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Karla Reimert: Traumjobs (Auszug)

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Karla Reimert

TRAUMJOBS

(Auszug)



Warteraumtraum


Als du heute morgen die Meditation verschläfst,
geht es darum, einen Traum zu empfangen.
Du drehst dich von der linken auf die rechte Seite,
nickst wieder ein und bist zurück in der Universität.

Offen auf den Knien dieses große Buch über Kinderpsychatrie,
das du letztes Jahr geschrieben hast.
In Wahrheit enthält es nur einen einzigen Fall.

Jemand hat kurzfristig eine neue Prüfung angesetzt.
Du blätterst die letzten drei Kapitel durch, suchst.
Wie kann alles so grau und unleserlich sein,
was du doch selbst geschrieben hast?

Draußen im Korridor fahren vier Lastwagen vorbei.
Eine Assistentin tritt ein und sagt: Glück gehabt.
Die Professoren sind jetzt besser gelaunt.
Schließ das Buch, komm und leg deine Prüfung ab.

In der Tat. Es sind drei Professoren, und alle
tragen lange Roben. Sie glänzen wie Amseln.
Einer sieht vertraut aus, mit weißem Bart.
Der andere ist groß und hat schöne dunkle Augen.

Der dritte, vielleicht eine Frau, bleibt schemenhaft.
Blickt nach rechts, deutet auf eine Tür in der Wand.
Dahinter, das weißt du, liegt etwas Schwarzes,
das dir das Gefühl der Verlorenheit geben wird.

Du öffnest dein Buch und liest die Aufgabe:
Wenn in einem Raum zwei Lampen stehen,
und er ist ganz dunkel, existieren dann zwei
unterscheidbare Quellen jener Dunkelheit?  

Stille. Die Amseln fliegen in Spiralen davon.
Ein weiterer Lastwagen fährt vorbei.
Das Buch fällt von deinen Knien.  
Was, wenn du nicht bestanden hättest?

Deine Prüfung, sagt die Assistentin,
endet hier besser ohne Ergebnis.



November 2014

Herbst. Eine sehr einsame Erfahrung.
Alle schlafen oder diskutieren mit ihren Chefs.  

Du siehst ihre Körper,
hörst, was geredet wird.

Es gab einen Stau, und ich mittendrin.
Die Straße war voll gelber Markierungen.

Schilder, die zum Langsamfahren aufrufen.
Vielleicht bin ich deswegen zu allem zu spät.

Die geduldigen Erklärungen von Therapeuten.
Innenwelten, Blätter, stürzende Angst.

Mal ohne das, was die Diagnose meint.
Mit solchen Prüfungen kennst du dich nun aus.

Kannst dich ins gemachte Bett legen.
Von gesellschaftlichen Problemlagen sprechen.

Eine Existenz auf der Grundlage bauen
von bloßer Existenz. Widerruffrei.

Draußen fließt großer Lärm vorbei.
Plötzlich eine Stille oder Leere.

Wie nach Schüssen. Als drehten sich
alle im Schlaf auf die andere Seite.



Selbst wer ankommt, hat es noch weit

Dein hilfloser Blick. Schon wieder.
Wir können nicht alles lösen.
Für manches haben wir gar keine Zeit.

Sage dir zum Beispiel, wie viel du
von deiner Unfähigkeit zum Loslassen lernst.
Von all dem, was du nicht vermeiden kannst.

Es hört nicht auf.
Ein Mann hat gerade seine Frau verloren.
Du kannst nur bezeugen, was Schockierendes geschieht.

Die tote, hellgrün verwesende Frau des Mannes.
Sie sitzt im Keller am Tisch und stillt das Baby.
Das Fleisch ist ihr bereits vom Körper gefallen.

Du trittst ein, mit der Haltung eines Arztes.
Die Frau nimmt keine Notiz von dir.
Das Kind gibt keinen Laut von sich.

Abend, die abfallende Straße vor dir,
hier und da eine Laterne, am Rand
Brennesseln und Klee.

Zum Abschied hebt die Frau hebt den Kopf:
Selbst ohne zu essen, sagt sie,
kann ich mich um das Baby kümmern.

Du fragst mich schon wieder, warum.
Lass los. Es existiert keine Zukunft im Warum.
Der Tod geht dem Leben als Antwort voraus.



(Karla Reimert aus dem Zyklus Traumjobs, 2017)

 
 
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