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Karin Fellner: eins: zum andern

Rezensionen / Verlage


Jan Kuhlbrodt

Das Wissen der Sprache, des Schafes, oder vom Zauber der Alliteration


Zu Gedichten, oder überhaupt zu Kunstwerken, die einen begeistern, ist schwer etwas zu sagen, zumindest so lange man sich im Zustand des Staunenden befindet. Man kann auf eine gewisse Abkühlung des Gemüts hoffen, aber ich will es dennoch jetzt gleich versuchen.

Karin Fellners neuestes Gedichtbuch, das vor kurzem in der Kölner Parasitenpresse erschienen ist, heißt eins: zum andern. Warum dieser Titel das Buch auf eine grandiose Weise zusammenfasst, wurde mir im Zuge der Lektüre mehr als klar, und der Doppelpunkt ist unausweichlich, weil Fellner eben nicht Topos auf Topos stapelt, sondern einer verborgenen Logik der Sprache folgt, die unserer eingeübten Sachlogik zuweilen den Boden entzieht, weil sie in ihr ihre Irrigkeit zeigt. Wobei: so verborgen ist diese Logik gar nicht, spielt sie sich doch letztlich auf der Oberfläche des Sprachklangs ab.

Sprahahache, ach! Bewegtes Gebilde, ondulierter Wald,
du interaktives Modul, krauswandig, stark geklammert!
 

So beginnt der zweite Zyklus des Bandes, der Tauschhandel heißt und quasi ins Zentrum menschlicher Konstitution weist; und man könnte die beiden Verse quasi als Motto verstehen, aber nicht nur dieses Buches. Denn sie beschreiben darüber hinaus den inneren Widerspruch einer sprachlich verfassten Welt überhaupt, einer Welt also, in der wir uns zu bewegen versuchen, und auf deren vorgeprägte Bedeutungen wir treffen.

Dass die Bedeutungen nicht nur inhaltlich konnotiert sind, sondern darüber hinaus auch sinnlichen und ideologischen Einflüssen unterliegen, ist die Basis nicht nur Fellners Dichtung, aber es wird in dieser auf eine grandiose Weise sichtbar.

Wir treffen hier natürlich nicht auf theoretische Verse, nicht auf sprachwissenschaftliches Kauderwelsch, sondern im klassischen Sinn: auf Gesang. Also in jenem Sinn, nach dem Pound seine Texte Cantos nennt.

Finger ist proteisch, Prothese, hangend an anderem

Und dieses Andere kann eben eine Hand sein, oder ein anderes Wort. Der Fortgang des Textes folgt dieser doppelten Logik aus Sprachklang und Sinn, das heißt, er springt, und der Sprachklang zeigt das, was wir für Wahrheit halten, als fragile Konstruktion.
    Ich muss an Chlebnikow denken:

"Das Wort hat ein Doppelleben. Zum einen wächst es einfach wie eine Pflanze, es zeugt eine Druse ihm benachbarter Klangsteine, und dann lebt das Klangprinzip ein Eigenleben, während der Anteil des Verstandes, Wort genannt, im Schatten steht; oder aber das Wort verdingt sich beim Verstande, der Klang hört auf, >allgroß< und selbstbeherrscherlich zu sein; der Klang wird Name und erfüllt gehorsam die Befehle des Verstandes, dann blüht dieser als das ewige zweite Spiel einer Druse aus sich ähnlichen Steinen."

Regelrecht ausgeflippt bin ich bei der Lektüre des Zyklus der mit Schaf hoch Schaf hoch betitelt ist. Nicht nur dass ich hier auf ein sprechendes Schaf traf, nein es war obendrein noch theoretisch bewandert, kannte sich aus mit Darwins Evolutionstheorie und den Verwerfungen des Anthropozän. Ein sehr gegenwärtiges Schaf also:

Einst krochen wir Wirbeltiere aus dem Wetter, sagt Schaf,
und rissen auseinander in Arten, Unarten, drum
die Nahe Verwandtschaft von Wolle und Wolken.
   
Hier kommt letztlich zu den Genannten noch Morgenstern hinzu, er kräuselt sich im Hintergrund als wollene Wolke.
    Dass Dichtung aus Dichtung im weitesten Sinn erwächst, also von Ovid bis Star Trek (die im Grunde so weit voneinander entfernt nicht sind) wird letztlich klar, wenn man am Ende des Bandes auf das Verzeichnis der von Fellner verwandten Zitate trifft.


Karin Fellner: eins: zum andern. Gedichte. Köln (parasitenpresse) 2019. 68 Seiten. 10,00 Euro.
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