlicherweise misstraut, ist gut beraten, sich ein eigenes Bild zu machen. Ob der nun bei Suhrkamp erschienene Gedichtband Hold Your Own dafür geeignet ist, darüber lässt sich allerdings streiten. Dass ihre „Glastonbury Adress“ Hold your own im gleichnamigen Band gar nicht auftaucht, ist verwunderlich. Stattdessen ist das Buch in erster Linie eine lyrische Aufarbeitung der antiken Figur Teiresias. Als deutlich erkennbarer roter Faden zieht sie sich durch den Band, angefangen beim einleitenden Langgedicht Teiresias bis hin zum letzten Text Prophet.

Teiresias, das ist jener junge Mann, der durch die Tötung einer Schlange zur Frau wird, später wieder zum Mann und schließlich, zwischen die Fronten eines Streits von Hera und Zeus geraten, zum blinden Propheten, der unter anderem Ödipus nichts Gutes vorauszusagen hat.

Eine Figur also, die sich allein schon wegen ihrer Transgendervergangenheit für eine Rückkehr in die Gegenwartsliteratur anbietet. Für Tempest ist sie jedoch mehr als das. Teiresias wird zum 15-Jährigen, der mit Kopfhörern ziellos durch den Stadtpark läuft, zur Ehefrau und Mutter, die einen Weg zur Selbstverwirklichung sucht, schließlich zum brabbelnden Penner in der U-Bahn, der zur Belustigung gelangweilter Teenager auf eine Party verschleppt wird.

Und Teiresias wird zur Projektionsfigur für Tempest selbst, zum prophetischen Rapper im Cypher (Gruppen-Freestyle im HipHop), zum talentierten Sprachrohr derer, die – angesichts der sie überfordernden Welt – sprachlos geworden sind. Wo Tempests Figuren bzw. Sprechinstanzen aufhören und das „she“ bzw. „I“ der Autorin anfängt, ist manchmal eindeutig, oft jedoch ungewiss. Klar ist allerdings, dass Tempest sich des Spiels mit Identifikation und Inszenierung bewusst ist. „She will be prophet one day./ For the moment/ She soaks up all that she can/ She will own it“ heißt es in The woman the boy became und wirkt merkwürdig ironisch zwischen all den Versen, die glaubhaft die Suche einer Autorin nach Wahrhaftigkeit dokumentieren und die zynisch-ironische Distanziertheit der Welt hinter sich lassen will.

„The latest big hit that cements the routine./ Sell us the download./ And kill all our dreams.“ Das klingt wie Nirvana im 21. Jahrhundert. Generation X und Generation Y geben sich hier die Hand. Tempest erfindet das Rad nicht neu, sondern steht mit beiden Beinen fest in der Traditionslinie großer Rockstars, die als jeweilige „Stimme ihrer Generation“ bezeichnet werden. Einem möglichen Ausverkauf ihrer selbst ist sie sich dabei bewusst. „Lose your shit to your new favourite English rapper/ Hold your own/ And let it be/ Catching.“

In Buchform wird dieser Ausverkauf aber wohl nicht stattfinden. Denn wie bei den meisten Rockstars, Rappern und Spoken Word-Künstlern leben auch Tempests Texte vor allem von ihrem Vortrag, sind, wie sie selbst betont, „written to be read aloud“. Was als gedrucktes Gedicht mitunter etwas ungelenk oder gar bemüht wirkt, gewinnt durch den leidenschaftlichen Vortrag Tempests massiv an Gewicht. Ihre Texte scheinen mitunter wie Predigten an eine Gesellschaft, die all das im Grunde schon weiß, aber in der jeder Einzelne immer wieder daran erinnert werden muss, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen.

Wherever you come from is a holy place.

Do not love the idea of life more than you love life itself.

The world is a terrible place for sensitive people
but the closer we come to losing our minds, the harder

we'll work to keep them.


If you're not fighting for it, you don't want it.


Wenn Tempests Texte in der Druckform leider einiges von ihrer Dringlichkeit einbüßen, wird es für die Übersetzerin Johanna Wange natürlich umso schwerer, eine deutsche Entsprechung für ihren Sound zu finden. Und im Grunde konnte es nicht gelingen. Die Wort-für-Wort-Übersetzungen Wanges schaffen den Spagat zwischen antikem Topos und moderner Sprache nicht und wirken oft merkwürdig hölzern („I swear you're out to kill me.“/ „Verdammt, du willst mir an das Leben.“) oder altertümlich. Wenn Tempest über einen Kuss im Park schreibt „It burnt the night away.“ und sich damit in die Nähe romantischer Traditionen begibt, wird man von Wanges „Es verbrannte die Nacht, die uns umgab.“ vollends ins 18. Jahrhundert zurück katapultiert. Es lohnt sich dennoch unbedingt, Kate Tempest mit diesem Band zu entdecken. Sie selbst zu hören, ist jedoch der eigentliche Gewinn.


Kate Tempest: Hold Your Own. Gedichte. Englisch / Deutsch. Übers. von Johanna Wange. Berlin (edition suhrkamp) 2016. 200 Seiten. 16,00 Euro.

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