Kate Tempest: Brand New Ancients - Signaturen

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Kate Tempest: Brand New Ancients

Rezensionen
 



Timo Brandt


The language of languishing love



Der Songtext von Billy Joels „Summer, Highland falls“ beginnt mit den Worten:

„They say that these are not the best of times
But they're the only times I've ever known
And I believe there is a time for meditation
In cathedrals of our own

Now I have seen that sad surrender in my mother's eyes
I can only stand apart and sympathize
For we are always what our situations hand us
Its either sadness or euphoria”


Ich könnte den Song noch komplett zitieren, denn ich habe das Gefühl, dass es eine starke Verwandtschaft zwischen ihm und Kate Tempests “Brand New Ancients” gibt.

Joels Lied ist vielleicht etwas versöhnlicher, wo Tempest härtere und durchdringendere Saiten aufzieht. Aber beiden Texten ist jenes Bekenntnis aus der letzten Zeile von Joel gemein: „either it’s sadness or euphoria“. And every euphoria turns into sadness oder, schlimmer: into madness. Bei Tempest klingt das so:


 
 

they are trying to tell the truth  
but the truth is hard to say   
the gods are born, they live a while  
and then they pass away.


sie versuchen die Wahrheit zu sagen
aber das ist nicht so leicht
die Götter werden geboren, leben eine Zeit
und sterben dann.


 
 

Nicht nur Götter (im übertragenen Sinn) sind wir, laut Tempest, sondern außerdem “Brandneue Klassiker/Brand New Ancients”: Unsere Geschichten mögen die Wiederholung eines Kreislaufes sein, zu dem schon fast alles, was neu sein könnte, hinzugegeben wurde, aber deswegen hört der Kreislauf nicht auf, alles kehrt unentwegt wieder – „Everything dies baby, that’s a fact./But maybe everything that dies someday comes back” singt Bruce Springsteen in “Atlantic City”. Alles kehrt wieder, mit demselben Schwung wie zuvor, die Zustände haben sich kaum geändert, nur setzen wir unsere Perspektive heute meist bei den Zuständen an und versetzen uns nicht in sie hinein.
    In diesem Zusammenhang ist auch das Wort „Klassiker“ eine eher problematische Übersetzung von „ancient“. Klassiker, das sind ja eher kanonisierte Ewigkeitswahrer, abgeschlossene Vollendungen, während es Tempest ja eher um das Unvollständige, das jede Generation zu schließen versucht, geht, die wiederkehrenden Kreisläufe, wie die Rebellion gegen die Eltern, das Dilemma des Genies, die Fortpflanzung der Gewalt etc.


 
 

Insofern meint ancient eher den Rückgriff auf das Mythische, die Verbindung zu den Zeiten, als man noch nicht am Zweifeln verzweifelte, sondern mit Hoffnung und mit Tatendrang oder auch mit Demut und Fatalität den Dingen begegnete, sie dadurch überstand. Der Mythos erzählt vom Aufbegehren gegen Götter, von unmöglichen Taten, von Zerrissenheit, Aufbruch und neuen Möglichkeiten.

„Aber die Not eines Volkes, das seine Mythen nicht kennt
und meint, es gäbe nur Jetzt und nichts sonst,
ist entsetzlich“


Tempest Buch ist nicht in erster Linie Manifest, nicht nur Pamphlet – wenn auch zu einem solchen Projektil geformt – sie erzählt darin vor allem eine Geschichte, eine (etwas bemüht) exemplarische, könnte man sagen. Es ist die Geschichte einiger Menschen, die sich kurz aneinander halten, um dann wieder zu entgleiten, die eine Weile etwas zusammenhält, die aber größtenteils voneinander abfallen. Familienkonstellationen zunächst, dann, in der nächsten Generation, Liebes- und Freundschaftskonstellationen.
    Das Ganze gleicht einem großen Gesang über Fehler, Nöte, Verranntes und Verpasstes, über dünne Momente des Glücks und lange Phasen der Genügsamkeit, des Verzehrens, der Auflösung. Wenn ihre Protagonist*innen einmal etwas für sich finden, dann ist dies ebenso schön wie bald auch problematisch. Als der Sohn eines Säufers zum ersten Mal einen Freund findet und der ihm erzählt, dass er Feuerwehrmann werden will, zündet er seinen Mülleimer an und stellt ihn unter die Gardine. Der Freund trägt Verbrennungen davon. Als er deswegen die Bande wieder lösen will, sagt der andere:

“I was trying to help you, get you prepared.
I didn’t mean to hurt you. I didn’t think you’d be so scared.
I weren’t stared, says Terry, and for a moment he just sat there and stared.”


Agonie, Zerrissenheit und Hilflosigkeit dominieren in dem Band, der sich rücksichtlos und fesselnd vor unserem Auge und unserem Ohr abspult. Klang ist mindestens so wichtig wie Inhalt, Wendungen und Bilder strahlen durch die schummrig-düsteren Lebenslagen, brechen die Träume auf und es entweicht ein Schrei, ein Seufzen, ein Funkeln.
  Manchmal greift Tempest zum schnellen Reim (nicht unbedingt zum schnellen Rap-Reim), das wirkt hier und da etwas überspannt, wird dann aber oft von der ungleich gesetzteren deutschen Übertragung abgefedert. Überhaupt muss man der Übersetzerin Johanna Wange ein großes Kompliment machen: sie versteht es sehr souverän die Augenhöhe des Originals zu halten, hier und da nicht so hoch hinaus zu gehen und dafür an anderen Stelle eigene schmal Binnenreime und gelungene Assonanzen unterzubringen, wie z.B. hier:

 
 

Millions of characters,   
each with their own epic narratives  
singing it’s hard to be an angel  
until you’ve been a demon.   
[…]
our colors are muted and greyed  
but our battles staged all the same


Millionen Charaktere,
alle mit ihrer eigenen epischen Erzählung,
sie singen, Engel sein ist schwer,
warst du nicht zuvor ein Dämon.
[…]
unsere Farben sind ergraut und ausgebleicht,
doch unsere Kämpfe sind nach wie vor bühnenreif,

 

Dieses ist eins der wenigen Englisch/Deutsch-Bücher in meinem Leben, bei dem ich oft nicht entscheiden kann, welche Version ich besser finde, in welcher Sprache ich grade lieber lesen will. Wange schafft es, den starken Aspekt des Greifbaren in Tempest Lyrik einzufangen und hervorzuheben.

 
 

he had a smile like a jewel in a sewer

sein Lächeln wie ein Diamant im Abwasserkanal

 

Alle Konflikte: Gewöhnlichkeiten, und dennoch: ohne Zweifel existenzielle Schneisen, in denen man, einmal hineingefallen, oft ein Leben lang bleibt. Die Türen zu der Kathedrale in uns sind meist verschlossen, denn Beten hieße: man muss anfangen an etwas zu glauben, etwas Unsicheres, etwas, das man für wahr erklärt, für wichtig, sich dabei aber selbst mit aufs Spiel setzt. Vor solchen Entscheidungen schreckt man lieber zurück, bleibt an der Oberfläche, die oberflächliche Wünsche und Genugtuungen spiegelt.
    Vorn im Band steht: „Das Gedicht wurde zum laut Lesen geschrieben“. Oder zum laut Singen. Womit ich wieder bei meinem Anfangsverdacht angekommen bin. Genau wie Joels Song-Poem ist auch Tempests Werk ein – wenn auch ungleich ungestümer – ebenso klares Bekenntnis zu den Fallhöhen, die überall zwischen der Welt und unseren Lebensentwürfen und Sehnsüchten liegen, als seien diese unsere Determinationen. Wenn der Kreislauf wieder bei uns ankommt, wird er nicht haltmachen. Und was immer gerade dann wieder hochkommt in dem Lauf wird uns treffen, unerwartet, und uns prägen zu dem, was wir eigentlich sind. Wir sind nicht den Klassikern entsprungen. Wir sehen uns vielleicht mal so, aber es stimmt nicht. Wir sind genauso neu wie es die Alten, die Ancients, waren – in eine Welt geworfen, in der wir einen Punkt suchen, der unsere Sehnsüchte nicht mehr zurückwirft oder bricht. Sonst wären es keine Sehnsüchte.


 
 

Why celebrate this? Why not denigrate this?
I don’t know the names of my neighbours  
but I know the names of the rich and famous.
And the names of their ex-girlfriends  
and their ex-girlfriends’ new boyfriends.


Warum beklatschen wir das? Warum entlarven wir das nicht
Ich weiß die Namen meiner Nachbarn nicht,
aber ich weiß die Namen der Reichen und Schönen.
Und die Namen ihrer Ex-Freundinnen
und die Namen der neuen Freunde der Ex-Freundinnen.


 

Kate Tempest “Brand New Ancients” ist ein schmales Epos, ein Knäul von Lebensgeschichten, die als Beispiele, als Anschauungsmaterial, als Einfühlungswelten dienen. Es ist ein Buch großer Worte, großer Gesten und dennoch immer unweit des Lebendigen anzutreffen. Große Kunst, wie ich finde, ohne Tempest in irgendeiner Form hypen zu wollen. Der Dichterin das letzte Wort:

„conviction is a heavy hand to hold.”



Kate Tempest: Brand New Ancients / Brandneue Klassiker. Lyrik. Engl./ dt. Übersetzt von Johanna Wange. Berlin (Suhrkamp Verlag) 2017. 112 Seiten. 14,00 Euro.

 
 
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