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Kate Tempest: Brand New Ancients

Rezensionen



Mario Osterland

Everyday epics/ Alltägliche Epen

Kate Tempests Debut „Brand New Ancients“ jetzt auch auf Deutsch



Als Kate Tempest im Jahr 2012 mit dem Ted Hughes Award für ihr Debut Brand New Ancients ausgezeichnet wurde, war sie die erste Dichterin unter 40, die diesen Preis erhielt. In der Begründung der Jury hieß es damals: „Our brief was to find the most exciting contribution to poetry this year. We judges were unanimous in feeling that Kate Tempest fulfilled this with knobs on! ... Kate’s work is full of promise for the future of poetry.“ Spätestens mit dieser Auszeichnung gilt das 1985 in South East London geborene Multitalent als eine der interessantesten Stimmen junger Dichtung, weit über die Grenzen Großbritannien hinaus. Das mag auch daran liegen, dass Tempest nicht nur Dichterin, sondern auch Theater- und Romanautorin sowie vor allem Rapperin ist und so schon früh ein recht großes Publikum auf unterschiedlichen Wegen, in unterschiedlichen Szenen und Schichten erreichte und begeisterte. Kritische Stimmen über sie und ihre Arbeit findet man kaum. Kate Tempest war diese brandneue Dichterin, auf die Leser und Kritiker scheinbar gewartet hatten, denn sie wurde sozusagen über Nacht zur neuen „Stimme ihrer Generation“ ausgerufen. Eine brandneue Klassikerin, der man gern einen Platz zwischen den nicht mehr ganz so neuen Klassikern wie Beckett, Ginsberg, Dylan, Joplin oder Morrison freihält. Soviel Lorbeer, so hohe Erwartungen sind (zumindest aus Literatur-, nicht aber aus Musikbetriebssicht) vielleicht merkwürdig früh über Tempest gekommen, auch wenn man bedenkt, dass es in ihren Text immer wieder darum geht, wie eine ganze Generation junger Menschen für den schnellen Profit verheizt wird.
    Ein Motiv, das auch in Brand New Ancients immer wieder eine Rolle spielt. Tempest stellt ihr Langgedicht, das als Soundperformance-Text konzipiert wurde, nicht nur formal in die Traditionslinie antiker Versepen, sondern knüpft inhaltliche Verbindungslinien zwischen den Göttern der alten Mythen und ihren Helden von heute. Begründet wird diese Herangehensweise gleich mit den ersten Versen.

In the old days
the myths were the stories we used to explain
          ourselves.
But how can we explain the way we hate
          ourselves,
the things we've made ourselves into,
the way we break ourselves in two,
the way we overcomplicate ourselves?

Früher machten wir uns mit Mythen verständlich.
Heute fehlen uns die Worte für den unendlichen
         Hass
auf uns selbst, auf das, was wir selbst aus uns
         machten,
für die krasse Selbstverachtung.
Wir fallen uns selbst zu Last und verstricken
und in uns selbst und ersticken fast daran.

Tempests Bild von der postmodernen Gesellschaft, vor allem von den Lebensläufen in den Großstädten, ist düster. Ihre Figuren stammen meist aus prekären sozialen und ökonomischen Verhältnissen, wie sie in der Art nur ein radikaler Kapitalismus hervorbringen kann. „I saw the best minds of my generation destroyed by payment plans.“, heißt es in ihrem Band Hold Your Own. Das ist mehr als ein effekthaschendes Ginsberg-Zitat und mehr als nur ein einmal geäußerter Seufzer (Sigh, so der Originaltitel des Einzeilers). Es ist eines der zentralen Themen in Kate Tempests Arbeiten, denn sie kennt sich aus mit den Problem der working class ihrer Heimatstadt, mit dem mangelnden Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein einer Klasse oder gar doch einer ganzen Generation, der ihr Text Mut machen soll.

We are still godly;
that's what makes us so monstrous.
But it feels like we've forgotten we're much
         more than the sum of all
the things that belongs to us.

Wir sind immer noch göttlich;
das macht uns so schrecklich.
Nur haben wir scheinbar vergessen, wir sind viel
         mehr als die Summe all dessen,
was uns gehört.

Verse, der stark an Chuck Palahniuks Roman Fight Club erinnnern. „You’re not your job. You’re not how much money you have in the bank. You’re not the car you drive. You’re not the contents of your wallet. You’re not your fucking khakis.“, waren dort die schneidenden, den Konsumenten weckenden Worte des Protagonisten Tyler Durden. Doch wo Durden das Individuum im Kapitalismus als „You’re the all-singing, all-dancing crap of the world“ bezeichnet, spricht Tempest ihren Figuren Mut zu. Jeglicher Zynismus ist ihr fremd. Stattdessen dichtet sie voller Überzeugung „every single person has a purpose in them burning./ Look again, and allow yourself to see them.“ und „You were born for greatness;/ believe it. Know it.“.
    Tommy ist einer dieser talentierten Götter. Ein introvertierter Comiczeichner, der hart für den Durchbruch arbeitete und schließlich schneller aufsteigt, als ihm lieb ist. Er ist das Ergebnis einer Affäre von Jane und Brian. Beide stecken in unglücklichen Ehen und in ihrem Leben fest. Brian hat noch einen anderen Sohn – Clive. Dass die Halbbrüder nichts voneinander wissen, sich folglich in einem Moment, in dem sie fast zu Rivalen werden, nicht erkennen, gehört zum antiken Repertoire, das Tempest ganz selbstverständlich mit den postmodernen Biografien der beiden verbindet. Überhaupt ist das Figurengeflecht in Brand New Ancients sehr klassisch inszeniert, bis hin zu der Sirene, die Tommy eines Nachts fast seine Freundin Gloria vergessen lässt. Allerdings werden diese Anleihen nicht überstrapaziert, sodass das Langgedicht nie von der Gegenwärtigkeit einbüßt, für die es so gefeiert wurde und noch immer wird.
    Dafür sorgen auch zahlreiche Brüche in Form und Rhythmus des Textes, der sich zwar am klassischen Versepos orientiert, jedoch eine unverkennbar eigene Stimme erhält. Tempest  unterläuft und variiert immer wieder ihre Refrains und Hooklines, lässt sie nur recht unregelmäßig wiederkehren, wechselt zwischen eher lyrischen, bisweilen gereimten und erzählenden Passagen und erzeugt damit so etwas wie einen literarischen Breakbeat. Hinzu kommt das authentische Vokabular des heutigen London, in dem für Antikisierungen kein Platz ist.
    Das hat auch die Übersetzerin Johanna Wange berücksichtigt, die mit der Lyrik Kate Tempests sicher keinen leichten Job hat. Merkwürdige Anachronismen wie „Tändelei“ (für crush) oder „foppen“ (für to tease), kamen in ihrer Übertragung von Hold Your Own auffallend oft vor, bilden diesmal aber die absolute Ausnahme. Vielmehr nimmt sie sich die Freiheit, auch deutsche Umgangssprache zu benutzen („don't worry mate“/“mach dir keine Platte“), was der Übersetzung sehr gut bekommt.
    Wenn man diesem beeindruckenden Text etwas vorwerfen kann, dann vielleicht seinen wiederkehrenden, etwas oberflächlichen Appellcharakter. So sind die Götter der Gegenwart laut Tempest zwar „born for greatness“, gemeint ist damit aber nicht die Größe und der Ruhm, den Castingshows versprechen.

… The gods are on their knees before false idols
saying all I ever wanted was to make it to the
         final.

Die Götter rutschen vor falschen Idolen auf den Knien
und sagen, Ich wünsche mir nichts sehnlicher,
         als ins Finale einzuziehen.

Kritik wie diese führt dann zur Erkenntnis „but the main thing is 'great' is a state of mind.“ Man kann verstehen, wem das zu wenig ist, aber Brand New Ancients hält noch wesentlich mehr bereit als das. Auch wenn ihre Texte ihre volle Kraft oft erst im Vortrag der Autorin entfalten, ist ein gewisser Hype um Kate Tempest verständlich. Denn sie ist eine der wenigen Künstlerinnen, die eindringlich und authentisch das Lebensgefühl einer orientierungslosen Generation zwischen PhD und Barjobs, zwischen Party und Ketamin, Depression und Crystal Meth verständlich macht.


Kate Tempest: Brand New Ancients / Brandneue Klassiker. Lyrik. Engl./ dt. Übersetzt von Johanna Wange. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2017. 112 Seiten. 14,00 Euro.

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